Volk und Scham

Angela Merkel war in Auschwitz. Zu Ende ihrer Ära geht sie diesen Weg, den andere – wie Heiko Maas etwa – an den Anfang ihrer politischen Karriere setzen, ja sogar als Agens bezeichnen: „Ich bin wegen Auschwitz in die Politik gegangen“, tönte der Außenminister.

Merkels Auschwitz-Besuch war dem „Spiegel“ sogar eine Live-Übertragung wert.

Man mag Merkels Verspätung kritisieren – besser spät als nie.

Wichtig ist ihre Rede, nicht, weil sie besonders überdurchschnittlich gewesen wäre – sie sagt im Grund das Gleiche wie Maas, sondern weil auch diese Rede ein paar Denk- und Urteilsprobleme enthält, die man diskutieren sollte.

Die Außergewöhnlichkeit des Ortes wird dabei vorausgesetzt und auch die Notwendigkeit, das dortige Geschehen in Erinnerung zu halten. Man steht entsetzt, fassungslos, erschüttert vor diesen Toren.

Schatten über Auschwitz – Auschwitz als Event – Warten live auf Merkel

Aber schamvoll? Frau Merkel empfindet vor allem „tiefe Scham“. Das sollte man ihr nicht streitig machen, aber man sollte ebenso aufzeigen, worauf eine solche Scham nur basieren kann und welche Aporien sie beinhaltet.

Aus der Kulturanthropologie – etwa von Irenäus Eibl-Eibesfeldt – wissen wir, daß Scham kulturübergreifend existiert. Sie hat ihre Wurzel wohl in der apriorischen Sozialität des Menschen, der sich in allen Kulturen den Blicken, Gedanken oder Gebeten der anderen ausgesetzt fühlt. Wird die angestrebte Zuneigung durch eigene Fehler aufs Spiel gesetzt, kann das Individuum – wenn es den Fehlcharakter seiner Tat durchschaut – mit Scham reagieren.

Fast unbemerkt bleibt der Begriff des „Eigenen“ in dieser Herleitung. Auch Fehler und Verbrechen können zum Eigenen gehören. Als Theodor Heuss sieben Jahre nach Kriegsende in Bergen-Belsen den Begriff der „Kollektivscham“ einführte, da war sein Sinn vollkommen klar. „Wir“, die Deutschen, waren verantwortlich, wir waren die Täter. Heuss sprach für seine Generation und für die ihrer Väter, er sprach für Menschen, die unmittelbar in den Geschichtsprozeß, der auch zum Holocaust führte, verwoben waren. Sein „Wir“ ist verständlich.

Aber auch damals schon war der Begriff – wenn man ihn derart verwandte – zu wenig differenzierend, denn Deutsche töteten nicht nur, sondern wurden auch getötet: Viele Deutsche waren Opfer deutscher Taten, direkt und indirekt[1], darunter auch eine halbe Million deutscher Juden oder jüdischer Deutscher.

Nun sind die meisten tot – die überlebenden Opfer der KZ und auch die Täter. Auch Merkel gehört einer Generation an, die Jahre nach Ende des Grauens geboren wurde. Sie wäre heute – hätte sie Kinder – Mutter, Großmutter und vielleicht sogar schon Urgroßmutter von Generationen, die noch nicht mal über genealogische Tradierungen, über Familienerzählungen, mit dieser Zeit in Verbindung stehen. Wenn diese Generationen sich schuldig fühlen oder Scham empfinden sollen, so muß das begründet werden. Wie weit kann die Kollektivscham tragen? Ist sie vererbbar? Was ist ihr Trägermaterial?

Scham, wie gesagt, bezieht sich immer auf das eigene Fehlverhalten. Was ist an den schrecklichen Taten noch immer „unseres“, unser „Eigenes“? Merkel ist hier eindeutig: „Wir“ – wer ist dieses „Wir“?; es kann nicht das Täter-Wir sein, von dem wir es unterscheiden müssen – dürften nicht verschweigen, daß Deutsche die Täter gewesen seien (Deutsche waren zwar nicht die einzigen – aber klammern wir diese Differenz aus). Mehr noch, Verantwortung und Erinnerung gehörten „untrennbar zu unserem Land“, sie sind „fester Teil unserer nationalen Identität“.

Wenn man aber die Täter als „Deutsche“ identifiziert, dann muß man nachweisen können, daß die Taten im Deutschsein dieser Menschen begründet liegen, das man definieren können muß, man muß mithin eine „deutsche Natur“, ein „deutsches Wesen“ o.ä. annehmen.

Könnte man dies, dann müßte die Möglichkeit der Ausübung einer solch unvorstellbar grausamen Tat in jedem von uns noch immer schlummern, zumindest in allen, die sich als deutsch empfinden und/oder deutsche Vorfahren haben, Angela Merkel inbegriffen oder die Antifa oder Bedford-Strohm und auch ich inklusive usw. Und zwar im Gegensatz zu allen Nicht-Deutschen, denen man diese Fähigkeit zumindest nicht nachweisen kann. Leugnen gilt nicht.

Man muß desweiteren aufzeigen können, daß dieses Deutschsein noch immer als Kontinuum in uns existiert, auch wenn heutzutage mindestens 25% aller in Deutschland lebenden Menschen keine deutschen Vorfahren aufweisen können.

Weiterhin bliebe anzunehmen, daß es so etwas wie ein „deutsches Volk“ und eine „deutsche Nation“ geben muß und auch weiterhin geben wird. Gerade die Kanzlerin spricht dieser Tage lieber von „Bevölkerung“ und arbeitet daran, die deutsche Nation und deren Staatsgebilde in ein gesamteuropäisches Konstrukt aufzulösen.

Damit ergibt sich die Frage, ob die künftigen Europäer noch immer in der Schuld- und Schamkontinuität gesehen werden können oder nicht. Sollte dem nicht so sein, dann wird die Kunst des Nichtvergessens wohl bald verlernt werden, denn man muß sich fragen, weshalb ein junger Europäer, dessen Vorfahren Italiener oder Spanier waren, der dann vielleicht ein allseits verbreitetes Mischenglisch oder Euro-Esperanto spricht, sich die Schandtaten „der Deutschen“ aufhalsen können, warum er sich damit identifizieren soll oder sogar will? Von den neuen Deutschen und Europäern aus Nahost oder Afrika ganz abgesehen, deren nationale Geschichten von der des Hitlerregimes nahezu unberührt blieben.

Kurz: Erinnerungskultur setzt einen sich selbst identischen Träger voraus – wird dieser durch ein Kultur-, Traditions-, Sprachen-, Geschichts-, Gen[2]-, Lebensform- und Nationalitätengemisch … aufgelöst, wird es schwierig, das Erinnern, noch dazu in Schamform, weiter am Leben zu erhalten.

Daher schlage ich eine andere Erinnerungskultur vor. Es gibt zwei mögliche Wege: der in die Abstraktion und der in die Konkretion.

Die Abstraktion würde dieses „Menschheitsverbrechen“ nicht „den Deutschen“, sondern „dem Menschen“ zurechnen. Man käme damit der Einsicht nahe, daß Verbrechen dieses Ausmaßes potentiell – wenn auch verschiedenen Grades – in allen Menschen schlummern würden, seien sie nun Dänen, Russen, Herero oder gar Israelis, Mann, Frau oder etwas anderes, weiß, schwarz oder alles zusammen, Katholiken, Buddhisten oder Atheisten …

Man müßte dann auf die Umstände rekurrieren, die Zusammenhänge und auf die Möglichkeiten. Diese befinden sich jeweils in einem langsamen und langen historischen Marsch, der sich Schritt für Schritt weiterbewegt und von dem niemand weiß, wohin er führt – das kann man erst nach Ende des Marsches beurteilen; auch unser „demokratisches Zeitalter“ trägt noch die Möglichkeit in sich, die Einzigartigkeit des Holocaust zu widerlegen. Der lange Marsch kann – wenn alle schlechten Umstände zusammenspielen – in Hyperkatastrophen wie den Holocaust führen, sofern das historische Subjekt – ein Volk, ein Staat, eine Armee, eine Kirche, eine Institution etc. – auch die Möglichkeiten dazu hat. Die Dänen etwa wären weniger gefährdet zum Mörder von Millionen Menschen zu werden, weil es ihnen selber an Mannesstärke fehlt …

Die Konkretion würde hingegen fragen: Welche Deutschen waren es denn, die den Holocaust organisierten und durchführten? Noch immer recht abstrakt wäre die offensichtlichste Antwort: die nationalsozialistischen Deutschen[3]. Recht besehen dürfte es viel einfacher sein, die exterministische Logik des Holocaust in der inneren Logik und Konsequenz des Nationalsozialismus auszumachen als in einem eher vagen „Wesen der Deutschen“. Auschwitz war dann kein primär „deutsches, von Deutschen betriebenes Vernichtungslager“ (Merkel), sondern ein von deutschen Nazis oder noch konkreter, ein von Nationalsozialisten betriebenes Vernichtungslager auf damaligem „deutschen Boden“.

Man müßte dann freilich noch weiter differenzieren, denn natürlich waren nicht alle Nationalsozialisten unmittelbar Täter – es mag viele gegeben haben, die von den Schreckenstaten gar nichts wußten. Und selbst wenn sie es gewußt haben, welche Möglichkeiten hatten sie denn – wird man sich fragen müssen – dagegen aufzubegehren, ohne selbst Gefahr zu laufen, Opfer der Vernichtungsmaschine zu werden? Hätten sie dieses Risiko auf sich nehmen müssen? Vielleicht – nur, auch das muß begründet werden. Moralfloskeln im Nadelstreifen am Mikrophon vor dutzenden Kameras helfen bei diesen existentiellen Fragen nicht weiter.

Es sei wichtig, die Täter zu benennen, meint Merkel – und tut es dann doch nicht! Die „barbarischen Verbrechen, die hier von Deutschen verübt wurden“, wie sie sagte, sind nicht primär von Deutschen, sondern von Menschen an Menschen (die unter ähnlichen Bedingungen und Möglichkeiten vermutlich auch dazu fähig gewesen wären) oder aber von Nationalsozialisten, oder eben von „Barbaren“ und Verbrechern verübt worden. Schweigen wäre dann tatsächlich keine Option, auch wenn es einem angesichts der historischen Realität die Sprache verschlägt, aber besser noch als Flächenverdächtigungen sind hart erkämpfte und sicher auch schmerzhafte Differenzierungen.

Auch den Opfern wäre damit gedient, wie man annehmen sollte, denn ihre Gefühle – Trauer, Wut, Haß … wer will das beurteilen? – hätten endlich ein bestimmtes Objekt und sie müßten sich nicht mit verschwommenen, sich nun gar auflösenden Begriffen begnügen – und letztlich als objektlose, an Nobjekten[4] ausgerichtete, verschwinden.

In beiden Fällen wären „die Deutschen“ als Deutsche und als Individuen entlastet und könnten endlich wieder freier atmen und ihren Seelenpanzer[5], der nach dem Krieg so viel Unheil gestiftet hat, ablegen um wieder ein normales, vernünftiges, nicht schuld- und angstbeladenes Volk oder von mir aus auch, um gute Europäer zu werden.

[1] z.B. mein Großvater, der als bekennender Kommunist unter Hitler im Zuchthaus gesessen hat. Merkels Großvater hingegen war in den Hitlerjahren Hauptwachtmeister der Schutzpolizei in Berlin.
[2] Auch der Phänotyp enthält eine identifikatorische Komponente – wenn die Vorfahren ein anderes Erscheinungsbild haben, fällt die Identifikation mit deren Taten schwerer, weil das Empfinden der Gemeinsamkeit und der Tradition geschwächt wird. Das ist schon deswegen der Fall, weil die phänotypische Abweichung in der Selbstreflexion fast immer zu einem Gefühl des Andersseins führt – wird dieses von der Mehrheitsgesellschaft problematisiert, wird es zunehmend als „Rassismus“ empfunden. Es handelt sich dabei um ein Mengenproblem. Unterscheiden sich sichtbar ganze Generationen voneinander dürfte Verantwortungsfolge im statistischen Mittel geschwächt werden.
[3] In diesem Sinne ist wohl auch der offizielle Name des Lagers als „Auschwitz-Birkenau – deutsches nationalsozialistisches Konzentrations- und Vernichtungslager (1940-1945)“ zu verstehen, den Merkel zwar erwähnt, aber nicht bedenkt.
[4] Der Begriff geht auf Thomas Macho zurück und meint dort etwas anderes.
[5] Man braucht sich nur die Rede Merkels anzuhören und dem vollkommen verkrampften Ablesen eines Textes, in der Absicht, ja keinen falschen Zungenschlag zu machen – und genau deswegen stellenweise nahezu komisch zu wirken.

8 Gedanken zu “Volk und Scham

  1. Skeptiker schreibt:

    Danke, daß Sie die Rede von Theodor Heuß in Bergen Belsen erwähnen. Zu dem neudeutschen Mythen zählt der Irrglaube, erst von Weizsäcker habe als deutsches Staatsoberhaupt den Gesamtkomplex KZ und Holocaust thematisiert (es gibt auch eine gute Rede von Gustav Heinemann aus dem Jahren 1969 zu dem Thema.) Die Erinnerung an die KZs war und ist von der jeweiligen Gegenwartslage abhängig. Dass Heuss sich auf Bergen-Belsen bezog, hat vor allem damit zu tun, dass dieses KZ bereits im März 1945 von den Engländern befreit und die dortigen Greuel als erste bekannt wurden. Auschwitz trat erst mit dem Frankfurter Prozess ins allgemeine Bewusstsein. Buchenwald stand immer unter der kommunistischen Geschichtsdeutung: an erster Stelle kommunistische Opfer – Juden wurden eher am Rande erwähnt. Warum sollte die Funktionalisierung des Geschehens heute anders sein? In die Tiefen der Gefühlswelt blickt man nur selbst – wenn einer Betroffenheit, Scham oder Trauer kundtut, so muss man es ihm fairerweise abnehmen. Allerdings sollte ein gehöriges Maß an Skepsis vorhanden sein, wenn Gestalten der politischen Klasse sich der Pietät bedienen – da dürfte das geschickte Taktieren mit moralischen Restbeständen im Mittelpunkt stehen. Über Herrn Maas` „Ausschwitz als Ausgang politischer Sozialisation“ ist schon gehandelt worden, für Frau Merkel dürfte das in noch stärkerem Maße zutreffen. Zukünftige Historiker werden sich schwer tun, ein Psychogramm dieser Frau zu zeichnen. Ein Merkmal ihrer erfolgreichen Karriere war der taktische Einsatz moralischer Phrasen zum Machterhalt. Die Rede in Auschwitz – miserabel in Wortwahl, Grammatik und Artikulation ist nur ein weiteres Beispiel ihrer unverbindlich verschwiemelten Rhetorik. Erstaunlicherweise war die Rede von Heuß politischer. Mit dem Vorbild der pseudotheologischen Weizsäcker Rede ist das Vage und Unverbindliche Tradition geworden. Da trieft Gesinnung und der Verstand steht still. Wie sagte doch Hannah Arendt schon in den 50er Jahren: die Vergangenheit kann man nicht bewältigen, aber man muss ohne Einschränkung den Mut haben, zu sagen was war. Nach diesem Kriterium dürften sich derartige Politikerreden als Wortgeklingel im luftleeren Raum erweisen.

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  2. Das Gefühl der „Scham“ ist mir hinsichtlich der Taten der Nationalsozialisten in der Tat fremd; ich habe diese Verbrechen ja nicht begangen, warum sollte ich mich dafür schämen? Sie haben die Aporien da sehr schön beschrieben, dem ist kaum etwas hinzuzufügen. Es ist die aalglatte Wendigkeit der Schämenden, die anwidert: Für den nationalsozialistischen Judenmord soll der Deutsche sich bitte kräftig schämen; dasselbe „Substrat“, das diese Scham empfinden soll, wird aber bei nächster sich bietender Gelegenheit dann als („jenseits der Sprache“) nicht vorhanden oder aber als Träger und Erbe womöglich auch positiver Eigen- wie Errungenschaften nicht anerkannt.
    Es liegt auf der Hand, daß das Gedenken an den Holocaust heute und hierzulande zu wenig mehr dient, als eine verkorkste Politik gegen Kritik zu imprägnieren und das Volk moralisch in Schach zu halten; eine Politik, die nicht weiter denken kann als bis zur nächsten Straßenecke, soll durch „Migrationspakt“, Auschwitzbesuche u. ä. zu einer „Konzeption“, zu einem „großen Ganzen“, aufgebaut auf moralische Prinzipien, aufgeblasen werden. Ich halte es für bezeichnend, daß Frau Merkel diesen Besuch erst jetzt, am Ende ihrer schädlichen Laufbahn abstattet, weil es nun gilt, an einem Bild, einem „Vermächtnis“ zu arbeiten. Früher war so ein Besuch wohl nicht so wichtig. Insofern buchen wir das doch besser unter „politische Folklore“. (Erstaunen tut mich ja immer, das nur am Rande, diese brave, soll man sagen: leidensfähige Reverenz offiziöser jüdischer Zeitgenössen, deren Leben durch die Politik von Frau Merkel ja nicht unbeding einfacher geworden ist.)

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  3. Pérégrinateur schreibt:

    Mich hat die Rede an Jean Pauls „Reise des Feldpredigers Attila Schmelzle nach Flätz“ erinnert. Der tapfere Attila fürchtet sich davor, dass man im von ihm verlassenen Heim in seiner Abwesenheit ein wassergefülltes Glas stehen lassen könnte, was dann als Brennglas wirken könnte; dass die Metallmünzen in den Geldbeuteln der Mitreisenden in der Kutsche den Blitz anziehen könnten; dass er, in der sonntäglichen Predigt des Stadtpfarrers aus einem Schlummer aufschreckend, unversehens ein peinliches „Ich bin auch schon da, Herr Pfarrer“ in den Raum rufen könnte; dass vielleicht ein Chemikus einen Stoff zusammenbraut, der den Sauerstoff der gesamten Atmosphäre verzehren lönnte; usw. Aber wir wollen ja heute Gretchen links liegenlassen und von Engelchen sprechen.

    Das Bundeskanzelmädel hatte soviel Einsicht, sich von anderen einen schönen, glatten, weihesamtigen Text aufsetzen zu lassen, in dem ja auch alles vorkam, was man so zu sagen hat, ohne dabei irgend etwas denken zu müssen außer „Es nur jetzt ja nicht am würdigen Ton fehlen lassen!“ Man weiß doch schließlich, wie es Jenninger erging, und der hatte zuvor sicher öfter vor Evangelische Akademien vorgetragen, wo man diesen Jargon erlernt, als das Pfarrerstöchterlein. Glitches sind beim Vortrag jedoch nicht zu vermeiden, wenn die Worte von einem Mund gesprochen werden müssen, aus dem bei spontaner Rede immer nur Verbrechen an der deutschen Sprache kommen, so wie bei spontaner Tat immer nur …

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  4. Michael B. schreibt:

    als Antwort auf Lynx:

    > Die Mitglieder mögen wechseln, die Erzähltradition bleibt.

    Der Witz ist nur, dass hier Leute hereinkommen, die ihre ganz eigene Tradition mitbringen. Eine, die

    a) fuer sie unverhandelbar ist
    b) sich keineswegs aufs Erzaehlen beschraenkt

    und damit zusammenhaengend

    c) ueber diesen Personenkreis hinaus als ausnahmslos gueltig erachtet wird, woraus die Rechtfertigung jedes Mittels auch gewaltsamer Durchsetzung abgeleitet wird.

    > Und wieso gibt es gerade in der Schwarzen-Community der USA eine so starke Zugewandtheit zur Verfassung der Weißen

    Solche Aussagen sollte man doch zumindest ansatzweise mit Belegen untersetzen.

    > Man kann ja wohl kaum behaupten, dass die „schwarzen Gene“ mit der Zeit besonders verwässert worden seien, dafür haben die Weißen schon gesorgt.

    Da habe ich in den USA ganz andere Eindruecke gewonnen, das besorgen die Schwarzen durchaus selbst, wenn es darauf ankommt. Wie uebrigens – zusammenhaengend mit dem vorherigen Punkt – u.U. auch noch viele andere Versuche an Selbstbestimmung, die von der ‚community‘ nicht akzeptiert werden. Da koennen schon simple Dinge wie der Wunsch nach Aufnahme eines Studiums zum Liebesentzug fuehren.
    Aber das sind anekdotische Erfahrungen, die ich nicht in einer Form verallgemeinern moechte wie Sie es selbst tun. Sie genuegen allerdings, solche unbelegten und zu allem Ueberdruss noch sofort generalisierten ad-hoc Behauptungen mit Skepsis zu betrachten.

    > Es gibt doch in dieser Welt kaum eine Nation, die es erhobener trägt

    Eine klare Fehleinschaetzung ausser im Heineschen Sinn des verschluckten Stockes verstanden. Nur sieht der heute auesserlich ganz anders aus als der eines preussischen Zuchtmeisters aus dem 19-ten Jahrhundert. Das erkennen viele Leute nicht (und wollen es wohl auch nicht). Denn die gesamte Komposition aus Ueberheblichkeit und Kriecherei bleibt als eine Invariante stehen, die man an sich ungern wahrnehmen moechte.

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  5. lynx schreibt:

    Mir ist jetzt nicht ganz klar, ob Sie einen blinden Fleck haben oder ob Sie ihn bewusst kreieren? Mir wurde hier schon hin und wieder eine unzulässig biologistische Sichtweise unterstellt, doch wie man in solchen Fragen biologistisch argumentieren kann, ist mir völlig unklar. Sie tun so, als ob die Erinnerung einer Gesellschaft, meinetwegen auch Nation, in den Genen läge. Wenn sie sich nicht fortpflanzt, geht sie verloren. Wenn sich ihre Mitglieder mit aus anderen Gesellschaften Zuwandernden vermischen, geht sie verloren. Dünnt sich gewissermaßen aus, wie sich die Spuren gewisser Gene verlieren mögen. Schrumpft zusammen, für manche auch zum Vogelschiss.

    Das Gegenteil ist doch der Fall, jedenfalls solange sich eine Gesellschaft als Kulturraum versteht. Als bekennender Strukturalist bin ich der festen Überzeugung, dass sich eine Gesellschaft und ihre Orientierung über ihre Erzählungen und Mythen definiert, dort liegt der Kern des Zusammenhalts. Die Mitglieder mögen wechseln, die Erzähltradition bleibt. So hat sich das Christentum durch die Jahrhunderte gehangelt. Selbst die antike griechische Kultur hat ihre Wirkweise so in die Gegenwart verlängert. Und wieso gibt es gerade in der Schwarzen-Community der USA eine so starke Zugewandtheit zur Verfassung der Weißen, wo doch das genetische Erbe aus einer ganz anderen Kultur stammt? Man kann ja wohl kaum behaupten, dass die „schwarzen Gene“ mit der Zeit besonders verwässert worden seien, dafür haben die Weißen schon gesorgt.

    Wieso sollte in Merkels imaginierter Familie bei den Urenkeln eine Erinnerung und „Scham“ verloren gehen? Doch nur dann, wenn der Erzählstrang reißt. (Das in diesem Zusammenhang interessante Faktum, dass „Jude sein“ sich mütterlicherseits vererbt, könnte man, kulturevolutionär gesondert vertiefen).

    (Biologische Randbemerkung: die genetische Differenz zwischen Menschen verschiedener Herkunft ist denkbar gering und hat auf das „Menschsein“ keinerlei Einfluss. Menschsein ist vor allem Kulturleistung, und hier vor allem: Erzähltradition – weshalb Handke sich eben auf Homer bezieht)

    Dass der Erzählstrang reißen soll oder womöglich aktiv gekappt wird, daran wird offenbar von verschiedenen (auch konträr orientierten) Seiten gearbeitet. Wofür soll das gut sein? Das wir „endlich“ wieder unser Haupt erheben können? Es gibt doch in dieser Welt kaum eine Nation, die es erhobener trägt, manchmal denkt man sich eher, etwas mehr Demut täte not. „Schuld- und angstbeladenes Volk“, „Seelenpanzer“ – Das Sie ja in Ungarn leben, kann ich Sie nicht fragen: in welchem Land leben Sie eigentlich?

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    • Wo wird hier biologistisch argumentiert? Wo behaupte ich, daß die gesellschaftliche Erinnerung in den Genen läge? In Genen liegt genetische Erinnerung, mehr nicht.

      Ich denke, es wird aus den Zeilen deutlich, daß Erinnerung sich über Erzählungen und auch Mythen fortpflanzt. Das „Gen-“ in der Aufzählung kann man auch ausklammern – es würde an der Argumentation nichts ändern, es ist nur einer von zahlreichen angenommenen Faktoren. Es bezog sich ausdrücklich auf die phänotypische Wahrnehmung des anderen, die sich im Laufe längerer Geschichtsperioden natürlich angleichen kann, meist aber nicht ohne gewisse „Friktionen“.

      So war das auch in Amerika. Wobei der Vergleich natürlich hinkt, weil die Gründer- und Werteerzählung Amerikas, die von Weißen geschaffen worden war, von diesen lange Zeit auch stark hegemonial durchgedrückt wurde – eine solche Situation liegt im Europa des 21. Jahrhunderts nicht mehr vor. Statt Hegemonie herrscht nun Gleichberechtigung aller Erzählungen, also Beliebigkeit. Die Frage war also, ob eine Gesellschaft ihre Erzählungen und Mythen weiterleben kann, wenn sich eine bestimmte Menge an Adressaten schon durch ihre phänotypische Andersheit von den Protagonisten dieser Erzählungen unterscheidet und folglich Identifikationsprobleme bekommt. Vielleicht ist das von mir nur imaginiert – es ist eine Hypothese. Wie viele weiße Voodoo-Meister gibt es?

      Sie vergessen zudem den alles entscheidenden Akzelarationszuwachs in der Moderne, der zunehmend gravierende Lebensweltunterschiede – mittlerweile nicht nur von Generation zu Generation, sondern auch innerhalb der Generationen – schafft und damit die Identifikation zu den Vorfahren ganz prinzipiell in Frage stellt. Der Faden zwischen den heutigen Jugendlichen und der Generation Auschwitz dürfte weitgehend gerissen sein – man versteht sich nicht mehr. Erinnerungsrituale entleeren die Erinnerung oder formatieren sie zu neuen „Mythen“ um. Das gilt freilich für alle Erzählungen und diesem Paradox muß sich konservatives Denken heute stellen.

      Das „Wozu“ spielt nur eine untergeordnete Rolle. Primär würde ich die Frage andersherum stellen: Wozu soll es dienen, junge Menschen bis in alle Ewigkeit mit dieser Last zu beschweren? Es geht dabei nicht um Erinnerung, sondern um Schuld- und Schamvererbung. Ich beschreibe im Text nur den Effekt, nicht das Ziel der vorgeschlagenen Umorientierung

      „Das wir „endlich“ wieder unser Haupt erheben können?“ – das ist eine rhetorische Formel Ihrerseits, die martialisch klingen soll. Was gegen einen aufrechten Gang einzuwenden sein soll, ist mir unverständlich. Das ist das Ziel jeglicher Psychotherapie. Daß, was Sie unter „erhobenem Haupt“ verstehen, also der nahezu arrogante Anspruch deutscher Politik – das sind nicht „Die Deutschen“, aufpassen! – ist exakt Produkt jenes „Seelenpanzers“.

      Im Übrigen meiden Sie es, auf die Hauptargumente einzugehen, sind stattdessen auf der Suche nach „verdächtigen Gedanken“, wenn ich das so nennen darf. Lassen Sie sich bitte auf die Botschaft ein und kritisieren Sie diese, wenn Sie sie nicht akzeptieren können. Mag durchaus sein, daß ich einen blinden Fleck habe – erklären Sie ihn mir!

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    • tommy schreibt:

      „Die Mitglieder mögen wechseln, die Erzähltradition bleibt.“

      Das Gefühl von Scham über die nationalsozialistischen Verbrechen ist m.E. eindeutig an die Verwandtschaft mit damaligen Deutschen (besonders solchen, die dem NS-Regime nicht dezidiert ablehnend gegenüberstanden) und an eine ethnische deutsche Identität geknüpft. Das sind schlichtweg die Voraussetzungen, um sich überhaupt selbst als potentiellen Täter oder zumindest Mitläufer in einem nationalsozialistischen System sehen zu können und sich die Frage zu stellen, wie man sich selbst damals verhalten hätte.
      Die Sichtweise auf den NS ist bei Migranten, natürlich erst recht solchen, die nicht den rassischen Vorstellungen der Nationalsozialisten entsprechen, zwangsläufig eine andere. Es wäre recht absurd, von einem Türkisch-Deutschen persönliche Scham über vergangene Verbrechen zu erwarten, zu denen kein eigener familiärer Bezug besteht, zumal die meisten Türken ja eher nicht den NS-Idealvorstellungen von einem „nordischen“ Phänotyp entsprechen (nebenbei: Scham über die Massenmorde in der eigenen National- und vielleicht auch Familiengeschichte ist ja bei Türken auch nicht gerade verbreitet). Ein naheliegenderes Muster für viele Migranten und Migrationshintergründler ist da eher die Identifikation mit den Opfern und eine Selbststilisierung als „neue Juden“, oft verbunden mit Ressentiments gegen die „biodeutsche“ (Noch-)Mehrheitsgesellschaft.

      „Es gibt doch in dieser Welt kaum eine Nation, die es erhobener trägt“

      Kann ich so nicht sehen, bei aller deutschen Besserwisserei, m.E. ist Deutschland im Kern ein durch und durch besiegtes Land. Noch nicht einmal primär wegen der moralischen Selbstentwertung durch die nationalsozialistischen Massenmorde (Massenverbrechen gab es in anderen Gesellschaften auch, und viele sind damit „davongekommen“), sondern wegen der totalen Niederlage 1945 und dem folgenden Ausgeliefertsein gegenüber den Siegern, was besonders im Verhältnis zu den USA bis heute fortwirkt. Aber das ist anscheinend für die meisten Deutschen so selbstverständlich, dass eine Diskussion darüber sinnlos ist.

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      • tommy schreibt:

        „Ein naheliegenderes Muster für viele Migranten und Migrationshintergründler ist da eher die Identifikation mit den Opfern und eine Selbststilisierung als „neue Juden““

        Das wird im Übrigen teils auch durchaus von „offizieller“ Seite nahegelegt, ich kann mich z.B. gut an eine Aussage Uwe Karsten Heyes (engagiert in „Gesicht zeigen“ iirc) vor einigen Jahren erinnern, der sagte, er könne natürlich von Jugendlichen mit türkischem Migrationshintergrund keine Gefühle wie Scham oder Schuld bzgl. der NS-Verbrechen erwarten. Sein Ansatz sei deshalb eher, die Jugendlichen zu ermutigen, Parallelen zwischen dem Leid der NS-Opfer und eigenen Erfahrungen von Diskriminierung und Ausgrenzung zu ziehen.

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