Prometheus des Sex

Auch nachdem Otto Mainzers Opus Magnum „Prometheus“ 1993 bei Rowohlt als Paperback erschien und nun endlich auf die verdiente Verbreitung hoffen konnte, scheint es noch immer nicht entdeckt worden zu sein, führt es noch immer ein ungerechtes Nischendasein. Das kann auch an seiner Brisanz liegen, die den Leser ganz unmittelbar anspricht, die aber vor allem nach gesellschaftlicher Veränderung schreit.

Und damit erklärt sich die Unzeitgemäßheit des Romans, der mit erzählerischer Verve und aufklärerischem Furor daherkommt und dem man vielleicht nur eines vorwerfen kann: zu viel zu wollen.

Denn in diesem literarischen Monument gegen die „sexuelle Zwangswirtschaft“ – noch immer hochaktuell, wenn auch mitunter unter umgekehrten Vorzeichen – wird alles mitgeliefert: Modernekritik und Historie (Entstehung des NS), Psychoanalyse und Literaturtheorie, Persiflage der Exilliteratur und des Kulturbetriebes, Feminismus und Feminismuskritik, Mythos und Dekadenz – und über allem die sexuelle Emanzipation.

Letztere muß sich vor allem durch das starke Geschlecht, die Frauen, realisieren, auch wenn der intellektuelle Befreiungsgigolo Helmut Brand, die Hauptfigur, als männlicher und ebenso geistig potenter wie erotisch einfühlsamer Messias auftritt. Seine Fundamentalkritik, die oft an Reichs „Massenpsychologie des Faschismus“ erinnert, versucht er in einem literarischen Opus auf Papier und in einer Phänomenologie der Weiblichkeit in die Körper seiner Frauen zu schreiben.

In beiden Fällen scheint er scheitern zu müssen: „Es ist zu spät, die Weiche herumzuwerfen“, kapituliert er vor der faschistischen Megamaschine und die vorübergehend bekehrten Evastöchter retten sich doch in Ehen, Schwangerschaften und Konventionen, und dennoch bleibt dieses grandiose, wunderbar (wenn auch mitunter zu pathetisch) geschriebene und ausgeklügelt komponierte Dokument eines vielleicht aussichtslosen, aber doch notwendigen Ringens. Dieser sinnlich-intellektuelle Programmroman sollte seit Jahrzehnten schon zum Literaturkanon zählen. Er hat die Kraft Massen zu begeistern!

Otto Mainzer: Prometheus. Stroemfeld Verlag. Frankfurt/M. 1988. 704 Seiten

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Prometheus unplugged

Wer Otto Mainzers vergessenes Jahrhundertbuch „Prometheus“ verdaut hat, wird die Frage nach der Person stellen.

Wer war dieser Mensch, der so Aufsehen erregende Gedanken über Sexualität und Gesellschaft in vollkommener künstlerischer Form mitzuteilen hatte? Wie war er? Und hält er dem Bild des prometheischen Brand, seiner Hauptfigur, stand? Das sind wohl die Fragen, die den Leser von „Zurück nach vorn“ vorab bewegen. Seine Lebensgefährtin von 50 Jahren macht in diesen sehr persönlichen Erinnerungen den hohen autobiographischen Anteil am Schlüsselroman deutlich. Ja, so gesehen entsprach Mainzer in vielerlei Beziehung seinem außerordentlichen Brand. Es tun sich aber auch überraschende Differenzen zwischen Theorie und Praxis auf.

Ich hätte mir jedoch wesentlich mehr Mitteilung über Otto Mainzer erhofft. Man muß 150 Seiten lang warten, bis er überhaupt die Bühne betritt. Bis dahin wird ein Schicksal einer jüdischen Familie in Berlin während der NS-Zeit geschildert, von den glücklichen 20ern bis hin zu den Vernichtungslagern, eine ergreifende und für sich notwendig zu erzählende Geschichte, ohne Zweifel, aber eben doch am Thema dieses Titels vorbei.

Erschütternd dann, dieses exemplarische exilliterarische Schicksal zu sehen, vor allem den fünf Jahrzehnte währenden Kampf gegen die widrigen Umstände, später das literarische Establishment, um nichts weniger als ein Meisterwerk gedruckt zu bekommen. Was hätte Mainzer nicht alles leisten können, wäre ihm die Last des Prometheus frühzeitig abgenommen worden. So verausgabt sich ein Hochbegabter und Tiefdenkender, ein Robert Musil des Eros, ein Mann, der nicht nur im Selbstverständnis die moderne Welt hätte erschüttern können, in sinnlosen bürokratischen Grabenkämpfen. Sein intellektuelles Los ist vielleicht mit dem Silvio Gesells zu vergleichen, einer nie wiederkommenden Menschheitschance.

Nun landete Ende der 80er Jahre, dreißig, fünfzig Jahre zu spät, der Roman in einer Zeit an, in der es keine Klassiker, keine Autoritäten, keine Genies mehr gibt, im Zeitalter der Beliebigkeit und des literarischen Kommerzes (unter dem Brand schon im Exil unsäglich litt), wurde für einen kurzen Moment mit der literarischen Flut ans Ufer gespült, um mit der Ebbe bald wieder ins gesellschaftliche Unbewußte zu versinken; eine Sternschnuppe blieb, was ein Fixstern hätte sein müssen, was unbedingt in den deutschen, wenn nicht weltliterarischen Kanon gehörte.

Ilse Wunsch-Mainzer gelingt es durchaus, den Verlust handgreiflich zu machen, aber auch den persönlichen Verlust, einen wahren Meister nicht erkannt zu haben. Sie tut das leider in einer assoziativen Sprache, die dem Gegenstand ihrer Bewunderung nicht immer gerecht wird und es dem Leser mitunter erschwert, folgen zu können.

Ilse Wunsch-Mainzer: Zurück nach vorn. Mein Leben mit Prometheus. Stroemfeld Verlag. Frankfurt 1998. 368 Seiten

Ein Gedanke zu “Prometheus des Sex

  1. lynx schreibt:

    Interessant, noch nie gehört. Dass er als Börsenmakler offenbar recht erfolgreich war, zeigt, dass er wusste, wo und wie der Hase wirklich läuft.

    Liken

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