Was ich nicht verstehe

Zu meinem großen Erstaunen wiederholte sich in Berlin eine Geschichte aus dem letzten Jahr. Kaum am Brandenburger Tor angekommen, fiel mir eine Gruppe sehr junger Menschen auf, teilweise noch pubertär, die sich unter einem Hauseingang an der seitlich gelegenen Ebert-Straße trafen und rege diskutierten. Physiognomie und Teint vereinten sie und machten sie zu einer Ethnie und Kultur zugehörig identifizierbar. Sie hielten Zettel und Stift in der Hand, schwärmten dann aus.

Auf dem Vordruck wurde für eine Wohlfahrtsorganisation geworben, die Taubstummen – als bedauernswerten Menschen – zu helfen vorgab. In Zweiertrupps gingen sie umher und sprachen gezielt Touristen an. Falsch: Sie sprachen die Gäste der Stadt nicht an, sondern sie hielten ihnen einfach das Blatt vors Gesicht, darauf stand in zwei Sprachen, mit unsäglichen Fehlern versehen, das Anliegen: Deutsch, Englisch – Romani fehlte. Sie falteten die Hände vor dem Gesicht und bedankten sich schweigend mit Kußhänden bei den solidarischen Menschen, die ihre Unterschrift nicht verwehren wollten.

Die Leute reagierten meist unsicher, aber sie wurden emotional überrumpelt. Arme taubstumme Kinder standen vor ihnen und baten um eine Unterschrift. Wer sagt da nein? Als die Touristen weitergehen wollten, stellten sich die Bedürftigen ihnen in den Weg und baten mit bettelnder Geste um einen Obolus. Einige der Fremden weigerten sich nun, aber häufiger sah man sie das Portemonnaie zücken.

Hier schritt ich ein, trat zu der Gruppe hinzu und sagte: „I don‘t recommend  doing this. It is a con trick“. Nun waren sie vollkommen verunsichert: Wer war jetzt der Böse? Also erklärte ich es in zwei, drei Sätzen. Sie wollten mir nicht glauben, aber die jungen Leute hatten bereits begriffen, gingen weiter und begannen, mich in ihrer Heimatsprache zu beschimpfen. „You see? You hear?“, sagte ich lächelnd und bekam ein erleichtertes „Thank you“ zurück. Verunsichert, sich permanent über die Schulter schauend, Kopf schüttelnd, gingen sie weiter. Dieser Eindruck von Berlin wird bleiben.

Das machte ich zwei Mal, danach versammelten sich die circa 15 Jugendlichen und begleiteten mich mit bösen Blicken. Ich ging weiter, schließlich kann ein Einzelner nicht alle leichtgläubigen Touris der Welt vor Betrug bewahren.

Was ich nicht verstehe: Vor einem Jahr bin ich fast selbst auf diesen Trick hereingefallen. Damals standen immerhin noch Informationstafeln der Polizei herum – wenn auch schwer sichtbar –, die exakt davor warnten. Ein Jahr später davon keine Spur. Zwar fuhren in der Viertelstunde gleich mehrmals Polizeiwagen vorbei, die schienen aber eher an einem Empfang im Adlon Hotel interessiert zu sein und beschäftigte die Gruppe in keinster Weise. Ein Polizeiwagen wurde von ihnen nicht beachtet – das sagt einiges über die Lage.

Am vielleicht berühmtesten Flecken Berlins, den mutmaßlich kaum einer der hunderttausenden Touristen aus aller Welt nicht irgendwann besichtigt, wird es über einen Zeitraum von über einem Jahr zugelassen, daß organisierte Kriminelle die Gäste der Stadt systematisch bestehlen und betrügen können. Dabei wäre es – wie mein kleines Experiment gezeigt hat – ein Kinderleichtes, dem Spielchen einen Riegel vorzuschieben. Es bräuchte eine Handvoll Zivilfahnder, die wären eine halbe Stunde dort beschäftigt und man hätte die ganze Mannschaft dingfest machen können, entsprechend sanktionieren und bei Wiederholung das Ganze einen Zahn schärfer … und schon wäre Berlin an seinem Prestigeplatz die Plage los.

Wenn eine Stadt wie Berlin diese Kraft nicht aufbringen kann, dann muß man Methode dahinter vermuten.

 

Ergänzung 6.12., gerade entdeckt: Märchen ade, Dealer juchhe

5 Gedanken zu “Was ich nicht verstehe

  1. Richard von Reich schreibt:

    Freispruch dem Haß!

    In der Stunde höchster Not schlägt ein Hammer auf die gepeinigte Seele.
    Es ist ein Hammer, der seinen Amboß finden will. Und dieser Hammer heißt Haß.

    Haß, so lehrte man uns, sei die Niederste aller Gefühlsregungen – blind und starr.
    Das ist nicht richtig.

    Niedertracht und Haß sind nicht einerlei. Entspringt die Niedertracht, der böse Wille tatsächlich der persönlichen Schwäche, dämonischem Gemüt, eigener Eitelkeit und Begierden – gar dem Neid, ist der Haß dagegen der wilde Weckruf der Vernunft!

    Das ist eine Stimme, nicht nur nicht unerhört bleiben sollte, sondern nie lange unerhört bleiben kann.
    Grundsätzlich steckt im Haß der unbedingte Wille, die „rechtmäßige“ Ordnung wiederherzustellen.

    Der Haß ist der unmittelbare und stärkste Schrei der Vernunft.

    Nicht derer Feind.

    Der Haß ist ein Flehen auf Wiedergutmachung; ein herbei geschriehener Wille nach tiefer göttlicher Ordnung.

    Der brennende Haß ist keine Niedertracht, nichts Verwerfliches, es ist der Rückstoß der Liebe – ebenso stark.

    Es ist der Urruf um Gerechtigkeit – um Wiedergutmachung, der Einspruch der Schwachen; nicht die Justiz der Täter.

    Haß ist der letzte Weckruf an die göttliche, tiefe Liebe!

    Wut und seine Steigerung Zorn sind mittelbar und verhandelbar, affektierter emotionaler Ballast, beheimatet in der eigenen Tiefsee der Gefühle.

    Haß ist unmittelbar, gar flehend, um das Ende von erlittenem Leid; der Wunsch und die Bereitschaft zu Widergutmachung und Ausgleich.

    Haß ist kein degenerierter Affekt, sondern purer, wahrer Wille um vollendende Gerechtigkeit.

    Keim ist stets die Liebe – der Wille um Vernichtung, nur die Brücke zum Ziel.

    Erfüllung und wirkliche Vollendung im Streben, ist nicht das totale Böse, sondern die Sehnsucht nach der ultimativen Erlösung davon.

    Wer den Haß verbieten will, will Nächstenliebe, Identifikation und Nächstenliebe ausmerzen und jeglicher göttlichen Saat das Substrat entziehen.

    Das propagandistische Unwesen, „Hatespeech“ zu bestrafen, ist nur der (letzte) üble Wille, einen unausweichlichen Coitus Interruptus der Wahrheit zu prolongieren.

    In Liebe dumpf, aber abgrundtief hassend,

    Richard von Reich

    Liken

  2. Pérégrinateur schreibt:

    Gegen solches Mitleidsmürbemachen hilft nur Misstrauen, aber das fehlt anscheinend oft.

    Ein Freund von mir, dem es einst geschäftlich dreckig ging, versuchte sich kurze Zeit als Drücker; es lief aber nicht gut, er hatte nicht den dazu passenden Charakter. Er versuchte damals, nach einem Vertreter-Vorbereitungskurs des ihn beschäftigenden Unternehmen – pardon, er war natürlich selbständig – und mit gestellter passender Ausrüstung klinkenputzend Lexika zu verkaufen. Erstaunlich viele an der Tür Angesprochene ließen ihn in die Wohung ein. Dort zog er dann den Fragebogen einer sacht hinführenden „Meinungsumfrage“ aus der Tasche, eine Batterie von Fragen, die anfangs kein Mensch, der nicht gerade Soziopath ist, mit einem Nein beantworten mag. Als krönender Schluss dann selbstredend die Frage, ob man das Lexikon kaufen wolle. Anscheinend können viele Menschen aus einer Serie vorheriger eigener Jas nur mit Mühen ausbrechen. Immer noch verwundert berichtete er von Besuchen sogar bei Universitätsprofessoren, die ihren so erhaltenen Antworten zufolge „zur Geldanlage“ oder „um ihren Kindern ein Erbe zu hinterlassen“ das Geschäft abschließen wollten. Diese Fälle drückten ihm dann weniger auf der Seele.

    Wo ich aufgewachsen bin, war das Sprichwort „Die Gutwilligkeit ist schon die halbe Liederlichkeit“ geläufig. Es passt heute sehr oft, vor allem igegenüber den Kämpfern wider angebliche Diskriminerung, die realiter oft nur listige Privilegiensucher sind.

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  3. Ich denke, da kommt einiges zusammen: Die prinzipielle Wurschtigkeit gegenüber den kleinen Alltagsproblemen der Großstadt: Was sind schon ein paar abgegaunerte Euro, zumal bei den ohnehin eher verachteten Touristen? Gehört das nicht dazu, um „Weltstadt“ zu sein? Zudem: Wäre das Herausgreifen dieser Gruppe nicht racial profiling, wo nicht gar Antiziganismus? Was erwarten Sie in einer Stadt, die versucht, Drogendealer in die bunte Gemeinschaft aufzunehmen? Abgesehen davon verabschiedet sich die Berliner Politik ohnehin so allmählich vom bürgerlichen und doch ziemlich verstaubten Konzept namens „Eigentum“, Sie wissen, das ist doch mehr oder weniger eine Konstruktion. Das Geld ist ja auch gar nicht weg, sondern nur in einer anderen Tasche. Nehmen Sie dazu die Überforderung einer Polizei, die zerrieben wird zwischen Unterbesetzung und -finanzierung, permanentem politischen Quatsch, mangelndem Rückhalt oder offener Verachtung weiter Teile der in- wie ausländischen Bevölkerung sowie größeren Problemen, und Sie haben Ihre Erklärung. Jeder von denen, die Sie gesehen haben, wird froh gewesen sein, einmal ein wenig seine Ruhe zu haben. Das Wissen darum, daß dieses Völkchen politisch gewollt dann auch gar nicht ausgeschafft wird, sondern nächste Woche an einer anderen Ecke steht, dürfte die Motivation auch eher dämpfen.
    Sehen Sie das Positive: Diese Spenden erfolgen wenigstens freiwillig.

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    • Das hatte ich mich auch bereits gefragt, ob das zivile Einschreiten gegen diese Truppen nun noch unter Zivilcourage – also würdigungsreif – gezählt werden würde oder doch schon Rassismus – also zu verurteilen? Allein die Frage charakterisiert den Zustand unserer öffentlichen Diskussionen.

      Ansonsten fassen Sie das natürlich gut zusammen.

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    • Pérégrinateur schreibt:

      Als Antwort auf Kurt Droffe.
      Am Ende der Entwicklung einer Polizei, der man enger und enger das politisch korrekte Würgehalsband anlegt, hat man dann die Grundkonstellation mancher amerikanischer Mafia-Filme: Die Polizei greift nur noch ein, wenn ein Angehöriger des eigenen „Stammes“ betroffen ist, extralegal und völlig rücksichtslos.

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