Vom Knüppel zur automatischen Fabrik

Jürgen Kuczynskis Werk glaubte ich eigentlich zu kennen aber im Verdi-Buchladen in Berlin fällt mir ein Buch in die Hand, das meiner langjährigen Aufmerksamkeit bisher entgangen war. „Vom Knüppel zur automatischen Fabrik“ wurde im Kinderbuchverlag der DDR herausgegeben und wandte sich 1960, als es zum ersten Male erschien, an die Jugend und vielleicht auch den Arbeiter, der noch nicht am Marxismus-Leninismus geleckt hatte. Nun bringt es ein „Verlag zur Förderung der wissenschaftlichen Weltanschauung“ neu heraus, im Reclam-Format zum unschlagbaren Preis von sechs Euro.

in den Maßen eines Reclam-HeftchensMan sollte meinen, eine solche vulgärmarxistische Schrift hätte heutzutage keine Berechtigung mehr, aber ich werde nachfolgend den Versuch unternehmen, sie zu verteidigen und sogar zu empfehlen.

Diese Geschichte der Menschheit – das ist es im Grunde – auf 200 Seiten ist äußerst informativ und regt gleich in mehrfacher Hinsicht zum Nachdenken an – und das ist das Beste, was ein Jugendbuch überhaupt leisten kann.

Anfangs wird der jugendliche Leser vermutlich fasziniert lesen, denn der „Anteil der Arbeit an der Menschwerdung des Affen“, wie es Friedrich Engels einst beschrieb, fasziniert in der Regel viele junge Menschen. Das Wunder Mensch, das Wunder Gesellschaft. Aufrechter Gang, freie Hand, Werkzeuge, Feuer, erste Arbeitsteilung als Geschlechterteilung, Zähmung der Tiere, Entdeckung des Ackerbaus, erste Tausch- und Geldformen bis hin zur Entstehung von Mehrprodukt, von Gemeineigentum und Privateigentum. Da dürften geschichtsbegeisterte Jungen und Mädchen manches Mal innehalten und träumen und grübeln.

Daß gesellschaftliche Beziehungen, ökonomische und materielle, daß – im marxistischen Jargon – die Produktionsverhältnisse zwischenmenschliche Beziehungen beeinflussen und diktieren und das immer in einem dialektischen Verhältnis, also über immer neue Widersprüche und Konflikte, macht Kuczynski vor allem in dieser frühen Erzählung deutlich. Dieses Basiswissen ist heutzutage oftmals schon verschütt gegangen. Bestimmte Verhaltensweisen sind eben nur in bestimmten Produktionsverhältnissen möglich und entstehen dann auch zwangsläufig. Wer diesen Gedanken faßt, kommt ins Staunen und in die Selbstreflexion.

Auch die Frage der historischen Beschleunigung wird ausdrücklich bedacht, die den aufmerksamen Leser zwangsläufig zur Befragung des eigenen Standpunktes zwingt: wo stehen wir heute? Der alte Stalinist entwirft die Geschichte als eine der Freiheit: je weiter der Geschichtsprozeß voranschreitet, desto freier wurden die Menschen. Das läßt sich tatsächlich recht gut herleiten, zumindest bis zum Kapitalismus, der „letzten Ausbeutergesellschaft“.

Daß wir heute in einer postsozialistischen Welt leben, war für den Autor noch undenkbar. Je weiter wir seiner Geschichte folgen, umso agitatorischer wird er. Aber das ist nun keine große Gefahr mehr für den Leser, denn die Geschichte ist der stärkste Kritiker dieser Geschichte. Zum Schluß wird das Buch leider doch noch nahezu ungenießbar, aber auch das hat seine Vorteile.

Wir sehen einem Gelehrten beim Irrtum zu und so tragisch das ist, so komisch ist es mitunter eben auch. Nicht nur wird die marxistische Lehre in einer sehr basalen Form vorgestellt – so, wie man sie im „real existierenden Sozialismus“, also schon extrem verstümmelt, verstanden hatte –, sondern Kuczynski bedient sich in dieser stark vereinfachten Form auch der inneren Widersprüche dieser Theorie. Wenn man das Büchlein heute liest, dann wirkt es wie eine unfreiwillig komische Selbstdemontage. Kaum vorzustellen, daß ein heutiger Leser noch auf die Propaganda hereinfällt – gut vorstellbar aber, daß er Wesen und Machart der Agitation begreift und dagegen geimpft wird.

So ist das Buch heute, nach dieser oder der Geschichte, auch eine Warnung vor jeglicher Form gesellschaftlichen Utopismus und Fortschrittsgläubigkeit, ein perfektes Training, dem Schwarz-auf-Weiß-Gedruckten immer zu mißtrauen.

PS: Und wer damit fertig ist, dem empfehle ich als Gegengift Yuval Noah Harari: Eine kurze Geschichte der Menschheit

Jürgen Kuczynski: Vom Knüppel zur automatischen Fabrik. München 2004

Siehe auch: Kuczynski kommt

2 Gedanken zu “Vom Knüppel zur automatischen Fabrik

  1. Skeptiker schreibt:

    Die „Tectum-Ausgabe“ dokumentiert eindringlich die Vielfalt eines universalgebildeten Mannes. Seine intensive – durch Georg Lukács wohl mitbedingte – Auseinandersetzung mit Nicolai Hartrmann etwa ist besonders interessant. Harich wäre angesichts solcher Rezeptionstradition wohl ein scharfer Gegner der heute so beliebten fiktionalistischen Interpretationen (natur)wissenschaftlicher Theorien, wie sie den gängigen Gender – und auch ad-libitum-Theoremen zur Klimatologie zu Grunde liegen.

    Seidwalk: Absolut. Und ein Unikum noch dazu. Der hätte das Zeug, zum Popstar zu werden – was er unterlaufen hätte. Auf YT gab es mal ein Interview bei ihm zu Hause. Er saß vor seinem Bücherschrank und mit der der blauen MEW im Zentrum und stauchte den Interviewer zusammen. Er konnte wunderbar Leviten lesen, dabei immer im Stoff stehend. So einer wäre heute eine Sensation.

    Hier das letzte Bsp., das sich noch findet:

    Liken

  2. Skeptiker schreibt:

    Eine alte Erfahrung: es verschwinden Bücher aus dem Bewusstsein, die auch heute noch „gegen den Strich gebürstet“ Einsicht vermitteln können. Sie haben hier das Werk eines zweifellos verdienstvollen Wissenschaftlers rezensiert und folgen der jüngst formulierten Maxime, gerade Literatur des Marxismus nicht polemisch zu verwerfen, sondern nach belastbaren Resultaten hin abzuklopfen. Dies scheint mir hier im Falle Kuczynski stringent zu sein. Kuczynski war wohl in erster Linie Wissenschaftler, um sich durch seinen Spät-Stalinismus selbst ein Bein zu stellen. Im umgekehrten Fall gab es auch Stalinisten, die sich als Wissenschaftler versuchten – sollten Sie z.B. jemals Rugard Otto Gropps vielverbreiteten „Der dialektische Materialismus. Kurzer Abriß“ in den Händen hallen – stellen Sie mehrere Flaschen Tokaier als begleitenden Lektüretrost bereit.
    Ich bin mir allerdings nicht sicher, ob heute der Dogmatismus Jürgen Kuczynskis von allen erkannt wird. Eher habe ich den Eindruck, dass die Neupublikation gerade auf die Generation zielt, die gerne handfeste Literatur zur Empörung zur Kenntnis nimmt, aber nicht über die Gabe verfügt, marxistische Literatur mit dem Instrumentarium dialektischen Denkens zu rezipieren. Für ältere Semester wie mich,ist die Auseinandersetzung auch deshalb wichtig, da sich im Laufe der Jahre und Jahrzehnte bestimmte jugendliche Leseeindrücke verfestigt haben, die „subkutan“ bis heute manch eine Einstellung prägen – Beispiele sind für mich die fatalen Argumentationen über „Repressive Toleranz“ bei Marcuse und das Plädoyer für ein „Kommunismus ohne Wachstum“ von Wolfgang Harich, das in vieler Hinsicht wie ein Vorbote heutiger Phantasien eines Öko-Totalitarismus wirkt.
    P.S. Andere Klassiker der 68er Zeit dürften heute staatspolitisch nicht mehr zulässig sein. Wilhelm Reichs Nachweis des Zusammenhangs von Sexualunterdrückung, Religion und Faschismus ist zwar im Blick auf das Christentum geschehen, ein unvorbereiteter Leser dürfte heute seinen Blick auf eine andere Religion richten. Als Aufforderung bleibt auch hier: lesen und mit Marxisten „Marxisten“ ärgern.

    Seidwalk: Sie haben den Impetus genau erfaßt, dieses holzschnittartige Denken – das ja trotzdem zu haltbaren Erkenntnissen kam – gegen sich selbst zu wenden aber auch seine positiven Ergebnisse zu sichern. Denn es ist wohl tatsächlich so: der „Verlag zur Förderung der wissenschaftlichen Weltanschauung“ nimmt den Text ernst und wörtlich und auf der anderen Seite wird im antimarxistischen Furor alles über Bord geworfen, was dieses Denken geleistet hat. Manche Diskussionen sind so furchtbar zu ertragen, weil sie sich auf einen Erkenntnisstand vor Marx zurückziehen.

    Otto Gropps „Der dialektische Materialismus. Kurzer Abriß“ habe ich tatsächlich zu Hause liegen und wohl vor Jahren auch mal gelesen – damals gab es aber noch keinen Tokajer.

    Harichs „Kommunismus ohne Wachstum“ muß man natürlich historisch einordnen. Das war damals eine Sensation und er mußte schwer dafür leiden. Er war seiner Zeit Jahrzehnte voraus und hätte die heutige Diskussion stark verändert, hätte man ihn damals ernst genommen. Mittlerweile wird vom Tectum Wissenschaftsverlag eine Werkausgabe aus dem Nachlaß herausgegeben, die mich sehr reizt. Ich hätte große Lust, mich dort einzuarbeiten. Harich ist neben Hans Heinz Holz wohl derjenige Marxist – unorthodox in seiner Orthodoxie -, der heute noch zu entdecken ist. Seine Nietzsche-Interpretation ist so spektakulär verkehrt, daß sie schon wieder genial ist. Bahro, der ohne Harich nicht denkbar gewesen wäre, ist – wie an anderer Stelle beschrieben – für mich diese subkutane Dauerquelle (positiv) gewesen.

    Auch Wilhelm Reich darf nicht vergessen werden, sowohl seine Sexualitätsschriften, die viel Wahres enthalten als auch sein späteres Abdriften in die Esoterik. Werde demnächst noch ein Buch eines seiner Schüler empfehlen.

    Ich finde es immer wieder faszinierend, aus wie vielen Rinnsalen sich dieser breite Fluß des konservativen Denkens bildet, welche Binnenvielfalt hier herrscht.

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