Antisemitismus als Klimakiller

Das Grundgesetz gewährt Meinungsfreiheit im Vertrauen auf die Kraft der freien öffentlichen Auseinandersetzung vielmehr grundsätzlich auch den Feinden der Freiheit. Der Parlamentarische Rat bekannte sich hierzu auch gegenüber dem soeben erst überwundenen Nationalsozialismus. (Bundesverfassungsgericht, 2009)

Wir hatten im Fall Posener gesehen, wie es heutzutage funktionieren kann. Es genügt bereits der Verdacht, sogar der unbegründete Verdacht, antisemitisch zu sein oder antisemitische Äußerungen getätigt zu haben oder auch nur in der Lage zu sein, Antisemitisches selbst im stillen Kämmerlein zu denken, um Existenzen zu zerstören; Karriereexistenzen, Politexistenzen, Buchexistenzen oder Persönlichkeitsexistenzen.

Politische Orientierungen schützen vorm Zerstörtwerden nicht. Nun hat es Roger Hallam, den Begründer der radikalökologistischen Bewegung „Extinction Rebellion“ erwischt.

Die Geschichte dieses Blogs zeigt, daß mich mit diesem Manne, mit seinem Gedankengut nur sehr wenig verbindet. Seine Ideologie zu verteidigen, fiele mir nicht im Traume ein. Zu verteidigen ist aber sein Recht, Positionen zu vertreten, ohne danach – zumindest in Deutschland – existentiell bedroht zu werden.

Die Parallelen zum Posener-Baños-Fall sind auffallend. Wieder meldet ein namhafter Journalist beim deutschen Verleger den „Delinquenten“, dann skandalisiert die Presse, und in Nullkommanichts verschwindet dessen Buch, auch wenn es mit der inkriminierten Aussage nichts zu tun hat. Man zittert in den Redaktionsstuben – der Antisemitismusvorwurf wirkt wie ein Zauberstab, der Angst und Schrecken einjagt. Wehe dem, auf den er zeigt. Sich nicht öffentlich zu distanzieren, kommt selbiger Schuld gleich.

4:39 geht die Meldung ein, mit „subtiler“ Drohung – morgens berichten dann die großen Blätter

Umgekehrt führt diese Angst ganz folgerichtig zu einem vollkommen unnatürlichen, verkrampften Umgang mit den historischen Tatsachen der jüdischen Geschichte, dem Antisemitismus aber auch den politischen Entscheidungen Israels. Die Antisemitismuskeule hat dafür gesorgt, daß es einen Diskurs über alle anliegenden Themen gar nicht mehr geben kann, den Holocaust inbegriffen, sie hat das Gesprächsklima komplett vergiftet. Insofern hat Hallam vollkommen recht: „Das Ausmaß dieses Traumas kann lähmen“ und: „Das verhindert, daß man daraus lernt.“

Im Übrigen relativiert er damit – soweit wir seine Worte kennen – den Holocaust, wie man allerorten im Erregungsmodus ausposaunt, gerade nicht, sondern lediglich die Bedeutung, die er für die deutsche Gesellschaft habe, genauer: er kritisiert die selbstauferlegte, identitätsstiftende und scheinbar ewige Belastung oder Unmündigkeit der Deutschen. Weder wird das Ereignis als solches in Frage gestellt, noch die tradierte Geschichtsschreibung – aber im allgemeinen Eifer und Geifer gehen solche feinen Differenzen zunehmend verloren.

Mehr noch: der Gedanke ist innerhalb Hallams Geisteswelt vollkommen stringent, denn er argumentiert vor dem Hintergrund eines viel gigantischeren „Holocausts“, der als sicher angenommenen kommenden Vernichtung der ganzen Menschheit. Im Vergleich dazu wird „unser Holocaust“ eine Kleinigkeit gewesen sein. Da die deutsche Gesellschaft in ihren führenden und öffentlichen Repräsentanten aber auf der Singularität des Ereignisses besteht – auch für die Zukunft -, kann sie gar nicht anders, als auch Vergleiche mit kommenden Massenvernichtungen zu unterbinden, denn damit wäre die Grundfeste unserer bundesdeutschen Gesellschaft unterminiert. Wie jeder Absolutismus verstrickt sich auch dieser in vielfältige  Paradoxa.

Hallams Worte freilich zitiere ich nur unter Vorbehalt, da der Gesamtkontext noch nicht bekannt ist. Die „Zeit“ bietet ihn gegen Bares an, sie macht damit – mit dem Antisemitismus – ein Geschäft. Ihre Herangehensweise wirkt hinterfotzig. Man interviewt einen umstrittenen Mann, entlockt ihm Explosivmaterial – man kann sich die Redakteure vorstellen, wie sie innerlich abfeierten, als der Naive oder Dumme oder Mutige oder Wahnsinnige sich verleiten ließ – und skandalisiert das Ergebnis selbst mit klar pekuniärem, mit Absatzinteresse. Auch daraus kann man eine interessante Lehre ziehen: Meide, wenn du etwas Originäres zu sagen hast, die Hauptmedien als Sprachrohr.

Passend zur ganzen Farce die ritualisierten Distanzierungsübungen. Plötzlich sind alle, die es müssen, wieder betroffen und entsetzt: Heiko Maas, Volker Beck, Armin Laschet, Sawsan Chebli u.ä. Berufsempörer bis hin zur eigenen Bewegung, zum deutschen XR-Ableger selbst. Dieser Vorwurf ist so toxisch, daß auch Freunde die Distanz suchen und scheinbar suchen müssen – auf Gefahr des eigenen Untergangs.

Angst und Hypokrisie und Vorteilsucht und Gehorsamszwang und was weiß ich spielen ineinander. Vielleicht sogar genuine Empörung? Sie sei ihnen gegönnt – aber bitte ohne Forderungen nach Auslöschung, ohne Druckausübung, ohne Mißbrauch des Gewichtes der eigenen Stimme. Und bitte ohne selbstüberhöhenden Moralismus.

Auch ich teile Hallams Äußerung nicht. Es stimmt: Genozide sind keine Seltenheit, aber sie sind auch kein „normales Ereignis“. Es stimmt, daß es numerisch größere Vernichtungsorgien gegeben hat als die der Nationalsozialisten, aber bisher weiß man noch von keiner derart durchorganisierten und technisierten, wie der systematischen Ermordung der europäischen Juden in den Vernichtungslagern. Das, die Methodik, war eine neue und einmalige Art und Weise.

Dafür gibt es unzählige geschichtliche Beweise. Diese Beweise sollten das einzige valide Argument sein, die historische Debatte über den Holocaust und seine vielfältige Bedeutung für Deutschland und die Welt zu führen. Wer die Beweise anzweifelt, muß stärkere Belege anführen, muß sich dem historischen Diskurs stellen.

Dieser kann aber nur ohne Redeverbote geführt werden. Daher müssen wir auch die Äußerungen Hallams ertragen. Er sollte das Recht haben, den Holocaust für „just another fuckery in human history“ zu halten, ohne andere Konsequenzen als sachlichen Widerspruch und eine Diskussion zu fürchten. Am Tatsächlichen des Holocausts kann keine Äußerung etwas ändern. Man kann historische Ereignisse nicht zu Glaubensfragen erklären.

Es gilt, seine Äußerungen zu widerlegen, nicht zu kriminalisieren oder gar zu verbieten. Daß man es tut, bestätigt seine Worte kongenial.

Sein Buch „Common Sense“ kann hier als Datei im englischen Original nachgelesen werden.

Ergänzung 21.11.2019, 17.30 Uhr. Die obligatorische, weil existenzrettende Entschuldigung, die zudem den oben erwähnten Zusammenhang bestätigt: https://www.facebook.com/roger.hallam.7/posts/2715359305251702

 

5 Gedanken zu “Antisemitismus als Klimakiller

  1. Stefanie schreibt:

    Es mag zwar nicht notwendig sein, daß jeder alles hinausposaunt, was ihm so durch den Kopf geht, aber ein Meinungsklima, daß es grundsätzlich fördert sein Herz auf der Zunge zu tragen, hilft sicher auch dabei tiefere Einsichten in die heimlichen Beweggründe mancher Figuren zu gewinnen. Gerade bei diesem Fall finde ich die Aussage, das Genozide ja nun immer mal wieder vorkommen schon sehr bezeichnend: der Name „Extinction Rebellion“ ist ja durchaus ambivalent. Man unterstellt den Klimaaktivisten ja gerne, sie würden die Rolle des Bevölkerungswachstums unterschlagen, aber vielleicht bezieht ja gerade dieser radikale Verein dieses durchaus in seine Handlungsoptionen mit ein. Gerade vor dem Hintergrund der Opferinszenierungen mit Kunstblut etc. Bin ich geneigt in diesen Auslassungen eine Art freudschen Versprecher zu sehen.

    Seidwalk: zur Untermalung, die neuen „river of blood“-Reden:

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    • Stefanie schreibt:

      Es gibt mehrere Wege, die Fundamenalisten in dieser Szene einschlagen könnten:
      1. Die Tarrant-Variante: der Attentäter von Christchurch wird zwar hauptsächlich als rechts wahrgenommen, hatte in seinem Manifest aber auch auf ökologische Themen insbesondere den Einfluss der Überbevölkerung Bezug genommen. Irgendwo stieß ich auch auf die Formulierung, man grenze sich nicht gänzlich gegen rassistische oder sexistische Anhänger ab, um sich breit aufstellen zu können. Eine Chance auf doppelte Sinnstiftung für Nihilisten. Auch der Papst zeigt ja durchaus Sympathie für die Ziele der Aktivisten. – Vielleicht finden ja auch Anhänger anderer Glaubensgemeinschaften einen Bezugspunkt zu XR um sich im Kampf um mediale Aufmerksamkeit ein paar originellere Bekennerschreiben verfassen zu können.
      2. Vielleicht sind auch einige Anhänger im Stile anderer Weltuntergangssekten bereit ihr eigenes Blut für die gute Sache zu vergießen, eventuell auch in Verbindung mit 1.
      3. Die Finanzierung und die plötzliche Publicity kam sicher nicht von alleine. Wer auch immer die Hintermänner dieser Organisation sind, sie könnten sicher auch einige Aktivisten in einflussreiche Positionen bringen. Da die Macht auch immer eine gewisse Eigendynamik hervorbringt, könnten entsprechende Fanatiker in außergewöhnlichen Situationen (Krieg) auch in der Lage sein einen dieser „üblichen “ Genozide loszutreten.
      4. Allerdings glaube ich eher nicht an die Reinszenierung der Lagersysteme des 20. Jhd. (Sowenig wie man einen Krieg führen muss, wenn man auch einen Bürgerkrieg des Feindes inszenieren kann) Es gibt sicher subtilere Methoden um die Sterblichkeit in einer bestimmten Region oder unter einer bestimmten Bevölkerungsgruppe zu erhöhen. – Man denke z.B. an die Hungersnöte, die die Förderung der energetischen Nutzung von Getreide provozierte. Der Junge (?) im ersten Video spricht zum Beispiel davon, daß schon jetzt in südlichen Ländern Menschen aufgrund des Klimawandels umkommen sollen. – Nur daß die tatsächlichen Ursachen ihrer Not eben ganz woanders liegen: z.B. darin daß die öffentliche Daseinsvorsorge in diesen Ländern nicht funktioniert (Trinkwasserversorgung- Abwasserbehandlung, Gesundheitssystem, Wettlauf zwischen Pflug und Storch , fehlende Versorgungswege, etc.) Es ist durchaus abzusehen, daß sich die Lage in manchen Ländern noch verschlechtert- vielleicht auch forciert durch irgendwelche Sanktionen. Man könnte diese Entwicklung dann im Sinne einer sich selbst erfüllenden Prophezeiung sehen. („Seht ihr? Wir haben es euch ja gesagt: Ströme von Blut!“)

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  2. Pérégrinateur schreibt:

    Man darf sich eben den Numinosa nur mit Weihwasserwedel, Weihrauchfass und in den kultischen Gewändern unter Aufsagung der tradierten Formeln nähern. Heuchelei dabei stört übrigens nicht, wohl aber die Abweichung von den rituellen Formen, weil man so die Racheblitze der kleinen Rachegötter der Welt herabbeschwört. Da wird nun wohl nicht einmal mehr reuevolle Zerknirschung helfen.

    Der Teil des Publikums mit stetem Blick auf die Realität könnte aus dem Schauspiel ableiten, dass man zumindest mit losem Mund jeden Unsinn erfolgreich anbringen kann, da doch nur die begleitende Tabuverletzung getadelt wird und so die Falschheit der eigentlichen Aussage klaglos passiert.

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  3. lynx schreibt:

    Ich weiß nicht, ob Sie schon einmal Teil eines Projekts oder einer Projektgruppe waren, die die Aufgabe hatte, etwas zu entwickeln, es zu realisieren und sicher in den Hafen zu bringen, eine Arbeit über Jahre, kontinuierlich. Da denkt man sich mitunter Manches, beißt sich aber oft auf die Zunge und wählt vielleicht einen rhetorischen Umweg, um die Kolleg*innen mitzunehmen, anstatt sie vor den Kopf zu stoßen (obwohl man Letzteres für das Richtigere hält, um sie endlich „wachzurütteln“). Man nennt das Diplomatie, im Alltagsgebrauch auch Anstand.

    Mr. Hallam kann denken was er will, auch über den Holocaust. Wenn er dort spezifische Einsichten hat, die der Entwicklung seines Konzepts dienlich sind, dann kann er das dafür verwenden und dort „verbauen“. Weil er aber doch ein Projekt hat, sollte er nicht gleich jeden „Gedankenblitz“ hinausposaunen. Das ist unklug, zeugt von mangelnder (sozialer) Intelligenz und trägt Züge von geistiger Inkontinenz. Wie das ja überhaupt der Knackpunkt ist bei der sog. Meinungsfreiheit: man muss nicht (unterstrichen) alles sagen, was man denkt, was einem gerade einfällt. Erst recht nicht, wenn man Ziele verfolgt. Es gibt keinen Zwang, sich freimütig und verletzend zu äußern.

    Immerhin hat er bestätigt, was bislang (bei mir) eher Vermutung war. Bei XTR handelt es sich wohl überwiegend um eine Gruppe verspäteter mittelalter Männer, die es jetzt noch einmal allen zeigen wollen, und zwar jetzt sofort – weil sie bislang wenig zustande gebracht haben in ihrem Leben (oder es wenigstens so empfinden). Ein Aufstand alternder Männer. Da tut sich eine ungeahnte Parallele zur Rechten auf: andere Ziele, gleicher Impetus.

    Nur eben: Projektziele erreicht man anders. Dass man ihn überfallartig mundtot machen will, das hätte er wissen müssen. Eine solch dumme Provokation von ihm ist für sein Projekt einfach nur schädlich (für Gaulands Projekt teilweise nicht).

    Greta hat derzeit noch das Vorrecht der Jugend, so rotzend und emotional aufzutreten. Wenn sie es mit 30 immer noch tut, wird es schwieriger für sie werden. Doch bei Hallam ist es, wie gesagt, einfach nur: Inkontinenz. 

    Ergänzung: Gerade lese ich noch, dass die NPD in Hannover einen NDR-Journalisten an den Pranger stellt und ihn „in die Schranken weisen“ will, weil er einen alten SS-Mann interviewt hatte, der nichts bereute und sich keinerlei Schuld bewusst war. Muss man erzählen als Journalist. Muss man aushalten, da gibt es nichts einzuschränken. Der Mann war immerhin dabei.

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    • @ Lynx

      Wo Sie recht haben, haben Sie recht – und wo nicht, nicht. Sie werfen wieder alles durcheinander. Müssen wir ebenso aushalten, wie Ihre Meinung, die ich schätze, wenn Sie tatsächlich eine fundierte vortragen.

      Da Sie nun aber die Werte der Diplomatie und des Anstandes nach Athen tragen: dazu gehört auch, das Forum eines Blogs, der die gepflegte und differenzierte Diskussion anstrebt, nicht zu kapern und auf Ausgewogenheit zu achten, umso mehr, als man diesen Blog als feindlich betrachtet. Sie laufen selbst Gefahr, zur „Gruppe verspäteter mittelalter Männer, die es jetzt noch einmal allen zeigen wollen“, gezählt zu werden.

      Im Übrigen darf man davon ausgehen, daß es sich bei Hallams Äußerungen nicht um einen „Gedankenblitz“ gehandelt hat, sondern daß sie tief in seinem Denken verankert sind – umso wichtiger wäre es, diese Gedanken in aller Ruhe und Ausführlichkeit hören zu können; erst dann sollte man sich auch ein Urteil über XR erlauben. Es ist immer gefährlich, seine individuellen Vermutungen durch singuläre Ereignisse bestätigt zu sehen – muß man zwar auch ertragen, interessiert mich aber nicht.

      Redefreiheit garantiert nicht die Pflicht, alles sagen zu müssen, sondern das Recht, alles sagen zu können – auch Falsches, Dummes oder Verletzendes.

      Lynx: Mit dem „mittelalten Mann“ haben Sie recht, der Gedanke kam mir im Nachhinein auch – Asche auf mein Haupt. Aber da Sie andererseits für diese Kategorie unter den Menschen auch unbedingte Redefreiheit einfordern, egal wie dumm sie daherplappern… ein circulus vitiosus.
      Aber immerhin hätte Hallam darüber nachdenken können, wenn schon so tief verankert, dass er mit seinem Gerede einer weiteren Relativierung der Shoah Vorschub leistet, das kann für nichts gut sein. Oder schwimmt er doch nur wie ein Fettauge auf der Suppe?

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