Das System Relotius

PDF: Das System Relotius
Indem sie die Zugehörigkeit zur Elite zu einer Frage der ideologischen Konformität macht, erhebt die herrschende Klasse diese Konformität zugleich zu einem Statussymbol. Auf diese Weise ist es möglich, Heerscharen von Mitläufern zu rekrutieren, ohne sie zu bezahlen. Es entsteht eine loyale Mittelschicht: Der Wissenschaftsproletarier auf seiner befristeten Drittelstelle; der „freie“, weil zeilenweise bezahlte Journalist; der Lehrer, der sich bis zum körperlichen Zusammenbruch an einer Schule in einem „sozialen Brennpunkt“ aufreibt … (Manfred Kleine-Hartlage)

Heute feiert Claas Relotius seinen Geburtstag. Herzlichen Glückwunsch – sofern das Datum nicht erlogen ist.

Auch das, auch des Delinquenten Geburtsdatum erfahren wir aus jenem Buch, das gerade – wie Ellen Kositza feststellte – durch die Decke geht. Es wurde in allen relevanten Medien besprochen, täglich erscheinen auf Youtube neue Interviews mit Juan Moreno, dem Autor von „Tausend Zeilen Lüge. Das System Relotius“, der Mann ist plötzlich ein Star und ein Liebling der Medien und sein Buch ein Bestseller. Doch noch vor wenigen Monaten war er der Feind seiner Brotgeber, denn er deckte den größten Medienskandal seit den Hitler-Tagebüchern auf und vielleicht sogar den größten überhaupt. Das aber hängt davon ab, ob Moreno sein Titel-Versprechen,  nämlich das „System“ aufzudecken, einhalten kann.

Aufgrund der Medienpräsenz erspare ich mir die ausführliche Darstellung des Buches, man kann das in jeder beliebigen Rezension nachlesen. Es stimmt auch – worin sich alle einig sind – daß das Buch sehr professionell verfaßt wurde, daß man es mit angehaltenem Atem liest und aus dem Kopfschütteln nicht heraus kommt. Unbedingte Empfehlung!

Sobald das Kind „Aber er hat ja gar keine Kleider an“ gerufen hat, sehen es plötzlich alle. Relotius – dessen Namen ich vor dem Skandal nicht einmal kannte[1] – schien aus Stroh Gold machen zu können. Was er anpackte, gewann in der Regel gleich einen Preis. Sagenhafte 40 Journalistenpreise heimste er in sieben Jahren Arbeit ein. Das Establishment oder vielleicht besser: das System trug ihn auf Händen. Er galt ihnen schließlich sogar als Erlöser, denn er nahm dem Leser die Angst, die aus Dissonanzen entsteht, er gab in seinen Phantasiegeschichten der chaotischen und widersprüchlichen Welt eine beruhigende Ordnung, er hatte „Sehnsüchte bedient, hat das Menschliche, das Verunsicherte in uns angesprochen“, er „beschützte die Leser vor der Wahrheit“, er löste „das feine Spiel von Wahrheit und Plausibilität“ mithilfe der Erfindung und der Lüge, er machte die Welt passend, denn „als Leser verstand man die Motive“ der Protagonisten, auch wenn sie einem ganz anderen Geistespektrum zugehören, und „das ist ungemein beruhigend. Etwas, das man versteht, macht einem weniger Angst.“

Man muß sich, bevor man ein Urteil fällt über Relotius – und Moreno – Folgendes bewußt machen: Wer schreibt, manipuliert!

Auf einer archäologischen Grabung hielt ich dem Chefarchäologen eine glasierte Scherbe vors Gesicht, die in diesem Stratum nicht zu erwarten gewesen war. Er nahm sie und warf sie über die Mauer, mit den Worten: „Tierverschleppung“. Die Maus war’s. Ein Pharmakologe, der an der Entwicklung eines Medikaments beteiligt war, berichtete mir vertraulich, wie er jeden Morgen jene Petrischalen entsorgte, in denen das Bakterium ungewollte Reaktionen zeigte. Eine Biochemikerin arbeitete an einer Vorrichtung, die mithilfe säureabbauender Bakterien Geruchsbelästigung in Kompostierungsanlagen minimieren sollte – auch dort wurden die ungeliebten Ergebnisse entsorgt. Ein Nutztiergenetiker meinte, eine nützliche Zuchtkombination errechnet zu haben, und gestand nun sein Interesse, die Idee auch durch praktischen Erfolg bestätigt zu sehen … Unsere Gesellschaft beruht auf Lüge, Fälschung, Verdrehung, allgemein gesagt: auf Interpretationen – zumindest zu einem gewissen Grad und sie funktioniert doch. Sie hat eine gewisse Irrtumstoleranz.

Was in den Naturwissenschaften möglich ist, sollte im Bereich des Geistes und der Sprache umso mehr zu erwarten sein. Wer einen Text schreibt, manipuliert, steuert seine Leser. Relotius tat das, Moreno tut es und ich tue es auch. Jeder Schreiber kennt ein gewisses Arsenal an linguistischen oder argumentationslogischen Tricks und Kniffen, die seinen Standpunkt auch bei äußerlich zur Schau gestellter Objektivität in den Vordergrund rücken. Wer sich davon befreien will, sollte aufhören zu lesen oder sich der Mathematik widmen.

Es ist letztlich eine Frage der Verhältnismäßigkeit und der Faktizität. Die Wahrheit schillert, aber sie muß stets anwesend bleiben. Ein guter Text macht die Steuerung des Lesers unsichtbar.

Daher meine Vorabthese: Nicht daß Relotius manipuliert hat, ist das Problem, sondern das unvorstellbare Ausmaß dieser Manipulation, die man klar und deutlich „Lüge“ nennen muß. Und die Richtung seiner Lügen. Die alles entscheidende Frage ist die nach dem „System Relotius“.

Moreno druckt den kritischen Text – „Jaegers Grenze“ – ab. An ihm war Relotius letztlich gescheitert, dort flog der Betrug zum ersten Mal auf. Relotius sollte ihn, gemeinsam mit Moreno und unter klaren Richtungsvorgaben, schreiben. Moreno begleitete auf mexikanischer Seite einen Flüchtlingstreck, Relotius stand hinter der amerikanischen Grenze und sollte eine paramilitärische Bürgerwehr infiltrieren, die Illegale an der Grenze abfing und sogar – laut Relotius – auf diese schoß. Der zweite Teil war komplett erlogen. Da Relotius der Star der Redaktion war, machte man ihn für den eigentlichen Text verantwortlich. Moreno steuerte nur ein paar Fakten bei.

Es ist erstaunlich, daß dieser klischeetriefende und offen manipulierende Text, der allzu offensichtlich durch die Brille des Verfassers gesehen ist, überhaupt die Zustimmung der Redaktion fand. Man watet in Subjektivität und das ist nur zu ertragen, wenn das Subjekt exzeptionell ist. Das läßt sich nur durch zwei Erklärungsmuster begründen: entweder war Relotius ein genialer Con Man, ein hochbegabter Hochstapler, dem es gelungen war, jegliche kritische Sicht auf sein Tun und Schaffen zu verunmöglichen, oder aber die Blindheit liegt im System.

Moreno will uns den ersten Punkt schmackhaft machen. Er stellt uns Relotius als geborenen, wohl pathologischen Lügner vor. „Claas Relotius war ein Lügner, der nicht nur als Journalist erfundene Geschichten erzählte. Er log schon lange, bevor er beim ,Spiegel‘ anfing. Er hätte vermutlich in jedem anderen Beruf auch gelogen. Relotius war nie ein Reporter, er war ein Hochstapler, der, wie sich zeigen wird, eher zufällig zum PrintJournalismus kam, weil er bald merkte, daß jemandem mit seinen Fähigkeiten genau hier eine meteoritenhafte Karriere offenstand.“ Immer wieder gelingen Moreno interessante Einblicke in die Psyche und die Methodik des Hochstaplers.

Aber er bleibt ein Einzelfall. Das Problem ist individuell. Die „allermeisten Reporter machen ihre Arbeit ehrlich“, „der Fall Relotius ist einzigartig“.

Wozu dann die Aufregung?

Wenn Moreno vom System spricht, dann meint er drei Dinge. Zum einen den systematischen Betrugsversuch, der von langer Hand geplant und durchgestylt war. Demnach habe sich Relotius etwa ganz bewußt Preise erschlichen, um sich trotz Mangelbegabung einen Namen zu machen. In der Regel laufen Leben aber weit weniger durchorganisiert ab – sie hangeln sich an Opportunitäten entlang und entfalten nicht selten eine Akzelerationstendenz oder eine Suchtgefahr.

Zum zweiten meint er das Versagen der redaktionsinternen Kontrollmechanismen. Auch das ist hochinteressant und lohnt die Lektüre, zu sehen, wie ein derartiges Blatt innen funktioniert, wie der Dokumentar arbeitet, der Faktencheck und wie er unterlaufen werden kann, wie die Kommunikationsstränge verlaufen, wie Machtpositionen entstehen etc. Aber all das ließe sich nach Moreno nur bedingt auf andere Blätter übertragen, es sei ein „Spiegel“-internes Problem gewesen, das letztlich durch ganz spezifische Verfestigungen und individuelle Idiosynkrasien zustande gekommen sei. „System“, von dem Moreno spricht, ist noch immer individuell und also eigentlich keines – es hängt am Versagen von zwei, drei Individuen.

Drittens schließlich durchdenkt er die spezifischen Gefahren, die das Genre der Reportage mit sich bringt. Ist es nicht besonders anfällig für Betrug? Die Rolle des Schreibenden ist hier enorm. Der wählt unter den Fakten, wertet, wägt ab und er verfügt in exorbitantem Maße über das Manipulationsinstrument schlechthin, über die Sprache. Der geforderte Erzählmodus, die epische Länge, die Wahl eines klitzekleinen Realitätsausschnittes, der das große Ganze sichtbar machen soll, all das eröffnet alle Möglichkeiten, durch Sprache zu lenken, macht den Journalisten zum Allmächtigen.

Morenos Schluß ist folgerichtig: „Es gab ein ,System Relotius‘. ,Systematisch‘ hat er sich dem Journalismus genähert. ,Systematisch‘ hat er für sich die Schwächen und Unzulänglichkeiten im Journalismus genutzt. Der ,Spiegel‘ ist keine Fälscherbude. Relotius ist ein Fälscher.“ Und: „Ein Systemversagen beim ,Spiegel‘, aber kein System der Fälschung.“ Wenn er die Frage nach dem „Systemversagen“ stellt, dann lautet seine Antwort: „Zwei Parteien hätten Relotius stoppen können, selbst wohlmeinende Beobachter sagen, stoppen müssen: die ,Spiegel‘-Dokumentation, die für die Faktenüberprüfung aller Artikel zuständig ist, und das Gesellschaftsressort, in dem Relotius über Jahre arbeitete.“

Moreno verwendet den Systembegriff sehr stark verengt – die eigentlichen Systemfragen bleiben außen vor. Das Fazit – „Die Hauptverantwortung für den Skandal Relotius trägt aber in meinen Augen das Gesellschaftsressort“ – ist erschreckend dünn.

Daher beruhen alle Begrüßungsszenen, die im „System Relotius“ einen Beweis für die „Lügenpresse“ sehen – naturgemäß liest man das vor allem auf rechter Seite – auf einem Lesefehler. Man liest dieses Buch von vornherein als Bestätigung der eigenen These und übersieht, daß es genau das Gegenteil ist. Auch der Verdacht des verengten Meinungskorridors, daß man nicht mehr offen alles sagen könne, wird von Moreno widerlegt, nicht zuletzt mit seinem Buch selbst. Zwar wurden seine Recherchen von der Spiegel-Hierarchie nicht unterstützt, wie er schreibt, aber auch nicht behindert und nun, da der Erfolg da ist, liege man ihm zu Füßen.

Die entscheidende Aussage ist wohl diese: „Einen Aspekt der Systemfrage jedoch, einen fundamentaler Vorwurf, der diesen beiden gemacht wurde, nämlich, daß in dem Ressort grundsätzlich unsauber gearbeitet würde, diesen Vorwurf halte ich für falsch. Nie wurde darauf bestanden, den Geschichten eine ,bestimmte‘ Richtung zu geben. Sie standen nicht fest. Nicht bei Ullrich Fichtner, nicht bei Matthias Geyer.“

Eine Aussage, die gleich zu Beginn, als Moreno das „Treatment“, also den sehr engen und konkreten Erwartungshorizont des zu schreibenden Artikels durch Matthias Geyer wiedergibt, ad absurdum geführt wird. Allerdings sei auch das eine Ausnahme gewesen. Aber es ist auch eine Aussage, die zeigt, daß Moreno sich der Engführung des Begriffes „System“ bewußt war. Denn neben dem rein individualistischen „System Relotius“ spricht er hier auch das „System Spiegel“ an – das er exkulpiert – und letztlich deutet er sogar – in der Formulierung „bestimmte Richtung“ –  das eigentliche, das gesellschaftliche System an. Nur diese letzte und eigentliche Ebene ist von höherem Interesse. Scheut das Buch vor der Systemanalyse zurück, verliert es massiv an Wert, ist es letztlich nicht mehr als eine – gut lesbare, spannende, unterhaltende –  Gerd-Postel-Geschichte aus dem Medienwesen.

Da das Medienwesen aber am Wesenskern der modernen Gesellschaft zu verorten ist, muß man die Arbeit genau dort fortsetzen, wo Moreno sie abbricht. Wir dürfen uns also nicht mit der Einsicht des individuellen Versagens eines Claas Relotius zufrieden geben, auch nicht mit der Erkenntnis des individuellen Versagens seiner Vorgesetzten und selbst nicht mit den innerinstitutionellen Schwachpunkten im Hause „Spiegel“, sondern wir müssen jeweils fragen: Warum? Warum konnten die Charakterschwächen eines Mitarbeiters, warum konnte die fehlende Aufmerksamkeit der Hierarchie zu diesem Skandal führen, warum fügten sich  Relotius‘ Arbeiten so paßgenau in das, „was die Redaktion wünschte“ und warum wünschte es sich die Redaktion überhaupt, und vielleicht auch: Warum mußte es so kommen? Und kann es, muß es, wieder dazu kommen oder ist es vielleicht sogar die Norm?

Dabei genügt es nicht, wie Moreno das tut, auf die rapide sinkenden Absatzzahlen zu verweisen, auf die Existenznot, denn auch diese hat ihre systemischen Ursachen und wer hier automatisiert auf das Internet als Ursache verweist, verschweigt die zweite, die entscheidende, weil beeinflußbare, die nicht-technische Seite des Problems. Gerade die Frage nach dem Vertrauensverlust in die Medien stellt die Systemfrage – und zwar ernsthaft.

Moreno scheut diese eminenten Fragestellungen. Ihm geht es um die kleine Wahrheit, die auch an seinem Namen hängt und er will das Haus „Spiegel“, seinen Arbeitgeber, ausdrücklich retten. Wer aber retten will, steht schon nicht mehr in der Wahrheit. Er versuchte, den „Spiegel“ von innen zu retten, der äußeren Kritik – die aus Amerika sich anbahnte und „den ,Spiegel‘ in seinen Grundfesten erschüttert hätte“ – zuvorzukommen. Das mag aus Eigeninteresse verständlich sein, aber vielleicht hätte es dieser Erschütterung bedurft, um die Systemfrage endlich ins Blickfeld zu bekommen, um den „Spiegel“ zu transzendieren und um den Ausweg, durch ein paar abgesägte Stühle, ein paar öffentliche Demutsübungen und ein paar Ablaufmodifikationen am Wesentlichen nichts ändern zu müssen, zu verbauen. Den „Spiegel“ retten, heißt, das System „Spiegel“ retten und dieses wiederum steht exemplarisch für die Falschheit des gesamten, des ideologischen „Systems“.

Das alles ist umso bedauerlicher, als Moreno mehrfach in seinen Überlegungen das Wesentliche streift. Er hat es – muß man unterstellen – gesehen, wagt aber nicht, es anzusprechen. „Natürlich war Relotius ein tendenziell linksliberaler Haltungsjournalist“, schreibt er, „der Texte schrieb, bei denen er davon ausging, daß sie beim ,Spiegel‘ politisch gut ankommen“, nimmt diese Aussage selbst aber wieder zurück – und verrät damit das Wesentliche –, wenn er an anderer Stelle betont: „Relotius aber hatte keine politische Agenda, mehr noch, die meisten Kollegen hielten ihn für politisch völlig desinteressiert. Einige seiner Texte, zumal die für den ,Spiegel‘, könnte man als linksliberal bezeichnen. Andere, frühere, für konservative Medien, waren das nicht, etwa seine schon fast rassistischen Aussagen über den Balkan.“

Daß Relotius wie ein Chamäleon  agierte, läßt sich vollständig aus seiner Hochstaplerseele erklären. Mimikry ist ihre hohe Kunst. Genau den Ton anschlagen, gegen den das Gegenüber wehrlos ist. Man braucht nur den Fokus von der Betrügerseele auf diesen Ton lenken, um das eigentliche Problem zu sehen.

Sollte man nicht vermuten dürfen, daß ein linksliberales, linksextremes und grünes Milieu in unseren Medien einen sanften Druck ausübt, gewisse Dinge zu sagen, Themen zu problematisieren, politische Fronten zu ziehen? Daß sich über Jahrzehnte kultureller Dominanz dieses Milieus sich eine Tendenz eingeschlichen hat, die das Sagbare und das Unsagbare – zumindest in diesen Medien – definiert? Dazu bedarf es keiner Verschwörungstheorien und auch keines Diktaturverdachtes, das alles sind sanfte, sich selbst verstärkende und selbst generierende Prozesse, die den Protagonisten noch nicht mal bewußt sein müssen, die sie sogar – würde man sie damit konfrontieren – vehement von sich weisen würden.

Auf dem Papier und vor dem Gesetz gibt es die freie Meinungsäußerung, aber bestimmte Meinungen und Positionen werden zu erhobenen Augenbrauen führen, einem distanzierten Lächeln, einer heimlichen Aversion, werden soziale Kontakte fein lenken, werden schließlich zu Belobigungs- und Strafmodi führen, zu verhinderten oder verwirklichten Karrierechancen und schließlich auch zu Beendigungen von Zusammenarbeit.

Umgekehrt werden gewisse Positionen goutiert und begünstigt. Man muß ein Held oder ein Narr sein – die meisten Gazetten halten sich ganz bewußt solche Narren –, wenn man brachial eine Position vertritt, die der einhelligen Grundstimmung im Haus oder der politischen Orientierung des Vorgesetzten widerspricht. Das empirische Material unterstützt diese Vermutungen, es belegt das rote Mehr, die deutliche Linkslastigkeit der Meinungsklasse im Verhältnis zur Durchschnittsbevölkerung. Auch haben wir in Relotius nicht den ersten Fall von Journalisten vorliegen, die an der Wahrheit vorbei schreiben, dabei nicht vor Verfälschungen und Diffamierungen zurückschrecken und dies mit einem hehren Ziel, irgendeinem Anti-Irgendwas, das gerade Konjunktur hat, rechtfertigen.

Hätte es einen Relotius im „Spiegel“ auch geben können, wenn er statt weißer rassistischer Bürgerwehren von schwarzen rassistischen Banden geschrieben hätte, wenn er in Syrien nicht nach Opfern, sondern nach heldenhaften Soldaten Assads gesucht hätte usw.?

Ausgerechnet den „Spiegel“ will Moreno exkulpieren und ausgerechnet die „Zeit“ und die „Süddeutsche Zeitung“ – die linksideologisch am meisten belasteten Gazetten – sieht Moreno als gleichwertige qualitative Konkurrenz zum „Spiegel“. Man betrachte nur die Berichterstattung dieser Blätter über Trump, die AfD, Boris Johnson oder den Brexit – die brennendsten Themen unserer Zeit. Wer dort die Tendenz nicht sieht, will sie nicht sehen oder ist selbst tendenziell. Wenn von 100 Artikeln über diese Themen 10 auch nur objektiv und neutral sind, dann ist es viel; von affirmativen, einfühlenden, mit-denkenden Beiträgen gar nicht zu reden.

Sollte man nicht dort das systemische und systematische Versagen vermuten, den Nährboden, in dem Erscheinungen  wie Relotius aufblühen können? Nicht jeder Journalist ist ein Relotius in Reinform, vielleicht ist er tatsächlich eine Singularität.

Moreno arbeitete heraus, daß Relotius – als Kennzeichen – seine Leser vor der Wahrheit beschützte. So gesehen ist er selbst ein kleiner und er ist nicht der einzige.

[1] Das mag u.a. daran gelegen haben, daß seine Artikel – auf seinen Wunsch – meist nur in der Druckausgabe zu lesen waren. Damit war die Wahrscheinlichkeit, daß aufmerksame Leser seine Lügen entgoogelten deutlich geringer.
Quelle: Juan Moreno: Tausend Zeilen Lüge. Das System Relotius und der deutsche Journalismus. Berlin 2019
© Seidwalk 15.11.2019

8 Gedanken zu “Das System Relotius

  1. lynx schreibt:

    „Warum sollte ein Fremder das apriorische Wohlwollen mit Selbstverständlichkeit erwarten können? Bisher hat das – nach meinem Wissen – noch niemand legitimiert.“ – Entschudigen Sie, dass ich mich schon wieder melden muss, aber dieses bemerkenswerte Statement fordert ja geradezu zur Entgegnung auf. Ich weiß nicht recht, was ich davon halten soll. Ist das der „andere“ blinde Fleck? Ist das pure Unwissenheit oder grober Vorsatz, Ignoranz, so etwas zu behaupten? Wenn man es ganz hoch hängen möchte, könnte man sagen, Sie wischen damit ihrerseits eine anthropologische Grundkonstante vom Tisch: die Gastfreundschaft. Und das tun Sie, um die von Ihnen reklamierte Konstante der Angst vor Überfremdung zu legitimieren. Doch wer hat die wann und wo verbindlich legitimiert?

    Selbstverständlich darf jeder Fremde apriorisch mit Wohlwollen rechnen, ob in Deutschland oder in Ungarn oder sonstwo. (Ob er sie erfährt, hängt von den Leuten und ihrer (fehlenden/vorhandenen) kulturellen Prägung ab. Wie sie sich in Abhängigkeit vom weiteren Verhalten des jeweiligen Gastes entwickelt, ist wieder etwas anderes, denn freilich hat auch der Gast eine Verantwortung.) Wie in allen anderen Weltkulturen ist Gastfreundschaft ein wesentliches Merkmal der jüdisch-christlichen Kultur des Abendlandes. Dass es bei der Rechten oder den „Sodomiten“ damit ein Problem gibt, können Sie hier ein wenig ausführlicher nachlesen: https://lynxblox.wordpress.com/2017/10/27/die-sodomiten-der-neuen-rechten/ Ob Ihnen die Bibel als Legitimierung reicht oder relevant genug ist? Die Kirche kennt seit altersher die Hauptlaster Superbia und Avaritia (u.a.), Überlegungen, die weit in die vorchristliche Antike zurückreichen.

    Lothar de Maizière soll 1990 gesagt haben, Teilung lasse sich nur durch Teilen überwinden. Das gilt für das innerdeutsche Binnenverhältnis wie für globale Relationen gleichermaßen. Beherzigt man das nicht, wird Gottes Verdikt über Sodom unweigerlich hereinbrechen.

    Dass Sie unauffällig und (nach außen) angepasst in Ungarn leben, ist freilich löblich. Doch wer lebt in Deutschland angepasster als Stanišić, der das deutsche Erzählen um so Vieles bereichert hat? (Auch wenn ich seine pennälerhaften Pöbeleien Handke gegenüber missbillige) Würde ich meiner bosnischen Friseurin, einem Kriegsflüchtling der ersten Stunde, von dem allem erzählen, sie würde nicht verstehen, wo das Problem liegt.

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    • Gastfreundschaft gebührt dem Gast.

      Sie ist ein hohes Gut und – wie Sie richtig sagen – anthropologisch und mythologisch tief in uns verankert.

      Ich kann sie von mir erwarten, als Selbstanforderung aber ich erwarte sie nicht von anderen. Dort kann ich sie nur erhoffen. Sie bezieht sich auch stets nur auf das Individuum. Daher sind die individuellen Anfeindungen zu verurteilen – individuell.

      Ob er sie erfährt, hängt „von den Leuten und ihrer (fehlenden/vorhandenen) kulturellen Prägung ab“ – aber in beide Richtungen, wie Sie ebenfalls betonen. Der Gast verwirkt sein Gastrecht, wenn er sich nicht als Gast verhält. Den Erwartungshorizont bestimmt der Gastgeber, orientiert an tradierten eigenen Werten.

      Die Gastfreundschaft steht in umgekehrter Abhängigkeit zur Fremdheit. Je fremder das Verhalten, der Habitus und – ja – auch die Erscheinung des Gastes ist, umso weniger ausgeprägt ist in der Regel die Offenheit dem Gast gegenüber. Deshalb gelingt die Mimikry in Ungarn besser als etwa in Saudi Arabien oder Zaire.

      Saša Stanišić‘ klagt nicht nur über (verurteilenswerte) individuelle Verletzungen, sondern bezieht diese auf die gesamte Gruppe der Balkanmigranten (seine literarische Kompetenz spielt keine Rolle). Diese kamen aber erstens nicht als Gäste, sondern mit als Selbstverständlichkeit vorgetragenen Forderung des dauerhaften Aufgenommenwerdens und zweitens nicht einzeln, sondern zu hunderttausenden. Und dann ist die Erwartung oder Hoffnung auf Gastfreundschaft begründungspflichtig – wurde aber noch nie geleistet. Stattdessen werden die Begriffe verrührt – so wie in Ihrer Anmerkung.

      Zur Vertiefung: Gastfreundschaft statt Multikulti

      PS: Sie brauchen sich nicht für Ihre gehaltvollen Kommentare entschuldigen – es genügt, wenn Sie Ihre gelegentlichen Flegeleien und Trollereien unterlassen.

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      • lynx schreibt:

        Danke für die gelassene Entgegnung, in der Sie mir ein wichtiges Stichwort liefern: „Je fremder das Verhalten, der Habitus und – ja – auch die Erscheinung des Gastes ist, umso weniger ausgeprägt ist in der Regel die Offenheit dem Gast gegenüber.“ – Das war so einer der Momente neulich in Mitteldeutschland, wo bei mir der Groschen gefallen ist, wo auf einmal alles glasklar vor mir stand: die DDR hatte keine nennenswerte Migrationsgeschichte. Die alte BRD seit den 1960er Jahren sehr wohl (wenn auch offiziell lange geleugnet), in immer neuen Wellen: Italiener, Jugoslawen, Türken, Ex-Jugoslawen, in kleineren Portionen Spanier, Portugiesen und Griechen. München wurde 600 Jahre lang von Italienern aus Friaul gebaut. Das Fremde war hier schon immer Teil der (Stadt-)Kultur. Die ersten spürbar fremden Menschen seit den französischen Hugenotten im 18. Jh., die im östlichen ländlichen Mitteldeutschland in erlebbarer Menge auftauchten waren: Araber, Nordafrikaner, Afghanen. Zugegeben eine Art Quantensprung in „Fremdheit“, herausfordernd. Doch was sich heute so leichthin sagt: Italiener, Jugoslawen – das war für uns im Westen auch herausfordernd, nicht nur olfaktorisch. Was hat geholfen? Gewöhnung und eine Prise Neugier. Der unternehmerische Geist von Gastwirten. Manche halten ja inzwischen Döner für ein traditionelles deutsches Gericht. Gewöhnung sollte man als Kraft nicht unterschätzen, eine sanfte Kraft, gegen die eigentlich nichts spricht, zumindest nicht Fremden gegenüber. Den alten Clint Eastwood hat das ja auch mal beschäftigt und ich finde, er hat das in „Gran Torino“ (2008) sehr gut nachfühlbar erzählt.

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        • Das ist ein Punkt von vielen, aber ein wesentlicher. Lesen Sie mal das Sachsen-Heft der „Sezession“, da finden Sie noch eine ganze Reihe anderer Gründe für die Besonderheit des Ostens und Sachsens.

          Aus dieser Erfahrung kann man – wie überall – mindestens zwei Schlüsse ziehen. Der eine fordert massive Einwanderungspropaganda und Besiedlung des Ostens: „Wer den Osten dauerhaft stabilisieren will, der muß vor allem für eines kämpfen: Zuwanderung. Massiv und am besten ab sofort.“ – um das Problem endgültig demographisch zu lösen. Das geht eher in Ihre Richtung. Wenn Sie schreiben „die DDR hatte keine nennenswerte Migrationsgeschichte“ dann heißt das doch: das muß sich ändern, sie braucht eine Migrationsgeschichte. Und hier kommt die Frage der Legitimation ins Spiel: Warum soll sie das brauchen? Warum kann sie sich nicht selbst genügen? Warum kann sie nicht bleiben, wie sie ist? Normativ gemeint.

          Der andere fordert Anerkennung der örtlichen Gegebenheiten, der Traditionen, des Willens eines Großteils des Volkes, kurz des status quo, die Akzeptanz, die Toleranz der Gegebenheit. Das ist eher mein Standpunkt.

          Ausgerechnet diejenigen, die mit jenen Begriffen – Akzeptanz, Toleranz, Gleichheit, Gerechtigkeit etc. – permanent herumfuchteln, können sie in diesem Kontext nicht akzeptieren. Das Besondere des Ostens muß nivelliert werden. Sie würden umgekehrt sofort Rassismus und Kolonialismus wittern, wenn – spinnen wir mal – hunderttausende Deutsche nach Nigeria auswandern wollten und dort volle Unterstützung und Gastfreundschaft einforderten. Die dortige Gegenwehr wäre in deren Augen vollkommen legitim, auch wenn tausende deutsche Migranten Sauerkrautstände auf den Straßen aufbauen würden und die nigerianische Kultur mit deutscher Vielfalt bereicherten.

          „Gewöhnung“ ist so ein dehnbarer Begriff. Man kann sich an alles gewöhnen: an Armut, Folter, Hunger … Lesen Sie die Schilderungen der langjährigen KZ-Insassen. Viele hatten sich – als Überlebensstrategie – an das Leid gewöhnt, aber es war damit doch nicht gerechtfertigt. Auch die Römer hatten sich an die Barbaren in den eigenen Reihen gewöhnt und sie sogar begrüßt … (PS: Das sind keine Vergleiche, sondern Verbildlichungen des Prinzipiellen.)

          Im Übrigen funktioniert die „Gewöhnung“ auch im Westen nicht reibungslos. Das Problem ist grundsätzlich und nicht nur eines der DDR-Fläche. Gewöhnung ist hier oft Resignieren. Die Resignation ist auch systemisch herbeigeführt worden.

          Die eigentliche Frage: Wie kann Gesellschaft funktionieren, wenn ihr der innere sprachlich-traditionell-kulturell bedingte Zusammenhalt fehlt, wenn sie keine einigende Geschichte, keine wirkmächtigen Genealogien mehr hat? Auch das muß von den Befürwortern begründet werden.

          Aber dies Diskussion führt vom eigentlichen Thema des Beitrages weg (mea culpa!) – es wäre besser, wir verschieben das und widmen uns dem Thema Presse und System. Herr Stadler hat dazu Wichtiges angefügt.

          Lynx: Einverstanden (auch wenn ich viele begründete Einwände hätte, v.a. auch, weil ich keine politische Agenda haben und mich um einen sozusagen anthropologischen Blick bemühe). Bei Herrn Stadlers Einlassung fällt mir nur der unbeholfene Ausdruck von der „metafaktischen und interpretativen Lüge“ auf, der mit Fakten nicht begegnet werden könne. Was ist denn das für ein Humbug? Alles mit Meta klingt ja immer wichtig und muss nicht konkret werden (Kollege Sellner ist da ja ein Großmeister), man kann das offenbar zur Selbststilisierung nutzen oder als „Irgendwie-Stigmatisierung“ des Gegners, dem man argumentativ offenbar nicht Herr wird. Für mich gehört ein solches Reden in die Kategorie „Raunen“ – daran werde ich mich nicht gewöhnen.

          Ergänzung noch: in den Vorwurf der „metafaktischen Lüge“ muss man sich flüchten, weil es keine Legitimierung für Fremdenfeindlichkeit gibt, nicht in dem Sinne, wie es ein Gebot zur Gastfreundschaft gibt. Oder welche Kultur schreibt ihren Mitgliedern vor, Fremde abzulehnen? Hier schließt sich der Kreis zur vorherigen Diskussion.

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  2. R. X. Stadler schreibt:

    Das Problem ist ja nicht so sehr das „System Relotius“ – ein erwartbarer Betriebsunfall -, sondern das „System Haltungspresse“, und dem gehört Moreno selbst an, erkennbar nicht zuletzt am ähnlichen Stil, der berühmten Spiegel-Soße. So beschreibt Moreno die „Arizona Border Recon“, den Anlassfall von Relotius‘ Untergang:

    „Politisch muss man sich die Gruppe ein bisschen wie einen Tarnfarbe tragenden, leicht entsicherten AfD-Ortsverband vorstellen, der zudem bis auf die Zähne bewaffnet ist und sich ein wenig nach Krieg sehnt. (…)
    Ab und zu haben die beiden Gäste. Beschützer des amerikanischen Volkes. Entschlossene, wütende Männer und fast immer mit liebgewonnener Waffensammlung anreisend. (…) Dabei genießen sie das Gefühl, Patrioten zu sein, die nicht nur wütend in den Fernseher schreien, sondern tatsächlich etwas tun, um Amerika zu verteidigen. Wenn die Männer nicht in der Kommandozentrale sind, patrouillieren sie in einem Pick-up-Truck an der Grenze, meist im Streit, wer fahren darf. Es ist in vielen Fällen nicht ganz klar, wen sie wirklich bekämpfen: Amerikas Feinde oder ihre eigenen Dämonen. Wahrscheinlich beide.“

    Sicher kann man das alles so darstellen und interpretieren; buchstäblich gelogen wird wohl nichts sein. Doch die moralistisch-spießbürgerliche Überheblichkeit, die Verkitschung des Gut-Böse-Konflikts, die übelstmögliche Verstehensweise des gesellschaftlich Anderen, unterscheidet sich nicht von Relotius. Der war lediglich so ungeschickt, dass er dafür erfundene Fakten benötigte. Während Relotius aus handwerklichem Unvermögen faktisch lügt, lügen solche Texte metafaktisch und interpretativ; sie sind damit sehr viel gefährlicher, weil man sie nicht mit der faktischen Wahrheit bekämpfen kann.

    Seidwalk: that’s it

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  3. Tommy schreibt:

    Moreno hat im Spiegel auch schon Aussagen der Sorte geschrieben, er freue sich, dass Deutsche ohne Migrationshintergrund in Deutschland in absehbarer Zeit zur Minderheit würden (begründet hat er das mit angeblichen eigenen Diskriminierungserfahrungen, z.B. einem Lehrer, der ihm gesagt habe „Ihr Spanier habt doch seit der Armada auch nichts Richtiges mehr hinbekommen“). Er ist also jemand, der der deutschen Noch-Mehrheitsgesellschaft nicht unbedingt freundlich gegenübersteht. Von daher finde ich es auch überhaupt nicht verwunderlich, dass er den Fall Relotius eher als Einzelfall deuten will, denn mit der Grundtendenz eines Großteils der deutschen Medien ist er völlig in Einklang.

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    • Ich tue mich schwer, diesen Zusammenhang zu sehen. Selbst wenn das erstere stimmt, verstehe ich nicht die Schlußfolgerung.

      Die Armada-Szene wird im Buch etwas anders beschrieben:

      „Ich war ein schlechter Schüler, was vor allem an meinen
      schlechten Sprachkenntnissen lag. In meine Grundschulklasse
      gingen fünf Deutsche und zweiundzwanzig Gastarbeiterkinder,
      die meisten davon Türken. Es hat dazu geführt, dass mir Türken
      bis heute grundsätzlich sympathisch sind. Alle meine Freunde
      waren Türken. Und sie landeten alle auf der Hauptschule.
      Ich hatte damals einen großartigen Deutschlehrer, Herrn W. Er
      gab mir in der fünften eine glatte Sechs im Zeugnis und drückte
      mir ein Diktat mit den Worten in die Hand: «Na ja, seit dem
      Untergang der Armada ist mit Spanien auch nichts mehr los.»
      Gleichzeitig gab er mir nie das Gefühl, mich abgeschrieben zu
      haben.“ (160f.)

      Wenn Sie andere Quellen haben, dann wäre ich für eine konkrete Benennung dankbar. Aber im Grunde genommen spielt Morenos private politische Orientierung keine Rolle – sie wird erst relevant, wenn sie systemisch bedingt ist oder das Systemische beeinflußt.

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      • Tommy schreibt:

        „Wenn Sie andere Quellen haben, dann wäre ich für eine konkrete Benennung dankbar.“

        Das Buch habe ich nicht gelesen, mein Kommentar bezog sich auf einen SPIEGEL-Artikel, der einige Zeit vor der Relotius-Affäre in der Druckausgabe erschien, zum Thema Migration, Rassismus, Rechtspopulismus etc. Konkrete Ausgabe kann ich Ihnen leider nicht nennen, bin auch ziemlich sicher, dass ich den betreffenden Spiegel nicht mehr greifbar habe. Mir ist der Artikel im Gedächtnis geblieben, weil ich ihn als krasses Beispiel für die unterschwellig aggressive Sichtweise auch vermeintlicher Vorzeigemigranten in den Medien auf die deutsche Gesellschaft wahrnahm (ein ähnlicher Fall ist z.B. Hasnain Kazim mit seinem „Wir werden immer mehr, egal ob Ihr wollt oder nicht“-Spruch). Meiner Erinnerung nach enthielt der Spiegel-Artikel auch nicht den relativierenden Zusatz über den Lehrer „Aber er hat mich nie aufgegeben“, die Episode war rein negativ geschildert.

        Seidwalk: Vermutlich meinen Sie den hier: https://www.spiegel.de/spiegel/print/d-138493571.html
        Lese ich mir nachher durch.

        Tommy: Stimmt, genau diesen Artikel meinte ich. Meine Erinnerung hat mich nicht getrogen, interessant und aufschlußreich, wie verschieden die Episode mit dem Lehrer berichtet werden kann.

        Seidwalk: Als Beschreibung des Gefühls, wie man sich als Ausländer in D fühlen kann, muß man den Artikel gelten lassen, auch wenn sich Moreno an einigen Stellen bewußt dümmer stellt, als er ist. Die erlebten Sprüche sind in der Mehrzahl zu verurteilen usw. Der vorletzte Satz ist freilich bezeichnend:

        „Was mir wirklich Hoffnung gibt, ist eine einzige Zahl: Über 30 Prozent der heute unter 15-Jährigen haben Migrationshintergrund. Wenn die in 20 Jahren heiraten, ist es theoretisch möglich, dass gut die Hälfte der hier lebenden Menschen keine sogenannten Bio-Deutschen sind.“ Derartiges ist im Buch nicht zu finden – insofern kann man ihm Mimikry vorwerfen.

        Das Erschreckende dieses Gedankens – den man ja immer wieder hört – ist gar nicht die Hoffnung, bald einer Mehrheit anzugehören – das ist individuell und psychologisch durchaus nachzuvollziehen -, sondern die Selbstverständlichkeit, mit der das eigene Empfinden anderen aufoktroyiert wird.

        Das findet sich auch in Saša Stanišić‘ preisgekrönten Buch. Es wird mit großer Selbstverständlichkeit angenommen, daß Deutsche – oder wer auch immer; das läßt sich auf andere Nationalitäten ebenso übertragen – a priori das Dasein des Fremden begrüßen müßten und tun sie es nicht – wie es vermutlich auf der ganzen Welt ist – sind sie eben Rassisten. Es ist dieser blinde Fleck gegen sich selbst – es gibt immer nur Rechte für sich und Pflichten für die anderen. Warum sollte ein Fremder das apriorische Wohlwollen mit Selbstverständlichkeit erwarten können? Bisher hat das – nach meinem Wissen – noch niemand legitimiert.

        Ich selbst lebe auch im Ausland, aber ich würde nie den Anspruch erheben, daß die Ungarn mein Dasein bedingungslos affirmieren müßten. Um das zu erreichen, tue ich etwas dafür: ich lebe ruhig, unauffällig und den örtlichen Regeln entsprechend, ich stelle keine Ansprüche und ich achte darauf, daß wir Deutschen nicht zu massiv auftreten. Ich mähe den Rasen, wenn man es verlangt und laufe auch nicht barfuß durch die Stadt, wie ich es zu Hause täte … Gäbe es irgendwann eine Aversion gegen zu viele Deutsche hier – das ist absolut denkbar -, dann akzeptiere ich das … würde aber niemandem Rassismus, Nationalismus und ähnliche Ungetüme andichten – wohl wissend, daß Identitäten sich gegen zu viel Fremdes immer wehren werden, als anthropologische Konstante.

        Mit Kazim würde ich Moreno nicht vergleichen. Der ist haßgetrieben und überschreitet die Grenzen des Rationalen.

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