Die Wende von innen

Fortsetzung von „Meine Wende

Um zu begreifen, was sich im Oktober und November 1989 so überstürzt abspielte, müßte man eine lange Geschichte erzählen und vielleicht würde es auch dann noch nicht zu verstehen sein, eine Geschichte, die weit über mein Leben hinausragte. Begann sie 1961 mit dem Mauerbau oder noch früher vielleicht? 1949 mit der Gründung der BRD und dann der DDR? Nein, man wird wohl noch weiter zurückgehen müssen, würde vom Krieg und vom Stalinismus zu erzählen haben und, wer weiß, möglicherweise sogar von der kommunistischen Idee als solcher?

Sicherlich wäre es ohne die Perestroika anders gekommen. Da dachte man noch, die Partei habe den geschichtlichen Prozeß in der Hand, aber am Ende war Gorbatschow auch nur ein neuer Luther, den die Geschichte überrollte. Er machte bloß eine gute Miene zum traurigen Spiel und tat so, als wäre die westliche Demokratie schon immer sein Ziel gewesen. In Wirklichkeit war er ein großer Verlierer. Im Inneren muß er gewußt haben, wie weit er von den Tatsachen überholt wurde, vom Leben bestraft. Trotzdem ließ er sich im Westen feiern und sogar den Nobelpreis übergeben.

Selbst als im September tausende und zehntausende DDR-Bürger über Ungarn oder die Prager Botschaft in den Westen flüchteten, nahmen wir das noch nicht ernst. Wir, meine Freunde und ich, bedauerten sie, ernsthaft. Wir hielten sie für schwach, denn sie wählten das Ausreißen statt den Kampf um Veränderung. Warum konnten sie diese Energie nicht nutzen, um hier im Lande etwas zu bewegen? Wenn es wirklich so viele waren, da mußte doch was zu machen sein. Nein? Na gut, dann geht doch, haut doch ab! Und baut euch euer kleines Glück mit Einfamilienhaus und Auto und Spanienurlaub, wenn ihr denn so glücklich sein solltet.

Zum 40. Jahrestag der DDR sollte dann wieder Normalität geübt werden. Pomp und Paraden und Marschmusik. Aber Gorbi versalzte die Suppe. Da sagte er diesen berühmten Satz: Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben. Erich konterte auf seine Art und sagte: Den Sozialismus in seinem Lauf hält weder Ochs noch Esel auf. Die Parteibonzen begriffen noch immer nicht, was die Stunde geschlagen hatte, und verpaßten ihre letzte Chance.

Leute begannen auf die Straße zu gehen, gute Leute, und wollten das Land und den Sozialismus retten, erneuern. Aber sie wurden niedergeknüppelt. Daß es gute Leute waren, wußten wir damals noch nicht. Wir waren noch immer mit Blindheit geschlagen.

Ja, und dann begann sich Leipzig zu regen. Leise und zurückhaltend erst, aber immer lauter und mächtiger werdend. Und noch immer nahmen wir es nicht ernst! Unglaublich. Noch immer liebte ich die Ideale zu sehr, um die Realität wahrnehmen zu können. Erst als Flugblätter im Wohnheim auftauchten, die davor warnten, an der Montagsdemonstration teilzunehmen, erst dann begriffen wir, was die Stunde geschlagen hatte. Flugblätter gab es bis dahin nicht. Das war Anarchie; daß das möglich war. Sollte es wirklich zu gewalttätigen Auseinandersetzungen kommen können? Die Armee des Volkes gegen das Volk?

Nun wurde uns doch Angst. Aber es passierte zum Glück nichts und am folgenden Montag kamen noch mehr. Diesmal war ich dabei, viel zu spät. Aber ich wollte nur sehen, was es gab, versuchte zu begreifen, was diese Menschen trieb. Ein endlos langer Zug wälzte sich durch die Leipziger Innenstadt. Es war kein Volksfest, nein, die Leute waren konzentriert, ernsthaft. Man diskutierte und rief Parolen.

Ich schloß mich einer Gruppe an, die lautstark für einen demokratischeren Sozialismus demonstrierte. Andere mieden sie; vielleicht wollten sie mehr oder auch nur weniger? Urlaub im Süden, Bananen? Es gab Beschimpfungen. Als wir am Stasigebäude vorbeiliefen, ertönte ein gellendes Pfeifkonzert. In unserer Gruppe blieb es dagegen eher ruhig, als fühlte man sich schuldig. Mit Erschrecken registrierten wir den Haß, der uns umspülte. Vor den Toren des Gebäudes standen junge Männer und Frauen mit Armbinden und brennenden Kerzen in der Hand, vom Neuen Forum oder anderen Vereinigungen, um eine Eskalation zu verhindern. Manche waren wirklich in Lynchstimmung. Vor allem Arbeiter, einfache Arbeiter, Proletarier. Aber Leipzig war eine Universitätsstadt und so hielten sich die Kräfte die Waage. Und irgendwie hatte man ja trotzdem das Gefühl, daß hier alle zusammengehörten, noch immer an einem Strick zogen. Selbst der haßerfüllteste Brüller konnte sich noch kein Leben ohne die DDR vorstellen. „Wir sind das Volk“, wurde skandiert und das hieß, wir wollen die Sache jetzt in die Hand nehmen, aber noch immer die sozialistische Sache, die Sache DDR.

Aufgewühlt und voller Tatendrang kehrten wir zurück. Die Eisen waren heiß, sie mußten jetzt geschmiedet werden. Aber wie? Niemand hatte wirklich einen Plan. Im Raum schwirrten hundert Meinungen durcheinander, die keiner auf einen Nenner bringen konnte. Und so ging es wohl überall und deshalb nahm die Geschichte unkontrolliert ihren Lauf.

Daß sie uns aus der Hand glitt, begriff ich erst, als Waigel nach Leipzig kam. 80000 Menschen hatten sich auf dem Karl-Marx-Platz versammelt; es muß im Winter 1990 gewesen sein oder kurz danach. Aber wer will sich an all das noch so genau erinnern? Viele hatten das DDR-Emblem – Hammer, Zirkel und Ährenkranz – aus ihren Fahnen geschnitten. Die Menge war überwiegend plebejisch. Diese Leute hatte man zu den Montagsdemonstrationen nicht oft gesehen. Auf dem Podest vor der Oper sprachen verschiedene bekannte Gesichter, meist Mitglieder des Neuen Forums und anderer Bürgerbewegungen. Doch kaum jemand hörte zu und es gab sogar Pfiffe, immer dann, wenn man von der neuen historischen Chance sprach, die DDR zu etwas Neuem, noch nicht Dagewesenen zu machen. Was noch vor wenigen Wochen wie eine unglaubliche Sensation klang, das wollte nun schon fast niemand mehr hören. Als Waigel ans Mikrophon trat, brach ein begeisterter Jubel aus, wie bei einem Popstar. Lange Minuten konnte er kein Wort sagen, so ohrenbetäubend war der Lärm. Sie hingen an seinen Lippen wie an denen eines großen Propagandisten, starren Auges. Dabei paßte Waigels bayrischer Dialekt überhaupt nicht in diese sächsische Szenerie. Er machte auch gar keinen Hehl draus, wie unangenehm ihm die Bürgerrechtler waren; bewußt hielt er sich abseits. Sie trugen Anoraks und Kutten, wie fast alle Leute auf dem Platz, Waigel hatte einen langen schwarzen Mantel an und einen großen Hut auf dem Kopf. Aber alles, was er sagte, fand Zustimmung und Beifall. Nur ganz hinten am Gewandhaus stand ein kleiner Trupp von Gegendemonstranten, die ununterbrochen pfiffen und „Wir sind das Volk“ riefen; Betonung noch auf „Wir“. Niemand achtete mehr auf sie, nur ganz am Ende brüllte man ihnen im Chor wütend „Rote raus!“ entgegen. Hier wollte man die D-Mark und Waigel versprach sie unter tosendem Applaus. Dann rief er der Menge einen neuen Satz zu, den ich erst hier zum ersten Mal bewußt vernahm: „Wir sind ein Volk.“ Ein klitzekleines Wort wurde geändert und alles drehte sich herum.

Wie konnte er es wagen, diese fast heiligen Worte in den Mund zu nehmen und auch noch pervers zu ändern? Aber es war geschehen und zehntausende Begeisterte antworteten ihm. Wir sind ein Volk. Im Nachhinein mag die Empörung darüber seltsam klingen, denn natürlich gehörten wir alle zum deutschen Volk, die Leute im Osten wie im Westen und sogar Waigel mit seinen diabolischen Augenbrauen. 40 Jahre hatten uns aber voneinander entfremdet und hier im Osten wurde etwas Außergewöhnliches versucht. Es hatte nicht geklappt, nein, im Gegenteil, es wurde etwas Schlechtes und Schwaches draus, aber sollte man deswegen gleich den ganzen Versuch stoppen? Keine Experimente, rief Waigel. Man müsse sich auf die bewährten Gedanken Ludwig Erhards besinnen. Und sie jubelten und doch wußte keiner, wer Ludwig Erhard war. Auch ich nicht. Waigel sagte, weg mit Marx, her mit Ludwig Erhard. Das klang so lächerlich, wie weg mit dem Atlantik und her mit der Badewanne. Nun wollten sie das Kind mit dem Bade ausschütten.

Ähnliche Szenen spielten sich in meiner Heimatstadt ab. Auch dort wurde nun demonstriert, als eigentlich schon alles vorbei war. Man traf sich auf dem Weihnachtsmarkt. Nun wollte jeder Revolutionär sein, jeder einmal auf der Tribüne stehen. Die Gefahr war vorüber, also konnte man aufs Rednerpult und sein Zeug sagen. Schnell drückte man seinem Nachbarn die Bierflasche in die Hand und schon war man in Fahrt, seine Haßparolen loszuwerden. Oder man las seinen Wunschzettel vor, was man nicht alles haben möchte. Immer wieder wurden dieselben Losungen wiederholt, kaum einer konnte einen geraden Satz sagen, aber man war das Volk, was gab’s da auszusetzen? Wenn mal einer einen komplizierten Gedanken aussprach, ein Fremdwort benutzte oder sogar von einer historischen Chance sprach, dann wurde er gnadenlos ausgepfiffen. Und wehe, einer hatte eine Vergangenheit. Der alte FDJ-Sekretär wollte auch was sagen, aber man ließ ihn nicht zu Wort kommen. Ich schämte mich für diese Leute, mit denen ich nichts mehr gemeinsam hatte.

Wiedervereinigung hieß die neue Parole. Selbst die Initiatoren, selbst das Neue Forum, selbst Bärbel Bohley sagte, daß die Ausbeutung des Menschen und der Natur, wie im Westen betrieben, nicht unser Ziel sein konnte. Mit einem Anschluß hätte man sich bedingungslos ergeben. Im Grunde genommen war schon mit der Maueröffnung klar, daß die Sache vorbei war. Die ehrliche Freude der Menschen, die endlosen Trabischlangen, das Einhämmern auf die Mauer, all das war nicht mehr zu vergessen, es war zu verräterisch und kam zu tief aus der Volksseele. Wo aber war all das vorher? Für viele war dies ein Trauertag.

Ich schämte mich wie Sau, als die ersten Züge in den Westen fuhren, proppevoll. Sogar mein Vater fuhr mit; wie in der U-Bahn in Tokio mußten sie ihn von hinten reinstopfen. Dann standen sie wie die Ölsardinen und sangen Lieder, während sie in „die Freiheit“ fuhren. Wenig später war die Grenzstadt Hof genommen. Wilde Horden Ostdeutscher durchzogen das Zentrum, gafften in Schaufenster und kamen aus dem Staunen nicht mehr raus. Die meisten waren zu geizig, ihre hundert D-Mark Begrüßungsgeld auszugeben. Brotbüchse und Thermoskanne waren sicher dabei. Wer wollte denn schon für einen Kaffee oder ein Stück Kuchen zwei wertvolle D-Mark ausgeben? Einmal Gaststätte und ein halber Schatz wäre weg gewesen. Nee, nur mal gucken. Ein paar Kaugummis vielleicht, für die Kinder, ein paar Bananen und schon ging es zurück. Kein Wunder, daß die Wessis an der Grenze uns zu verabscheuen begannen. Die müssen gedacht haben, bei uns gäbe es gar nichts. Dabei fuhren die doch nur von einem Überfluß in einen noch viel größeren.

Der Traum von einer Revolution war ausgeträumt, denn natürlich handelte es sich nicht um eine Revolution im klassischen Sinne. Ihr fehlte die revolutionäre Kraft, die führende Partei. Alles verlief mehr oder weniger planlos und außerdem entstammte sie keinem Klassenkonflikt. Es war noch nicht mal eine Wende, denn dann hätte die DDR ja fortbestehen müssen. Es war nur ein ganz gewöhnlicher Aufstand. Sie wollten leben wie die Leute im Westen oder wie die Bonzen. Einmal hatte Harry Tisch sich im Fernsehen verplappert: Abends entspanne er gern vor der Röhre bei einer Büchse Bier. Büchse? Wo hatte er denn die her? Harry hatte also Westsachen. Das wollen wir auch.

Wenn überhaupt, dann war es eine Luxusrevolution. Das Leben in der DDR war nicht schlecht, es erschien nur so im großen Spiegel auf der westlichen Seite. Wenn man da hineinschaute, wurden Märchenwelten versprochen. Später kam bei vielen die Ernüchterung und sie waren enttäuscht. Bei mir war es umgekehrt; ich hatte erst die Enttäuschung und entdeckte später die Möglichkeiten einer neuen Freiheit. So hatte jeder was davon, was gewonnen und was verloren. Heute würde ich nicht mehr tauschen wollen, und doch denke ich gerne an die alten Zeiten zurück. Die wirklichen wichtigen Probleme haben wir noch immer nicht gelöst, sie liegen noch vor uns, solange, bis sie sich von selber lösen.

© Seidwalk

7 Gedanken zu “Die Wende von innen

  1. lynx schreibt:

    Schade. Was kann man tun gegen den Vorwurf des Triggerns und sich dennoch verteidigen? Wie angehen, gegen die Trigger „Hass“ und „Besserwessi“, wenn man doch nur versucht hat, eigene, authentische Erfahrungen (aus sehr jungen Jahren) zu vermitteln, freilich aus der anderen Position, das geht leider nicht anders, biographisch. (Neulich meinte jemand, wir hätten verlernt, Meinungsfreiheit als das anzuerkennen, was sie meint: die Meinung des Anderen gelten zu lassen; heute meinten wir damit: die Anderen müssen meiner Meinung zustimmen). Ist man ein Besserwessi, wenn man nichts verhübscht? Ist man ein „Besserossi“, wenn man Dinge verbrämt, die man selber über Bord geworfen hat, wenn auch etwas vorschnell vielleicht?

    Neulich war ich wieder ein paar Tage lang auf den Landstraßen in Sachsen-Anhalt unterwegs, meinen Wissensstand auffrischen. Das kommt immer wieder mal vor. Ich will sehen, was ist. Ich versuche zu verstehen. Manchmal fällt es mir schwer. Manchmal fällt es mir leicht. Manchmal fällt der Groschen, manchmal nicht. Dass eine faktenbasierte Zustandsbeschreibung wie die von Eppelmann (ob man ihn mag oder nicht, spielt keine Rolle) als „Meinung“ beschrieben wird, gehört in letzte Kategorie. Das Ergebnis der Volkskammerwahl kann man ja leicht nachlesen: https://de.wikipedia.org/wiki/Volkskammerwahl_1990#Ergebnis

    Einen alten Protestanten bringt solche „Immunität“ halt ein wenig auf die Palme. Geschenkt.
    Aber ich nage immer noch daran herum: wo liegt hier die Besserwisserei, wo der Hass? Ich habe in den letzten Tagen viel Geld liegen lassen, weil ich, anders als das Café in Ilmenau, einige gastliche Orte vorgefunden habe. Dort habe ich mich wohlgefühlt und regen Austausch gepflegt. An Orten, die die Besserwessis nicht mal kennen oder lieber meiden, weil nicht idyllisch genug, wo aber autochthones Leben keimt, das anknüpft an das, was da mal war und 40 verlorene Jahre – nicht vergessen macht, aber langsam überwindet. Es zieht mich dort hin, ich mag das – und ich ziehe keinerlei ökonomischen Nutzen oder sonstigen „Benefit“ daraus. (Die Schelte für die „verlorenen Jahre“ muss ich jetzt wieder einstecken: Meinungsfreiheit).

    Anfangs dachte ich mal, dies hier könnte ein Ort sein, wo man sich, über eigentlich unüberwindliche ideologische Gräben hinweg, solche Bälle zuspielt, in guter alter europäischer Tradition. Doch irgendwie scheint die Verhärtung gesiegt zu haben. Scheint es einen Zwang zur Akklamation zu geben, zum „Nach dem Munde reden“. (Das gilt freilich hüben wie drüben, links wie rechts, oben wie unten, schwarz wie weiß…) Schade.

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    • Genau das soll dieser Ort hier sein. Das H-Wort – ironisiert – bezog sich in erster Linie auf die nicht frei geschalteten Beiträge. Sie sollten auch Ihre eigenen (diesbezüglich relevanten) Texte mal lesen.

      Wie gesagt, man kann den Osten auch so erleben,wie Sie es beschreiben. Kein Problem. Dank sogar. Die kleinen eingebauten Giftpfeile werden locker weggesteckt.

      Es bringt auch nichts, sich gegenseitig Verhärtung vorzuwerfen – deswegen wurde ihr erster substantieller Beitrag seit der Trennung auch wieder frei gegeben. Aber wie gesagt: Diskussion über Diskussion nicht erwünscht. Diskussion über Thesen. Inhalte. Fakten. Begründungen. Herleitungen. Sichtweisen.

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    • Michael B. schreibt:

      > Dass eine faktenbasierte Zustandsbeschreibung wie die von Eppelmann (ob man ihn mag oder nicht, spielt keine Rolle) als „Meinung“ beschrieben wird, gehört in letzte Kategorie. Das Ergebnis der Volkskammerwahl kann man ja leicht nachlesen

      Ich habe versucht, zumindest anzudeuten, warum ich diese Wahlen fuer nicht in Eppelmanns Sinn interpretierbar halte. Zum Einen ist es der alte Spruch: „Wenn Wahlen etwas aendern wuerden, waeren sie verboten“. Fuer den ganz prinzipiellen Simulationscharakter westlicher Demokratie gibt es im Osten eine ganz gute Nase.
      Zum Zweiten ist es natuerlich so: Ein System in dem Sie Ihr ganzes Leben verbracht haben bricht weg und sie werden vor die Entscheidung gestellt, den Laden ganz allein nach ihren Vorstellungen selbst zu schmeissen, oder ein mehr oder weniger fremdes, aber auf den ersten Blick funktionierendes anderes Vorgehen zu verwenden. Das wird ihnen wie von jedem Teppichverkaeufer unter Zeitdruck und mit allen(!) diesem anderen System zur damaligen Zeit zur Verfuegung stehenden Mitteln ’nahegelegt‘, inklusive sofortiger umfassender Abwertung aller zarten Pflaenzchen an genannten eigenen Vorstellungen.

      Da wundern Sie sich? Die Gegenwart zeigt deutlich, gerade im Westen ist man nicht in der Lage kleinste notwendige Veraenderungen auch nur _innerhalb_ des gegenwaertigen Systems auch nur zu denken und faellt in beaengstigendem Umfang auf alte entkernte Leichen wie ‚Volksparteien‘ zurueck oder springt auf juengere demagogische Machwerke wie ‚die Gruenen‘ auf, nur um keine Verantwortung uebernehmen zu muessen. Dem ist naemlich so, trotz allem verbalen Getoese dahingehend, dass man gerade das tun wuerde. Man verschliesst die Augen fest vor den jedem denkenden Menschen offensichtlichen totalitaeren Verschiebungen und verweigert, Haltung zu zeigen. Das schliesst auch – wenigstens schweigende – Zustimmung zur Aburteilung jener ein, die das tun. Und Haltung ist ’nur‘ der erste Schritt.

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  2. Michael B. schreibt:

    > einfach so, frank und frei

    Ach Gottchen, haben diese verkniffenen Eben-noch-DDR-ler die frankfreie Lichtgestalt aus dem Westen nicht wuerdigen koennen und ihm auch noch die Unterkunft weggelogen (uebrigens Asphalt – damit waren Sie noch in erschlossenen Gebiet). Reisen bildet, da gibts andere Animositaeten, auch im Westen dieses Landes. Auch zwei Doerfer weiter. Fremdheit ist gerade zu Beginn oft die eigene Projektion.

    Waren Sie hier nicht schon einmal weg, lynx? Also, ich persoenlich halte mich an so etwas. Ich habe mich kuerzlich von ‚Sezession‘ abgemeldet, weil irgendwann die Erkenntnis nicht zu verdraengen ist, dass Diskussionen unter bestimmtem Publikum nichts bringen. Aber was soll es, auch dort gibt es staendige Widergaenger wie den ewigen Hausmeier und ich lese auch gelegentlich noch. Erfahrungsgemaess wird aber auch das nachlassen.

    Der Eppelmann hat seine Meinung, andere Leute haben andere. Die seidwalks beiden Artikeln zugrundeliegenden Dinge sind in dieser Hinsicht anders. Das macht ihren Kern aus. Wenn man also diesen adaequat diskutieren moechte, sollte man speziell im Fall von Kritik etwas mehr Substanz aufbieten koennen als ein paar fix vorgeschobene vorgebliche Ostautoritaeten. Im konkreten Fall kann ich mir nur sehr schwer den Erwerb einer solchen Substanz ohne signifikante Lebenserfahrung in diesem vergangenen System vorstellen. Insofern kann man von aussen spiegeln – das hat mitunter durchaus seinen eigenen Wert – aber speziell den dominierenden holzschnittartigen Fehltritten dieser Betrachtungsweisen ist mancher nun schon lange ueberdruessig.

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    • Lynx war weg, weil ich ihn nicht mehr frei geschaltet hatte – auch zum Selbstschutz, denn seine Beiträge wurden immer verbitterter und inhaltsleerer. Diesen habe ich nun frei gegeben, weil er eine genuine und in gewisser Weise typische Sicht auf die historischen Vorgänge aufzeigt. So kann man das erlebt haben. Sie sind das, was viele Ossis als die Arroganz der Wessis empfinden. Insofern sich selbst aussagender Lehrstoff – aber eben Realität und daher signifikant.

      Was ich aber nicht erneut zulassen werde, sind die alten nervigen Spiele des Triggerns und Gegentriggerns. Daher an alle Kommentatoren die Bitte – insbesondere an Lynx -, nicht weiter darauf einzugehen, den Beitrag als solchen zur Kenntnis zu nehmen und basta. Sofern Lynx substantiell etwas beizutragen hat – und sei es das Gegenteil – und es ihm gelingt, dabei seinen Haß – habe ich gerade „Haß“ gesagt? – herunterzuschlucken, kann er hier gerne wieder mitfunken. Substanz ist das Kriterium, das einzige. Und Stil auch noch.

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  3. Thomas Schubert schreibt:

    Man merkt dem Text trotz der Bearbeitung der Erinnerungen und Gefühle noch die Erschütterung an. In diesem Sinne ist er ein authentischer Text. Zu einem literarischen fehlt noch etwas von der sprachlichen und gedanklichen Finesse oder Schärfe, die Sidewalk gelegentlich aufblitzen lässt.
    Allerdings besteht das Problem bei der Darstellung der Ereignisse bereits darin, überhaupt etwas Allgemeines aus persönlicher Perspektive nicht nur zu sagen zu haben sondern dies auch sagen zu können. Das ist hier gelungen.
    Als Teil von etwas Größeren macht der Text jedenfalls Appetit auf das Ganze.
    Die Innenansichten eines Philosophiestudenten, der zu den letzten Jahrgängen in der DDR gehörte erscheinen mir, der im Oktober 1990 noch in der DDR zu studieren begann, als ein vielversprechendes Sujet.

    Einigermaßen bewegt saß ich an diesem 9. November am Frühstückstisch und las die Zeitung. Das Herz schlug schneller und gleichzeitig war mir, als müsste ich mich zwingen zu atmen.
    Selbst das Atmen war damals im Herbst nicht mehr selbstverständlich. Ich hielt die Luft an, zusammen mit der Geschichte und meinem Volk – bis zu dieser einen Nacht im November. Doch selbstverständlich sollte mir dann auf Jahre auch das Atmen nicht mehr sein.
    In Erinnerung an Chamisso, der wiederum auf das Jahr 1789 und folgende blickte, entstanden diese zwei Gedichte.

    Herbst und Frühling

    Der Lorbeer ist verdorrt,
    er wurde nie empfangen.
    Kein Sieg im Streit der Väter,
    der uns aufgetragen und versprochen war.
    Es erstarb der Krieg
    vor dem Opfer derer, die auf Frieden sannen.

    Zerstreut ist die verlorene Schaar.
    Edle leben – selbst im Spiegel unerkannt –
    in der Fremde ihres Tuns.
    Die Krone, die vergiftet war,
    ist das zu Staub zerfallne Zeichen
    ihres Ruhms.

    Wer vermag und wann mit Würde
    sie so zu tragen und von ihr zu lassen?
    Wer vermag im Dienst an sich
    seinen wahren Feind zu fassen?
    Wessen Verrat trägt die Bürde
    dieser letzten Tat?

    Epigramm I

    Zerschunden ist das Reich, das keines war/ verloren ist die Ehre, die erlogen und ohne Treu/ so stellt sich die Erinnrung mir/
    als reine Trauer dar/ und doch ist’s wahr/ dass ich mich freu.

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  4. lynx schreibt:

    Weil es um Spiegel oder Spiegelungen geht: Eine kurze Reise in die DDR, das Wochenende vor der Volkskammerwahl im März 1990. Auf der Landstraße durch den Thüringer Wald ohne anzuhalten. Erst in Ilmenau in ein Café, das ist voll. Die Sahne im Kuchen fühlt sich im Mund an wie Extruderschaum. Die Leute starren und tuscheln, blicken teilweise feindselig oder ängstlich, fühlen sich gestört von den Fremden, die es gewagt haben, einfach so, frank und frei, hier hereinzukommen, in das gewachsene Biotop. Schnell weiter. Irgendwann wird es Abend und dunkel. Die Landstraßen haben keine Begrenzungspfosten, schon gar keine reflektierenden. Ungewohnt schwieriges Navigieren in der Asphaltfurt. Die Suche nach einer Herberge. Es gibt keine und an den wenigen werden wir abgewiesen, man sei schon voll. Der Parkplatz freilich ist leer. Langes Umherirren, zur Not müssen wir halt zurück über die Grenze. Wir haben aber die Adresse eine Pfarrhauses dabei, dort können wir dann unterschlupfen und erfahren einen Abend lang sehr viel Neues.

    Am nächsten Tag kurz in Jena, vor dem Rathaus macht die FDP Wahlkampf, die Bundesbauministerin spricht, keine zehn Leute hören zu. Es ist feuchtkalt, niemanden interessiert’s. Bei dieser Wahl, erzählte Eppelmann neulich, hätten 85% für den Beitritt gestimmt, Hauptsache es geht schnell und das Westgeld kommt. Alles andere, insbesondere die ganzen Feinheiten von Marktwirtschaft, freier Gesellschaft usw. haben nicht interessiert, die Kohle musste her. Da feiert man natürlich den zuständigen Finanzminister, auch wenn man nicht unterscheiden kann, ob sein Dialekt nun bayerisch oder schwäbisch ist, Feinheiten eben. 

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