Meine Wende

Vor einigen Jahren schrieb ich ein Erinnerungsbuch. In ihm wollte ich eine ganz normale Kindheit – so auch der Untertitel – in der DDR beschreiben, eine Kindheit, wie sie wohl die meisten Menschen dieser Generation erfahren haben: weder im Opfer- noch im Tätermodus. Na klar, wir waren indoktriniert, man hat uns eine starke Identifikation mit diesem kleinen Land verordnet, wir sahen die Welt aus dieser Perspektive und es dauerte lange, sich eine Draufsicht zu erkämpfen. Daß Vieles im Argen lag, war den allermeisten bewußt. Man hatte vor allem zwei Möglichkeiten der Referenz: den Westen mit seinen materiellen Erfolgen und den weiteren partiellen Freiheiten oder aber die „Klassiker“, die weit ausgearbeitete Theorie, wie der Sozialismus zu sein habe. In beiden Hinsichten hatte die DDR versagt.
Nachfolgend ein kleiner Ausschnitt aus besagtem Erinnerungsbuch – das noch immer in der Schublade liegt. Es beschreibt die Wendezeit aus der Sicht eines jungen, naiven Studenten.

Die eine Hälfte unseres Studiums absolvierten wir in der DDR, die andere in der BRD. Genau in der Mitte lag der Bruch. Auch der Marxismus-Leninismus hatte plötzlich ein Legitimationsproblem – so hieß das jetzt. Vorher hätten wir von „Rechenschaft“ gesprochen. Die Lehre von Marx ist allmächtig, hatte Lenin mal gesagt, weil sie wahr sei. Besser hätte ich es auch nicht sagen können. Aber nun sollte das alles vorbei sein, von heute auf morgen war sie weder allmächtig noch wahr? Das ging mir zu schnell.

Auch die Entscheidungen, die wir nun zu treffen hatten, schienen mir etwas überhastet. Man sollte sich ein neues Fach wählen, wenn man denn weiterstudieren wollte.  Viele entschieden sich für Deutsch – daran konnte ja nichts Schlechtes sein. Goethe war im Osten und im Westen eine Größe und Böll schrieb auch ganz gute Bücher.

Trotzdem mußte man sich ganz schön verbiegen: Gerade eben waren wir noch bereit, die Parteipolitik zu verteidigen und fast über Nacht sollte diese Partei nun der Inbegriff des Bösen geworden sein. Mir gefiel das nicht und ich dachte ernsthaft daran, das Studium zu schmeißen. Aber es war in diesem aufgewühlten Ozean an Veränderungen die einzige Planke, an die man sich klammern konnte. Einfach loslassen? Was sollte aus einem werden?

Das war ein vollkommen neues Gefühl, keine Absicherung mehr zu haben, keine feste Zukunft. Es hatte was Befreiendes an sich, dieses Gefühl, aber zuerst empfand man es nur als Angst und Sorge. Zuerst sieht man, was man verliert, die so genannten Errungenschaften, und erst später, wenn das Leben weitergeht, begreift man den Gewinn.

Es war die aufregendste Zeit, die man sich denken kann, die Wende und alles, was davor lag. Gorbatschow hatte ja schon seit einigen Jahren die Gemüter aufgewühlt. „Perestroika“ hieß nun das Zauberwort. Wir waren es nicht gewohnt, an den Worten des Vorsitzenden der KPdSU zu zweifeln.

Anders war es mit orakelnden Stimmen aus dem Westen. Andreas, mein Parteigruppenfreund, brachte einmal ein Buch von Zbigniew Brzezinski an, dem Sicherheitsberater des US-Präsidenten. Es steckte voller Diffamierungen und prophezeite den baldigen Untergang des Sozialismus. Ha, der hatte doch keine Ahnung, dieser alte Revanchist. Über solchen Schund mußte man gar nicht ernsthaft diskutieren. Einer brachte Gorbatschows „Perestroika“ mit, auch aus dem Westen, wo das Buch ein Jahr eher erschien. Rot war sein Umschlag. Später brachte es der Parteiverlag Dietz unter dem verführerischen Titel „Umgestaltung und neues Leben für unser Land und für die ganze Welt“ heraus. Das änderte aber nichts am brisanten Inhalt.

Trotzdem konnte jeder darin finden, was er wollte. Gorbis Aussage, daß die Perestroika fortgesetzter Leninismus sei, stellte für mich lange den Rettungsanker dar. Er verglich den Prozeß mit Lenins Neuer Ökonomischer Politik. Damals hatte Lenin kontrolliert kapitalistische Methoden zugelassen, um die größte Not zu lindern. Es war alles nur ein Mittel zum Zweck und so wollten das jetzt auch viele sehen. Andere nahmen darin die totale Umkremplung wahr. Es gab endlose Diskussionen, in der Seminargruppe, der FDJ-Gruppe, der Parteigruppe, überall, auch im Wohnheim auf den Treppen. Was für eine lebhafte Zeit. Niemanden gab es, der sich ausschloß, jede Meinung war gefragt. Gelangte man an die Grenzen seiner Erkenntnis, so wurde nachgelesen und dann von vorne diskutiert. Jeder wußte, daß etwas passieren mußte, aber als es dann passierte und wie es geschah, da war es trotzdem unerwartet und schockierend.

Kuczynski kam an die Hochschule. Er war die graue Eminenz des parteiinternen Dialoges. Man achtete ihn hoch, denn er scheute nicht davor zurück, auch den Parteioberen mal die Meinung zu geigen und wo etwas schief lief, dort zeigte er mit dem Finger drauf. Er war so alt, berühmt und weise, daß ihm keiner mehr am Zeug flicken konnte. Sein Buch „Dialog mit meinem Urenkel“ war eine Zeit lang das Aufrührerischste, was man offiziell bekommen konnte. Er sprach mir aus dem Herzen, wenn er sagte, daß alles, was einem an Ärgerlichkeiten und Mängeln begegnete, nichts mit dem sozialistischen Gesellschaftssystem zu tun habe, sondern mit Schwächen und Fehlern von Menschen. Und diese Schwächen sah er oft eher in den oberen Rängen als bei den einfachen Leuten. Das war schon mutig. Vor allem imponierte mir folgender Satz: Ich bin nicht Kommunist geworden, um es besser zu haben, sondern um eine bessere Welt schaffen zu helfen. Das war’s, Mensch!

Nun saß er da vorn, Jürgen Kuczynski, in der vollkommen überfüllten Aula, der uralte Mann, und lächelte in die Menge. Er trug einen makellosen Anzug und sogar eine seidene Weste drunter, wie ein alter Bourgeois. Es fehlte nur noch die Zigarre. Dicke Tränensäcke hingen ihm bis zu den Mundwinkeln. Sichtlich genoß er seinen Ruhm. Gab es da etwa doch ein bißchen Eitelkeit? Mit brüchiger Stimme hielt er einen kurzen Vortrag, danach wollte er Fragen beantworten. Aber er war schon schwerhörig und verstand immer nur die Hälfte. Manchmal mußte jemand am Präsidiumstisch ihm die Frage noch einmal ins Ohr brüllen. Trotzdem erzählte er von ganz anderen Dingen. Schließlich kam ich an die Reihe und fragte ihn zur Rolle des Leninismus in der Perestroika und was Lenin wohl dazu gedacht hätte. Er lächelte verständnisvoll und begann ein paar Anekdoten aus Lenins Leben zu erzählen; sein Vater hatte ihn sogar einmal persönlich gesprochen. Dabei sagte er immer Lhenien, mit ganz kurzem e und langem i. So mußte das wohl Russisch klingen, denn natürlich konnte Kuczynski Russisch. Aber meine Frage, die ich für die Zentralfrage hielt, hatte er leider nicht verstanden. Bald wurde er müde und seine Antworten wurden immer kürzer, auch wiederholte er sich oft. Ein klein wenig waren wir von ihm enttäuscht, aber es tat trotzdem gut, diesen letzten Gelehrten des Ostens gesehen zu haben. Er konnte friedlich in seinem alten Glauben sterben.

Wir waren nicht so glücklich. Unsere Ikonen zerbröckelten vor unseren Augen, eine nach der anderen. Da war zum Beispiel Thälmann. Für mich bedeutete er nie so viel, denn er war kein Kopf, nur Faust. Thälmann war im Grunde seines Herzens ein einfacher Arbeiter, der es zum Politiker und Agitatoren schaffte. Man konnte von ihm nichts lesen, man hörte nur Geschichten über ihn. Eine, die ich als Kind kennen lernte, erzählte davon, wie der kleine Thälmann, der Schüler Thälmann, seine Mutter bat, doch eine Scheibe Wurst mehr aufs Frühstücksbrot zu legen. Die verschenkte er dann an ein hungerndes Arbeiterkind. Als Vater rettete er später einmal seine Kinder. Faschisten hatten eine Handgranate durchs Schlafzimmer geworfen, wo die Kleinen schliefen, aber Thälmann faßte sie mutig und warf sie in letzter Sekunde zurück. Dann landete er im Gefängnis, für elf lange Jahre. Die ideale Märtyrergestalt für die kommunistische Bewegung.

Nun aber erfuhr man andere Dinge, von seiner Unterordnung unter Stalin und der Durchsetzung des zentralistischen Systems. Auch als Person büßte er viel ein, ich weiß nicht mehr, was er alles anstellte. Damals aber, nach der Wende, verschlangen wir diese Neuigkeiten. Nicht alle waren so gut informiert wie wir, wie zum Beispiel die junge Dozentin für deutsche Literatur. Für sie war Thälmann noch immer wie eine Vaterfigur, bis zu diesem Seminar. In ihm zerstörten wir ihr Ideal, ließen sie alles über Thälmann wissen. Ungelogen, sie riß ungläubig die Augen auf, saß mit offenem Mund und ließ danach den Kopf auf die Tischplatte sinken und weinte. Vor versammelter Klasse. So kann es gehen, wenn Ideale zerstört werden.

Mir wäre es vielleicht ähnlich ergangen, wenn ich all die Schauergeschichten über Lenin geglaubt hätte. Massenerschießungen? Und selbst wenn, dafür muß es Gründe gegeben haben. Es war doch Krieg, oder? Stalin konnte man so etwas zutrauen, aber nicht Lenin. Zu dieser Zeit las ich auch Stalins Gesammelte Werke. Das war aber gar nicht zu vergleichen. Stalin war kein Denker, das war doch ein Priester und der übelsten Sorte dazu. Rein primitiv, verglichen mit den Klassikern. Ich schrieb einen Artikel über Lenin und Stalin und hängte ihn an der Wandtafel in der Schule aus. Darin sollte das zwiespältige Verhältnis der beiden dargestellt werden und der Nachweis erbracht, daß sich Lenin von Stalin distanzierte, je besser er ihn kennen lernte. Dazu machte ich alle Stellen ausfindig, in denen Lenin über Stalin sprach – eine Wahnsinnsarbeit. Das Ergebnis war eindeutig: Den einen können wir über Bord werfen, am anderen müssen wir festhalten, wie von Gorbi versprochen. Diesen Artikel sandte ich sogar ans „Neue Deutschland“ und man versprach mir, ihn demnächst zu bringen, in der freitäglichen Kulturbeilage. Der versprochene Termin verstrich ohne den Artikel, aber eine Woche drauf widmete ein Historiker, Doktor aus Berlin, sich der Frage. Ganze Abschnitte seines Artikels waren von meinem wortwörtlich abgepinselt. Sollte ich erbost oder stolz sein? Ich entschied mich für Letzteres.

Wenig später hing ein weiterer Artikel von mir an der roten Wandtafel. In ihm ging es um die Reinigung der Partei. Dafür hatte ja schon Lenin in seinen späten Schriften plädiert. Band 33, mein Lieblingsband. Rote, blaue und schwarze Striche zeugten von intensivster Lektüre. Genüßlich zitierte ich: Daß wir an die 100 000 aus unserer Partei entfernen werden – die sich in die Partei eingeschlichen haben und die nicht nur nicht verstehen, gegen Schlendrian und Bestechlichkeit zu kämpfen, sondern den Kampf dagegen behindern. Manche sprechen von 200 000, und die so sprechen, gefallen mir besser. Das war der Punkt. Man mußte endlich die Partei säubern und all die Mitläufer und Opportunisten loswerden.

Das war meine Rede seit Jahren. Nun hieß das freilich Eulen nach Athen tragen, denn die Partei war sowieso in der Auflösung begriffen und in Massen wurde sie verlassen, auch von denen, die darin nun keinen Vorteil mehr sehen konnten. Mit diesem Artikel machte ich mir endlich einen Namen an der Hochschule und wurde sogar als Delegierter für den Parteitag der SED vorgeschlagen. Auf ihm sollte sich die Partei den neuen Namen geben: SED-PDS. Alle Kandidaten hielten in der Aula eine Rede, in der sie ihre Ideen vorstellen sollten. Meine war klar: Besinnung auf Marx, Engels und Lenin. Ich spickte sie mit unzähligen Zitaten, man sollte ruhig wissen, daß ich wußte, wovon ich sprach. Nach dieser feurigen Ansprache erhielt ich viel Beifall, aber bei der Abstimmung fielen nur fünf Stimmen auf mich. Gewonnen hatte unser Parteisekretär, ein junger dynamischer Typ mit eher sozialdemokratischen Ideen. Keine Klassiker also? Hmm, darüber mußte man nachdenken.

Auf dem Parteitag hatte dann jeder nur fünf Minuten Redezeit. Alles wurde live im DDR-Fernsehen übertragen, wir schauten gebannt zu, wie bei einem Länderspiel. Es ging chaotisch und emotional zu. Auch unser Parteisekretär hielt eine Rede, eine von Dutzenden, und wurde nach exakt fünf Minuten vom Präsidium unterbrochen: Genosse, deine Zeit ist abgelaufen. Weise Worte.

Kurz darauf gab es schon die ersten Wahlen. Andreas und ich wollten Plakate kleben. Er wurde so was wie mein Schüler oder Anhänger. Zwar studierte auch er fleißig die dicken philosophischen Wälzer, aber es fiel ihm schwer, sie zu verstehen. Mir auch, nur merkte man mir das nicht so deutlich an. Also fragte er mich oft über theoretische Sachen und wir diskutierten nächtelang, auch mit anderen.

Wir ließen uns Marxbärte wachsen. Mit Andreas’ Bart konnte ich nicht mithalten, aber er hatte ein anderes Problem: Sein Unterleib. Die Hälfte seiner revolutionären Energie ging in zahllosen Paarungsversuchen mit allen möglichen Mädchen verloren. Dabei war er nicht einmal besonders erfolgreich, viel zu direkt und aufdringlich. Nein, ein richtiger Revolutionär mußte das im Griff haben, dann klappte es auch besser, fast automatisch sozusagen. Wenn es was zu tun gab, dann packte er aber kräftig mit an. Und jetzt hieß es Plakate kleben. In der ganzen Stadt, im ganzen Land tauchten mit einem Mal eine Unmenge an Plakaten und Graffiti auf, oftmals mit bösen Angriffen auf die PDS. Es wäre glatter Selbstmord gewesen, bei hellichtem Tage eine Aktion zu starten, also mußten wir heimlich und des Nachts los. Wie damals die alten Antifaschisten. Die riskierten auch Kopf und Kragen, um ihr „Wer Hitler wählt, wählt Krieg“ oder „Wählt Thälmann“ an die Wände zu kleistern. Am nächsten Tag war das meistens gleich wieder verschwunden. Jemand hatte es abgerissen, oder die Polizei ließ es übermalen. Uns drohte nun ein ähnliches Schicksal. Ein PDS-Plakat überlebte in der Regel keine Viertelstunde, es sei denn, es blieb unerreichbar. Trotzdem mußte es jeder sehen können, sonst hatte es ja keinen Sinn. Also irgendwo im Zentrum. Unser Blick fiel auf die Fußgängerbrücke an der „Blechbüchse“ – so hieß das zentrale Kaufhaus in Leipzig, das ganz in silbrigem Blech verkleidet war. Dort fuhren täglich hunderttausend Menschen vorbei; der ideale Ort. Also kletterten wir nachts gegen drei über das Geländer, hangelten uns zwischen den Überleitungen durch und klebten schnell unsere Plakate. Das mit den Leitungen war lebensgefährlich und auch so war es eine schwierige Aktion, sich mit einer Hand am Geländer festhalten und mit der anderen unter sich die Plakate ankleben. Aber es lohnte, sie riefen viele Tage frech dazu auf, Deutschlands meistgehaßte Partei zu wählen. Nur den obersten Rand hatte jemand abgerissen; dazu muß er sich sogar auf den Bauch gelegt haben. Manche Leute schreckten eben vor nichts zurück, in ihrem blinden Fanatismus.

Es ließ sich nicht vermeiden, auch wir entfernten uns immer mehr von der PDS. Immer wieder gab es ellenlange und sinnlose Diskussionen mit uralten Genossen, die ihren verinnerlichten Stalinismus einfach nicht mehr ablegen konnten. Viele von ihnen gingen ja freiwillig, aber diejenigen, die blieben, waren wie ein Klotz am Bein. Und unter den jungen gab es tausend verschiedene Meinungen, auch schwer unter einen Hut zu bringen. Es dämmerte uns langsam: Damit war kein Staat mehr zu machen.

Andreas und ich schlossen uns für ein paar Wochen einer kleinen Splittergruppe an. Marxistische Gruppe nannte sie sich und hatte wohl um die hundert Mitglieder. Vor allem ein junges blondes Mädel hatte es mir angetan, blitzgescheit, radikal und hübsch. Sie schwärmte ständig für den Palästinensischen Widerstandskampf und trug ein großes Palästinensertuch. Als es ihr in der Gruppe zu langweilig wurde, wollte sie nach Afghanistan gehen und den Rebellen helfen. Oder war es Kurdistan? Dafür begann sie sogar Persisch zu lernen. Das ging denn doch zu weit. Wie stellte sie sich das vor, als blondes Mädchen zwischen diesen dunklen bärtigen Männern? Aber so war die Marxistische Gruppe: lauter Spinner, irgendwelche Flausen im Kopf. Es gab sogar ein paar Trotzkisten, die uns mit entsprechender Literatur überschütteten. Anfangs war das alles neu, aber bei Lichte betrachtet doch eher unbrauchbar. Trotzki selbst konnte begeistern, aber die ganze Trotzkistische Internationale war doch nur ein Witz.

Manch einer aus der Marxistischen Gruppe schaffte es aber trotzdem, es im Leben zu was zu bringen. Einer wurde wenig später Landtagsabgeordneter für die PDS und strich 7000 Mark im Monat ein. Seine langen Haare hatte er dafür geopfert und auch die Jeans und die Kutte gegen einen feinen Anzug eingetauscht.

Mit einigen Freunden fuhren wir in den Westen zu einer Art Konferenz. Eine Gruppe Linker, fast alle SPDler, irgendwo in Hessen, hatten eingeladen, die Geschichte der KPD und anderer linker Parteien während der Weimarer Republik zu diskutieren. Wieder tauchte Trotzki auf. Andere Namen waren uns fast neu, Namen wie August Thalheimer, Ruth Fischer oder Heinrich Brandler, oppositionelle oder radikale Kommunisten, die der Thälmann’schen Linie nicht gefolgt waren. In unseren Geschichtsbüchern gab es diese Namen nicht. Dabei hatten sie oft die besseren Ideen. Das war ein bißchen wie eine Offenbarung. Man mußte also doch die Geschichte besser kennen, um sich positionieren zu können.

Dann fuhr uns einer der hessischen Genossen in seinem großen roten Auto ins Restaurant. Zum Italiener, sagte er, ganz nebenbei, als sei das die normalste Sache der Welt. Im Osten gab es so was nicht, nur in Berlin wohl und ein japanisches Restaurant in Gera; man mußte sich monatelang vorher anmelden und zelebrierte ein Essen dort wie eine Fernostreise. Zum Italiener oder zum Chinesen hieß es nun. Daran mußte man sich erst gewöhnen. Es klang doch verdächtig abfällig in unseren Ohren. Sprechen so Genossen? Ist das noch Internationalismus? Schnell wechselte das Thema im Wagen. Er sagte „Wagen“ und nicht „Auto“. Ach so? Audi? So und so viel PS und Hubraum und Pipapo. Ich verstand davon nichts. Und was haste dafür bezahlt? Das Auto ist geleast. Gewas? Geleast. Das war uns neu, ein Auto haben, ohne es zu haben. Nun erklärte er uns, was leasen war. Noch eine Offenbarung.

Am nächsten Morgen ging die Diskussion weiter. Eine Genossin reichte einen Artikel Thalheimers rum. Hochinteressant. Ich fragte sie, ob ich den mal kurz behalten könnte, zum Abschreiben oder Konspektieren. Sie schaute mich mit großen Augen an, nahm den Artikel und sagte nur: Warte mal. Nach fünf Minuten kam sie wieder und überreichte jedem von uns einen dicken Stapel Papier, Thalheimers Artikel und noch einige andere Materialien. Ich verstand nicht. Hattest du die noch mal? Nee, die hab ich kopiert. Kopiert? Sie zeigte uns die Maschine, auf die ich starrte wie die Kuh ins Uhrwerk. Da sah ich zum ersten Mal in meinem Leben einen Kopierapparat und war ein bißchen für den Westen gewonnen.

© Seidwalk

6 Gedanken zu “Meine Wende

  1. JJA schreibt:

    Vielen Dank für Ihre Schilderungen, das ist für die Nachgeborenen sehr wertvoll. Ich stamme aus dem katholischen Milieu Ostdeutschlands, es gibt demnach in meiner Familie niemanden mit dem, was sie die „normale“ Perspektive nennen: Menschen, die doch zumindest von der Ideologie des Staates überzeugt waren. Studieren durfte daher niemand, mit einer einzigen Ausnahme, aber dieses Chemiestudium wurde wegen der allzu penetranten Politisierung abgebrochen. (Von einer Opferperspektive würde ich in diesen Fällen dennoch nur eingeschränkt sprechen. Eine echte Verfolgungssituation gab es in anderen sozialistischen Ländern, aber nicht in der DDR.)

    Ich habe erst 2016 die erste Person kennengelernt, die frank und frei zugab, der DDR-Propaganda weitgehend geglaubt zu haben. Berlinerin, sie wollte nach dem Mauerfall erst garnicht in den „versifften Westen“…

    Also, wenn Sie einen entsprechenden Verlag finden (wobei ich vermute, dass einer Publikation in den wirklich großen Verlagen mindestens dieser Blog im Wege stehen würde) – ich wäre sehr interessiert.

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    • @ JJA
      Vielen Dank! Bekannter von mir stammte aus dem Eichsfeld. Wurde nach einem halben Jahr aus dem Militärdienst entlassen, weil „man“ sich dessen bewußt wurde und weil es natürlich Westverwandtschaft gab. Wir haben ihn alle beneidet! Vorteil durch Nachteil. Soweit ich weiß, begann er unmittelbar danach ein naturwissenschaftliches Studium, war uns also zweieinhalb Jahre voraus (ich würde die Armeezeit umgekehrt nicht missen wollen). Eine Opfergeschichte. Soll natürlich nicht heißen, daß es der Mehrzahl der Katholiken ähnlich glücklich erging.

      Man muß sich einfach die Individualschicksale anhören und dann wird man merken, daß die Geschichte wesentlich verwickelter ist, als heutzutage dargestellt, daß Pauschalurteile wenig Sinn ergeben. Die DDR war ein eigener Kontinent, innen wie außen.

      Frank und frei habe ich der Propaganda nicht geglaubt aber ich könnte auch nicht behaupten – wie Vera Lengsfeld dieser Tage schrieb – zum glücklichsten Volk der Welt gehört zu haben, als „die Mauer fiel“ – was sie ja nicht tat.

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  2. Michael B. schreibt:

    > Apriori des Außergeöhnlichen: es melden sich fast nur Opfer oder Täter zu Wort und die große Menge der ganz normalen Menschen, die weder das eine noch das andere waren, haben keine Stimme.

    Manchmal muss man auch bei denen nur etwas nachbohren. Ich hatte sicher auch nur ein ‚kleines Leben‘, aber wenn ich so zaehle:

    – kein Abitur ueber EOS (das Gymnasiumpendant des DDR-Schulsystems) wegen eines Jugendstreiches (dummerweise um Hitlers Geburtstag herum und damit – obwohl irrelevant – politisch ‚eingeordnet‘)
    – also einen praktischen Beruf gelernt und Jahre darin gearbeitet – sehr nuetzlich in vielerlei Hinsicht
    – Abitur dann auf Abendschule – ebenfalls nuetzlich, schon wegen der Auslese meiner Mitstreiter dort (inklusive vieler Lehrer), die natuerlich oft auch aehnliche Geschichten hatten
    – Androhung von Schwedt (einem Militaergefaengnis) waehrend des Dienstes bei der NVA. Ironischerweise durch einen Stasioffizier verhindert.
    – Erstbewerbung zum Maschinenbaustudium wegen Austritts aus der FDJ abgelehnt – aber man musste eine ‚Umlenkung‘ anbieten, was etwas paradoxerweise zum im Ende sicher viel befriedigerenden Mathematikstudium fuehrte (mir faellt auf – wieder koennte man sagen: Ironischerweise. Die Wege in der DDR entwickelten manchmal eine besondere Eigendynamik)
    – zweimal drohender Studienabbruch, einmal durch den anderenorts erwaehnten ML-Professor, einmal als Folge der Nichtteilnahme an Wahlen. Da war es dann allerdings 5 vor 12 und das entfiel.

    Aber ja, gerade das Einbringen der stummen Masse braechte viel – oder haette es frueher gebracht. Schon die Beurteilung der angeblich in der Bevoelkerung bedingungslosen Befuerwortung des Westanschlusses wuerde sich sehr relativieren. Wahlen z.B. sind keine Aussage, speziell wenn man keine freien Wahlen kennt. Heute uebrigens aus dem Grund nicht, weil die Koepfe nicht frei sind. Die DDR-Verantwortlichen wuerden nur staunen, was moeglich ist.

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    • @ Michael B.
      Genau das ist es. Es könnte vermutlich auch Ihre Geschichte sein und natürlich kann man auch den Standpunkt vertreten, wir alle wären Opfer und/oder Täter gewesen.

      Ich meinte unter diesen Zuschreibungen natürlich nur die wirklichen historischen Akteure auf beiden Seiten. Niemand ist in der DDR ungeschoren davon gekommen, niemand ist ungeprägt geblieben, aber es ist nun mal ein Unterschied, ob jemand aktiv und nach bewußtem Gewissensentscheid diesen oder jenen Weg gegangen ist oder ob man seine eigene „Geworfenheit“ einfach affirmativ gelebt hat. Auch sind viele systemische Entscheidungen subjektiv beeinflußt worden (Ihr Stasioffizier – habe Ähnliches erlebt).

      Um diese Differenzierungen geht es, um das Auflösen des Gesamturteils durch Darlegung eines anderen Einzelschicksals, eines, wie es Millionen gegeben haben dürfte, mehr zumindest als die Opfer/Täterbiographien … die selbstverständlich enorm bedeutsam waren udn aufgeklärt gehören.

      Letzte Woche war ich in Berlin an der Mauergedenkstätte. Dort werden die Todesopfer an der Mauer geehrt. Aber es wird kein Unterschied gemacht, ob jemand erschossen wurde oder ob er aus dem Fenster sprang oder mit dem Ballon abstürzte ob er als Baby von der eigenen Mutter erstickt wurde, weil sie sein Schreien verhindern wollte. Auch werden zu Tode gekommene Grenzsoldaten nicht erwähnt … das war ein typisches Bsp. der Entdifferenzierung vor dem Narrativ der „DDR als Unrechtsstaat“. Wohin diese starre Sichtweise führt, kann man einmal mehr bei Posener studieren.

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  3. Die Schublade ist ja eigentlich zu schade dafür. Ist das Buch unfertig oder bedarf es noch zu sehr der Korrektur? In mir jedenfalls hätten Sie einen Käufer und Leser, und sei es nur als „PoD“.
    Etwas literarischer, aber dennoch für mich sehr sehr aufschlußreich war das Buch von Peter Richter: „89/90“. Auch er berichtet von verwirrten, heimatlosen Gestalten, seinen Lehrern etwa; aber auch – und das hatte ich so noch nicht gewußt (Ihnen hingegen natürlich nur zu ungut bekannt) – vom schon damals vorhandenen echt braunen Bodensatz, von den bereits damals stattfindenden Kämpfen zwischen Neonazis und Antifa. Es liest sich gut, ich kann das nur empfehlen.

    Seidwalk: Das Buch ist komplett fertig und durchkorrigiert. Daß es in der Schublade liegt, hat marktwirtschaftliche Ursachen. Selbstverständlich kommt auch das Problem des partiellen Rechtsradikalismus zur Sprache – neben einigen anderen Subkulturen.

    Kurt Droffe: Beim Crowdfunding wäre ich dabei. 😉

    Seidwalk: Geld spielt keine Rolle 😉 Die Schwierigkeit ist es, einen brauchbaren Verlag zu finden. Selbstverlag o.ä. kommt nicht in Frage – dazu ist der Text zu empfindlich.

    Pérégrinateur: Zu empfindlich, also müssen fremde Hände ran? Diese Begründung verstehe ich nicht.

    Seidwalk: Die Geschichte ist wie sie ist. Dadurch auch sehr persönlich. Es mag Verletzungen geben, trotz Verfremdungen. So was gibt man nicht einfach frei für nichts, denn diejenigen, die sich getroffen fühlen könnten, würden es ohnehin lesen – mit offenem Ausgang. Man riskiert nicht einfach sein Umfeld, man macht sich nicht öffentlich angreifbar ohne Not oder wenigstens Gewinn im Sinne des Utilitarismus. Andererseits: die Grundaussage des Textes würde dies ab einer gewissen Verbreitung rechtfertigen, weil es eine weitgehend ungesehene Facette des Alltagslebens in der DDR sichtbar machen würde. Der Text hatte die Aufgabe, im Besonderen das Typische herauszuarbeiten – meist ironisch gebrochen durch die Perspektive des Naiven oder des „falschen Bewußtseins“. Schon bei anderen Arbeiten hatte ich immer wieder die Erfahrung gemacht, daß Leute sich darin spiegeln und wiederzuerkennen meinen und dann natürlich immer schlecht und ungerecht – selbst bei komplett theoretischen Texten kann das passieren. Man muß dann z.T. lange rudern, um den irrigen Verdacht aus der Welt zu schaffen – hier wäre er berechtigt. Das ist ein guter Grund, von Veröffentlichungen gänzlich abzusehen. Übrigens hat auch dieser Blog Auswirkungen auf privater Ebene …

    Man muß also abwägen zwischen Nutzen und potentiellem Schaden.

    Die DDR-Aufarbeitungsliteratur aller Genre krankt unter dem Apriori des Außergeöhnlichen: es melden sich fast nur Opfer oder Täter zu Wort und die große Menge der ganz normalen Menschen, die weder das eine noch das andere waren, haben keine Stimme.

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    • Pérégrinateur schreibt:

      Sie streben also eine Verlagsveröffentlichung unter Pseudonym an, damit nicht, wie im Selbstverlag unvermeidlich, ein Faden zu Ihnen zurückführt? Völlige Anonymisierung der Beteiligten dürfte aber mit sehr genauer Schilderung von Situationen kaum vereinbar sein. Sie würden also auch dann allein die Lauernden auf der Spur des Autorennamens mit einiger Wahrscheinlichkeit schonen. Die Welt ist aber klein.

      Seidwalk: Nein. Ich würde diese Dinge veröffentlichen – unter Klarnamen – wenn das damit verbundene Risiko – die Beeinträchtigung einiger sozialer Kontakte – durch eine gewisse Verbreitung des Wissenswerten gerechtfertigt wäre. Natürlich will ich nicht die Peinlichkeiten und das Fehlverhalten anderer Leute und meiner selbst öffentlich machen, sondern, wie gesagt, das Typische des Unauffälligen, Normalen, Alltäglichen. Beides ist aber nicht zu trennen. Es ist nicht möglich, ohne einigen Leuten nahe zu treten. Die würden sich zwangsläufig wiedererkennen.

      Eine pseudonyme Veröffentlichung wäre zwar wünschenswert, weil es eben nicht um die konkreten Personen geht, aber seriöse Verlage mögen das nicht, wenn es keinen wirklich dramatischen Grund gibt: Gefährdung, Berühmtheiten, Geheimnisverrat oder auch Publicity etc.

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