Budapest als Stadt

Budapester Impressionen IX

Nach dreiwöchigem intensivem und nahezu ungestörtem Kontakt mit dieser Stadt ist man vielleicht berechtigt, ein Urteil über sie zu fällen – vielleicht aber auch nicht.

Sie macht jedenfalls – nachdem die erste Überwältigung, mit der jede Großstadt ihre Besucher empfängt, überwunden war –, einen überblickbaren Eindruck, anders als die molochartigen Metropolen wie Berlin, London oder gar New York. Das beste Indiz dafür ist der Blick in die Ferne, ins Grüne, ins Nichtstädtische und den hat man hier von fast überall und wenn er doch einmal verhindert ist, so ist der nächste Park nicht weit.

Auch das U-Bahn-Netz ist schnell verinnerlicht. Schon nach wenigen Tagen kann sich der Reisende auf seine Intuition verlassen, vorausgesetzt er behält ein paar grundsätzliche Koordinaten im Kopf. Es gibt gerade mal vier Linien und mit keiner dürfte man länger als 30 Minuten von einem zum anderen Ende benötigen. Sie sind die Hauptschlagadern. Von ihren Knotenpunkten führt ein engmaschiges Netz an Straßenbahnen und Bussen in fast alle Winkel der Stadt.

Der Nahverkehr läuft wie geschmiert, die Züge sind so pünktlich wie das unausrottbare Klischee der deutschen Bahn. In der Hauptverkehrszeit fahren sie alle zweieinhalb Minuten ein. Dann sind sie natürlich voll, relativ, aber noch immer leer, relativ, wenn man sie mit anderen Hauptstädten vergleicht.

Auch die Busse und Straßenbahnen kommen mit großer Regelmäßigkeit und Geschwindigkeit und hat man mal einen verpaßt, so biegt der nächste meist bald um die Ecke. Ist tatsächlich mal einer sehr voll, dann wartet man am besten den nächsten ab, denn meist hat sich der erste dann ein wenig verspätet und holt damit mehr Menschen ab, wohingegen der zweite zu diesem auffahren konnte und folglich leer bleibt. Kurz und gut: ich mußte in den drei Wochen nie länger als vier oder fünf Minuten warten, meist weniger, und nur am Wochenende, wenn der Rhythmus deutlich verlangsamt wird, kann man auch mal die zehn Minuten Wartezeit streifen.

Durch meine diversen interessanten Erlebnisse in anderen Städten sensibilisiert, spielt das Thema Sicherheit im öffentlichen Verkehr eine besonders wichtige Rolle. Es braucht eigentlich nur einen kurzen Blick, um hier ein Wohlfühlempfinden zu bekommen. Zuletzt war ich in Berlin in verschiedenen S- und U-Bahnen unterwegs und jede zweite Fahrt empfand ich als unangenehm oder sogar bedrohlich. Auf dem Bahnsteig und im Waggon scanne ich immer aufmerksam alles ab und suche einen vermeintlich sicheren Platz, was leider nicht immer gelingt. Oft steigt man dann erleichtert und mit erhöhtem  Herzschlag aus.

Warum ist das hier nicht so? Nun, es beginnt mit der Sauberkeit und mit der Räumlichkeit. Die Bahnsteige sind blitzsauber, ohne daß man jemals jemanden wischen oder kehren sieht. Es gibt keine Graffiti und keine sonstigen beschmierten Stellen. Hier und da hat jemand Aufkleber verteilt, aber andere haben ebenso versucht, sie wieder zu entfernen.

Und dann die Menschen – der Unterschied ist frappierend! Sie sind müde und oft mürrisch, wie andere Menschen anderswo am frühen Morgen auch, aber sie meiden konsequent die Konfrontation. Akkurat stehen sie auf den langen Rolltreppen auf der rechten Seite, jede zweite Stufe ein Mensch, damit man sich nicht zu nahe auf die Pelle rückt. Auf Schildern wird man dazu ermahnt, die linke Seite frei zu halten, um eilenden Passanten den Durchgang zu ermöglichen. Und klappt das mal nicht – ich habe das mehrfach bemerkt – und ein Gehetzter oder eine Eilende kommt nicht voran, weil jemand die linke Seite mit einem Koffer oder seiner eigenen Präsenz verstopft, dann verziehen sie zwar genervt das Gesicht, aber sie blaffen den Sünder nicht etwa an, wie man das anderswo erwarten dürfte, sondern sie schlucken es und bleiben dahinter stehen oder aber sie sagen brav ihr „bocsánat“ oder ihr „elnészést“ auf und schon löst sich die Situation auf, denn der Angesprochene entschuldigt sich aufrichtig und beide Seiten lächeln sich für einen Moment an. Das funktioniert nur dann nicht, wenn größere, also mehrreihige Touristengruppen aus Polen oder Rußland oder Deutschland den Weg versperren.

Auch das Erscheinungsbild der Budapester erstaunt. Sie sind durch die Bank ordentlich und sauber angezogen, jeder freilich nach seinem Stil und seinem Vermögen. Man sieht den Banker, den Angestellten, den Lehrertyp und auch den Handwerker und manchmal, wenn auch selten, kommt noch ein alter „Gentleman“ in gebügelten, mitunter schon durchgescheuerten Hosen, mit Weste, Jackett und Hut oder eine Dame im Plisseerock und einer Brosche an der Brust – Relikte einer vergangenen, kulturell der besten Zeit, die Ungarn je hatte. Sie sind oft Pensionisten und müssen nicht selten von einer kümmerlichen Rente leben und tun das aufrecht und mit Stil. Betreten Sie eine Bahn und finden keinen Platz, dann stehen jüngere Leute auf und bieten den ihren an. Auch Männer erheben sich mitunter für Frauen.

Die Frauen sind ein Extrawort wert. Ob jung oder alt, ob von der Natur bevorzugt oder nicht, sie zeigen in der Menge Stil und lieben es – meist gänzlich unaufgeregt – Frau zu sein und als solche gesehen zu werden. Die weiblichen Formen werden dezent betont: enge Röcke, Kleider, Hosen sind die Norm. Die Frisuren – ob lang oder kurz – sind fast immer weiblich geprägt, die jüngeren Frauen – und die Schulmädchen sowieso – zeigen gern ihr langes offenes Haar. Kosmetik ist Alltag, aber selten aufdringlich, wenn man an einer vorüber läuft, weht einem ein angenehmer Duft um die Nase.

Man sieht hier keine „Gestalten“ – wie ich das nenne –, keine „Typen“, man muß auch nicht auf Jungmännertruppen achten – ganz gleich welcher politischen oder ethnischen oder sozialen Fasson –, man muß hier nicht wachsam, noch nicht mal aufmerksam sein und seine Nebenleute nach potentiellen Problemzonen absuchen, man wird hier weder von Betrunkenen noch von Bettlern belästigt und sieht auch keine Drogengeschädigten – die es natürlich, wie überall auch hier gibt, aber eben nicht in den öffentlichen Verkehrsmitteln oder den Bahnhöfen.

Im Gegenteil: oft stehen diejenigen, die andernorts vielleicht auf der Straße stünden, an den Rolltreppen und kontrollieren die Fahrkarten oder verteilen das kostenlose Stadtblatt[1]. Daß diese Menschen arm und wohl auch ziemlich einfach sind, sieht man ihnen an, aber sie haben eine verantwortungsvolle Aufgabe und die dauernde Präsenz der zahlreichen Uniformen, Armbinden oder Leuchtwesten schafft zudem ein Gefühl der Sicherheit. Übrigens ist auch in Budapest die Polizeipräsenz deutlich höher als in jenen Orten, die mir in Deutschland bekannt sind.

Wenn man es auf einen Nenner bringen wollte, dann kann man vielleicht die folgende Vermutung anführen: Die Menschen hier haben nicht den ausgeprägten Drang zur Individualität. Diese zeigt sich viel mehr im Detail als im Extrem. Sie müssen sich nicht die Nase oder die Ohren durchbohren, sie haben keine aggressiven Frisuren, sie tragen keine zerschlissenen oder glitzernden Klamotten, sie färben sich nicht die Haare in grellen unnatürlichen Farben, sie tragen auch keine Bierflaschen in der Hand, sie schreien und rufen nicht, sie schubsen sich nicht, sie haben keine „dicken Eier“ oder Rasierklingen unter den Armen, sie müssen weder Busen noch Po zur Schau stellen. Man kann das langweilig finden – oder anständig. Ich selbst bin zu der Überzeugung gelangt, daß die Ungarn im Durchschnitt und im zwischenmenschlichen Verkehr grundanständige Menschen sind.

In der deutschen Presse wurde bereits das fehlende Multikulti beklagt und Budapest als öde Stadt beschrieben – kann man so sehen, wenn man eine ideologiegefärbte Brille trägt. Man kann jedoch auch die Harmonie des Zusammengehörenden genießen und wenn es ein Beispiel für das Gelingen eines Zusammenseins aufgrund relativer Homogenität gibt, dann könnte das diese Stadt sein. Die Leute achten sich, weil sie sich kennen und weil sie sich verstehen, weil sie ähnliche Interessen haben und eine gemeinsame Geschichte. Sie können vollkommen verschiedene politische Ansichten haben, aber sie wissen, daß sie Ungarn sind und bleiben wollen.

Es gibt allerdings ein Paradox. Wenn man mit Ungarn darüber spricht, dann meinen sie oft, man sähe die Welt zu rosarot. Es stimme zwar, daß die Kriminalität in ihrer Stadt deutlich geringer als etwa in London sei, es stimme zwar, daß es viel Polizei auf der Straße gebe, der Verkehr sei tatsächlich nicht so chaotisch etc., aber sie finden meist einen Grund daran herumzumeckern: die Polizisten stünden nur herum und täten nichts, man stünde noch immer jeden zweiten Tag im Stau, die Statistiken seien geschönt und überhaupt seien alle korrupt, ob nun Polizei, Statistiker, Journalist oder Politiker.

Woher kommt dieses Mißtrauen gegen sich selbst? Ich habe bereits mehrfach versucht, es aus der Geschichte herzuleiten, die in einer unbefriedigenden Gegenwart ausläuft. Daher – so meine These –, ist den Ungarn ein gewisser masochistischer Zug eigen, eine Tendenz, sich selber zu quälen, sich klein zu machen, zu ducken. Aber als ich diese Ansicht einer netten älteren Dame aus Bayern vortrug, die zweifellos längere Ungarnerfahrungen hat als ich, da wies sie das voll und ganz von sich und meinte, die Ungarn seien genau das Gegenteil: ein offenes, fröhliches, gesprächiges und durchaus konfliktfreudiges Volk.

Wie dem auch sei, um das Thema nicht ausufern zu lassen: Budapest hat mich sehr positiv überrascht. Zum ersten Mal hatte ich das Gefühl, in einer Großstadt auch länger leben zu können und zu wollen. Und dabei habe ich noch kein einziges Wort über das schier überwältigende Kulturangebot und die prachtvolle Schönheit der Stadt[2] gesprochen.

[1] Zu dem ich noch gesondert etwas sagen werde.
[2] Es gibt natürlich auch viele weniger schöne Stellen und überhaupt von allem, was ich sagte, auch das Gegenteil – das versteht sich von selbst. Es gibt die verfallenen Häuser und in einigen Vierteln sogar sehr viele davon, es gibt die modernen Bausünden, es gibt Obdachlose, Alkoholsüchtige und  Drogenabhängige und nicht immer ist es eine Freude, neben einem bestimmten Mitreisenden, der vielleicht die persönliche Hygiene vernachlässigt hat, zu stehen. Vermutlich gibt es auch Viertel, wo es ganz anders aussieht. Im Osten und im Westen stehen großflächig aneinander gereihte sozialistische Wohnsilos, an anderen Ecken sieht es aus der Vogelperspektive wie zu Zeiten der industriellen Revolution aus – dort lebt vermutlich eine andere Klientel, wahrscheinlich geht es dort etwas robuster zu, aber es würde mich sehr wundern, wenn auch dort die Differenz zu vergleichbaren deutschen, englischen, schwedischen oder französischen Gegenden nicht ebenfalls gravierend wäre.

Ein Gedanke zu “Budapest als Stadt

  1. Genau deswegen bin ich auch weg nach Ungarn. ÖPNV ist Wahnsinn in Berlin, nur Dreck. Mußte neulich in D. Zug fahren – war prompt krank danach mit einer mir völlig neuen, exotischen Krankheit, mir fiel fast die Nase ab. Shithole D. …

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