Das Parlament

Budapester Impressionen IX

Die Ungarn nutzen für ihr Parlament noch das schöne erzungarische Wort „Országház“, das „Landeshaus“. Wer vor dem Gebäude steht, begreift auch sogleich, warum.

Es ist ein gigantischer Bau – wie es da in der Sonne steht –, der Stolz und Selbstbewußtsein ausstrahlt und auch ausstrahlen soll. Man wollte sich ohne Frage unterscheiden, wollte sich auch vergleichen. Überall – in Maßen, Treppen, Säulen und Emporen –, so werden wir belehrt, ist die mystische Zahl 96 eingebaut, eine Referenz an das Jahr 1096, in welchem Urvater Árpád das Karpatenbecken erreicht haben soll[1]. Es ist sicher kein Zufall, daß das Bauwerk zwei Meter länger als das britische Parlament ist. Als der Bau 1896 nach über 20 Jahren Errichtung dem Volke übergeben wurde, da konnte niemand ahnen, daß nur eine Generation später vom mächtigen Ungarn lediglich ein bescheidener Rest übrigbleiben sollte. Heute wirkt der Gigant angesichts der Bedeutung und der Größe des Landes ein wenig vermessen.

Auf dem Vorplatz weht eine große Nationalflagge an einem dicken Mast, der oben zur Speerspitze verjüngt. Rechts und links wird sie von überdimensionalen Statuen Rákóczis und Kossuths eingerahmt, die sich über 400 Meter ins Angesicht schauen.

Man könnte meinen, in so einem Gebäude würde eine Führung Stunden dauern. Tatsächlich aber ist man in 35 Minuten durch, von einer hastenden Touristenführerin angespornt.

Meine sprach Spanisch. Als ich mittags eine Karte erwerben wollte, teilte man mir mit, daß bis Abend alle Führungen bereits ausgebucht seien, nur in einer spanischen sei noch Platz. Also nahm ich die und mußte vier Stunden verbringen, bis wir an die Reihe kamen.

Als wir vor dem Einlaß standen, an dem man wie auf einem Flughafen oder dem Bundestag durchleuchtet wird, fährt mir der Schreck durch die Glieder. In meinem Rucksack befand sich mein sardisches Messer mit einer 8 cm langen Klinge. Kurz überlegte ich, die Tour abzubrechen – wenn ich mich entscheiden müßte, was würde ich tun? Ich hätte wohl auf die Führung verzichtet und mein geliebtes Messer behalten. So nahm ich es in die Hand und zeigte es dem Soldaten am Eingang, der mir eine Nummer gab und versicherte, daß ich das Messer am Ende wieder abholen könne – und so kam es auch.

Alle viertel Stunden werden zwei Gruppen in zwei Sprachen eingelassen. Die zweite war eine deutsche, aber dort durfte ich nicht sein. Vor vielen Jahren hatte ich ein wenig Spanisch gelernt, es immerhin zu einer gewissen Lesefähigkeit gebracht, aber das stellte sich als genug heraus, um der hübschen jungen Dame folgen zu können. Sie sprach fast im Flüsterton – ohne knackenden Hörknopf, den man sich tief ins Ohr rammen muß, hätte man sie nicht verstanden. Selbst ihre dezente Rede war der Achtung vor dem Haus und der Institution geschuldet. Es galt, die Ruhe nicht zu stören.

Die Eingangstreppe © Parlament.hu

Innen ist alles Gold und Glanz, Farbe und edles Material und riesig groß. Zu sehen bekommt der Tourist nur einen Bruchteil. Die Aufgänge sind alle akkurat benummert, denn schnell kann man sich in den Gängen und Hallen verlaufen, obwohl sie streng symmetrisch angeordnet sind.

Das Herzstück ist die Krone des Heiligen Stephan, des Reichsgründers. Sie hat eine abenteuerliche Geschichte, die hier nicht erzählt werden soll. Ihr schiefes Kreuz ist ihr markantestes Markenzeichen. Zwei Meter Abstand sind zu halten, um sie sich im Halbdunkel anzuschauen. Rechts und links stehen zwei lebende Hünen in Uniform und Habacht und verziehen keinen Muskel. Die Ungarn sind im Durchschnitt ein eher kleines Volk, aber für diese Garde werden wohl, wie in alten Zeiten, nur hochgewachsene und breitschultrige, eigentlich ganz atypische junge Männer ausgewählt. Man kann sie an allen ehrwürdigen Orten in Budapest sehen.

Schon sind wir im Parlamentssaal, in dem sich ebenfalls die Symbolik türmt. Die Führerin greift überall nur eine Figur oder ein Bild heraus und gibt ein paar Informationen. Bei uns waren es Árpád und Maria Theresia sowie eine Bauernfigur.

auch die Philosophie findet neben Bauern und Fischern einen Platz

Sie vergißt auch nicht, zu betonen, was für eine hervorragende Demokratie das Land doch sei. Immer wieder fragt sie die Zuhörenden, ob sie wüßten, wer dieser oder jener sei, aber die spanischen Touristen wissen wenig über die ungarische Geschichte. Einer glaubt, in der habsburgischen Kaiserin Sissi zu erkennen. Die junge Frau, die man optisch und sprachlich für eine Spanierin gehalten hätte, spricht permanent in der ersten Person Mehrzahl: Wir Ungarn, für unser Land, in unserer Geschichte …

Zum Schluß gibt es noch ein Kuriosum. Auf den Gängen sieht man über den Bänken lange Reihen an kleinen Ausbuchtungen aus Messing – jede hat eine Nummer. Was könne das denn sein? Nun, das waren Zigarrenablegeplätze. Die alten Landesherren gönnten sich noch den Luxus, in den Pausen fleißig zu rauchen und offenbar fast alle. Dann legten sie ihre Zigarre ab, um sie in der nächsten Sitzungspause weiter zu schmauchen. Gleich daneben hängt ein Schild in roten Lettern: Tilos dohányozni – Rauchen verboten.

So haben sich die Zeiten geändert.

[1] Tatsächlich gibt es keine historischen Belege dafür. Man hatte sich unter den vielen Historikervorschlägen irgendwann für das Jahr 96 entschieden.

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