Die Budapester Burg

Budapester Impressionen VIII

Auch die Burg gehört zum Basisprogramm eines jeden Budapest-Reisenden. Vom Szell-Kalmán-Ter nehme ich den Bus, der den Anstieg bequem in drei Minuten schafft und steige gleich an der ersten Station innerhalb der Mauern aus. Wie der Zufall es will, stehe ich fast direkt vor dem Militärmuseum, das schon von Anfang an auf meiner Liste stand. Also wird der Burgspaziergang nach hinten verschoben, wohl wissend, daß sich das Gelände am Sonntagmittag bald zu einem Ameisenhaufen verwandeln wird.

Warum aber war ich nun auf das Hadtörténi Muzeum so scharf? Nun, das hängt mit einem Lehrbuch zusammen, wie überhaupt mein gesamter Aufenthalt. Im Selbststudium habe ich besonders gern mit der dreiteiligen Buchreihe „Hungaro Lingua“ gelernt, herausgegeben von der Debreceni Nyári Egyetem, der Debrecener Sommer Universität. Und genau dieser Ableger der dortigen Uni führt auch hier in der Hauptstadt Kurse durch. Wer ein gutes Buch schreiben kann – m.E. das beste auf dem gesamten Markt – dessen Kurse können auch nicht schlecht sein. Diese Rechnung ist aufgegangen.

Im Buch folgen wir einer internationalen Gruppe an Ungarisch-Studenten, die meist universitären Hintergrund haben, auf ihren Erlebnissen in Ungarn. Einer davon ist Mustafa, ein junger Historiker aus der Türkei, der zu den ungarisch-türkischen Beziehungen erst lernt und später lehrt. Das dürfte ein spannendes Thema sein. Im letzten Kapitel des zweiten Buches macht die Gruppe eine Exkursion auf die Burg und der belesene Mustafa hält ein paar Vorträge. In einem sagt er, daß  das Militärhistorische Museum sein Lieblingsort sei, er dort oft sitzt und studiert und es eine hervorragende Waffensammlung habe. Das war Empfehlung genug.

Kapitel 12: Mustafa erklärt der Gruppe die Geschichte der Burg und benennt seinen Lieblingsplatz © Hungaro Lingua 2/1

Ein kleines Risiko bestand trotzdem, denn das Lehrbuch ist 30 Jahre alt und manches – wie wir bereits gesehen haben – hat sich in Budapest auch zum Schlechteren entwickelt.

10 Uhr betrete ich das Museum und erfahre gleich an der Kasse, daß heute der Eintritt frei sei. Sie machen irgendwas mit Rákóczi – ich habe es nicht verstanden –, besonders für Familien und Kinder. Am Morgen noch hatte ich in den Nachrichten Orbán von seiner neuen Richtlinie sprechen hören, die aus drei Säulen bestehe: Familie, Staat und Christentum. Ob diese Aktion schon Teil des Planes war?

Das Museum ist eine Wucht – ich nehme es vorweg. Schon der erste Ausstellungssaal nimmt meine Aufmerksamkeit voll und ganz gefangen. Er handelt die Zeit des Ersten Weltkrieges ab, natürlich besonders unter ungarischer Perspektive, aber gänzlich ohne ideologische Belehrung jeglicher Form. Weder werden die Ungarn glorifiziert, noch die Habsburger oder irgendjemand diskreditiert und noch nicht mal eine „Nie wieder!“-Schwörformel ist zu finden, offen nicht und auch nicht versteckt.

Krieg ist Krieg ist Krieg … Aber was er ist, das hat bisher noch niemand endgültig aufgedeckt. Es gibt hunderte Interpretationen. Ein Krieg, noch dazu einer dieses Ausmaßes, ist ein gewaltiges Ding, unendlich komplex, widersprüchlich, vielfältig und letztlich auch individuell. Die Zahl der Ereignisse ist so immens, daß kein Begriff sie fassen kann und wenn wir „Krieg“ sagen, dann ist das nichts anderes als eine Bankrotterklärung der Sprache vor dem Sein. Ihn zu greifen übersteigt, unser kleines zweiteiliges Hirn – es wird immer gewichten: die Gewalt, die Ästhetik, die Technik, die Masse, die Waffen, die Kameradschaft, das Elend, der Rausch, die Macht, die Machtlosigkeit, der Zauber … das alles und vieles mehr ist drin[1].

Krieg ist Krieg ist Krieg – diese Waffe war mir neu: es ist ein moderner Morgenstern, der im Grabenkampf zum Einsatz kam

Schaffen kann das keine Ausstellung der Welt, aber wenn je eine dem nahe kam, dann ist es diese! Das Material ist überwältigend, die Form vereint moderne wahrnehmungspsychologische Erkenntnisse und nutzt auch Computertechnik, aber nie als Firlefanz. Freilich, man muß die Bereitschaft mitbringen, zahllose Uniformen, Orden, Dekorationen, Pistolen und Waffen, viele Dokumente sich anzusehen und zu studieren. Aber auch schon diese Vielfalt, diese Differenz im Einheitlichen, Ähnlichen ist eine valide Aussage.

Krieg als Kunst – dies ist ein eigens angefertigter Hammer, mit dem die ungarische Flagge am Pfosten festgenagelt wurde. © Katalog Kincstár

Hinter allem liegt menschliche Ingenuität, Erfindergeist, Sinn für Schönes und Praktisches – am deutlichsten in der Schatzkammer-Ausstellung, wo Kriegsgeräte zu künstlerischen und wundersam filigran gearbeiteten Artefakten wurden – aber auch immer wieder die Erfahrung des Irrtums und dann die Weiterentwicklung. Irrtum bedeutet  jedoch immer Leid und Opfer.

Gerade die Opfer kommen nicht zu kurz, denn der Ausstellung gelingt es immer wieder, Schicksale ganz persönlich zu gestalten. Da sieht man etwa ein Bild eines jungen Presse-Soldaten, mit Name und Dienstgrad, wie er erstaunt seinen Photoapparat und seine Trinkflasche betrachtet, die beide Schußlöcher aufweisen und ihm möglicherweise das Leben gerettet haben, und dann liegen diese Utensilien im Original daneben. Oder es werden zahlreiche kunstfertige Bearbeitungen von Ausrüstungen gezeigt, womit Soldaten der Anonymität der Masse entfliehen oder sich einfach die Zeit vertreiben wollten … Das sind Momente hoher, greifbarer Authentizität.

Diese gibt es immer wieder, sei es nun in der Ausstellung über die kaiserliche österreichisch-ungarische Armee, über Trianon, über die Jahre des Reichsverwesers oder über die Zeit des Zweiten Weltkrieges und seine 40 Folgejahre.

Vor einem großen Horthy-Gemälde muß ich mich setzen und beginne zu meditieren.

Zoltán Héya: Miklós Horthy

Das ist eine dieser faszinierenden Gestalten, bei denen man im Grunde fast alles über die Gesetze der Geschichte lernen kann – wie Luther etwa: ein Bündel an Widersprüchen. Die Deutungen reichen von Idiot, Versager und Verbrecher bis hin zu Genie, Held und Heiliger und wie immer liegt die Wahrheit nicht an den Extremen der Interpretationen, auch wenn diese den Buchmarkt beherrschen. Gerade hat der bedeutende ungarische Historiker Ignác Romsics eine große Horthy-Biographie vorgelegt, von der man vielleicht Objektivität erwarten kann, aber wer mag sie schon auf Ungarisch lesen und auf eine Übersetzung in eine normale europäische Sprache werden wir vermutlich umsonst warten.

Als ich mich vom Stuhl erhebe, verliere ich meinen 20 000-Forint-Schein aus der Tasche. Ein junger Mann läuft mir hinterher und ruft „bocsánat“ (Entschuldigung) und reicht ihn mir lächelnd. Wenig später hasten drei junge farbige Engländer durch die Säle, lachen und lärmen und schießen vor einer Kanone oder einem nachgestellten Unterstand ein paar Helden-Bilder. Und schon sind sie wieder weg, man hört sie nur noch eine Weile.

Nach zweieinhalb Stunden muß ich in der Cafeteria zwei starke Kaffee trinken und nach vier Stunden esse ich ein Csirke-Sandwich (Hühnchen), das, wie fast immer in Ungarn, aus viel Paniermehl und wenig csirke besteht.

Zum Schluß schaue ich mir noch die Plakat-Ausstellung an, die eine schöne Sammlung an Propaganda-Plakaten vereint. Es sind ein paar wahre Kunstwerke darunter.

Helden-Bier

Ganz am Ende folgt dann wirklich noch Kunst. Zum einen wurde sie von fest angestellten Kriegs-Malern verfertigt, die den Auftrag hatten, das Ungetüm in schönen Farben und Formen den Menschen verträglich zu machen. In unbeobachteten Momenten haben sie aber auch ganz genuine Erfahrungen zielsicher eingefangen. Von den Zeichnungen der Kriegsgefangenen in russischen oder französischen Lagern kann man fast nichts anderes erwarten. Ob Gemälde, Radierung, Karikatur oder Zeichnung, fast immer wird das Leid und das Sterben – zum Teil in sehr drastischer Form – dargestellt und manchmal sieht man es gerade in den freudigen Momenten, denn wenn ein Schachspiel oder eine kuriose Situation zu einem überdimensionierten Glückserlebnis wird, dann weiß man, daß das Unglück groß sein muß. …

Nach mehr als fünf Stunden verlasse ich das Haus[2], ausgelaugt und euphorisch zugleich. Die Burg muß warten, das Museum ist mehr als genug für einen Tag.

[1] Es wurden auf diesem Blog bereits einige literarische Werke diskutiert oder vorgestellt, die sich dem Problem aus je einem spezifischen Blickwinkel annäherten – Zweig, Barbusse, Carossa: Rumänisches Tagebuch, Kirk, Szép – und in der Zukunft wird es weitere Besprechungen relevanter Arbeiten geben.
[2] Wenn es etwas zu meckern gibt, dann über die Tatsache, daß es keinen Katalog zur Ausstellung gibt. Nur zur Teilausstellung „Kincstár“ (Schatzkammer) hat es gereicht: fünf Euro.

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