Das Haus des Terrors

Budapester Impressionen VII

Gleich mehrmals wurde mir das Terror Háza empfohlen, als eine bahnbrechende und beeindruckende Ausstellung. Man durchschreitet in mehreren Etagen ein Pandämonium des Schreckens – als ich zuletzt unten ankam, mußte ich fast kotzen.

Leider werden solche Orte gerne als Erziehungsanstalten mißbraucht. Man teilt seine Aufmerksamkeit also mit diversen Schülergruppen aus aller Welt. Vor mir stand eine amerikanische Truppe, die Hälfte davon mit Plastikbechern nebst Strohhalm bewaffnet und typisch amerikanisch lässig plaudernd. Hinter mir gab ein holländischer Lehrer gerade die Personalausweise aus.

Den Ami-Kids verging das Schlurfen und Schlürfen schon im Foyer, noch bevor sie an der Kasse standen, denn bereits dort wird man auf einem Bildschirm Zeuge, wie ein sichtlich erschütterter Mann in einer Dauerschleife weinend von den „vielen vielen Toten“ spricht, den 16- und 17-jährigen Gehängten und – wie immer – mit der Frage endet: „Miért, miért?“, „warum, warum?“ Der Mann auf der anderen Seite der Kamera fragt ihn, ob er vergeben könne, aber der alte Mann kann nur mit dem Kopf schütteln und bittend schauen, ihm diese Frage zu ersparen, denn natürlich kennt er die einzig korrekte, schon vom christlichen Erbe her erforderte Antwort und gibt sie am Ende des Filmchens auch unter Schluchzen: „Aber man muß ja vergeben, man muß doch.“

Damit ist der Ton gesetzt. Das Ganze unter schweren Mol-Klängen, die immer wieder ein einziges auf-und-ab-Motiv wiederholen.

Die Hälfte der Ausstellung besteht aus solchen Videosequenzen. Meist ältere Menschen berichten von ihrem oder der ihren Schicksal. Frauen, die ihre Kinder oder Männer verloren haben, Gefangene, die Hinrichtungen entkommen konnten, Täter, die solche selbst ausführten.

Es beginnt, wie immer in Ungarn, mit Trianon. Unter martialischen Klängen erklärt ein Film sehr verkürzt die Ausgangslage, ohne einen direkten Zusammenhang zum Darauffolgenden herzustellen. So mutig ist man denn doch nicht – es geht um Schuld, nicht um Verantwortung. Tatsächlich aber resultiert fast alles, was nun folgt, den sogenannten Pariser Friedensverträgen, seien es nun die von Versailles oder die von Trianon. Es folgt der zweite große Krieg der weißen Männer, die erste Besetzung – die der Deutschen – und an dessen Ende die kurze Terrorherrschaft der Pfeilkreuzler. Damit beginnt es. Dann die zweite Besetzung, die der Sowjets.

Daraus entstand die kommunistische Herrschaftsphase, der der Großteil der Schau gewidmet ist. Immer wieder diese Videos von Opfern, Bilder von Leichen, Reden kommunistischer Führer in ungarischer und russischer Sprache, Propagandamaterial, ein paar Gerichtsszenen – darunter Originalaufnahmen Imre Nagys vor dem Richter – und wieder Leichen, Galgen, Leiden.

Das Ganze will und soll schockieren und genau deswegen funktioniert es nicht, zumindest nicht bei mir. Die Amis hingegen sind für einen Moment still, vermutlich vom Material überwältigt. Ich selbst komme mit der Indoktrination nicht zurecht und vielleicht habe ich in meinem Leben auch schon zu viele solche Leichen auf irgendwelchen zerbombten Straßen oder auf Leichenkarren gesehen. Es ist zu deutlich, zu konkret, zu gewollt, der Ausstellung fehlt jede Subtilität, ihre Aussage ist zu eindimensional.

Es fehlt auch das Korrektiv des Alltagslebens. Natürlich kann man den Osten – die DDR ebenso wie Ungarn – mit diesem Stoff als eine einzige Tortur darstellen, als ein ewiges, vierzigjähriges Leiden ohne Freude und unter permanenter Angst: aber so war es nicht, ich habe es selbst erlebt. Wenn es so war, dann für einige, letztlich eine Minderheit, eine Minderheit, die man unbedingt würdigen, schätzen und ehren muß, denn sie hat weiter gesehen als die Masse und sie war meist tapfer genug, die eigene Existenz zu riskieren, aber ein Abbild der großen Wirklichkeit sind diese Darstellungen nicht. Die jungen Menschen bekommen ein falsches, zumindest aber einseitiges Bild – sie müssen denken, wir hätten in der Hölle gelebt.

Und noch was: Wenn das für den real existierenden Sozialismus gilt, dann gilt es für das Nachbild jeder anderen Geschichtsepoche ebenfalls!

Ich merke, wie ich zusehends durch die Räume eile, ohne mich weiter auf die jeweiligen Schicksale – die Individualität erzeugen und damit ein je persönliches Nacherleben erreichen sollen – einzulassen; auch drückt meine Blase.

An der Toilette im Vorraum muß man warten – sie hat nur eine Kabine und als ich diese betrete, würgt es mich ob der urinigen und fäkalen Hitze, die im lüftungsfreien Kabuff herrscht.

Es ist noch Zeit, der Besuch des Terrorhauses hat weniger Dauer in Anspruch genommen, als veranschlagt. Also schlendere ich – statt in die Unterirdische zu steigen – die Andrassy Utca Richtung Donau hinab. Die Straße ist stark befahren und laut, die Häuser dort sind grau und abgassatt und wirken wie die Nikotinfinger der Obdachlosen, die in den Hauseingängen lungern, aber einigen sieht man die alte Größe in Architektur und Stil an. Hier haben bedeutende Baumeister gewirkt, etwa József Hild, wie eine Plakette belehrt.

Den Namen habe ich mir deswegen gemerkt, weil er mir wenig später erneut begegnet. Rechter Hand sehe ich die gewaltige Kuppel der Szent-István-Basilika und biege sofort ein. Der Eintritt in die Kirche ist kostenlos, ein Wärter macht nur auf eine Kollekte aufmerksam. Die Japanerinnen vor mir werfen jede zehn oder zwanzig Forint ein, das sind sechs oder zwölf Pfennige.

Wie so manches Gebäude in Budapest, sieht auch diese enorme Kathedrale älter aus, als sie ist. Nach längerer Bauphase und mehreren Baumeistern wurde sie schließlich 1891 mit 40 Jahren Verspätung eingeweiht. Ihr erster Konstrukteur war eben jener Józseph Hild, der immerhin zeitig genug starb, um nicht den Teileinsturz 1868 mitzuerleben. Etwas stimmte nicht mit der Architektur und wahrscheinlich hat man auch zu billiges Material benutzt – eine Torheit, aus der die Ungarn bis heute nichts gelernt haben; nur das Motiv hat sich mittlerweile geändert: heute steckt meist Korruption dahinter[1].

Auch wenn es nicht die Hagia Sophia, der Florentiner Dom oder der Petersdom ist, das Ereignis Basilika wird durch das nervöse Gesumme der Touristen beeinträchtigt. So kann man das Reliquar, wenn man nicht aufpaßt, leicht verpassen:

Die Hand des seligen Stephan – er wird in Ungarn nicht als König verehrt, sondern als Heiliger. Im Halbdunkel ist sie nicht zu erkennen, aber findige Prälaten haben eine clevere Lösung gefunden. Wenn man 200 Forint in einen Schlitz wirft, dann wird das Heiligtum eine Minute lang erhellt. Da selbst den zahlreichen Profiphotographen diese Summe offensichtlich zu hoch erscheint und sie lieber nach phototechnischen Lösungen suchen, bin ich es also, der zur allgemeinen Erleichterung die 200 Forint investiert.

So darf auch ich mit meinem geborgten Handy ein Bild dieser vertrockneten und teilweise mumifizierten Hand machen, von der man – wie bei den meisten Reliquien – zumindest sicher sein kann, daß sie nie an des heiligen Stephans Arm gehangen hat. Wenn es um Reliquien geht, dann schalten die Gläubigen meist den Verstand aus: in einem der Werke Umberto Ecos ist sogar von einem Schädel die Rede, der dem zwölfjährigen Jesus gehört haben soll.

Was Reales ist hingegen der Gang auf die Kuppel und der großartige Ausblick. Gibt es überhaupt eine Weltstadt, die man aus so vielen verschiedenen Perspektiven von oben beschauen kann: Janos-Berg, Fischerbastei, Zitadelle, Árpád-Aussichtsturm, Gellért-Hügel … Jede Perspektive hat ihre Vorteile. Daß ich die Stadt nach fast drei Wochen mittlerweile tatsächlich begriffen habe, kann ich gleich unter Beweis stellen, als ich einen jungen Mann überhöre, der auf Deutsch einem Mädchen die Richtung erklärte, dabei aber vollkommen die Orientierung verloren hatte. Als er die Matthiaskirche zur Zitadelle degradiert hatte, mußte ich einschreiten.

Auf einer Empore steht ein kleines Fernsehteam und bereitet Aufnahmen vor. Erst im Nachhinein wird mir klar, worum es sich handelt. Von unten, vom Stephansplatz klingt dumpfe Musik herauf, eine Bühne stand aufgebaut. Durch mein Fernglas sehe ich einen Promoter-Bildschirm, der unter anderem Anweisungen gibt, wann die Menge zu jubeln habe. Ich entsinne mich, von einem Schauspieler gelesen zu haben, der ein Konzert geben will. Den jungen Leuten sage ich, daß es sich um einen dunkelhäutigen Amerikaner handele, irgendwas mit Will, Will … mir fällt der Name nicht ein und dem Jungvolk auch nicht. Er sagt was von Willis, aber der ist nicht schwarz und auch kein Will. Unten wird dann alles klar: es ist Will Smith und der ist schon 50 und vermutlich bereits außerhalb der Reichweite der jüngeren Generation. Offenbar singt der Mann auch. Auf einer großen Leinwand wird sein neuer Film „Gemini Man“ beworben. Wohl ein Promotionskonzert?

Hier darf der Amerikaner sagen, wie schön er die Stadt findet.

Der Fidesz war derweil auch nicht müßig und nutzt die Anwesenheit des Stars zur Werbung für den parteieigenen Bürgermeister, der sich in zwei Wochen erneut zur Wahl – die eigentlich schon keine mehr ist[2] – stellt. Auf der Bühne werden Sound und Ablauf geübt, ein paar Tänzer zappeln zu Rap-Musik. Warum überrascht mich die Musikwahl nicht?

Interessant ein weiteres kleines Detail: die Mehrzahl der Mitwirkenden und des Staffs im Will-Smith-Tross sind Farbige. Ich will doch hoffen, er sucht sich seine Leute streng nach Kompetenz aus.

[1] Besonders wenn EU-Gelder fließen. Dann, so hat man mir versichert, wird gern an der Qualität des Materials gespart und die Ersparnisse versickern in den Taschen leitender Angestellter oder Politiker. Die EU ist es derweil zufrieden und nimmt es in Kauf.
[2] Mittlerweile wissen wir, daß der von Orbán bevorzugte Mann nun doch und entgegen aller Voraussagen, verloren hat.

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