Das Stadtwäldchen

Budapester Impressionen VI

Der Városliget – der Stadtwald – gehört nun zu den touristischen Hauptpunkten der ungarischen Metropole. Man kann ihn trotzdem kaum umgehen, weil sich in seiner Nähe einige nicht zu missende Attraktionen befinden.

Die „Unterirdische“, mit der man am besten dieses Ziel anfährt, gehört vielleicht schon dazu. So nennen die Budapester ihre erste U-Bahn, die sich gänzlich von der übrigen Metro unterscheidet. Man muß nicht die beängstigend steilen Rolltreppen hinunter, sondern nur ein paar Stufen, denn diese frühe Bahn fährt nur eine Strecke auf der Pester Seite und mußte folglich das Donau-Problem nicht lösen.

Sie kommt mit gespenstischem Rumpeln aus der Dunkelheit und entpuppt sich als ein kleines gelbes Wägelchen, bei dem man beim Einsteigen instinktiv den Kopf einzieht. Schon die Bahnhofshalle verdient den Begriff nicht. Sie ist klein und nur wenig höher als ein sehr großer Mensch. Noch immer ist sie mit den alten weißen Fließen der Jahrhundertwende ausgestattet und ihre Stationennamen sind in alten roten Lettern darin versenkt. In der Mitte jeder Station steht eine kleine Holzkabine mit der seltsam antiquiert wirkenden Aufschrift „Peronőr“ – ein Wort, das fast ein falscher Freund ist und auch im Ungarischen ganz bizarr und aus der Zeit gefallen klingt, denn es setzt sich aus dem modernen französischen „peron“ und dem uralten ungarischen Wort „őr“ (Wache oder Wächter) zusammen – und auf einigen Stationen sind diese Hütten sogar noch bemannt.

So hat sie also ausgesehen, als das alte Budapest noch stand, vom Krieg und vor allem von der Moderne verschont. Man sieht ihr den Stolz seiner Benutzer und Erbauer an und kann sich sehr gut vorstellen, wie die großen Meister der Stadt, die Márai, Krudy, Babits etc. – alle mit Hut, die Damen mit weiten rauschenden Kleidern – mit ihr zu den stilvollen Cafés fuhren. Am Beginn der Strecke, am Vörösmarty-Platz, findet man das weltberühmte Gerbaud – ein Kaffee kostet heute dort sechs und ein Stück Kuchen acht Euro – und am Octogon gab es gleich drei dieser legendären Künstlerklausen, die leider alle internationalen Bankfilialen weichen mußten.

Das „Gundel“ am Rande des Stadtwäldchens war ein berühmtes Restaurant – sie alle wurden vielfach in der Literatur verewigt.

Ich steige am „Hősök Tere“, dem „Platz der Helden“ aus. Dort wollte ich die 12 Statuen der Gründer und Bewahrer der ungarischen Nation, die Dreifaltigkeitssäule und überhaupt die ganze Atmosphäre dieses geschichtsträchtigen Ortes einatmen. Man kann sich dieses Denkmal  des Stolzes in etwa so groß wie das Berliner Holocaustdenkmal vorstellen und es in seiner Aufgabe der Erinnerungsarbeit wohl auch mit diesem vergleichen.

Als ich ans Tageslicht trete, bin ich von 10 000 Kinderwagen umgeben. Eine schier endlose Menge an jungen Eltern mit kleinen Kindern, die fast alle gelbe Warnwestchen tragen und auf bunten Tretmotorrädern fahren, zieht an mir vorbei, der Platz selbst ist mit Gittern und Polizei abgesperrt – man durfte ihn nicht betreten.

Es ist der Tag, nachdem – wie deutsche Zeitungen es nannten – „die Welt aufstand“ und demonstrierte. Am Freitag, dem 20. September, gab es – laut deutscher Presse, die sogar globale Livesendungen schaltete – auf der ganzen Welt Demonstrationen gegen den Klimawandel, initiiert von der „Fridays-for-future“-Bewegung und punktgenau hatte die Koalition in Berlin in einer Nachtsitzung, die die Dringlichkeit unterstrich – wir dürfen keine Minute mehr verlieren! – ihr bahnbrechendes Programm gebastelt …, nur Budapest gehörte an diesem Tag nicht zur ganzen Welt, denn dort wurde das Ereignis schlicht und einfach ignoriert.[1]

Aber auch die ungarischen Mütter und Väter sorgten sich um die Zukunft ihrer Kinder, wie sie auf dieser großen Demo bewiesen. Sie folgen einer Initiative der Regierung, die die Familie aufwerten soll und sie kämpften für eine sicherere Verkehrspolitik und forderten mehr Beachtung für ihre Kleinen in der Stadt.

Vielleicht ist es nicht die beste Idee, an einem sonnigen Samstagvormittag im Herbst zum Városliget zu gehen, denn gerade dann dürfte er seinem Ruf, ein äußerst beliebtes Ausflugsziel zu sein, gerecht werden. Von den jungen Familien abgesehen, herrschte auch so voller Betrieb. Doch auch hier zeigte sich, daß viele Nachteile auch Vorteile haben.

Auf den grünen Wissen um die Vajdahunyad-Burg herum standen dutzende kleine Holzbuden, in denen regionale Spezialitäten und Leckereien angeboten wurden. Die meisten kamen aus der Tisztagegend, dem Alföld oder der unteren Donau. Jede Form von Gewerbe und Handwerk wurde hier präsentiert: Schnitzereien, Klöppeleien, Webereien, Schmiedearbeiten, Stickereien, Geflochtenes und Gedrehtes, Gedengeltes und Genähtes …, je nachdem, womit sich die jeweilige Kleinregion oder Stadt identifizierte.

Überall hingen die großen Kessel über den Feuern – wie ich es aus unserer ungarischen Heimatstadt schon sehr gut kenne, nur wurde diesmal nicht Fischsuppe gekocht, sondern irgendein regionaltypisches Pörkölt oder Nudeln, eine Suppe oder es wurde Speck ausgelassen.

Fasziniert stand eine  Gruppe dicker holländischer Männer vor einem Kessel brutzelnden Specks und lachten laut auf, als der Meister auf Nachfrage sagte „Sertés“ und dabei grunzte und auf seinen Bauch zeigte. Wie auf Kommando griffen sie sich alle an den eigenen Bauchring und lachten. Man empfand ein gewisses Mitgefühl mit der Kreatur, in die sie sich für einen Moment hineinversetzen konnten, der sie sich auf verdrehte Art und Weise verwandt fühlten.

Man wurde immer wieder zum Probieren aufgefordert und nachdem ich die erste Scheu überwunden hatte, griff auch ich zu und fraß mich häppchenweise durch die reiche ungarische Eßkultur. Es war alles dabei, schön durcheinander: verschiedenste Wurstsorten, darunter auch vom Strauß, Speck, Joghurt, Kuchen, saure Gurken, ein Törtchen, eingelegter scharfer Paprika, Ziegenkäse jeden Reifegrades, krautgefüllte Gürkchen, Pasteten, eine Art Bambes, Palatschinken, Kartoffelbällchen, Grieben, Marmelade, Speckfettbrot und zum Schluß eine ordentliche Portion in Specksoße gekochter Bandpasta aus der Hortobágy. Schlaraffenland Ungarn!

Der Mann in typischer Hortobágy-Tracht kocht ortstypische Nudeln in Speckwasser

An anderen Ecken des Parks hüpften kleine Kinder zu Livemusik oder durften bei der Feuerwehr einen Brand löschen. Unbemerkt wurden sie dabei betrogen – ich habe es genau beobachtet. Das Feuer wurde mit Gas betrieben, die Kinder trafen es mit ihrem dünnen Wasserstrahl meist nicht, aber ein netter Freund und Helfer drehte immer wieder die Zufuhr ab und verschaffte den Kleinen ein Erfolgserlebnis.

An der berühmten Bronze-Skulptur des Anonymus, des sagenhaften ersten Chronisten der Ungarn, unterließ ich es, den Griffel, der von den vielen Händen golden glänzte und auch jetzt rege berührt wurde, anzufassen: das solle Glück bringen; ich wollte mein Glück nicht riskieren und mir dort keine ansteckende Krankheit abholen.

zum Gedenken an den ersten Chronisten der Ungarn – den Stift zu berühren, soll Glück bringen ©  Szobor Lap.hu

Ich hatte mir vorgenommen, den Zoo zu besuchen, der berühmt ist und in dem man sicher sein Vokabular hätte erweitern können. Als ich allerdings die lange Schlange an der Kasse – darunter vornehmlich Kinder – sah, entschied ich mich spontan um und ging zum „Museum der schönen Künste“, ein schöner Bau mit glänzenden Mosaiken über der Empore.

Freudig bezahlte ich meine 3000 Forint und nahm sogar das kombinierte Ticket. Erst als ich vor den Bildern stand, wurde mir mein Irrtum bewußt. Ich sah mich mit zeitgenössischer ungarischer Kunst konfrontiert. Ein Künstler war viele Male in den Weltraum entflohen und hatte Planeten und Galaxien farbenfroh entfremdet, ein anderer hatte weiße Striche über schwarze Leinwände gezogen und ein dritter – offenbar aus Guinea-Bissau stammend – hatte eine besonders auffällige Freude an Tangaslips, die in zu dicken Hintern in der Ritze verschwanden, noch ein anderer mochte hängende Brüste. Ihretwillen wohl die Warnung am Eingang, daß einige Bilder für Kinder unter 12 Jahren ungeeignet sein könnten. Das ist natürlich ein Irrtum, denn Kinder unter 12 dürften diese Bilder eher objektiv betrachten, wohingegen sie für Kinder über 12 durchaus von ernsthaftem Interesse hätten sein können.

Ich durchhastete jedenfalls die Räume und fragte am Einlaß nach den „régi  mesterek“, den alten Meistern. Ja, die seien nun auf der anderen Seite des Platzes, in einem ebenfalls stattlichen Gebäude zu sehen und das hier sei nicht das „Szépművészti Muzeum“, sondern die „Műcsarnok“, die Kunsthalle.

So kann es einem in Budapest ergehen. Auf Schritt und Tritt gibt es was zu Bestaunen und wenn man nicht aufpaßt, staunt man über die falschen Dinge.

Im Kunstmuseum ist man auf jeden Fall richtig, wenn man große Kunst sehen will. Die ist hier reichlich in ungarischer, italienischer, holländischer, deutscher, französischer und spanischer Ausprägung – ganz wie die vielen Sprachen, die man hier hört – und jeweils vielfältig und bunt zu sehen.

So macht Europa, so macht Multikulti – da steckt ja „Kultur“ drin, das vergessen ihre Adepten meist – wirklich Spaß!

Der Stadtwald aus der Vogelperspektive. Im Vordergrund der Heldenplatz. Rechts davon die Kunsthalle, links das Museum der Bildenden Künste. Links hinten in der Ecke der Tierpark, davor das Széchenyi-Heilbad. Auf der Insel die Vajdahunyad-Burg. © Pestpilis.hu

[1] Die Woche darauf gab es dann doch eine Demonstration mit „mehreren tausend Schülern“.

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