Budapester Höhlenwunder

Budapester Impressionen V

Der Reiseführer empfiehlt unter den Höhlen Budapests besonders die Pál-Völgyi-Barlang. Da sie nur wenige Minuten Laufweg von meiner Wohnstatt entfernt ist, ist ein Besuch obligatorisch. Ich gehe an einem Montag. Das Handbuch sagt, daß die Höhle täglich von 10 – 20 Uhr geöffnet und der Eintritt frei sei. Die Wirklichkeit sieht anders aus: Montag geschlossen, Begehzeiten von 10 bis 16 Uhr und der Eintritt kostet 2000 Forint (ca. 6 Euro).

Am Donnerstag versuche ich es gleich nach der Schule noch einmal und diesmal klappt es. Zum Glück war montags geschlossen, denn wie der Zufall es will, sind wir nur zu dritt bei der Führung und einer der Teilnehmer erscheint in grüner Uniform mit Rangabzeichen und mehreren großen Aufnähern dran. Er ist so etwas wie ein Wildhüter, einer jener Wächter und Guides, die Naturschutzgebiete hegen, pflegen und schützen. Seines liegt normalerweise am Balaton, wie eines seiner aufgenähten Zeichen preisgibt: Baláton-Felvidéki Nemzeti Park Igazgatóság.

Der Mann entpuppt sich als Experte und als die Taschenlampe des offiziellen Führers nachläßt, zückt er eine Speziallampe, die sich allen möglichen Gegebenheiten gefügig machen läßt. Schon die Lampe war die Tour wert. Mit ihr kann er in Ecken leuchten, die selbst dem jungen Guide, der die Strecke sicher schon hundert Male gemacht hat, bisher entgangen sind.

Die Höhle hat gigantische Ausmaße – bisher wurden 33 km erforscht, sie streckt sich über weite Teile des Rosenhügels aus. Budapest, so sagt der junge Mann stolz, ist nicht nur die nach allen menschlichen Maßstäben natürliche Hauptstadt Ungarns, sondern auch die Höhlenhauptstadt. Zu besichtigen sind davon nur 500 Meter, aber auch die haben es in sich. Bei konstant 11 Grad Umgebungstemperatur steigt man steile Treppen hinunter und bewegt sich durch enge Spalten, die sich immer wieder zu beeindruckenden Domen öffnen.

das ganze Ausmaß der Höhle nach jetzigem Erforschungsstand. Öffentlich begehbar ist nur der eingekreiste Teil © Földalatt.hu

Die Besonderheit dieser Höhle besteht darin, daß sie durch Thermalquellen geschaffen wurde. Einst lag das Gelände unter der Meeresoberfläche. Das Klima in Ungarn – man muß freilich die Kontinentaldrift beachten – war damals subtropisch. Die Meeressedimente haben Muscheln und Seesterne konserviert. Man steht vor Leben, das vor Millionen Jahren gelebt hat – ich glaube, er sagte was von 40 Millionen –, dann hat sich das Gelände tektonisch gehoben und schließlich haben heiße Quellen in jahrtausendealter Arbeit diese bizarren Höhlen geformt.

von unten angerußte Blasenaushöhlungen

Dort wo die Gasblasen immer und immer wieder aufstiegen, haben sie kleine, tennisballgroße bis kopfgroße Halbkugeln in das Sedimentgestein getrieben. Das Sandgestein war basisch, das Wasser leicht sauer und so wurden nach und nach diese Räume ausgewaschen und aufgelöst.

Das übliche Tropfwasser hat oben Stalaktiten – jeder kennt den vulgären Spruch mit dem man sich das merken kann – und unten Stalagmiten geformt, in Säulen- oder Vorhangform. An einigen Stellen werden sie von verschiedenen Kristallen oder Kalkschieferschichten abgelöst.

Dann stehen wir unter einem gigantischen Stein, der scheinbar in der Luft hängt. Irgendwo an den Wänden hat er sich verhakt und wirkt nun wie frei schwebend. Sie nennen ihn den Damokles-Stein. Ungläubige sollten besser vermeiden darunter zu treten, aber es führt kein Weg vorbei. Kurz denke ich darüber nach, den kleinen Witz mit einem Gegenwitz zu beantworten – ob es nicht besser wäre, wenn ich umkehrte oder so – aber ich bin mir nicht sicher, wie man ihn hier aufnimmt, wie ernst der Spaß gemeint war und schweige lieber.

Während uns der Höhlenführer auf die Formationen aufmerksam macht und uns die Namen nennt – die freilich alle nur der Phantasie entspringen, an Märchen, Tieren oder Gebäuden orientiert –, zeigt der Parkhüter immer wieder geologische und biologische Besonderheiten. Hier entdeckt er einen Riß, durch den einst das Wasser sickerte und dort eine kleine Oxidationsstelle, die rostrot aus der Umgebung herausragt. Er erklärt die chemischen Zusammenhänge und wir können alle nur beeindruckt staunen. Da er Ungarisch spricht, verstehe ich nur einen Bruchteil.

An einer anderen Stelle entdeckt er kleine Muschelreste, die dem Ortskundigen bislang unbekannt waren, aber am beeindruckendsten war, als er auf eine kleine sprießende Pflanze, eigentlich nur ein Keim, in einer Nebenhöhle zeigte. Jedes ungeübte Auge mußte sie übersehen. Mein Nahglas offenbart, daß es sich um eine Kirsche oder eine kleinere Pflaumenart handelt. Man erkennt das an den Kernen. Drei oder vier Stück liegen dort und einer hat gekeimt. Ganz zarte grüne Blätter und eine dunkelrote, wohl noch wenig ausgeformte Blüte, fünfzig Meter unter der Oberfläche in ewiger Dunkelheit? Wie kann das sein? Dieses zarte Leben ringt sein Dasein den wenigen Augenblicken Licht ab, die es sechs Mal am Tag für wenige Minuten bekommt und seine Wurzeln hat es im dünnen Kot eines Steinmarders geschlagen, der vermutlich den gleichen Weg nahm wie die Fledermäuse, die es in der Höhle geben soll – sie fliegen durch einen bewußt angelegten dünnen Spalt in der Ausgangstür.

Gesehen haben wir sie nicht, aber der Wildhüter kann dennoch ihre Existenz nachweisen. Kleine schwarze Pünktchen auf einigen Steinen deutet er als Exkremente der fliegenden Säuger und mehr noch, mein Nahglas offenbart auf einer dieser Spuren einen kleinen fadenartigen Sporenpilz, dessen feuchte Enden im Licht der Taschenlampe zauberhaft leuchten. Ein entzückender Moment, ein Bild, das lange im Gedächtnis bleibt.

So steht man mehrfach vor diesem Wunder an Zeit, Leben und Ewigkeit und fühlt sich klein und endlich und relativ. Auf einem winzigen Seeigel sehe ich durchs Glas die Kapillarhaare, als hätten ihm die 40 Millionen Jahre nichts angetan.

Aber auch der Mensch hat seine Spuren bereits unweigerlich hinterlassen. In einem Rinnsal glasklaren Wassers, in das es schläfrig tropft, liegen oxidierte Münzen und irgendein Idiot hat in einem Felsriß ein großes Geldstück wie in ein Sparschwein oder einen Automat gesteckt, der die Annahme verweigerte.

Sogar die ersten Entdecker dieser Höhle sind nicht unbemerkt vorüber gegangen. An mehreren Stellen zeugen schwarze Färbungen an den Wänden von Fackeln, Öllampen und Zigarettenrauch. Eine Kammer, die besonders schwer davon betroffen ist, heißt „Hexenküche“ – dort hat der Rauch an den Blasenaushöhlungen bizarre Effekte, wie verwischte Schminke einer verweinten Frau, geschaffen. Und ganz oben an einer Wand hat einer der Entdecker, als er an seinem dünnen Seil plötzlich in eine enorme Höhle hinabblickte, in gut lesbaren Lettern „IZZADÓ 1907“ eingraviert. „Izzadni“ bedeutet „schwitzen“ und heute deutet man das seltsame Wort als einen in Stein gehauenen Schweißausbruch, als dem Kletterer in der Dunkelheit die Größe und die Gefahr bewußt geworden sind. Vielleicht aber deutete er die naßen glitschigen Wände, an denen er sich hinabhangelte als verschwitzt oder aber ihm wurde – wie mir bewußt – wie klein und unbedeutend wir sind.

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