Fußball in Ungarn

Budapester Impressionen III

Seit langem hatte ich mir vorgenommen, in Ungarn ein Fußballspiel zu sehen. Zwei Jahre lang verfolgte ich die erste Liga im Fernsehen, zuerst der Sprache wegen, aber dann auch, um die Atmosphäre, die Stimmung – die uns ja immer in das Innere eines Volkes führt – kennen und verstehen zu lernen. Es gibt leider in unserer Gegend keine attraktive Mannschaft. Man könnte nach Paks fahren, das sind 50 Kilometer, aber diese Mannschaft strahlt den Charme des dortigen Atomkraftwerkes aus. Seit Jahren spielt man da grottigen Fußball vor leerer Kulisse in einem wenig einladenden Stadion.

Vielleicht tue ich es in diesem Jahr dennoch, denn nun ist Dániel Böde, die alte ungarische Stürmerlegende, in die Heimat zurückgekehrt, um seine letzten brauchbaren Jahre hier zu verspielen – zuvor fiel er beim Vorzeigeklub Ferencvcáros viele Jahre durch eine überdurchschnittliche und immer konstante Torausbeute auf. Böde verkörpert dabei einen Spielertypus, den man heutzutage im europäischen Spitzenfußball gar nicht mehr sieht. Kräftig an Statur, fast untersetzt und immer etwas phlegmatisch wirkend, kann er, einmal am Ball, geschwinde Bewegungen ausführen, blitzschnell reagieren und eh man es sich versieht, ist der Ball im Tor. Es ist, als hätte er überall Augen, jedenfalls weiß er intuitiv, wo das Tor steht und welche Ecke gerade frei ist, denn just dorthin wird er treffen. Wo andere Stürmer an ihren Nerven zerbrechen, an den Erwartungen der Massen und der Medien, da ist Böde natürlicherweise zu Hause. Ein „ich kann das nicht“ scheint er nicht denken zu können. Nennen wir ihn den ungarischen Zlatan.

Spricht man die Ungarn auf ihren Fußball an, dann winken sie meist desinteressiert ab. Oder sie schwärmen von der „goldenen Mannschaft“ um Ferenc Puskás, der in der Geschichte etwa ebenso bedeutsam ist wie Petőfi oder Kossuth oder Isten persönlich. Damals – in den 50er Jahren – regierte Ungarn die Fußballwelt und verlor dann doch, als es darauf ankam, gegen Deutschland und mit dieser epischen Niederlage – „hast du das Spiel gesehen“?, werde ich immer wieder gefragt – wurde auch der an Demütigungen sich sättigende Volkscharakter befriedigt. Nicht auszudenken, wenn die Ungarn irgendwann einmal etwas Bedeutsames gewännen: eine Schlacht, einen Krieg oder sogar eine Fußballweltmeisterschaft.

Immerhin: das schönste Tor des Jahres 2019 – vor Messi – schoß ein ungarischer Spieler in der Nachspielzeit

Letzteres ist bis auf Weiteres nicht zu erwarten. Es ist auch wie ein Teufelskreis. Solange man keinen glaubhaften Erfolg hat, solange unterstützt man die Mannschaft nicht, und weil niemand an die Mannschaft glaubt und man sie nicht unterstützt, hat sie auch keinen Erfolg. Zwar versucht der Fußballnarr Orbán diesen circulus vitiosus gerade zu durchbrechen, aber ob seine Strategie, mit allermodernsten Stadionbauten zu beginnen, tatsächlich hilft, wird sich zeigen müssen.

Zur Europameisterschaft 2016 gab es ein kurzes Aufflackern. Dort schlug man ganz überraschend und vor allem mit großem Kampf Österreich, trotzte den starken Isländern und dem späteren Meister Portugal ein sensationelles Remis ab, kam schließlich ins Achtelfinale, wo man endlich standesgemäß Turnierfavorit Belgien unterlag – die Mannschaft strotzte vor Kraft. Aber schon wenige Monate später schien alles Selbstvertrauen wieder verschwunden und sang- und klanglos unterlag man dem Weltranglisten 145sten Andorra. Vor wenigen Monaten rang man in einem dramatischen Spiel einen der sieben Erzrivalen – Weltmeisterschaftsüberraschung Kroatien – auf gegnerischem Boden nieder, um dann gegen einen anderen, viel schwächeren – die Slowakei – zu Hause zu verlieren, und gerade gestern gab es die 3 : 0 Retourkutsche gegen die Kroaten. Und so geht es fast immer, wenn es gut geht.

Auch dem Klubfußball fehlt es an internationalen Erfolgen. Immerhin konnte sich Ferencváros in diesem Jahr für die Europaliga qualifizieren und das, obwohl man zuvor in der Championsleague Qualifikation gegen Roter Stern Belgrad hoch verloren hatte. Für Fradi-Fans – so der Spitzname – offenbar eine große Sache. Kurz nach der Qualifikation wurde ich im Abklingbecken im Schwimmbad von einem Fradi-drukker[1] angesprochen und zehn Minuten lang von der historischen Bedeutung dieses Ereignisses überzeugt. Freilich, man hat drei schwere Gegner in der Gruppe und ein Weiterkommen käme einem Wunder gleich.

Bei drei Budapester Erstligaklubs findet man jedes Wochenende ein Heimspiel. Die Partie Honvéd Budapest gegen Vidi Mol Székesfeherváros verspricht eventuell etwas Spannung, denn Honvéd – einer der großen Traditionsklubs mit langer Geschichte, ist miserabel in die Saison gestartet, kann nach fünf Spieltagen nur vier Niederlagen vorweisen, während Vidi fünf aus fünf gewonnen hatte und nun bereits einsam die Tabelle regiert.

Die Klubs, die ich potentiell für etwa gleichstark einschätze, könnten unterschiedlicher nicht sein. Honvéd wurde 1909 gegründet und hat eine lange glorreiche Geschichte, wenngleich die Gloriole schon längst verblaßt ist. Das ist ein typischer Vorstadtklub mit treuer, proletarischer Anhängerschaft. Die Fans nennen ihn auch nur Kispest, wie das Stadtviertel im Osten der Stadt. Vidi hingegen ist ein Retortenklub, in den das Geld des Ölgiganten Mol fließt. Damit hat man es allerdings zu einigem Erfolg gebracht. Die ewige Vorherrschaft der Budapester Klubs wurde durchbrochen, man gewann 2017 den Titel – was Thomas Dolls Ende als Trainer bei Fradi bedeutete – und konnte immerhin auf internationaler Bühne schon ein paar Mal auftauchen, seinen Namen ins Geburtsregister des internationalen Ruhms einschreiben.

Möglicherweise ist das der Grund – vergleichbar mit Red Bull Leipzig und Schalke oder Dortmund – daß zwischen den eingefleischten Fans keine große Liebe entstehen konnte.

Als ich eine Stunde vor Spielbeginn an der Kasse des MTK-Stadions[2] auftauche, steht noch kaum jemand an. Trotzdem dauert es auch hier seine Zeit, bis man an die Reihe kommt. Es herrscht eine fast familiäre Atmosphäre, selbst die Kassiererinnen werden von den Fans durch die Scheiben mit Namen begrüßt. Ein Rentner wird vorgeschoben – ihm mag man das Warten nicht mehr zutrauen. Dickbäuchige Männer in Vereinsfarben begrüßen sich mit „tisztelt uram[3] und küssen sich auf stoppeligen Wangen links und rechts.

 

Es bleibt vor dem Stadion vollkommen ruhig. Keine Gesänge, kaum Alkohol, alles komplett zivilisiert. Nur die martialische Kleidung einiger Fans, entweder ganz in Schwarz oder in militärischen Tarnfarben mit Sprüchen über die Klub-Armee oder die Klub-Soldaten, verraten eine gewisse Leidenschaft. Das Merchandising ist lächerlich klein. Jemand verkauft ein paar T-Shirts und in einem 30m2 großen Fanshop hängen zwei paar verschiedene Polo-Hemden und zwei, drei Hoodies, ein paar Trikots, alles auf einer einzigen Stange. Eine Umkleidekabine gibt es ebenso wenig wie einen Spiegel – dazu muß man in einen Fahrstuhl steigen. An der Kasse kann man ein Ausmalheft kaufen oder einen Schlüsselanhänger. Ich selbst, aus mir noch unbekannten Gründen, habe eine Schwäche für Devotionalien – vielleicht ist es die Lust, in die Haut anderer Menschen zu schlüpfen? – und kaufe mir ein schwarzes Polo mit Vereinssignum.

Auf einem hastig zusammengezimmerten Tisch steht je ein Sack gerösteter Kürbis- und Sonnenblumenkerne, aus denen eine Zigeunerin mit bloßen Händen kleine Tüten befüllt und eine andere zahnlose Frau ruft nuschelnd ein paar Fanschals aus. Kurz und gut, mich erinnert das an alte DDR-Zeiten. So in etwa hat es bei Stahl Riesa oder Chemie Böhlen ausgesehen.

An der Kasse erfahre ich dann, warum es so lange dauert. Ich muß meinen Personalausweis abgeben, Name und Nummer und Staatsbürgerschaft werden fein säuberlich und im Ein-Finger-Verfahren in den Computer getippt und nur durch Glück entkomme ich der typischen Behördenfrage nach dem Mädchennamen meiner Mutter. Der ist lang und klingt ein wenig jüdisch und sorgt jedes Mal für endlose Buchstabierverwirrungen. Die freundliche Dame, die mir versichert, einen schönen und sicheren Platz gegeben zu haben, verzichtet darauf. Die Karte, auf der akkurat Name, Herkunft und Geburtsdatum aufgedruckt ist, kostet lächerliche 1690 Forint (5 Euro).

Als ich mich umdrehe, sehe ich sie endlich, die Fans, die nun aus den in schnellem Rhythmus anfahrenden Straßenbahnen strömen. „Csak Kispest“, „Kispest 1909“, „Kispest Army“ und ähnliches steht auf ihren Shirts. Keine Ahnung, wie die drei Kassen diese Menge in den verbleibenden 30 Minuten schaffen wollen.

Als das Spiel angepfiffen wird, sind sie jedenfalls alle da. Ich sitze auf Höhe der Mittellinie auf halbhoher Position – in der Tat ein guter Platz. Man hört das Schnaufen der Spieler und hat zugleich einen Überblick, die taktischen Einstellungen der Mannschaften zu erfassen. Neben mich hat man zwei junge Spanier gesetzt, die ich in der Pause anspreche. Aber sie sind nicht sehr gesprächig. Über das Spiel können sie nur lachen – sonst gehen sie in Valencia ins Stadion. Es sind Studenten – so viel erfahre ich noch –, die in Budapest studieren. Das wäre zu interessant gewesen. Allein schon die Frage, in welcher Sprache sie das tun, wäre spannend gewesen, denn ihr Englisch ist nur ganz bescheiden.

Ihre Beschreibung des Spiels war freilich korrekt. Als Anhänger von Manchester City ist das hier eine Zumutung. Die Ballannahme, die Paßgenauigkeit, der Blick für die Situation sind meilenweit entfernt vom Traumfußball auf der Insel. Beim Warmmachen hatten die Honvéd-Spieler noch ein paar taktische Varianten des Überlaufens an den Flügeln trainiert, das am Ende mit einer Flanke in den Strafraum abgeschlossen werden sollte, aber schon da sah man, daß die Mannschaft noch viel zu arbeiten hat. Wenn es überhaupt – noch ohne Gegner – zur Flanke kam, dann war sie unpräzise oder der Stürmer konnte nichts mit ihr anfangen. Ihr bester Spieler, auf den ich mich besonders gefreut hatte – der Italiener Lanzafame – war noch nicht einmal im Aufgebot; er wäre vielleicht der einzige gewesen, der mit diesen scharfen Bällen etwas hätte anfangen können.

Im richtigen Spiel kam diese Variante, auf die der italienische Trainer scheinbar viel Wert legte, kein einziges Mal zum Einsatz, zumindest nicht auf der linken Seite. Von rechts glückte es ein Mal. Dort flankte dann Ben-Hatira[4] – ein deutscher Spieler mit Bundesliga- und Premierleague-Erfahrung und vermuteter Islamistennähe – gefährlich in den Strafraum, wo dann leider kein Spieler stand. Das wäre die Chance gewesen. So kam es, wie es kommen mußte: Kispest rannte und ackerte, ohne etwas Zwingendes zustande zu bringen und Vidi stand tief und verteidigte und brauchte nur einen einzigen präzisen Angriff, um die Partie spät für sich zu entscheiden.

Die Lage ist nun für Honvéd prekär. Die Fans nahmen es der Mannschaft nicht übel, denn sie sahen sie ehrlich kämpfen. Nur daß Vidi gewonnen hatte, schien sie zu wurmen. Beide Fanblocks waren zahl- und stimmreich erschienen. Da das MTK-Stadion an Kopf- und Fußende durch eine Betonmauer begrenzt ist, fehlt ihm das arenenhafte. Im Fernsehen wirkt das Stadion seltsam absurd, in der Realität macht sich das weniger bemerkbar.

Links von mir standen die Kispester und rechts die Stuhlweißenburger. Sie konnten sich selbst nicht sehen, aber über den Schall der Gegenseite hören. Ihre Gesänge waren oftmals aneinander gerichtet und nicht immer politisch korrekt. Leider überstiegen die Texte noch immer mein Hörverstehen, nur daß man sich gegenseitig als „Cigany“ bezeichnete – sicher nicht als Auszeichnung – war nicht zu überhören. Daß es zu noch schärferen Wortwechseln kam, konnte ich nur an der Zuschauerreaktion erahnen, die eine Mischung aus wollüstigem Erschrecken war und vereinzelt zu Lachanfällen führte. Sogar der Stadionsprecher fühlte sich genötigt, beruhigend einzugreifen – ohne Erfolg. Die Männer in der gemäßigten Zone waren nahezu komplett still und artig, etwas, das man sich in England oder Deutschland kaum vorstellen kann. Wer sich abreagieren will oder muß, der sollte sich in einen Fanblock stellen.

Und nach dem Spiel war alles vergessen, friedlich verließen die Fans das Stadion: die Kispest Army ging in aller Freiheit, die Vidi-Leute wurden von berittener Polizei begleitet.

So muß Fußball sein: er ist ein Ventil, notwendig und nützlich und lehrreich dazu.

[1] Fan von Ferencváros Budapest
[2] Nicht weit vom gigantischen Puskás-Stadion entfernt – es ist nicht das Heimstadion von Honvéd. Weshalb die Heimpartie im fremden Stadion ausgetragen wurde, entzieht sich meiner Kenntnis. MTK ist ein weiterer stolzer Budapester Verein, der es auf bisher 23 Meisterschaften gebracht hat – er hatte bürgerliches und jüdisches Publikum. Weiterhin von Bedeutung ist Vasas Budapest (jetzt 2. Liga).
[3] Mit Respekt – im übertragenen Sinne so etwas wie „Habe die Ehre“
[4] Es gibt wohl zwei Gründe, weshalb auch in der ungarischen Liga so viele Ausländer spielen. Sie sind etwa auf dem Weg abwärts, wie Lanzafame, Ben-Hatira und einige jugoslawische Spieler oder der sehr starke brasilianische Torwart Pedro vom Provinzstadtverein Kisvarda, oder sie erhoffen sich Ungarn als Sprungbrett nach oben. Letzteres dürfte vor allem für die zahlreichen afrikanischen Spieler gelten, die in den letzten Jahren die niederen europäischen Ligen prägen. Auch die wenigen großen Ungarn kehren in der Regel zum Sonnenuntergang in die Heimat zurück: Zoltán Gera etwa oder Gábor Király.

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