Budapester Innenstadt

Budapester Impressionen II

„Südliche Innenstadt“, so nennt mein Reiseführer jenen Teil der Metropole, den ich am ersten Tag erkunde. Das ergibt sich aus der einfachen Tatsache, daß die Sprachschule in der Váci Utca liegt. Zu meinem Erstaunen realisiere ich, daß dies die moderne Flaniermeile der Stadt ist.

Jede Großstadt, die etwas auf sich hält, hat mittlerweile mindestens eine solche Passage. Sie soll heutzutage weniger dem Flanieren, sondern eher dem Konsumieren und Kaufen dienen. Walter Benjamin müßte sein „Passagen-Werk“ heute umschreiben, sähe er diese Konsummeilen. Sie unterscheiden sich von anderen Straßen dadurch, daß sie sich von vergleichbaren Straßen in anderen Städten nicht unterscheiden. Hier residieren die Weltmarken, deren Namen die jungen Generationen mit Ehrfurcht und Respekt nennen und kennen. Glanzgeschäfte, Videoreklamen, Originalitätsimitationen.

Man erkennt sie auch todsicher an ihren Restaurants und Cafés, denn vor ihnen stehen immer Animateure und Werbeträger, die im endlosen Fluß an vorüberströmenden Menschen jene ausfindig zu machen suchen, die gerade etwas essen möchten oder denen man das glaubhaft machen kann. Sie werben dabei aggressiv mit günstigen Preisen, mit besonders guter Qualität oder mit seltsamen Kostümierungen. Ich selbst würde schon wegen dieser Aufdringlichkeit nie ein solches Etablissement betreten, aber andere scheinen weniger empfindsam zu sein und tun so, als könne man in dieser Enge und Lautstärke und unter tausenden Blicken auf den eigenen Teller tatsächlich genießen. Vermutlich müssen diese Wirtschaften so aggressiv werben, denn sie haben denkbar exorbitante Mieten zu bezahlen und können das nur, wenn sie soundsoviele hundert Menschen pro Tag abspeisen.

Ich frage mich, wie das funktionieren kann? Wie kann man Qualität liefern, wenn man am Kunden nicht interessiert ist, sondern nur an seinem Geld? Ein einziges Mal saß ich in so einer Bude und das war in Venedig. Wir waren als Familie unterwegs und hatten einfach riesigen Hunger und es sah nicht so aus, als könne man in Venedig überhaupt irgendwo etwas bekommen, als in so einer Einrichtung. Also setzten wir uns und warteten auf den mißmutigen Kellner. Der aber ließ auf sich warten und also ging ich hinein und rief ihn. Das war ein schwerer Fehler. Der Mann war durch seinen Beruf – wer kann ihn dafür verurteilen? – zum Menschenhasser geworden; es zählte nur noch das Geld. Wir bestellten tre piatti oder Pizzen, ich weiß es nicht mehr. Ich selbst wollte nur einen Kaffee trinken. Aber wir hatten die Rechnung nicht mit dem Wirt gemacht. Er meinte, daß er uns nur bedienen könne, wenn wir alle vier ein volles Mahl nähmen. Das wiederum war mir zu affig und ich bestand auf meinem Kaffee. Nein, das ginge nicht, hier einen Platz zu besetzen und nicht das volle Programm zu bestellen. So ging es hin und her, schließlich verwies er uns des Restaurants und er würde niemanden von uns bedienen, weswegen ich ihm vor allen Leuten ein saftiges „Vaffanculo!“ – zum Entsetzen meiner Frau – entgegen schleuderte.

Auch hier sind unangenehme Szenen zu beobachten. Ein arabischer Kellner rückt beflissen und in gebeugter Haltung einigen deutschen Damen die Stühle zurück, die von dieser Geste überwältigt sich nicht mehr wagen, weiter zu gehen. Gefangen! Wohin man sieht, starrt man auf essende Menschen und volle Teller und wenn man nicht aufpaßt, streift man die Essenden. Wir hingegen biegen in eine Seitenstraße und finden dort ein kleines chinesisches Gasthaus, wo wir fast ungestört irgendwas Süßsaures essen. Im Reiseführer lese ich später, daß die Váci Utca zu den 30 teuersten Straßen der gesamten Welt zählt.

Wir sind schon müde, aber da wir nun einmal hier sind, schauen wir am Nationalmuseum vorbei. Ein gigantischer Bau mit mächtigen Säulen und einer beeindruckenden Treppe.

Auf der linken Begrenzung soll, laut Legende, am 15. März 1848 Sándor Petőfi gestanden und in strömendem Regen einer großen Menge zum ersten Mal sein „Nemzeti Dal, das Nationallied, skandiert haben. Von da an wurde es zu dem, was sein Name aussagt.

Wir wollen uns wenigstens die Ausstellung zur Geschichte Ungarns anschauen. Schon an der Kasse lernen wir etwas über Ungarns Gegenwart. Nur wenige Menschen stehen vor uns und dennoch dauert es unbegreiflich lange. Als wir schließlich dran sind, erklärt sich die Angelegenheit. Man hat sich ein (vermutlich) neues Computersystem zugelegt. Ein Kassierer, noch sichtlich unsicher mit der Technik, tippt aufwendig in ein kompliziert aussehendes Formular alle Daten ein: unsere Nationalität, die Kartenart und was weiß ich. Dann benötigt die Maschine wertvolle Zeit, die Daten zu prozessieren. Er hat sich vertippt, muß vorn vorne anfangen und die Verbindung zwischen Computer und Drucker ist auch nicht die schnellste. Man sehnt sich nach den glücklichen Zeiten der Abreißkarten zurück, als die Menschen noch etwas von Buchführung verstanden und abends in aller Ruhe alles zusammenrechnen konnten.

Nachdem wir unsere Karten endlich in der Hand haben, kann man an einem anderen Schalter – auf keinen Fall am gleichen! – einen Audio-Guide erstehen. Im wahrsten Sinne des Wortes, denn auch dort müssen wir warten. Neben den Kopfhörern hat der gute Mann auch noch den Souvenirshop zu bedienen. Aber auch ohne diese Doppelbelastung hätte es wohl lange gedauert, denn zu unserem Entsetzen nehmen wir wahr, daß jeder Interessent ein ganzseitiges Formular mit Durchschlag (blaues Pauspapier) auszufüllen hat. Das ist uns zu viel und wir gehen ungeführt, aber bereits mit in den Bauch gestandenen Beinen in die Ausstellung.

Man kann sie empfehlen. Ihr größter Makel ist die Offensichtlichkeit der Duplikate. Wenn mich nicht alles täuscht, handelt es sich bei den meisten Ausstellungsstücken um Nachahmungen der Originale.

Woher aber dieses Bedürfnis, einem Original zu begegnen, und die Abneigung gegen Kopien? Letzteres sieht genauso aus – im Idealfall – wie ersteres, aber es fehlt ihm die Aura. Eine Streitaxt, mit der ein Árpádenkrieger einem Gegner vielleicht den Schädel gespalten hat, oder ein Hemd, das einst ein Anjou trug, und selbst ein Ohrring aus unbekannter Quelle … strahlt gelebtes Leben aus, hat „Erfahrungen“ gemacht, Dinge „gesehen“, Liebe und Leid und Weltgeschichte und das macht es authentisch. In diesen Gegenständen liegt das größte Geheimnis für den Menschen anschaulich vor Augen: das Geheimnis der Vergänglichkeit.

An einem Gegenstand freilich habe ich dieses Gefühl, der Geschichte ganz nahe zu sein und das war Miklós Horthys – berühmte Admiralsuniform – original. Leider sah ich sie unter den Klängen der Lautsprecherdurchsage, daß das Museum in 15 Minuten schließe und man sich doch bitte zum Ausgang zu begeben habe. Wieder mußte man sich fragen, warum es solche Institutionen nicht schaffen, die drei deutschen Sätze von jemandem vorlesen zu lassen, der schon einmal ein deutsches Wort im Mund gehabt hat. Sie erinnern uns auch daran, daß wir bereits drei Stunden in der zweiteiligen Ausstellung weilen und nun in der Gewißheit gehen, noch einmal wiederzukommen.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.