Rosenhügel

Budapester Impressionen I

7.9.2019: Drei Wochen werde ich nun in Budapest weilen mit dem Ziele, die Sprache zu lernen. Jeden Wochentag von 9 bis 12.15 Uhr wird es Unterricht geben, danach steht die Zeit zu meiner Verfügung. Sie soll vor allem dem Lernen dienen, dem direkten Lernen, aber auch dem Eintauchen in das ungarische Leben, das Hören, das Lauschen, das Sprechen, das Beobachten, das Fragen, das Wundern, das Urteilen, das Mögen und das Verachten … was immer kommen mag. Auch Geschichte und Kultur werden eine Rolle spielen.

Drei Wochen – intelligent genutzt – sollten lang genug sein, um sich über eine Stadt dieser Größe ein Urteil erlauben zu können. Das berühmte Nachtleben jedoch, das heutzutage eine so bedeutende Rolle spielt, wird hier keine Erwähnung finden und sicher nicht aus Scham. In meinem Reiseführer gibt es sogar ein Kapitel „Schwules und lesbisches Nachtleben“, aus dem ich erfahre, daß die Sauna „Magnum“, gleich hinter dem „Nemzeti Museum“ mit „Darkrooms“ und Massageräumen von mir besser gemieden werden sollte.

Ganz anders sieht es mit dem Museum selbst aus, dessen imposanter Bau sofort alle Aufmerksamkeit auf sich zieht. Doch dazu später.

Ich habe das Privileg, auf dem „Rosenhügel“ im zweiten Bezirk wohnen zu dürfen. Dort miete ich mich in der Zweitwohnung eines Bekannten ein, der sie sich einst – Mitte der 90er Jahre – wohl als Wertanlage zugelegt hatte und sie selten, alle paar Monate, wie die Geschäfte es verlangen, für ein paar Tage bewohnt. Das letzte Mal muß schon eine Weile her sein: die Kaffeesahne in den verschweißten Kapseln ist schon nicht mehr im flüssigen Zustand und der Gummiring am Honigglas zerbröselt unter meinen Fingern. Als Wertanlage dürfte sich der Kauf dennoch gelohnt haben – der „Rozsadomb“ gilt als vornehmste und gefragteste Wohnlage in der ganzen Stadt[1]. Wenn man anderen von der Wohngelegenheit erzählt, dann schnalzen sie anerkennend mit der Zunge.

Ich hatte mir ein Viertel wie etwa den „Weißen Hirsch“ in Dresden vorgestellt, eine Villengegend mit üppigen Gärten, Weinranken und Pools, bewohnt von Menschen in Leinenhosen, die dicke Autos fahren. Aber davon kann keine Rede sein. Es gibt die eine oder andere stilvolle Villa, große Teile des Viertels, das übrigens so groß ist, daß es verschiedene Stadtteile hat, sind aber von altsozialistischen Bauten oder von den typischen do-it-yourself-Eigenheimen der blühenden Kádár-Jahre geprägt. Manches wirkt recht herunter gekommen, die Farbe grau ist in vielen Schattierungen dominant, an den Häuserwänden sieht man Moos, Fensterrahmen und Dachrinnen sind verblaßt und auf einigen Dächern wurden Teerbahnen statt Schindeln gelegt, allerdings mit Dachschieferaufdruck.

Der Rosenhügel vom Stadtzentrum aus gesehen Photo © Otthontérkép Magazin

Auch das Haus, das nun mein Domizil werden soll hat den betonenen Charme der 70er Jahre. Es befindet sich in einer kleinen Seitenstraße, die wohl seit Jahrzehnten keine Erneuerung mehr erfahren hat. Man muß aufpassen, um beim Parken nicht in einem Krater zu verschwinden. Das Treppenhaus ist dunkel und aschfahl. Immerhin überrascht der geräumige Wohnraum, der noch mit den originalen Parkett belegt ist – einige Parkettscheite liegen nur noch lose eingefügt und klappern romantisch, wenn man auf sie tritt.

 Steigt man allerdings den Rosenhügel weiter hinauf, ändert sich das Ambiente doch erheblich. Ganz oben am Hang, wo ausgiebige Wälder beginnen, gleich unterhalb des „Árpád-Aussichtsturms“ – der leider kein Turm ist, sondern nur eine Plattform und von dem aus man die Stadt wunderbar hätte überblicken können, wenn man den Baumwuchs etwas intelligenter geregelt hätte –, an diesen steilen Gassen ganz am Ende des Hügels, wohnt tatsächlich das Geld.

Hier hat man sich großartige Villen in ganz unterschiedlichen Stilen gebaut. Die eine erinnert an eine Jurte der Urmagyaren und ist – alles in Bögen und Wölbungen – ganz aus Holz gefertigt, die darunter erstrahlt in hellem Weiß und kennt außerdem nur Glas und rechte Winkel. Gegenüber steht tatsächlich noch eine echte Bürgervilla. Sie alle – weil sie vor den Bäumen stehen – genießen einen wunderschönen Blick über Budapest, vom Parlament bis hinunter zur Petőfi-Brücke. Hier sieht man die Burg und den Matyas-templom, dort das Riesenrad, da den Gellért-Berg und darunter seine berühmten Bäder und überhaupt das gesamte Panorama des Donauufers. So einen Ausblick kann man sich schon etwas kosten lassen.

Man fährt hier oben übrigens bevorzugt E-Auto. Man hört sie kaum noch, wenn sie sich von hinten anschleichen. Sie sind an ihrem grünen Nummernschild gut zu erkennen. Auch die blauen Nummernschilder der Botschaftswagen fahren in dieser Gegend auffällig häufig. Die indische Botschaft kann ich von meinem Haus aus sehen, die der Philippinen ist um die Ecke und die palästinensische verbirgt sich gleich hinter dem Hügel.

Ein kleiner Gang durch das Viertel macht die Vielfalt der Gegend deutlich. Ich suche am ersten Tag eine geeignete Joggingstrecke und hoffe auf den Ference-hegy. Das ist ein schmaler Park, ein Naturschutzgebiet inmitten des Stadtteils, in dem es nur einen Weg gibt. Den werde ich also rauf und runter joggen, war der erste Gedanke, der nach einigen Versuchen mit ganzen Hundemeuten wieder aufgegeben wurde.

Am vorderen Ende des Wäldchens tut sich nun ein ganz anderer Blick auf, der nach Norden, nach Obuda und Újpest. Auch dort sind die besten Plätze von großen Villen mit sehr hohen Zäunen und ausgeklügelten Sicherheitsanlagen besetzt. Den nahesten Kontakt mit dieser Welt verschafft mir ein dicker Kater, der mir miauend um die Beine streicht und dabei einen seltsam hervorgewachsenen Zahn sichtbar macht, der ihm das Ansehen einer bösen Hexe verleiht. Ich kenne Leute, die würden die Besitzer solcher Villen sehr wahrscheinlich als Fidesz-Leute bezeichnen. Bei ihnen muß fast jeder, der es zu Reichtum und Wohlstand gebracht hat, ein Günstling Orbáns sein.

Was vermutlich den größten Reiz des Viertels ausmacht, ist das viele Grün, das freiere Raumgefühl und die relativere Ruhe, wenn man nicht gerade an der befahrenen Bimbó utca[2]oder der Törökvész utca[3] wohnt.

Offenbar zieht es auch Ausländer hierher. Als ich die steile Treppen am Ferenc-Berg hinuntersteige, die in ein Seitental führt, geht ein englisches Paar vor mir. Er sieht aus wie David Gilmour nebst dritter Frau und ich hoffe nur, es war nicht David Gilmour, denn so eine Chance will man nicht verpaßt haben.

Budapest erweist sich als eine in ein Tal gequetschte Stadt, deren Hänge – wie fast immer bei derartigen Konstellationen – den Begüterteren vorbehalten bleiben. Am Stadtrand hingegen stehen die vielen Reihen an Plattenbauten. Dort wohnte einst das Industrieproletariat unter unbeschreiblichen Bedingungen („siehe: Verlockung“) und heute wohnt es noch immer dort, nur etwas heller und sauberer.

Ich weiß nicht, ob man von Újpest aus neidisch auf die grünen Hügel blickt, aber ich bin mir ziemlich sicher, daß die Rosenhügler den Blick auf die Wohnsilos wie eine Warnung und zugleich wie ein „geschafft“ empfinden müssen.

[1] 90000 Menschen leben im zweiten Bezirk, gerade mal 5000 davon auf dem Rosenhügel. Um exakt zu sein: Mein Domizil befand sich administrativ in Vérhalom, einem Bezirk des zweiten Distriktes, etwas oberhalb des Rosenhügels. De facto bekennen sich aber aller Einwohner des zweiten Bezirkes als Rosenhügler.
[2] Bimbó = Knospe
[3] Török = Türken, vész als Substantiv = Unheil. Beide Straßennamen sind eine schöne Warnung an zu schnelle Urteile und Assoziationen. „Vész“ als Substantiv bedeutet übrigens „Not“ oder „Unheil“; der Name erinnert also an die türkische Schreckenszeit … sofern er nicht doch Sándor Török zu verdanken ist, an den weiter unten in der Stadt eine Gedenktafel erinnert.

Ein Gedanke zu “Rosenhügel

  1. Ayatollah Kuffari schreibt:

    Geschätzter Seidwalk, an meinem letzten Tag in ebendiesem Budapest hat mich Ihr Beitrag animiert, nicht schon wieder den Freuden des Szechenyi- Bades zu frönen- diesen Rosenhügel (obwohl vor Urzeiten besucht) muss ich mir doch unter soziokulturellem Aspekt genauer ansehen!

    Seidwalk: Ins Széchenyi wollte ich auch gehen, aber zu viele Menschen und zu viele Sprachen. Davon später mehr.

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