Die Liebe in einer zerbrochenen Welt

Es gibt keine Liebe, mein Freund, es gibt keine; Lüge ist jede Liebe. Es gibt nur eine einzige Liebe … Dies ist die einzige Liebe: Langeweile, Krankheit, Häßlichwerden, Sich-anderswohin-Träumen, tausendmal Ausreißen-, Fliehenwollen und doch immer bleiben müssen: sich gegenübersitzen und einander ins vergreisende Antlitz schauen und schließlich das Sterben des anderen mitansehen: das ist die Liebe. Ernő Szép

Wenn ich dieser Tage Ungarn lese, dann um Ungarn kennen zu lernen: das Land Ungarn in seiner historischen Entfaltung und die Ungarn als Volk und als Menschen in ihrer Verfaßtheit, in ihrer Denk-, Fühl- und Lebensweise – das Typische eben, sofern es Derartiges gibt.

Von Ernő Szép (1884-1953) sind heute noch zwei seiner größeren Romane in Deutschland zu haben – ihre Übersetzung ist einem gewissen Hype der sogenannten “Großen Eleganten” zu danken, zu denen auch Sándor Márai und Antal Szerb gehören. Beide haben hier größere Erfolge feiern können als Szép, aber es besteht kein Zweifel, daß dieser mit jenen mithalten kann.

„Die Liebe am Nachmittag“ ist ein Buch, wie ich es mir nur wünschen kann. Man quiekt fast vor Wollust bei diesem wunderbar melancholischen, ironischen und erotischen Roman.

Der Erzähler, Mitte Vierzig, führt uns in den Herbst der westlichen Zivilisation, deren eine fast verblühte Schönheit die Stadt Budapest war, die man nur mit Wien, München, vielleicht noch Berlin oder Paris und Rom vergleichen kann. Eine mondäne, etwas anrüchige Welt, die sich über ihren dekadenten Zustand schon keine Illusionen mehr macht und ihn mit einem ironischen Augenzwinkern vor einem heute kaum noch vorstellbaren Hintergrund umfassender Bildung und Kultur genießt.

Die Menschen darin sind im Grunde verloren, aber umso mehr suchen sie die Liebe, wollen geliebt werden und lassen sich dafür gern betrügen, ja betrügen sich selbst. Es ist die unüberwindbare Differenz zwischen Sehnen und Unmöglichkeit. Es ist ein letztes sensuelles Genießen im Angesicht des kommenden Todes.

 Sie sind andererseits hochkultiviert und das äußert sich in einer – bis in die Feinheiten hinein – ausgeprägten Differenzierungsfähigkeit und vielfältigen Sensibilisierung: „Beim Handkuß habe ich ein wenig von ihrem Parfüm inhaliert. Es sind nur Bruchteile einer Sekunde, in denen der Mann die Hand einer Frau kennenlernt, ihre Textur, ihre Wärme, den Duft, ihr Benehmen, ihre Willfährigkeit, den Instinkt, die ganze Botschaft. Nach manchem Handkuß meines Lebens habe ich das Gefühl gehabt, ich hätte den Mund dieser Frau geküßt.“

Wie der Erzähler immer wieder larmoyant seine Vergänglichkeit zelebriert, das zeugt von großer Lebenserfahrung und einem durchgehenden Humor – man kann dieses schmerzhafte Buch nur lächelnd lesen. Im Wissen des Vorbei zählt vor allem das Jetzt. Jene letzten Kulturmenschen stehen permanent vor dem inneren Spiegel und reflektieren sich selbst, ihre Gefühle, Gedanken und Hintergedanken und ihre Lügen – aber all das in Perfektion.

Dieser von Armut geplagte, aber stilvoll und aufrecht lebende Künstler leistet sich gleich zwei Affären. Eine mit einer verheiraten Frau der höheren Schichten, die er nach einem klassischen Duft nur „5Fleur“ nennt – beide schauen der Realität ganz zynisch und pragmatisch ins Gesicht – und eine mit einem jungen, armen, naiven und dümmlichen, aber herzensguten Mädchen, das glaubt, eine Schauspielerin werden zu können. Letztere hebt er sich auf, will die Frucht zum passenden Zeitpunkt pflücken. Aber im Laufe der Monate wird aus dem begehrlichen Jungfrauenkörper eine nahe Seele, frißt sich dieses kleine Ding immer mehr in sein Bewußtsein und schließlich muß er zu seinem Erschrecken feststellen, daß er es liebt. Und weil das nicht geht, findet er eine entsprechende Lösung.

Und indem er sie letztlich verschmäht, wird ihm die eigentliche Konstante des Lebens deutlich, die eben nicht in den Luftschlössern der Künstler und der Intelligenz, sondern in der Realität zu suchen ist:

„Das Geniale ist die Talentlosigkeit. Die Millionen und Abermillionen Frauen, die kochen, die stillen, die Gobelins weben oder sich in Bridgesalons enthusiasmieren; die Millionen und Abermillionen Männer, die auf dem Acker, in der Werkstatt oder in den Ämtern arbeiten, die eine Hütte zimmern oder für ein Häuschen mit Garten sparen. Die auf der Liebhaberbühne auftreten und ins Poesiealbum schreiben oder im Männergesangsverein singen; die im Theater applaudieren, sich gegenseitig mit der Kodak verewigen, sie alle tragen das Genie in sich, die wissen, was man auf dieser Welt zu tun hat.“

Da hat man es exemplarisch. Anziehung und Abstoßung. Indem er aus dem jungen Ding keinen Vorteil zieht, gelingt ihm zum ersten Mal die Anerkennung ihres Seins. Dieses wird die Welt seiner eigenen Hochkultur bald überrennen. Ernő Szép hat mit diesem Roman ein weises, sprachlich ruhiges, aber originelles Manifest des Konservatismus, der sich selbstkritisch und spitz reflektiert, geschrieben.

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„Sicher ziemlich uninteressant, was ich da berichte, ich weiß. Aber so war es.“

Daß dieses Überrennen der antiquierten Welt des Modernismus schon wenige Jahre nach Veröffentlichung jenes grandiosen Romans von 1935 geschehen sollte, das war wohl noch nicht abzusehen. Es gibt jedenfalls keine Hinweise darin.

Nur zehn Jahre später hat sich Széps Lage komplett verändert. Nun lebt er gezwungenermaßen in einem der sogenannten „Sternhäuser“, in denen die Budapester Juden zusammengetrieben wurden, nun fehlen ihm die Bücher, nun muß er einen gelben Stern am Revers tragen und statt mit Gleichgesinnten in Cafés zu plaudern oder seine gefeierten Stücke im Theater zu sehen, muß er mit wildfremden Menschen umgehen, die der Zufall zusammengewürfelt hat. Sie eint nur eines: ihr jüdisches Herkommen.

Hier beginnen Széps Tagebuchaufzeichnungen einer dreiwöchigen Tortur. Zwei Drittel der Budapester Juden wurden in einer einmaligen Massendeportation in die Lager gebracht. Nachdem Horthys halbherziges Bemühen, sie vor der Vernichtung zu bewahren, aus verschiedenen Gründen endlich gescheitert war und die nazitreuen Pfeilkreuzler das Regime übernahmen, gab es kein Halten mehr. Und es waren vor allem Ungarn selbst, die andere Ungarn, jüdische Ungarn dem Verderben übergaben. Dabei galten die ungarischen Juden als die bestintegriertesten der ganzen Welt, viele waren konvertiert, die meisten lebten vom mosaischen Glauben entfernt und etliche waren glühende Nationalisten und Magyaren.

Es klingt makaber: aber die Literatur hat dem Grauen zwei der ungewöhnlichsten Bücher zu verdanken und beide stammen von Ungarn. Die Rede ist von Imre Kertész‘: „Roman eines Schicksallosen“ und von eben jener „Zerbrochenen Welt. Drei Wochen 1944“ unseres  Ernö Szép.

Die Schicksale freilich sind kaum zu vergleichen. Kertész wurde als 15-jähriger nach Auschwitz deportiert, Szép war da schon 60 und wurde zur Zwangsarbeit außerhalb Budapests gezwungen und das auch „nur“ drei Wochen.

Das allerdings erlaubt es ihm – im Gegensatz zu den langjährigen und unendlich brutaleren KZ-Erfahrungen, die man wohl nur in einer gewissen Abstraktheit wiedergeben kann – minutiös zu berichten. Was übrigens beide ungarischen Meister vereint, ist erneut der ironische und distanzierte Blick, der es weitgehend vermeidet, eine Opferposition einzunehmen, sondern versucht, die menschliche Komplexität auf allen Seiten in ihren notwendigen Denkrahmen begreifbar zu machen.

Da wird das Grausame der Wächter zwar nicht verschwiegen, aber sie werden als Menschen plastisch, auch in ihren guten, menschlichen Zügen, da werden die Juden nicht nur als Opfer gesehen, sondern auch ihre je individuellen Fehler und Vergehen wie auch ihre gruppenspezifischen Idiosynkrasien aufgezeigt, da werden auch die Deutschen nicht nur verteufelt … Wir bekommen die Vielfalt der Menschen zu sehen.

Sie alle sind in ihre Denkmuster verstrickt, haben ihre jeweiligen Geschichten, Freuden, Ängste, aus denen man das Verhalten sehr gut erklären kann, ohne es automatisch zu bewerten. Das ist vielleicht die größte Leistung Széps: auf jeglichen Moralismus zu verzichten. Das können, wie es scheint, nur Ungarn und Juden wie Szép und Kertész.

Das Schreckliche an Erlebnissen, das Abgründige am Menschlichen wird wie Nebenbei, wie eine zwangsläufige Normalität geschildert und dies ist erneut jenem inneren Konservatismus Széps zu danken: Wer wie dieser durch und durch wissende Mensch lange über das Wesen des Menschen nachgedacht, alle Illusion aufgegeben hat, den kann die absurd erscheinende Niedertracht, die entwürdigende Dummheit – wie etwa den idiotischen Antisemitismus vieler Ungarn -, die ihm tagtäglich begegnet, nicht mehr verwundern, denn als Konservativer geht er von der conditio humana aus und nicht von Hirngespinsten. Und dies erlaubt ihm auch das divine Lachen, das durch alle Melancholie hindurch scheint.

Die alten Männer leiden an ihren Körpern, an Blasen, drückenden Schuhen, durchnäßten Kleidern, an Hämorrhoiden, Zuckerkrankheit und zerquetschten Fingern, sie leiden unter den Schlägen und Schmähungen der Wachmannschaft, aber am meisten leiden sie – und das ist psychologisch bedeutsam – an der Langeweile, am Warten und an der Ungewißheit, vor allem an der Ungewißheit. Sie wissen nicht, wohin der Marsch geht, wie lange ihre Qual dauern wird und sie leben auf, wenn es einen Fetzen Gewißheit gibt, und sei es eine fürchterliche.

Der Autor tritt aus sich heraus und gewinnt passagenweise eine Draufsicht. Selten verliert er seine überlegene Ironie – sie nimmt freilich zu Ende des Buches ab, was uns zeigt, daß auch stoischem Sarkasmus die Kraft fehlen kann. In aller Verzweiflung versucht er das Positive, das Lustige ausfindig zu machen, denn eigentlich kann man über Menschen doch nur lachen. Er tut das in vielen kleinen Szenen, jede Szene ein kleiner Roman: „Und das ist kein Einzelfall, sage ich Ihnen. Solche Tragödien gibt es gegenwärtig auf Schritt und Tritt. Dazu brauchen Sie weder Mauriac noch Céline lesen.“

Ernö Szép: Die Liebe am Nachmittag. DTV 2001
Ernö Szép: Zerbrochene Welt. Drei Wochen 1944. DTV 2014

siehe auch: Der Großmeister der Melancholie

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