Das glückliche Volk

Ein Märchen

Es war einmal ein Volk, das hatte sieben Stämme und jeder Stamm hatte einen König und jeder König einen weisen Wesir und jeder weise Wesir hatte ein Geheimnis und jedes Geheimnis erklärte das Glück dieses Volkes und niemand kannte es, nur die weisen Wesire, aber die hatten keine Sprache, es zu sagen.

Denn das Geheimnis war zu groß und zu geheim und unaussprechbar.

Lange lebte das Volk in seinen sieben Stämmen glücklich und sorglos, so glücklich, daß die Menschen sich keine Sorgen um ihr Glück machten. Und auch nicht über ihr Glück.

Doch dann kamen Barbaren aus dem Osten, schnell und grausam und ohne Gnade. So mußten sie fliehen, das Volk und seine sieben Stämme. Da sie getrennt gingen, wurden sie sich allmählich fremd. Darüber ging das Glück verloren.

Nach Jahren entbehrungsreicher Flucht erreichten sie nach und nach eine weite Tiefebene, schier endlos und karg, aber leer. Niemand lebte hier. Die sieben Könige beschlossen, sich an diesem Ort zusammen niederzulassen.

Sie bauten sich Dörfer und Städte, Straßen und Plätze, rangen dem Boden kümmerliche Ernten ab und vermehrten das Vieh. Bald hatten sie sich einen bescheidenen Wohlstand geschaffen – aber das Glück, das gewohnte vertraute, wollte sich nicht wieder einstellen. Nur die Alten erinnerten sich noch daran, die Mütter besangen es in den Wiegenliedern und den Volksweisen, aber es war ein großer verblasster Traum.

Da beschlossen die Könige, einen unter ihnen zum Herrscher zu wählen und der rief die sieben Weisen zu sich und sagte:

„Ziehet hinaus in die Welt und mischt euch unter die fremden Völker, lernt von ihnen, erforscht ihr Geheimnis. Sind sie glücklich, so findet den Grund, sind sie unglücklich, so forscht nach den Gründen. In sieben Jahren kehrt zurück und geht  gemeinsam sieben Monde in die Einsamkeit. Dort denkt nach und bringt uns unser Glück, unser Geheimnis, zurück.“

So geschah es. Die weisen Wesire zogen hinaus in die Welt und kehrten sieben Jahre später in die Heimat zurück. Sie hatten viel gesehen, sprachen fremde Sprachen, trugen fremde Kleider. Nach sieben Monden kamen sie zu einem Schluß:

Das Glück unseres Volkes liegt darin, anders zu sein. Und damit dies so bleibt und nie wieder ein Fremdling dieses Glück zerstören kann, haben wir aus unseren sieben Geheimnissen ein großes Geheimnis geschaffen, das selbst dieses Geheimnis enthält. Man muß es den Kindern von früh auf lehren ohne es zu erklären und wenn sich unser Volk dieses Geheimnis bewahrt, dann wird es auf immer beglückt bleiben.

Und so entstand die ungarische Sprache.

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