Die Erde brennt!

Gestern mußte ich wieder mal den Oberschlauen spielen. Meine Frau kam mit ganz besorgtem Gesicht ins Zimmer und klagt über das Abbrennen des Urwaldes in Brasilien. „Feuer neben Feuer neben Feuer“, „in zehn Jahren sei alles vorbei“

Wohl der Frau, die einen starken Mann an ihrer Seite weiß, der ihr die Ängste nimmt, an den sie sich anlehnen kann. Ich nahm sie tröstend in den Arm und sagte:

„Meine Liebe, nimm das nicht so schwer. Denk doch nur einen Moment darüber nach. Du hast Angst, daß der Regenwald in wenigen Jahren verschwindet, nur weil ein paar Experten und vor allem Journalisten Panik verbreiten? Erinnere dich an Boris Johnsons Schuh – auch da ereiferte man sich an einem Tag über den Flegel und am anderen klärte sich alles als Scherz zwischen den beiden Super-Egos auf.

Unser aller Haus brennt, meint Macron – und twittert ein Fake-Bild

So ist es auch hier. Man sagt, die Brände hätten in einem Jahr um 82% zugenommen. 82% ist aber noch nicht mal doppelt so viel. Hast du letztes Jahr etwas über Waldbrände in Brasilien gelesen und in den Jahren zuvor? Nein? Siehst du, das liegt daran, daß die Brände damals zu klein und zu bedeutungslos waren, um es in die Gazetten zu schaffen, und außerdem hatte Brasilien damals noch eine linke oder noch linkere Regierung. Und überhaupt: Wie kommt man denn auf die alberne Zahl 82 oder sogar 83?

Es gibt also in diesem Jahr nicht mal doppelt so viele Brände in Brasilien wie im letzten Jahr. Mögen es, sagen wir mal, ein Prozent der Fläche gewesen sein, so sind es jetzt eben etwas weniger als zwei – deutlich mehr, aber noch immer wenig. Ein Drama für die Menschen, die dort leben und vor allem für die dortige Natur, für Tiere und Pflanzen, für deren Erhalt wir seit vielen Jahren spenden …, aber wohl keine Katastrophe für die Welt. Höchstens eine kleine Schippe mehr.“

In dieser Art erklärte ich ihr das und streichelte ihr dabei sachte über das Haar, bis sie zu schluchzen aufhörte und mich mit ihren großen Kulleraugen dankbar von unten anschaute.

Aber heute ging das Panikkarussell weiter. So schreibt die „Welt“ in klimaextremistischen Tönen „Die Erde brennt, nicht nur Brasilien“ und verweist darauf, daß in Afrika noch viel viel mehr brennt als in Südamerika – was übrigens die These bestätigt, daß es den Haltungsjournalisten um Bolsonaro geht und nicht um die Wahrheit. Am liebsten wäre ihnen, die USA oder Großbritannien brennten nieder oder bald Sachsen und Trump, Johnson oder die AfD hätten mal wieder gezündelt. Es würde mich nicht mal wundern, wenn sie selbst mit Hand anlegten.

In ihrem Supergauartikel entzaubert sich der Brand-Journalismus aber selbst – ohne es freilich zu verstehen. Sie können vor lauter Ideologiegeifer einfach nicht mehr denken, sie greifen nach jedem Strohhalm und sei er im Wasser oder schon halb verbrannt im Feuer.

Die „Welt“ klärt uns immerhin darüber auf, wie diese Brandphotos zustandekommen, die uns den Eindruck erwecken, als stünden ganze Kontinente in Flammen. Ich erkläre das jetzt nicht- das kann jeder selber lesen. Ich ermuntere aber, sich das Firms“, also das Fire Information for Resource Management System selbst einmal anzuschauen.

Dort wird man sehen, daß nahezu alles, was südlich des afrikanischen Regenwaldes brennbar ist, nun loht und lodert.

Africa on fire! Quelle: © Firms Fire Map

Man müßte denken, Millionen Menschen seien schon verbrannt. Und auch Madagaskar ist eine einzige Flamme. Dagegen ist Brasilien gerade ein Badeparadies. Zoomt man dann heran, wird das Bild etwas klarer. Man beginnt das Mosaik zu verstehen, daß sich aus vielen kleinen roten Pünktchen zusammensetzt. So erfährt man, daß dieses System jeden vermutlich gemeldeten oder vom Satellitenauge erfaßten Brand als einen roten Punkt verewigt und da diese kleinen Punkte aus der Distanz gar nicht sichtbar wären, werden sie beim Herauszoomen vergrößert und farblich intensiviert.

In Afrika dürfte es sich um Brandrodungen handeln. Wie sie dort üblich sind: nach der Ernte wird das Feld niedergebrannt, um den Boden neu mit Nährstoffen zu versorgen – eine jahrtausendalte Überlebens-Praxis, die u.a. uns ermöglicht hat.

Ein solcher Punkt sagt aber gar nichts über die Art und Größe und noch nicht mal über den Zeitpunkt des „Infernos“.

Das kann jeder an seinem eigenen Ort prüfen, denn – Überraschung, Überraschung – auch Deutschland steht verdächtig in Flammen. Auch bei Ihnen, liebe Leser, brennt es gerade in der Nähe. Schauen Sie aus dem Fenster, legen Sie die Rettungsausrüstung bereit, planen sie die letzte Ausfallstraße.

Bei mir in der Nähe brennt es z.B. gerade in Saalfeld. In brasilianischen Verhältnissen gerechnet ist das Quasi vor meiner Haustür. Ich google also nach den Flächenbränden im schönen Saalfeld – Saalfeld hatte übrigens mal ein paar Rechtsradikale, meine Herren und Damen Journalisten, lassen Sie sich das nicht entgehen! – und erfahre, daß am 18.8., also vor einer Woche es in der ehemaligen Nähmaschinenfabrik gebrannt habe. In einer leer stehenden Lagerhalle brannte das ganze Dach ab – vermutlich Brandstiftung durch „spielende Kinder“. Das war vermutlich die Quelle des roten Punktes.

Man sieht, es ist immer gut, eine Draufsicht zu erlangen. Manchmal kann man damit ein Phänomen in abstrakte Begriffe fassen und manchmal kann man es mit dieser Methode auch dekonstruieren.

PS: Die Szene mit meiner Frau entstammt meiner Phantasie – meine Frau ist in Wirklichkeit viel zu klug für mich und meine heimlichen Träume von einem kleinen naiven Weibchen werden sich wohl nie erfüllen.

7 Gedanken zu “Die Erde brennt!

  1. Giuseppe Bottazzi schreibt:

    @seidwalk

    PS: Die Szene mit meiner Frau entstammt meiner Phantasie – meine Frau ist in Wirklichkeit viel zu klug für mich und meine heimlichen Träume von einem kleinen naiven Weibchen werden sich wohl nie erfüllen.

    ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~

    DANKE für die Klarstellung, hatte mich deswegen bereits ein wenig gewundert …

    Seidwalk: Die stand von Beginn an und gehört zur Performance dazu.

    @ Giuseppe Bottazzi:

    Dann hab‘ ich dies wohl – Lapsus meinerseits – beim ersten Lesen Ihres Beitrages just übersehen.

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  2. Michael B. schreibt:

    https://wattsupwiththat.com/2019/08/23/amazon-fire-history-since-2003/

    dort verlinkt:

    https://www.globalfiredata.org/forecast.html#elbeni

    Problem ist die mittlerweile prinzipiell recht fest etablierte Unterlegenheit jeglicher Versuche zu faktenbasierter Diskussion bzgl. aller relevanten Themen. Faellt uns da nicht bald etwas an, wird immer wieder in einer dieser verschlagenen Formen sowohl jeder gewuenschte Aufreger/Ablenker als auch dessen Takt gesetzt. Sei es Panikmache oder irgendein anderer der massiv manipulativen Zugaenge.

    Gefällt 1 Person

    • Vielen Dank für diese Quellen! Das Material sollte jedermann aufmerksam studieren. Zeigt erneut, daß ein bißchen common Grips sehr gut mit Empirie zusammengeht. Und natürlich auch, wie Bilder heute in Agenden eingebaut werden.

      Sie stellen die entscheidende Frage. Die Antwort ist so alt wie langweilig: Aufklärung!

      Was sonst? Man muß diese Leute nackig machen, wieder und wieder, bis auch der Letzte versteht, daß sie mit Agenda unterwegs sind und man ihnen das Vertrauen entziehen muß.

      Das war die Intention auch dieses kleinen Beitrages und die von Ihnen verlinkten Daten schlagen in diesem Sinne wie eine Bombe ein.

      Gefällt 1 Person

      • Michael B. schreibt:

        > Die Antwort ist so alt wie langweilig: Aufklärung!

        Das ist das ‚was‘. Interessant ist aber das konkrete ‚wie‘ – und zwar das Durchschlagende. Und da hat die Gegenseite mittlerweile gute Absicherungen etabliert. Z.B.:

        – die Unmittelbare: Beitraege wie obiger _re_agieren. Prinzipiell der natuerliche Ablauf – kommt aber bei denen die es eigentlich benoetigen als Verteidigungsmodus herueber, dem schon allein deswegen Misstrauen beim ersten gefuehlten ‚aber‘ entgegengebracht wird. Klappt auch deswegen, weil der folgende Punkt schon geraume Zeit installiert wurde:

        – die Langfristige: Erziehungmonopol mit verengten Inhalten ueber nun schon ganze nachwachsende Generationen (inklusive ‚Umprogrammierung‘ entsprechend geschichtsvergessener und schwacher erwachsener ‚Substrate‘); neuerdings Bestrafung, Isolierung und Aussonderung gegenteiliger Meinungstraeger aus diesem Prozess und auch in anderen gesellschaftlich sichtbaren Ebenen.

        Aufklaerung also gut und schoen – man muss aber ueberhaupt in der Lage sein, sie anbringen zu koennen. Manchmal denke ich schon an Erika Manns 10 Millionen Kinder…

        Gefällt 2 Personen

        • Hier würde mich Ihre Antwort interessieren. Wie soll man an den „ersten Punkt“ herankommen, an die Aktion vor der Reaktion?

          Mir scheint, auch auf das Wie? gibt es bis auf Weiteres nur eine Antwort, alt und langweilig: Aufklärung!

          Und wenn es über die großen Kanäle nicht geht, dann muß man es im Kleinen bis hin zum Privaten tun. Eigentlich schon aus moralischer Pflicht und gänzlich ohne das Schielen auf die Quoten. Individuelle Erziehung, Fragen stellen, Zweifel und Skepsis – auch gegen sich selbst -, Zweifel und Kritik, Zuhören, Erwidern … das ganze mühsame basale Programm.

          In diesem Zusammenhang darf man daran erinnern, daß soeben Martin Sellners Youtube-Kanal gelöscht wurde … nicht nur gesperrt, sondern komplett gelöscht, verschwunden, nichts mehr … Aber ich bin mir ganz sicher, daß er andere Wege finden wird.

          https://martin-sellner.at/2019/08/27/kanal-martin-sellner-geloscht/

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          • Michael B. schreibt:

            > Wie soll man an den „ersten Punkt“ herankommen, an die Aktion vor der Reaktion?

            Das geht nicht, weil die Moeglichkeiten komplett (zumindest sehr) asymmetrisch verteilt sind. Nur Realitaet selbst setzt auf Dauer Themen in einer umfangreichen – auch nationenuebergreifenden – Art wie es die Medienmaschinerie mit bewusster Hochjazzerei von zwar nur herbeigezauberten Tagesthemen aber als Prozess kontinuierlich, gegenwaertig vermag. Diesen Tagesthemen rennt man zwangslaeufig hinterher. Der Regenwald ist als solches Thema in zwei Wochen tot und wird durch etwas anderes ersetzt. Ist aber fuer die Themensetzer nicht schlimm, etwas bleibt haengen und das akkumuliert im negativen Sinn. Aber auch im Positiven, je absurder die Behauptungen werden, das Verhaeltnis ist mir allerdings unklar.
            Insofern bleibt nur der naechstgenannte Zugang ueber Graswurzeln. Mache ich wohl im Wesentlichen genauso wie Sie. Ohne den grundsaetzlichen Willen zu Muehen langfristiger und eigener Betrachtungen der Leute bringt das aber nichts. Und der ist befuerchte ich wie immer ich an vorherige gehoerige Schmerzen gekoppelt, die in der Menge wie immer Bevoelkerungsgruppen derselben Staerke betreffen muessen, wie eigentlich fuer realistische Veraenderungserwartungen aufwachen muessten. Dann wird der dringende Wunsch nach Aktion allerdings von allen moeglichen Dingen erfuellt werden koennen. Wie Sie wohl ahnen, gebe ich dabei den vernuenftigen Varianten nicht die groessten Gewinnchancen.

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  3. Giuseppe Bottazzi schreibt:

    Schon ein paar Jährchen zurückliegend: Auf dem Wege nach Asunción (Paraguay) flogen wir in einem Jet der brasilianischen Fluggesellschaft TAM stundenlang über Brasilien hinweg. Unter uns gab’s nur rotbraune Erde, unbefestigte Straßen und blaßgrünes Weideland. Nirgendwo war dampfender, sattgrüner Regenwald auszumachen.

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