Mitteldeutsche Begegnungen II

Von Sondershausen ging es nach Weißensee. Zu diesem kleinen, verschlafenen Ort habe ich eine besondere Beziehung. Zehn Jahre lang nahm ich dort an einer archäologischen Grabung teil, verbrachte viele Wochen und Monate auf der Runneburg.

Der in der DDR vernachlässigten Burg drohte kurz vor der Wende der Verfall. Der massive romanische Palas drohte den Berg hinunter zu rutschen. Das Fundament mußte in acht Metern Tiefe freigelegt und eine Drainage gelegt werden. Dabei stieß man auf eine Menge an Material: Scherben, Knochen, Mauerreste … Ein umtriebiger Archäologe des Landesamtes nahm sich der Sache an, gründete einen Verein, fand Stiftungen und Unterstützer – besonders die ersten Jahre der Wende machten hier einiges möglich – und begann, die Burg zu retten und später zu beleben. Die Arbeitskräfte waren wir, Studenten.

In den ersten Jahren wurden einige sensationelle Funde gemacht: ein bislang unbekannter Brunnen wurde entdeckt und komplett ausgegraben; darin fanden sich wertvolle Fundstücke, vor allem aber war der Brunnen Beweis, daß die Burg als Belagerungsburg taugte. Ein Jahr darauf fanden wir eine Hypokausten-Heizung – für damalige Zeiten eine Seltenheit. Plötzlich bekam die alte Landgrafenburg eine andere historische Bedeutung. Archive in Weißensee wurden gewälzt und dabei das erste deutsche Reinheitsgebot für Bier entdeckt, das das berühmte bayerische von 1516 um 80 Jahre Alter überbot. Schließlich wurde die Burg auch zum „Event“. Der originalgetreue und funktionstüchtige Nachbau einer mittelalterlichen Steinschleuder („triboc“ oder auch „Blide“ genannt) wurde eine touristische Attraktion, es gab großartige Mittelalterfeste, die tausende Menschen anzogen …

Die Blide vor der Burgkulisse © Verlag Kirchschlager

Heute droht wieder der Verfall – man sieht das dem Gebäude an mehreren Stellen an. Behörden und Verein hatten sich zerstritten, die Gelder versiegten, der Initiator hat den Ort verlassen. Nun steht die Burg still und verlassen da und nur ein paar kümmerliche Informationstafeln geben noch Auskunft. Wir haben ihren Verfall wohl nur um 30 Jahre verzögert – ein treffendes Bild.

Das alles erzählte ich einem Besucher, der nun wie wir über das verlassene Gelände strich und fotografierte. Er warf einen Stein in den Brunnen und wartete auf das Eintauchgeräusch. „27 Meter tief“, sagte ich zu ihm und als er mich ausfragte, sage ich noch: „Den habe ich selber mit ausgegraben“.

So kommen wir ins Gespräch. Bald gesellt sich seine Frau dazu. Ich mache mit ihnen eine Burgführung, erkläre alles, erzähle von den alten Zeiten.

Die beiden sind aus Magdeburg, sie war aus Hannover zugezogen, beide sind vom Fach und arbeiten in Museen. Wie wir bereisen sie jedes Jahr die mitteldeutschen Landen und suchen nach historischen Orten und nirgendwo könne man so viel finden wie hier, „in Mitteldeutschland“. Die beiden wirken optisch wie klassische Linke, aber immer wieder spricht er – statt von Thüringen und Sachsen-Anhalt – bewußt von Mitteldeutschland. Da werde ich hellhörig.

Wir haben uns während des Rundgangs gut verstanden. Nun stehen wir in der Nähe des Tores und sind zur Verabschiedung bereit. Der Höflichkeit halber frage ich nach der Situation in Magdeburg und die Frage war ganz unverfänglich gemeint. Da fängt er sofort an, von den Flüchtlingen zu erzählen – es entspinnt sich ein fast zweistündiges angeregtes Gespräch.

In dem Mann rumort es! Man halte es in Magdeburg kaum noch aus. Überall gebe es Ärger, das Martinshorn sei Hintergrundgeräusch geworden. Die Schulen klagen vor Überlastung und Lehrer, mit denen er gesprochen habe, gäben dem Schulsystem noch 10 Jahre, bevor alles zusammenbreche.

Er selbst betreue viele Schülergruppen am Museum und stelle mit Erschrecken fest, wie wenig die Kinder heutzutage noch zuhören oder schreiben oder auch nur was basteln könnten – außer diejenigen, die aus Privatschulen oder Alternativschulen kämen. Und mit den Migrantenkindern sei kaum etwas anzufangen. Die lebten in ihrer eigenen Welt und selten sei es möglich, mit den Eltern zusammenzuarbeiten.

Er redet sich in Rage. Berichtet von zahlreichen Bekannten und Verwandten bis in die Professorenriege hinein, die ebenso dächten wie er, aber nur hinter der Hand sprächen. Das sei das Ende Deutschlands, wie wir es kennen, bald komme es zur Katastrophe, müsse es dazu kommen. Ich stehe dabei und höre zu und versuche, ihn immer wieder zu bremsen. Er meint, das sei alles so „von oben gewollt und geplant“ und ich frage ihn, wer denn das da oben sei. Aber die Antworten sind schwammig: die EU, die Politiker. Und warum sollten sie das wollen? Das Geld …, in dieser Art und Weise.

Die Frau aus dem Westen stimmt ihm zu, aber man spürt die Unterschiede. Ich habe den Verdacht, daß sie ihm aus Liebesgründen Recht gibt. Beide haben schwere familiäre Enttäuschungen hinter sich – gescheiterte Ehen, verlorene Kinder – und nun das Glück noch einmal gefunden – das will man der Politik nicht opfern. Sie erschrickt über sich selbst, als die Analyse kommt, daß doch gerade in den Speckgürteln – wo der Kontakt zur konfrontativen Realität fehlt – links oder grün gewählt wird, und man sieht ihr an, daß sie das bisher ebenso gehalten hat.

Ich frage ihn noch nach Quellen, wo er sich informiere, was er liest oder sieht, aber das tut er nicht. Sein „Wissen“ hat er aus Gesprächen. Zu sehr wolle er sich damit gar nicht beschäftigen, denn das könne er nicht aushalten.

Der knurrende Magen macht uns darauf aufmerksam, daß wir nun schon drei satte Stunden angeregt diskutieren. Wir verabschieden uns herzlich – niemand kommt auf die Idee, nach Namen oder Adresse zu fragen. Wir erfahren einmal mehr: wir sind nicht allein und das genügt.

©  Text ist exklusiv für den Blog „Seidwalk“

3 Gedanken zu “Mitteldeutsche Begegnungen II

  1. Konservativer schreibt:

    @“ … Er meint, das sei alles so „von oben gewollt und geplant“ und ich frage ihn, wer denn das da oben sei. Aber die Antworten sind schwammig: die EU, die Politiker. Und warum sollten sie das wollen? Das Geld …, in dieser Art und Weise. …“

    Dafür, daß er lediglich über Gespräche zu dieser Schlußfolgerung gekommen ist, liegt er erstaunlich dicht an der Wirklichkeit. Wahrscheinlich hat er kompetente Gesprächspartner.

    Bereits vor sieben Jahren hat Manfred Kleine-Hartlage einen Protagonisten benannt (ich freue mich, auf diese Weise an den Kommentator Gottfried erinnert zu werden, der leider irgendwann verstummt ist):

    http://korrektheiten.com/2012/06/23/peter-sutherland-un-migration-ethnische-homogenitaet-multikulturell/

    Darüberhinaus erinnere ich an die Fleißarbeit von der leider viel zu früh verstorbenen Friederike Beck – „Die geheime Migrationsagenda“

    („…Es kommt nicht von ungefähr, dass sich hinter George Soros, seinem European Programme for Integration and Migration und anderen Organisationen das große Geld versammelt:::“)

    https://sachsen-depesche.de/politik/%E2%80%9Edie-geheime-migrationsagenda%E2%80%9C-%E2%80%93-friederike-beck-wirft-einen-blick-hinter-die-kulissen.html

    Gefällt 1 Person

  2. Tommy schreibt:

    Es ist schon bemerkenswert, wie in den vergangenen Jahren explizit antisemitische Weltdeutungen zumindest im Internet an Sichtbarkeit zugenommen haben. Das ist m.E. auch ein Anzeichen dafür, wie sehr durch das eklatante Versagen der politischen Eliten vieles ins Rutschen gekommen ist und in einer Überreaktion auf zu Recht als unerträglich empfundene Zustände Hemmungen fallen und einfache Welterklärungen schlüssig erscheinen.

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