Gombrowicz: Pornographie

Woody Allen sagte mal, er hasse Pornographie, die Filme seien immer so schlecht belichtet.

Nur unter einem umgekehrten Belichtungsimperativ kann Gombrowiczs legendärer Roman als pornographisch bezeichnet werden, denn man muß lange im Gedächtnis suchen um ein derart unverschämtes Werk in Erinnerung zu rufen – man wird nicht fündig werden.

Wäre der Begriff nicht durch eine unfaßbare Schlammlawine an abstoßenden pseudoliterarischen Machwerken vollkommen unbrauchbar gemacht worden, man könnte dieses Meisterwerk mit Fug und Recht als Psychothriller bezeichnen, denn der empfangsbereite Leser sitzt atemlos, kopfschüttelnd und vor Angst zitternd vor dieser Lektüre.

Es hat etwas Satanisches, wie es dem Meister aus Polen, als voyeuristischer Ich-Erzähler, gelingt, immer tiefer in die subtilsten zwischenmenschlichen Beziehungsgeflechte hinabzutauchen, wie er schamlos auch den verstecktesten Gedanken noch aus dem letzten Hinterstübchen zerrt, Blicke, Gesten, Stimmlagen, Gesichter, Augen, Bewegungen, Atmosphären, alles ephemere Nicht-Dinge, aus denen man zusammengesetzt, durch die man determiniert ist – und das alles bist DU, das alles ist der Mensch, aber auch: „Ein Mensch sein, heißt soviel wie niemals Man-selber-Sein.“

Diesen Gedanken analysiert der Erzähler mit nahezu mathematischer Exaktheit und emotionaler Reglosigkeit. Und immer wenn ein Menschenverhältnis durchgerechnet zu sein scheint – erschreckend genug – dann wird eine neue Variable, ein neuer Mitspieler oder eine neue Disposition eingeführt und alle Möglichkeiten der Infamie, des „Für-den-anderen-Seins“, des „Wozu-Seins“, „Wofür-Seins“ werden, in Permutation, durchkalkuliert. Gespenstisch, faszinierend und, ja, apokalyptisch, apokalyptisch als Offenbarung, als Lichtmetapher.

Hätte Sartre dieses Buch geschrieben, ganze Bücherregale an Interpretationen würde die Lektüre heute beschweren, aber da Gombrowicz außer in Polen, Argentinien und Frankreich vielleicht noch immer ein Schattendasein im Bewußtsein der literarischen Öffentlichkeit führt, kann man sich diesem Werk bis auf weiteres unbedarft nähern. Tiefer, d.i. ausgeleuchteter, als „Der Ekel“ ist „Pornographie“ allemal.

Zugegeben, das Werk hat in Kierkegaards „Entweder – Oder“, Choderlos de Laclos‘ „Gefährliche Liebschaften“ und Marquis de Sades „Justine“ und „Juliette“ seine es bedingenden Vorreiter und Hegels „Phänomenologie des Geistes“ kann an Gombrowicz auch nicht spurlos vorbeigegangen sein, vielleicht kannte er auch schon Walter Benjamin, aber Gombrowicz besteht zurecht auf seiner Eigenständigkeit, kann zurecht anführen, daß zumindest der offensichtlichste Bezug, nämlich Sartres Existentialismus, sein berühmtes „regard d’autrui“ („Ich existiere als selbstbewußtes Wesen immer nur durch die Augen Anderer“) aus „Das Sein und das Nichts“, erst nach „Ferdydurke“ entstand, Gombrowiczs fulminantem Erstling, in dessen verlängerter Denklinie auch „Pornographie“ sich bewegt.

… und irgendwann kam mir dann doch ein vergleichbares Werk – eine Zweierbeziehung allerdings – in den Sinn, von einem noch weniger bekannten italienischen Autoren: Renato Ghiotto: Scacco alla regina (1967). Durch die Veröffentlichungs- und Übersetzungsgeschichte kann Ghiotto Gombrowicz nicht gekannt haben, also muß es doch in der Luft gelegen haben, wird es wohl doch einen Zeitgeist geben.
Witold Gombrowicz: Pornographie. Frankfurt 2005 (1960)

siehe auch: Für Ferdydurkisten

4 Gedanken zu “Gombrowicz: Pornographie

  1. CB schreibt:

    Ja, Ferdydurke und die Tagebücher sind als nächstes dran. Postmoderner Nietzsche? – und deshalb heisst Witolds Begleiter Friedrich?? Was mich an Nietzsche erinnert, ist der unbestechliche psychologische Blick. Komischerweise musste ich manchmal an Luhmanns Kommunikationstheorie denken – nur erotisch stark aufgeladen.

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    • Luhmann? Da erschrickt man erstmal. Aber wenn man einen Augenblick innehält, dann muß man sagen: da ist was dran – ein spannender Gedanke! Das wäre wirklich eine Vertiefung wert, inwieweit hier Luhmanns kommunikationstheoretische Untersuchungen greifen bzw. künstlerisch vorweg genommen wurden.

      Normalerweise wird Gombrowicz mit postmodernen Kategorien in Verbindung gebracht, vor allem mit Lacan, Barthes, Kristeva, Ricoeur oder Derrida. Da gibt es einige maßgebliche Arbeiten. Olaf Kühls Dissertation geht auch in die Richtung. Ganz maßgeblich wurde aber Hanjo Beressem: „Lines of desire“ – vielleicht hat diese Arbeit auch die Tür zu anderen Interpretationsmustern zugeschlagen.

      Tatsache ist, daß dieses komplexe Werk für viele Interpretationen offen ist. Vermutlich hat Umberto Eco Gombrowiczs Werk nicht gekannt – andernfalls hätte er es wohl ins sein „Offenes Kunstwerk“ aufgenommen.

      Wenn Sie da schon konkretere Ideen haben, dann weiß ich ein, zwei Mitleser, die daran sehr interessiert wären.

      PS.: Der „postmoderne Nietzsche“ wird, recht bedacht, Gombrowicz tatsächlich nicht gerecht – schon allein, weil er wieder vergleicht. Gombrowicz ist – wie Nietzsche – eine Solitär.

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  2. CB schreibt:

    Komisch: Ich hatte schon im Kopf, du musst endlich mal Gombrowicz lesen, am besten „Pornographie“,als ich auf Ihre Seite kam und zufällig die Besprechung vorfand, erschien mir wie ein Wink des Schicksals. Das war vor einer Woche, eben habe ich Pornographie ausgelesen und bin begeistert, dass ich gleich was Anderes von Gombrowicz lesen will.

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    • Das freut mich!

      Über „Pornographie“ werde ich in diesem Jahr noch einen etwas längeren Text bringen. Das muß nur sensibel portioniert werden, da es den meisten Lesern vermutlich wenig gibt.

      Wenn Sie weiterlesen wollen, kommen Sie an „Ferdydurke“ nicht vorbei. „Kosmos“ empfehle ich zum Abschluß. „Trans-Atlantik“, sein letzter Roman, empfand ich dann nicht mehr als Weiterentwicklung – kann man also auch nach vorne verlegen. Den konventionellen „Krimi“ „Die Besessenen“ habe ich selbst noch nicht gelesen, er wird in der Regel auch außen vor behandelt. Das wären die Romane.

      Erzählungen und Theaterstücke gibt es auch. Letztere sind schwerer Tobak, fassen in Kürze aber Gombrowicz‘ Stil zusammen. Die „Polnischen Erinnerungen“ und „argentinischen Streifzüge“ sind für den biographisch Interessierten unerläßlich.

      Was Sie auf keinen Fall vergessen sollten, das sind die Tagebücher. Dazu bringe ich evtl. auch noch mal was. Die Tagebücher stehen vollkommen einsam da in der Literaturgeschichte. Sie sind der bleibende Beweis, daß G nicht nur ein solitärer Künstler, sondern auch Mensch und Kopf war.

      Ich selbst habe meine Initiation durch „Eine Art Testament – Gespräche und Aufsätze“ erhalten. Den Schock ob der unnachahmlichen Art, die Dinge anders, neu, vollkommen originell zu sehen und dafür auch noch eine Sprache zu haben, werde ich nicht vergessen. Trotz zahlreicher dunkler Stellen ein großartiger Aufruf zum Selberdenken und eine Dauermahnung, sich der eigenen Beschränktheiten wieder bewußt zu werden, keiner Tradition, keinem Konsens a priori zu trauen. Im Grund genommen ist Gombrowicz ein postmoderner Nietzsche!

      Man kann übrigens bei Hanser für 100 Euro die Gesamtausgabe erwerben oder für etwa das gleiche Geld die Fischer Taschenbücher. Interessant kann auch sein – dort, wo sie existieren – die Übersetzungen von Tiel und Fieguth und Olaf Kühl zu vergleichen. Manches wurde mehrfach übersetzt. Auch bin ich großer Anhänger, unübersetzbare Autoren wie Gombrowicz – sofern man des Polnischen nicht mächtig ist – in fremdsprachigen Übersetzungen zu lesen. Dazu vielleicht auch später noch mal ein Wort …

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