Lehre fürs Leben

Heute habe ich eine wichtige Lehre erhalten.

Wie saßen wieder zusammen, mein ungarischer Freund und ich. Er über 80, Weinbauer und eifriger Deutsch-Studierender, und ich, der sein bißchen Ungarisch anzubringen versucht. Neben Politik – vollkommen konträre Meinungen werden friedlich ausgetauscht – geht es oft um Wein. Wir testen gemeinsam immer wieder neue Weine … ich lerne viel auf einem bisher fremden Gebiet.

Heute sagte er am Ende unserer Runde: „Jetzt mußt du noch arbeiten“ und stellte drei Gläser Rotwein auf den Tisch, hinter jedem eine Nummer. Ich sollte nun testen und eine Reihenfolge erstellen.

Es war recht leicht, den schwächsten Wein zu finden, nahezu geruch- und geschmacklos. Bei den beiden anderen war es hingegen sehr schwer. Hinzu kam der Verdacht, daß auch einer von seinen dabei sein könnte.

Der eine war zwar etwas still, zeigte aber eine überraschende Tiefe. Stille Weine sind tief. Eine seltene Note, ein bißchen metallisch fast, Kupfer, aber auch fein süß-säuerlich, das alles aber dezent. Eine blasse Schönheit, kleine, aber perfekte Kurven. Der andere hingegen sprang dich an wie eine liebesreife, mit allen Wassern gewaschene Frau, bereit, dich aufs vollkommenste zu verwöhnen. Kräftig, rund, vollbusig, rote Lippen, schon ein klein wenig braun, oxidiert – also zu alt – aber willig und ein bißchen vulgär. Kein Mensch hätte hier sagen können, daß sei ein schlechter Wein.

Und dennoch entschied ich mich für jenen zarten, denn dieser übertrieb es maßlos, fast bis zum Ordinären.

Dafür müsse man fast 100 Euro zahlen, sagte er. Es war ein Amarone di Valpolicella Barrique 2011, der, wie der Meister betonte, zu lange im Faß gelagert habe. Und meine erste Wahl war tatsächlich sein eigener, ein 2016er Cabernet-Sauvignon, der dritte auch ein Eigengewächs, ein Kadarka, über den wir hier schweigen.

Nun gab es eine kleine Vorgeschichte. Vor zwei Monaten probierte ich schon einmal einen Cabernet-Sauvignon von ihm und war so überwältigt, daß ich gleich zehn Kisten bestellte. Nur leider handelte es sich um eine limitierte Edition, die im Handel gar nicht erhältlich ist. Zehn Kartons könne er mir nicht geben, aber einen. Und den hatte ich seither als Schatz gehütet und wollte die Flaschen nur zu besonderen Anlässen öffnen.

Würde er ihn übrigens verkaufen, dann – das ist eben Ungarn – für drei Euro die Flasche. Auch das habe ich von ihm gelernt. Bioleks Behauptung, guten Wein unter 20 Euro gebe es nicht, hielt er für Unsinn und sein Cabernet-Sauvignon war der beste Beweis.

Seinen Geschmack zu beschreiben fällt mir schwer. Es war ein Feuerwerk der Sinne! Kaum hatte man den ersten Schluck im Mund hin und her gerollt – der Meister schlürft seinen Wein lautstark, weil Sauerstoff den Geschmack intensiviere – und endlich verschluckt, gelüstete es schon nach dem Nächsten. Am besten kann man es vielleicht mit Umami vergleichen, dem fünften Geschmack, den sehr guter Käse manchmal, feiner Serrano-Schinken oder getrocknete Tomaten oder am sichersten die japanischen Umeboshi-Aprikosen auslösen können, wenn man sie richtig dosiert. Ohne aufdringlich zu sein, befriedigt es alle Geschmacksnerven. Salzig, bitter, süß und jene verführerische Sauernote, die einem das Wasser im Mund zusammenfließen läßt.

Ich fragte heute also überrascht, ob das der Cabernet-Sauvignon sei, den ich vor Wochen von im erworben hatte? „Igen“. Der 2016er? „Igen“.

Obwohl ich ihn also aufs Siegertreppchen gestellt hatte – zum Glück –, hatte ich ihn nicht wiedererkannt. Er war gut, aber es war nicht dieses mystische Erlebnis von vor zwei Monaten. Damals hatte ich zwei Flaschen genossen und bei beiden hatte es ununterbrochen funktioniert. Und nun war der Zauber dahin?

Zu Hause angekommen, wollte ich es wissen und öffnete eine der heiligen Flaschen. Mit welchem Resultat? Ein guter Wein, noch immer, für drei Euro geschenkt, aber die Magie war verschwunden, die Bitternote überwog. Ich suchte den Zauber überall, mit der Zungenspitze, auf und unter der Zunge, an den Wangen, am Gaumen, im Rachen, ja sogar im Duft – er war verschwunden!

Es war nicht mehr der Zauberwein. Gerade sitze ich hier und nippe immer wieder an meinem Glas und suche darin das Geheimnis. Es ist entwichen.

Der Wein, nehme ich an, ist noch immer der gleiche. Mein Geschmack muß sich geändert haben, mehr noch: mein Urteil.

Welches nun der Wahrheit näher kommt, das alte, faszinierte oder das neue, ein bißchen enttäuschte oder vielleicht auch gar keines – ich weiß es nicht. Aber ich weiß, daß ich meinem Urteil nicht blind vertrauen darf.

Ein Gedanke zu “Lehre fürs Leben

  1. Leonore schreibt:

    Die Enttäuschung, wenn der „Urlaubswein“ dann auch zu Hause an einem lauen Abend und bei Kerzenschein so schön in den Gläsern steht und dann doch so ganz anders, so profan und flach schmeckt, daß man unwillkürlich an irrtümliche oder betrügerische Vertauschung denken muß – diese Ernüchterung nach vorheriger Vernebelung der Sinne beim Alkoholgenuß haben vermutlich schon viele erlebt. Aber nicht in so eine hübsche Form gegossen.

    Den letzten Satz finde ich – mit Verlaub – als „Lehre fürs Leben“ deprimierend! Womöglich kann der „stillle und tiefe Wein“ nur im Vergleich und Zusammenhang mit den beiden anderen verkosteten Weinen eine solche Wirkung entfalten. Und vielleicht hätten Sie ihm nach der weiten Reise noch ein bißchen Ruhe gönnen sollen. Warum sollte Ihr jüngstes Urteil das ältere „abrogieren“, warum sollte es „gültiger“ sein als das erste? – Geht mich ja nichts an, wenn Sie es so sehen wollen, aber irgendwie ist doch eh‘ schon alles so deprimierend.

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