Das „Nie“ in Nietzsche …

… und Niemeyer oder: Wie man Nietzsche nie lesen sollte! Ein Verriß von

Christian Niemeyers: „Nietzsche verstehen“

Am Anfang stand der Ärger. Christian Niemeyer hätte das am Ende seines Buchs nicht mehr eingestehen brauchen – es war zu offensichtlich. Der Ärger, daß es noch immer un- und böswillige Leser Nietzsches gibt, insbesondere in der akademischen Zunft (191). Mehr noch, man bekommt den Eindruck vermittelt, als gäbe es überhaupt nur unverständige Leser und das hundertfach, denn Niemeyer haut (fast) alles nieder, was sich jemals zu Nietzsche, den er scheinbar vergöttert, geäußert hat. „Nie“, wie Nietzsche, wie Niemeyer, wie Niedermachen.

Das allein weist schon darauf hin, daß die Zielvorgabe, der Autor wende sich „an skeptische Erstleser Nietzsches“ weit mehr als ein Euphemismus ist; es ist eine Irreführung. Tatsächlich bewegen wir uns im innersten sekundär- und tertiärliterarischen Streit, wie es ihn kurioser kaum geben kann. Wie ein Rumpelstilzchen tanzt Niemeyer um das Feuer des richtigen Namens, den noch keiner außer ihm erraten hat. Wild springt er zwischen den Quellen hin und her, der Primärquelle und ihren verschiedenen historischen Tiefen, aber auch und besonders gerne zwischen allen möglichen Afterquellen. Keiner hat Nietzsche bisher verstanden, nur einer, da nützt alles epilogische Bedauern nichts.

Professor Niemeyers Vorlesungen waren in Dresden berühmt berüchtigt: er reitet auch in ihnen sein Steckenpferd – Nietzsche – und doziert souverän über die Köpfe des Auditoriums hinweg und ähnliches geschieht auch hier. Aber hat es Hand und Fuß?

Keine Frage, der Autor ist nietzschefest, er hat scheinbar alles von, über und zu Nietzsche gelesen, was die akademische Bibliothek so hergibt und das ist enorm viel. Mit diesem Wissen ausgerüstet, ruft er uns in quasi-zarathustraischer Geste sieben apodiktische Gebote zu (gekürzt): 1. „Du mußt den Zusammenhang von Leben und Werk beachten!“, 2. „Du mußt um die Problematik der Verfälschung wissen!“, 3. „Du mußt um den frühen Nietzsche wissen!“, 4. „Du mußt Nietzsches Stellung zum Antisemitismus begreifen!“, 5. „Du mußt dem ‚Kriegsphilosophen‘ (mit) Nietzsche den Krieg erklären!“, 6. „Du mußt wissen, daß ein Schlagwort nicht alles erlaubt!“, 7. „Du mußt den Übermensch als Option für das 21. Jahrhundert sichern!“. Was man nicht alles muß, um „Prinz Vogelfrei“ verstehen zu können.

Diese Vorschriften lassen sich in eine einzige zusammenfassen, die etwa so lauten müßte: „Du mußt alles von, über und zu Nietzsche gelesen haben, sowie ‚alles ,von denen, die für ihn wichtig waren‘ (35), bevor du deinen Mund aufmachst!“ – Originalton: „Über Nietzsche sollte nur der Experte urteilen.“ (35). Viel Spaß, lieber Erstleser!


Die Latte ist so hoch, wie unsinnig. Wenn Nietzsche „wirklich“ verstehen nämlich hieße, alle seine Briefe und Nachlaßschriften – um mit dem Offensichtlichen zu beginnen – zu kennen, dann hätten seine Zeitgenossen, alle vor Montinari/Colli, gar keine Möglichkeit gehabt, ihn zu verstehen und auch unser Verstehen, inklusive Niemeyers, stünde ständig unter dem Vorbehalt noch zu entdeckender Dokumente. Die großen augenöffnenden Interpretationen von Schestow, Bertram, Heidegger, Jaspers, Derrida, Deleuze und und und wären dann alle Makulatur, da nicht „richtig“ und „korrekt“ und „voller Fehler“ – aber die Geschichte der Philosophie ist nichts anderes, als innovatives Mißverständnis der Vordenker; wäre dem nicht so, gäbe es sie nicht.


Ich glaube dagegen: Wenn Nietzsches Werk vom Himmel gefallen wäre, ohne Absender, es wäre noch immer umstürzend. Daß der biographische und der philologische Zugang in vielen Fällen besseres Verstehen ermöglicht, ist banal und bleibt unangefochten, ebenso, wie er es auch erschweren kann. Kaum ein Nietzsche-Leser hat die Gelegenheit, sich derart intensiv in die Sekundärliteratur zu vertiefen und auch ein einziges, aus der Werkchronologie heraus gerissenes Nietzsche-Buch entfaltet beim empfänglichen Leser seinen Zauber; hier wird dem Studierenden vielmehr das Gefühl vermittelt, daß jegliche Nietzsche-Lektüre von vornherein aussichtslos ist, es sei denn – man hat Niemeyer als Lehrer. Ein individuelles Erschließen wird ausgeschlossen, es gibt nur eine Wahrheit und die findet sich in diesem Buch. Damit wird der so fruchtbare Perspektivismus und die Experimentalphilosophie (Kaulbach u.a.) nonchalant beiseite gewischt.

Dabei ist es nicht etwa so, als ob man stets genau wüßte, was der Autor letztlich sagen will, und ein Übermaß an Parenthesen, Klammern, Trennstrichen, Unterbrechungen, Nebensätzen und Nebennebensätzen etc., die den Text unnötig zerhacken, macht es nicht leichter. Immer wieder große Andeutungsgesten, die nicht weiter verfolgt werden: Friß oder stirb.

Niemeyer ist ein Meister des Negativen, ein Niehilist: hundertfach erfährt man, was Nietzsche nicht ist und wie er nicht gelesen werden sollte, der positive Ertrag dagegen ist eher dünn, der Denker und Philosoph, der Meister der Affirmation nahezu unauffindbar, sieht man vom letzten, vom Übermensch- und Zarathustra-Kapitel ab.

Das soll nicht heißen, daß insbesondere der schon eingeweihte Leser jede Menge nützlicher Information aus dem Buch ziehen könne, im Gegenteil, die Menge. Wer ein vorrangig biographisches und rezeptionsgeschichtliches Interesse hat, kann hier massiv fündig werden. Im Grunde genommen scheint das Buch aber eine spezielle Zielgruppe zu haben, und das sind jene „Experten“, die keine Experten sind, weil sie diesen oder jenen Fehler gemacht oder einer falschen Überlieferung oder einem Lesefehler etc. aufgesessen sind, kurz, weil sie zu schnell und unkritisch den Mund aufgetan haben.

Mitunter freilich schaut Niemeyer in seiner Zitierwut selbst nicht mehr durch. So wird Georg Lukács etwa eine Leseschwäche attestiert – Zeigefinger: „Lesen freilich will gelernt sein“ (169) –, weil er statt „Art“, „Tat“ gelesen habe („Ich nahm euch Alles, den Gott, die Pflicht, – nun müßt ihr die größte Probe einer edlen Art geben“) – tatsächlich aber zitierte er in „Die Zerstörung der Vernunft“ die Kröner-Ausgabe und dort steht eben „Tat“. … Die maligne Freude am Fehler-Suchen ist unübersichtlich – sowas freilich gehört in wissenschaftliche Periodika versteckt, wo es niemanden belästigt, und nicht in Bücher mit dem vollmundigen Titel: „Nietzsche verstehen. Eine Gebrauchsanweisung“. Nietzsche verstehen hilft dieses Buch im besten Falle nur Lesern, die sich ihm über die Sekundärliteratur nähern wollen.

Am Anfang stand der Ärger. Wie angenehm klingen doch dagegen die weisen Worte Gilles Deleuze‘: „Wer Nietzsche liest, ohne zu lachen, ohne viel zu lachen, ohne oft und manchmal wie verrückt zu lachen, für den ist es, als ob er Nietzsche nicht läse.“

Christian Niemeyer: Nietzsche verstehen. Eine Gebrauchsanweisung. Lambert Schneider 2011. 240 Seiten

Ein Gedanke zu “Das „Nie“ in Nietzsche …

  1. Clarabella Translucens schreibt:

    Eine wunderbare Wortschöpfung findet sich in diesem Artikel — die vom „Niehilisten“. Danke dafür. Bitte nicht ändern.

    Liken

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.