Völkerpsychologie

Ob ich diesen Artikel schreiben sollte, darüber habe ich lange nachgedacht. Man will ja schließlich nicht als Rassist verdächtigt werden. Und nach neuerem Verständnis dürften die folgenden Gedanken rassistisch sein. Das macht sie aber weder wahr noch falsch. Und ihre Wahr- oder Falschheit sollte auch niemanden automatisch zum Rassisten machen.

Überzeugt, den Artikel nun doch anzugehen, hat mich Novak Đoković, der serbische Tenniskünstler, der soeben in einem epischen Match in Wimbledon Roger Federer niedergerungen hatte. Es war nicht zu überhören, die Sympathien des Publikums lagen auf der Seite des Schweizers und das mag an Federers Gentleman- und Darling-Image liegen oder auch ein Altersbonus sein. Aber das erklärt nicht die Antipathien gegen den Serben, die selbst im gepflegten englischen Publikum nicht zu überhören waren. Woran liegt das?

Ich versuche hier die These – ganz unter dem Vorzeichen meiner Vorurteile und Privaterfahrungen –, dies ethnisch zu erklären und schließe sie mit meinen eigenen Erfahrungen aus Serbien und Bosnien-Herzegowina kurz.

Es gibt bekanntlich jede Art von negativen – positive gibt es auch – nationalen Vorurteilen: die Engländer sind oberflächlich und prüde, die Franzosen arrogant und ignorant, die Italiener sind schludrig und langsam, die Polen klauen, die Balkanvölker sind notorische Fleischfresser, gewalttätig und unzivilisiert, die Skandinavier gefühlskalt und schweigsam usw. und die Deutschen sind wie Maschinen.

Der Rassismusvorwurf entsteht immer dann, wenn man diese stark verallgemeinerten Charakterzüge auf die Individuen, auf alle Individuen überträgt. Er ist deswegen meist unsinnig, weil kaum ein vernünftiger Mensch dies tun würde. Im je individuellen Umgang kann man komplett gegenteilige Erfahrungen machen. Trotzdem dürften diese Gruppencharaktersierungen einen Wahrheitskern enthalten, der sich aus der Summe unzähliger individueller Erfahrungen ergibt, die dann eine gewisse Tendenz annehmen.

Mir scheint, Đoković hatte auch als Serbe einen schweren Stand in London. Nicht an sich, sondern weil er sich immer wieder nach dem Klischee des Serben oder anderer südslawischer Balkanvölker verhielt[1]. Es gibt bei ihm immer wieder diese kleinen Unsportlichkeiten, es gibt dieses zynische Lächeln, ein gewisses Herabsehen auf Publikum, Gegenspieler und Schiedsrichter, eine feine Arroganz … viele kleine Dinge, die das englische Publikum vor den Kopf stoßen und ihn in der Summe oft ablehnen lassen. Dabei wird er selbstverständlich – das ist durch und durch englisch – als Sportsmann akzeptiert und auch honoriert.

Dieses Lächeln kenne ich genau – zumindest bilde ich es mir ein. Schon in Subotica, einer offiziell zweisprachigen Stadt, war uns aufgefallen, daß die dortigen Ungarn alle Serbisch sprachen, aber die drei, vier Serben, mit denen wir zu tun hatten, sprachen kein Wort Ungarisch. Sie machten sich einfach nicht die Mühe und diese Tatsache wurde uns auch von einem albanischen Kellner bestätigt. In Slowenien hielt uns unser Vermieter einen langen Vortrag mit ähnlichem Grundton. Auch ein junger Bekannter, der jeden Tag von Serbien nach Ungarn pendeln muß, traut seinen Nachbarn nicht über den Weg, und ein junger polnischer Tennisfan, mit dem ich gerade über das Match sprach, erzählt von seinen serbischen Arbeitskollegen, die durch besondere Arroganz auffielen …

Ich glaube, es ist vor allem ein Männerding. „Mensplaining“, etymologisch untersucht, würde vielleicht Balkanwurzeln offenlegen. Die Männer sitzen in den Kaffees und spielen Krösus und Macho; sie sind laut, sie dulden da keine Frauen und sie beäugen jeden fremden Mann mit bösem Blick und man tut gut daran, diesen Blick nicht zu erwidern. Vermutlich gibt es einen starken sozialpsychologisch erklärbaren Druck: vor allem die Männer untereinander konkurrieren in seltsam verstandener „Männlichkeit“, Härte, Coolness.

In Sarajevo und Mostar hatten wir gleich mehrere derartige Begegnungen. Ganz unabhängig von meinen Eindrücken, haben mir andere Reiseteilnehmer – Deutsche und Ungarn – den Eindruck bestätigt.

In der Tankstelle bestelle ich einen Kaffee und ein mir neues Gebäck. Da gibt es kein Lächeln, kein „danke“ oder „bitte“, meine Neugier wird kalt abgewiesen, lieblos wird die Tasse hingestellt und das Wechselgeld förmlich hingepfeffert.

Schon beim Einchecken machte die Rezeptionstante Streß, weil es ein paar kleine Dinge umzuorganisieren gab. Am Frühstücksbüfett im Hotel stehen zwei Angestellte mit verschränkten Armen und schaffen es nicht, mein „Dobro utro“ – ich hatte es sogar auf Landessprache versucht – zu erwidern oder auch nur zu lächeln. Sobald man seinen Teller leer hat, kommen sie und räumen ab, als wollten sie signalisieren, daß es nun an der Zeit sei, sie nicht länger zu belästigen. Alles wortlos ohne eine Miene zu verziehen. In der Altstadt kommt uns ein Kehrwagen in die Quere und wir wissen für einen Moment nicht, wer „Vorfahrt“ hat. Überall hätte der Fahrer mit einer Handbewegung und einem Lächeln die Situation geklärt, nur hier zeigt er uns mit einem kurzen, fast unmerklichen, aber unsäglich herablassenden Kopfnicken an, daß wir gehen sollten. Usw.

Es ist die Summe dieser Erfahrungen. Nur ein einziges Mal wurden wir in einem Kaffee freundlich bedient und das auch nur, weil wir den Kellner etwas fragten und der sich freute, ein paar Deutsche sprechen zu können, denn er hatte in Deutschland gearbeitet. Vielleicht würden sie einen sogar in Gastfreundschaft ertränken, spräche man sie alle einzeln an.

Wahrlich, ich kann nicht behaupten, daß ich die Serben oder Bosnier oder Kroaten sonderlich mag und das aus einem einfachen Grund: sie geben mir als Mann und als Deutschem und als Fremdem oder als wer weiß was, nicht das Gefühl, daß sie mich mögen würden. Aber natürlich würde ich nicht ausschließen, daß Serbe A oder B mein bester Freund werden könnte.

Anders gefragt: wie viele negative Erfahrungen braucht ein genetisch rassismusfreier politisch Korrekter, um zu einem ähnlichen Schluß zu kommen?

Noch was anderes: Die Serben – um das Thema weiterzuspinnen – haben auch unter den Bosniern und Kroaten nicht den besten Ruf, zumindest wenn es um die jüngere Geschichte geht. Selbst „die Europäer“ erschraken vor der Gewalt und den zum Teil unvorstellbaren Grausamkeiten serbischer Kriegsverbrecher. Zugegeben, auch die anderen Kriegsparteien haben sich durch Kriegsverbrechen schuldig gemacht – das ist nun mal die Definition des Krieges, aber die Serben offenbar besonders. Sie sind, könnte man sagen, die Deutschen des Balkans und es wäre interessant zu erfahren, wozu sie es gebracht hätten, hätten sie so viel Zeit, Mann und Möglichkeiten gehabt wie die Deutschen im Zweiten Weltkrieg.

Warum immer wieder die Serben?, frage ich eine Ungarin, als wir uns in Vukovar, unserer letzten Station, erneut eine fast dreitausend Namen umfassende Liste von Toten angeschaut haben. Sie erschrickt, weiß erst nichts auf diese direkte Frage zu antworten und sagt dann doch: „Mein Vater lebte in einem serbisch-ungarischen Dorf. Der sagte immer: Die Serben, die sind fanatisch.“ – „Ja, aber warum?“ – „Tja!“  Vorurteile gibt es wohl überall.

Und wer jetzt aus seiner bayrischen Gartenidylle oder seiner Berliner Penthouse-Wohnung heraus den Kopf schüttelt, der sollte seine eigenen Gedanken etwa über die Sachsen aktualisieren.

[1] Wer anzweifelt, daß es diese historisch, lebensweltlich, religiös, natürlich, vom Aufklärungszustand abhängige  … bedingte Psyche gibt, dem empfehle ich den klassischen Sardinien-Roman „Padre, Padrone“ von Gavino Ledda.
Dieser Beitrag ist exklusiv für Seidwalk.

9 Gedanken zu “Völkerpsychologie

  1. HansCastorp schreibt:

    Ihre Erfahrungen scheinen nahezulegen, dass es sich bei dem Verhalten etwa der Serben vor allem um eines handelt, das gegenüber Ausländern abgerufen wird, oder jedenfalls, auch wenn die eigenen Landsleute betroffen sind, diese nicht stören würde. Ähnlich dachte ich auch immer. Nach dem, was mir ein Bekannter aus Polen berichtet hat, wo die polnischen Servicekräfte, sei es in Hotels, Restaurants oder auch nur Tankstellen, sich in schon provozierend kaltschnäuziger Weise teilnahmslos und abweisend nicht nur gegenüber ausländischen Besuchern, sondern auch ihren eigenen Landsleuten (bei denen es sich allerdings zugegebenermaßen „nur“ um Polen, die schon länger in D leben, handelte) gegenüber zeigten, die das genauso wie jeden anderen nervte, würde ich diese Meinung revidieren. Verhaltensweisen wie diese können wohl, selbst wenn sie üblich zu sein scheinen, auch die eigenen Leute „unter Stress“ setzen.

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  2. Fragezeichen? schreibt:

    Damals noch jung und weltoffen, Arzt im Gesundheitsamt einer deutschen Großstadt. Mein gefühlter Eindruck: Balkanier, inclusive Griechen…. gruselig, obschon ich persönlich liebenswerte Ausnahmen kenne. Türken meist sehr freundlich, wirklich nett! Mein nächster Vorgesetzter, dann nicht mehr im Gesundheitsamt, ein Deutsch-Ungar…ich liebe ihn heute noch. K.u.K. Charme und Lebensfreude. Kezét csókolom…wie schön…

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  3. Draulea schreibt:

    Freundliches “Dobro utro” Seidwalk,

    “Schon in Subotica, einer offiziell zweisprachigen Stadt, war uns aufgefallen, daß die dortigen Ungarn alle Serbisch sprachen, aber die drei, vier Serben, mit denen wir zu tun hatten, sprachen kein Wort Ungarisch. Sie machten sich einfach nicht die Mühe und diese Tatsache wurde uns auch von einem albanischen Kellner bestätigt. In Slowenien hielt uns unser Vermieter einen langen Vortrag mit ähnlichem Grundton.”

    Slowenien grenzt nicht an Serbien sondern an Kroatien, und Ungarn teilt mit Serbien viel kleinere Stück Grenze als mit Kroatien (gleiche Sprache wie Serbisch). Von daher würd ich hier Fokus auf Serben wenniger straff halten.

    Serben halten “Mađar”s, zumindenst in der Grenzzone, auf keinen Fall für vertrauenswürdige Menschen, und neige ich zu meinen, diese sind so eben weil sie gegenüber Serben gewise Arroganz pflegen, halten sie wahrscheinlich für das Gesindel, das nichts besseres verdient als beschiessen zu werden. Ich habe persönlich folgende Erfahrung gemacht: bin früher aus Deutschland nach Serbien mit dem Bus gefahren, und jedes mal mussten alle Businsassen ein Schutzgeld an ungarische Grenbeamten zahlen (das wird möglicheweise noch immer prektiziert). Dieses Schutz bekam man seitens ungarischen Grenzbeeamten vor ungarischen Grenzbeamten. Weigerten sich die Insassen, hätten sie sehr lange an der Grenze aushalten müssen.

    Es ist übrigens so, dass diese Sprachkenntnisse der benachbarten Sprachen nicht der Weltoffenheit oder Gutwilligkeit der Völker zu danken seien, sondern entweder dem Nutzen, oder man schaut einfach das Fern anderer Völksgruppen gerne. Holländer z.B. verstehen Deutsch und Deutsche nicht oder sehr schlecht Holländisch.

    “..sie sind laut, sie dulden da keine Frauen und sie beäugen jeden fremden Mann mit bösem Blick und man tut gut daran, diesen Blick nicht zu erwidern.”

    Ja, aber nur in lezten dörflichen Schenkstube, was auch für ein deutsches Hinterdorf gelten könnte. Die Serben nach irgendwelchen Herumlungerer aus dem Busbahnhof Subotica zu messen find ich jezt etwas unvorsichtig.

    “Vermutlich gibt es einen starken sozialpsychologisch erklärbaren Druck: vor allem die Männer untereinander konkurrieren in seltsam verstandener „Männlichkeit“, Härte, Coolness.”

    Dazu zählen auch tiefe, loyale, bedingungslose Männerfreundschaften die – “ganz unter dem Vorzeichen meiner Vorurteile und Privaterfahrungen” – in Deutschland kaum zustande kommen, sei es geht es um deutsche Südländer.

    “Selbst „die Europäer“ erschraken vor der Gewalt und den zum Teil unvorstellbaren Grausamkeiten serbischer Kriegsverbrecher. “

    Selbst die Nazis erschracken als sie informiert waren, was in kroatischen KZs oder auch ausserhalb stattfand, nämlich ein unvorstellbar bestialische Ausrottung der zivilen serbischen (juden und roma natürlich mitberechnet) Bevölkerung (Serben haben in Srebrenica Frauen und Kinder wohl geschönt). Und diese Tatsache, die in deutschsprachigen Medien regelrecht vreschwiegen wird, und die sich bei kollektiven Bewußtsein der serbisch-ortodoxer Minderheit in Kroatien schmerzlich geprägt hat (weiss ich aus der ersten Hand), war sicherlich dafür verantwortlich, dass die Serben gegen Abspaltung der Kroatien von Jugoslawien aufgestanden sind (“Balvan-Revolution”), und somit Anstoss für jugoslawische Krieg gegeben haben.
    Dazu ein Zitat zur Beleuchtung der wennig bekannten Tatsachen:

    “Im 2. Weltkrieg kamen in Kroatien 750.000 Serben durch die Ustascha um .
    »Das Blutbad dauerte von abends 10 Uhr bis morgens 4 Uhr und ging acht Tage weiter. Die Uniformen der Schlächter mußten gewechselt werden, weil sie vom Blute durchnäßt waren. Man findet später aufgespießte Kinder mit noch vor Schmerz gekrümmten Gliedern.«
    Es geschahen Grausamkeiten, neben denen die Untaten deutscher KZ-Schergen beinah verblassen. Die Ustaschen liebten Folterspiele bei nächtlichen Orgien, bohrten glühende Nadeln unter die Fingernägel, streuten Salz in offene Wunden, verstümmelten alle möglichen Körperteile und ermittelten im edlen Wettstreit, wer am besten einen Hals durchschnitt. Sie zündeten Kirchen voller Leute an, pfählten Kinder in Vlasenika und Kladany, säbelten mit Vorliebe Nasen und Ohren ab, stachen die Augen aus. Die Italiener fotografierten einen Ustaschen, um dessen Hals zwei Ketten aus menschlichen Zungen und Augen hingen. Der mittelalterliche Kreuzzugsterror schockierte selbst die italienischen Faschisten. Sie verbreiteten massenhaft Flugzettel gegen die kroatische Regierung, putschten teilweise die Serben dagegen auf, ja, schützten diese da und dort, ebenso die Juden. Insgesamt schätzte man die Zahl der durch italienische Truppen geretteten Menschen auf 600 000, darunter auch einige tausend vor Ustaschen und Nazis geflüchtete Juden.”
    Den Italianer kann ich verdanken dass ich überhaupt existiere. Unter diesen geretteten waren nämlich meine Vorfahren.
    “Sogar die Deutschen jedoch protestierten, Diplomaten, Militärs, Parteileute, selbst der Sicherheitsdienst der SS.
    Sie sandten ihre »erschütternden« Meldungen ans Oberkommando der Wehrmacht, ans Auswärtige Amt, ans Reichssicherheitshauptamt, ins Führerhauptquartier, sie geißelten den »Terror der Ustascha«, den »ungeheuren Terror der Ustascha«, berichteten immer wieder über »zweifellos in großer Menge vorkommende Morde und Brandtaten«, »wahrhaft entsetzliche Vorgänge«, die »sinnlose Abschlachtung der serbischen Bevölkerung«, »Greueltaten… auch an wehrlosen Greisen, Frauen und Kindern in der bestialischsten Weise«, »wieder neue Greueltaten«, wobei manche, wie der Vertreter des deutschen Gesandten in Zagreb, Gesandtschaftsrat von Troll-Obergfell, »das ganze Material… durch Fotos teilweise« belegten.
    Am 17. Februar 1942 berichtet der wohl kaum großer Empfindlichkeit verdächtige Chef der Sicherheitspolizei und des SD dem Reichsführer SS: »Die von den Kroaten niedergemetzelten und mit den sadistischsten Methoden zu Tode gequälten Pravoslaven müssen schätzungsweise auf 300 000 Menschen beziffert werden… Zu bemerken ist hierbei, daß letztlich die katholische Kirche durch ihre Bekehrungsmaßnahmen und ihren Bekehrungszwang die Ustascha-Greuel forciert hat, indem sie auch bei der Durchführung ihrer Bekehrungsmaßnahmen sich der Ustascha bedient… Tatsache ist, daß in Kroatien lebende Serben, die sich zur katholischen Kirche bekannt haben, unbehelligt wohnen bleiben können… Daraus ist ersichtlich, daß der kroatisch-serbische Spannungszustand nicht zuletzt ein Kampf der katholischen Kirche gegen die pravoslavische Kirche ist.«
    Und der Oberbefehlshaber Südost, Generaloberst Alexander Löhr, der am 27. Februar 1943 vom Oberkommando der Wehrmacht nachdrücklich die Einsetzung eines anderen Regimes in Kroatien verlangt, kann sogar mitteilen, daß »bei den Terrorakten der Ustascha gegen die pravoslawische Bevölkerung… nach Ustascha-Angaben etwa 400 000 ermordet sein sollen«. Eine von Hitler angeforderte, am 1. Oktober 1942 übersandte gemeinsame Denkschrift des deutschen Gesandten in Zagreb, Siegfried Kasche (nach Kriegsende hingerichtet) sowie des Generals in Zagreb, Glaise von Horstenau (durch Selbstmord geendet), und des Oberbefehlshabers Südost, Generaloberst Löhr (gleichfalls hingerichtet), empfahl einerseits, den Pavelic-Staat vorbehaltlos zu unterstützen, andererseits aber darauf zu dringen, daß Regierung und Ustascha »von der Auffassung abrücken, daß sie alle Pravoslaven (Serben) im kroatischen Staatsgebiet ausrotten wollen«. Ja, das Oberkommando der Wehrmacht riet schließlich Hitler, mit dem Regime zu brechen.
    Zuletzt befahl sogar Ribbentrop dem deutschen Gesandten in Zagreb, »sich sofort beim Poglavnik zu melden«, und das stärkste Befremden der Reichsregierung auszudrücken wegen »ungeheurer Ausschreitungen« der Ustascha, »verbrecherischer Elemente«.
    Und als Sonderbevollmächtigter Neubacher wiederholt im Führerhauptquartier »wahrhaft entsetzliche Vorgänge in meiner kroatischen Nachbarschaft« zur Sprache brachte, entgegnete selbst Hitler, er habe dem Poglavnik »auch gesagt, daß man eine solche Minderheit nicht einfach ausrotten kann: sie ist zu groß«!
    Ja, Hitler meinte: »Ich werde mit diesem Regime schon einmal Schluß machen – aber nicht jetzt!«”

    Dass die Serben eine gewise Arroganz gegenüber anderen ex-jugoslawischen Völker pflegten, das würden glaube ich nicht wennige Serben so lassen. In alten Jugoslawien waren sie bei höheren Beamtentum, Armee und Polizei überproportional vertreten. Sie werden aber auch mentalitätsmässig in der Nähe der Arroganz positioniert. Mit recht, somit ist aber viel zu wennig gesagt und viel zu negativ akzentuiert. Laut meiner Erfahrung, lässt sich nämlich unter Serben tatsächlich ofter als bei benachbarten Völker ein “pralles”, offensives, vielleicht dominantes Charakter begegnen, das auch auf Frauen trifft (es ist mir ofter Aufgefallen, dass viele Serbinen eine ungewöhnlich tiefe Stimme haben). Auf mich, durch zahme dalmatinische (Küstenkroatien) Lebensweise geprägten Serben, hatte diese expressive Art, in Sprechensweise, Gestik und Mimik, immer leicht einschüchternde Wirkung gehabt. Nur die “Phyisiognomik” der serbischen Sprechart hat etwas pressendes, tosendes, sugestives, auch geschwollenes und gleichsam klares, das die Extrovertirtheit oder Drang nach Aussen unterstürzt oder gut kanalisiert. Ich habe den Eindruck, dass die aus Kroatein vertriebene Serben die in Belgrad landeten und nach längerer Zeit dessen Redensweise anegneiten, bekamen quasi ein Update ihren Charakter Richtung mehr Expression und Eindringlichkeit. Aber diese Ausdruckweisse fördert nicht bloss das sugestives Ausdruck, sondern schein sich auch für Humor gut eignen, denn Serben haben, wenn auch derb und grotesk, höchst einfallsreicher Humor, sehr oft auf eigene Kosten.

    Ein Homo Balkanicus liebt die Unmittelbarkeit und hasst die förmliche Freundlichkeit, die man wie Uniform trägt. Es kostet ihn sehr viel Mühe, sich zu verstellen (auch wenn er als Betrüger oder Blender das sehr geschickt machen kann), vor allem dort wo ein Deutsche gerne tut. Deutsche verstellen sich aber auf keinem Fall so, dass sie was wertvolleres spielen wollen, sondern sie gehen ins Un- oder Überpersönliche leicht auf, und dazu zählt auch die Alltagshöflichkeit. Die übernehmen glatt die von Aussen zugeteilte Rollen, Pflichten und ähnliches, koppeln sich leicht von sich selbst ab und lassen sich vom System überspielen. Und das wars mit Verstellungskünsten der Deutschen. Für weiteres Verstellen sind Deutsche viel zu starr oder unelastisch. Die spielen kaum, sind meistens fast rührend ehrlich und sich selbst treu, einfaltig, wie man früher sagte, auf jeden Fall unendlich weit von der Galanterie im alten Sinne.
    Als ich nach Deutschland kam, hatte ich wie jeder Balkaner Kulturschock erlebt. Das erste was mir eaufgefallen war, neben dem enormen Hunger der Deutschen nach Sicherheit, ist gewiese Naivität und charakterologisches Stumpfsinn des Alltagsdeutschen (obwhol die deutsche Charakterologen und Physiognomiker einsame Spitze waren). Viele halten Deutsche für empathiearm, aber es ist vor allem Armut an einer umfasender vitalen Intuition und physiognomischen Blick. Sie empfangen nur schwach die “Auren” der Anderen, dringen sich mit andern kaum durch, ziehen die Verhältniss festen Körper vor, sich reiben und klirren, klare Verhältnisse.
    Hinter deutsche förmliche Freundlichekit ist sehr oft arg starre und mürrische Charakter. Manchmal kann man hinter der Fassade die wahre George Grosz oder Eduard Thöny Charaktere entdecken, vor allem die fälische dickflüssige Finsterlinge aus alten Anthropologie. Man braucht aber gar nicht hinter Fassade blicken, das Knurrige liegt auf der Hand. Deutsche haben nämlich erstaunlich starre, unbewegliche Gesichter, vor allem die Lachmuskeln scheinen dauererlahmt zu sein. Wen man einen Deutschaussehenden mit strahlendem Lächeln sieht, dann fäng man an reflexartig zu zweifeln an seinem deutschem Herkunft. Das trifft sich auch mit der Wille der Deutschen sich gerne mit Grosseren zu überspielen.
    Deutsche Freundlichkeit ist unter anderem auch bloß ein Dämpfer und Abstandhalter für drohendes interpersönliches Unbehagen, dem sie um jeden Preis aus dem Wege gehen wollen. Deutsche sind inzwischen über jedem Mass domestiziert und ärgern sich über kleinste Ungereimheiten.

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    • Ayatollah Kuffari schreibt:

      Ein beeindruckender Text, danke! Der erste Teil hat mir ganz neue Gesichtspunkte gegeben (obwohl mir die Ustascha-Greuel als Stichwort bekannt waren); der zweite, sehr persönliche Teil ist voll mit pointierten (und gleichzeitig sehr bildhaften) Beschreibungen völkerpsychologischer Realitäten. Auch und nicht zuletzt die Darstellung der „Deutschen Seele“: das Treffendste,was mir zu diesem Thema bisher untergekommen ist.

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  4. Mansplaining ist was anderes :-). Der Ausdruck bedeutet, daß vorzugsweise intellektuelle oder möchtegernintellektuelle Männer versuchen, die Dame ihrer Wahl durch Erklärbärgetue zu beeindrucken. Ich hatte auf der Radtour kürzlich ein Exemplar vor mit, Student, nahm ich an, der seiner Freundin, Studentin, nahm ich an, allen Ernstes wortgewaltig erklärte, wie sie eine Dreigangschaltung bedienen müsse. Sie lag ihm zu Füßen (sie saß natürlich am Rad)! Es handelt sich, siehe Roger Devlin: „Sex, Macht, Utopie“, um vollkommen normales Männerverhalten. In Bezug auf den gemeinen Serben vermute ich aus meiner geringen Serbenerfahrung, ich habe viel mehr mit Kroaten zu tun, es handelt sich um gewöhnlichen Machismo. Zu „Völkerpsychologie“ und ihren vielgestaltigen Simplifizierungs- und Mißbrauchsformen findet sich übrigens einiges in Steiner „Zeitgeschichtlichen Betrachtungen“ – auch bezüglich der Serben, denn diese Vorträge erörtern ausführlich den Beginn des I.WKs und die „südslawischen“ Bestrebungen.

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  5. lynx schreibt:

    Jetzt muss ich meinen eben verschickten Kommentar zum letzten Artikel noch ein wenig weiterspinnen… Was Sie schildern, kennen wir alle. Mir kommt oft zu Ohren, dass Frankreich ein schreckliches Reiseland sei, weil die Franzosen so arrogant und abweisend seien, erst recht, wenn man kein Französisch spricht. Ja, da haben sie die Nase etwas oben – (ist aber v.a. ein Generationenproblem, Englisch geht immer besser) – die Franzosen sind aber auch keine Affen, die gleich munter springen, wenn man sie mit einem fehlerfreien „Bonjour“ begrüßt. Sie kennen ihre Pappenheimer. Jedenfalls hatte ich noch nie Probleme dort.

    Dennoch, ich teile durchaus diese Erfahrung oder Perspektive im Umgang mit anderen Nationalitäten. Frage mich auch nach den Ursachen. Man weiß ja inzwischen um die Epigenetik und wie sich historisches Geschehen noch generationenlang in den Genen ablagert und abbildet. Traumata wiegen schwer. Mutmaßlich wirken auch Erfolge (da fällt mir eine übermäßig arrogante Schweizerin ein). Das ergibt spezifische individuelle und auch regionale Mischungen.
    Die Probleme beginnen dann, wenn man das Ergebnis der Epigenetik als unveränderbar hinnimmt – denn das ist es ja eben nicht. Wenn man Bevölkerungen festschreibt auf ihre Eigenschaften – und sie womöglich dann auch noch in ihrem nationalen Käfig einsperrt.
    Gerade die Deutschen müssten es doch aus historischer Erfahrung am besten wissen: Differenzen, die einmal zu bewaffneten Binnenkonflikten geführt haben, gehen heute als Marotten von Volksstämmen durch. Weil es darüber angesiedelt so viel Verbindendes gibt. Das wäre der Wunsch für die Region Ex-Jugoslawien: dass die Konflikte der Vergangenheit aufgehen in Marotten, die Stoff für Anekdoten bieten. In persönlichen Begegnungen kann man das ja bereits erleben und konnte das auch früher schon. Aber meine Jugenderinnerungen dazu mag ich jetzt nicht auch noch bemühen.

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      • lynx schreibt:

        Das stimmt ja eben genau nicht: gemischte Orte gab es in Bosnien (historisch begründet) schon, gemischte Ehen eher weniger. Das sozialistische Diktat hat es nicht geschafft, weiter zurückreichende religiöse und kulturelle Bindungen zu reflektieren und weiter zu entwickeln oder abzulösen, hin zu einer gewollten Gemeinschaft. Es hat diese Gemeinschaft lediglich verordnet und es nicht geschafft, sie mit echtem Leben zu erfüllen. Warum fällt mir da die DDR ein? Und die dortige Auseinandersetzung mit dem Faschismus (die es nicht gab)? Kaum war das Diktat weg, krochen die alten Prägungen, kaum verändert, wieder aus den Löchern. Komisch: im Westen lief das anders ab. Woran mag das wohl gelegen haben? Weil wir die Altnazis in unseren Verwaltungen etabliert haben? Oder weil wir das irgendwann erkannt und sie still entsorgt haben? Und dieses Geschehen reflektiert, relativ tabufrei? Aber das führt jetzt in eine andere Richtung.
        Sie wollten ja den ethnischen Ton herausstreichen. Da verweise ich nochmal auf die Genese der Bayern und den wunderbar funtionierenden Vielvölkerstaat Schweiz. Sogar mit mehreren Sprachen, anders als in Jugoslawien, wo die besonders verfeindeten Volksgruppen/Religionen die gleiche Sprache sprechen. Mit so einfachen Rezepten kommt man halt nicht weiter.

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      • Pérégrinateur schreibt:

        Und wenn man weiß, wie die Zukunft notwendigerweise verlaufen muss, weil sie doch schließlich anders gar nichts ein kann, dann wird man stets eifrig die Bestrebungen in dieser Richtung verfolgen. Wieder und wieder. Verfolgen und verfolgen.

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