Die gefährliche Dialektik des Erinnerns

„Wenn Jemand eine Reise thut, so kann er was verzählen“, dichtete einst Matthius Claudius und  besonders ausgiebig kann er das, wenn ihn diese Reise nach Sarajevo führt. Ich habe noch keine Stadt erlebt, in der es so knistert, in der Geschichte und Gegenwart, Freude und Leid, Licht und Schatten, Orient und Okzident, Moderne und Antike derart faszinierende Kontraste und Konflikte bilden. Egal, ob man durch die muslimisch geprägte Altstadt schlendert, in den anliegenden Bergen spazieren geht, sich das Olympische Dorf anschaut oder eine der zahlreichen Ausstellungen und Museen ansieht, überall spürt man diese Spannung.[1]

Noch immer wird das Leben, das scheinbar in voller Blüte steht, vom Dunkel des Krieges überschattet. Das ist in Mostar oder Vukovar oder Osijek nicht anders, bündelt sich aber in Sarajevo ganz besonders. Schon allein die Lage der Stadt macht sie zum Trichter. Sie zieht sich scheinbar endlos am Fluß Miljacka entlang, links und rechts von Bergen eingeschlossen. Von dort – das begreift man unmittelbar – liegt die Stadt ungeschützt vor jedem Angreifer.

Das war die Lage von 1992 bis 1995. Die vornehmlich bosnisch bewohnte Stadt war ringsherum von serbischen Kräften eingekesselt, die aus komfortabler Position ihre Kanonen abfeuern, ihre Sniper arbeiten lassen konnten. Nur weit im Südwesten, am Flughafen, gab es noch eine schmale Verbindung zum „Freien Bosnischen Territorium“. Über diese letzte Versorgungbrücke überlebte die belagerte Stadt. 11000 Menschen fanden den Tod.

Da man das Gelände, das rechts und links in serbischen Einschußlinien lag, nicht einfach überwinden konnte, wurde ganz heimlich ein 800m langer Tunnel gebaut. Und der Rest dieser Anlage dient heute als Museum. Dort hängt auch diese – seitenverkehrte – Karte.

Man läuft an einer Bilderwand vorbei, kann sich Filme anschauen, durch ein paar Meter des Ganges kriechen oder sich billige Souvenirs kaufen, von denen etwa die Hälfte religiösen Propagandacharakter trägt.

Man geht unweigerlich bei diesem Rundgang an fremden Touristengruppen vorbei und kann den Satzfetzen der sehr professionellen Guides folgen. Einer amerikanischen Gruppe wurde sehr eloquent gerade das Leid und die Entbehrung geschildert – „Imagine“, so beginnt jeder zweite Satz – und hinter mir höre ich deutsche Stimmen, die sich darüber beschweren, daß alle Bildtexte nur auf Serbokroatisch zu lesen seien. Ich drehe mich um und sehe zwei junge muslimische Frauen unter Kopftuch.

Und da geht mir plötzlich ein Zusammenhang auf. Schon auf dem Parkplatz fiel mir die hohe Zahl an Muslimen auf, aber man bewegt sich schließlich im bosnischen Teil der Kunstrepublik Bosnien-Herzegowina. Wenn aber – was sich später immer wieder bestätigen sollte – diese Erinnerungsstätten bevorzugt von Muslimen aus ganz Europa besucht werden, dann offenbaren sie eine unerwartete Funktion.

Sie dienen als Schreine. Hier wird nicht nur bosnische, hier wird auch muslimische Geschichte verhandelt und nicht die Geschichtsinteressierten zieht es hierher, sondern die Glaubensbrüder. Die Orte muslimischen Leidens sind Identitäts-, sind Kraftorte, die einstigen Helden der bosnischen Armee, die Toten sind Märtyrer.

Mit dieser Einsicht gestaltet sich der Gang durch die Innenstadt plötzlich ganz anders. Mit einem Mal sieht man an allen Ecken und Enden, in den Cafés, in den Läden westliche Touristen mohammedanischen Glaubens. Sie sind wahrlich nicht schwer zu erkennen. An der Seilbahn treffe ich auf ein halbes Dutzend junger Männer aus Leicester, die alle ein Leicester-City-Shirt anhaben, die den klassischen mittelenglischen Akzent sprechen: sie sind wohl pakistanischer Abstammung und einige tragen die typischen Bärte; in einem Café hören wir hinter einer Vollverschleierung Deutsch sprechen; drei junge hübsche englische Muslima laufen mit uns gemeinsam über die Brücke in Mostar und so geht es überall.

Man wird also annehmen dürfen, daß zumindest ein Teil der europäischen Muslime sich islamisch geprägte Reiseziele sucht.

Das eröffnet die Gelegenheit, Stadt und Geschichte aus ihren Augen zu betrachten.

In einem Museum, das sich dem Massaker von Srebrenica widmet, wo serbische Truppen unter Ratko Mladić und unter komplettem Versagen der holländischen UN-Truppen mindestens 8000 gefangene Bosnier – fast alles Männer und Jungen – abschlachteten, sitzen wir mit mehreren komplett schwarz verhüllten Frauen und ihren bärtigen Männern zusammen und schauen uns einen erschütternden Film an. Die Männer zücken ihre Handys und nehmen einige Passagen auf, dann springen sie immer wieder auf, laufen herum, sind es offenbar nicht gewohnt, sich lange auf Geschichte zu konzentrieren.

Aber die Botschaft haben sie verstanden!

Was bleibt ihnen aber anderes übrig, als diese Eindrücke in „Wir“ und „Die“ zu übersetzen? Immer wieder sprechen weinende Frauen auf der Leinwand von „den Serben“ oder mehr noch von „den Tschetniks“. Die Tschetniks, das waren Freikorps und Räuberbanden im Ersten Weltkrieg und auch im Jugoslawienkrieg nannten sich einige Freischärler so, doch hier ist dieser Begriff ein Begriff des Schmerzes und des Hasses.

Auch die alten Phrasen werden hier entzaubert. Im Film sagt ein holländischer Soldat, man habe ja nicht gewußt, was da draußen mit den Bosniern geschehe. Wir Deutschen kennen den Satz zur Genüge. Aber Europa und die Welt hat ganz genau gewußt, was passiert, und es dennoch nicht verhindert, mehr noch, die vollkommen überrumpelten Holländer trieben noch tausende Schutzsuchende aus ihrer Kaserne hinaus und übergaben sie damit dem sicheren Tod.

Man begreift in diesen Situationen, was Demut vor der Entscheidung und der Ohnmacht anderer Menschen in extremen historischen Situationen ist. Wer anderen aus der sicheren historischen Distanz Tatenlosigkeit oder Weggucken und Wegducken vorwirft, ist ein Feigling, der sich hinter einer abstrakten Moralität versteckt.

In Mostar steht an einer Wand, gegenüber eines noch komplett zerschossenen Hauses und gleich neben dem „Museum for war and genocide“ in großen roten Lettern ein (weit verbreiteter) Spruch, den man uns mit „Wir vergessen nie, wir vergeben nie!“ übersetzte. Er bringt die eigentliche Dialektik der Erinnerungskultur auf den Punkt!

Erinnern und Vergeben sind Antipoden. Erinnerungsstätten werden immer wieder mit der „Mahnung“, der „Lehre der Geschichte“, einem „Nie wieder!“ legitimiert und gäbe es ein reines Erinnern, dieses Argument hätte eine gewisse Kraft. Aber das historische Erinnern an ein zugefügtes Leid gleicht im Kern dem permanenten Auflecken von Wunden, wie man es bei Tieren oft sehen kann. Die Wunde wird zum Geschwür, sie schmerzt viel länger, sie frißt sich tief in das Dauerbewußtsein ein.

Erinnerungsstätten sind auch Haß- und Zornbanken (Sloterdijk), wenn sie kultisch verehrt werden; von ihnen kann das Ressentiment bei späterer Verwendung und oft mit Zins abgehoben werden. Sie sorgen dafür, daß das „Nie wieder!“ nie Wahrheit werden kann.

Diese Erinnerungsstätten in Sarajevo, Mostar oder Vukovar sind mehr als Lehrpfade. Dort kann man noch unmittelbar erleben, was in Auschwitz oder Buchenwald für Deutsche vielleicht kaum noch zu empfinden ist. Sie sind Stätten schwärenden Grimms.

Von dort, vom institutionalisierten Erinnern und Gedenken und seinen Stätten, geht nicht nur Erinnerung und Mahnung aus, sondern da werden auch die kommenden Grausamkeiten ausgebrütet.

[1] Ich hatte überlegt, eine Art Reisebericht, wie über Serbien, zu verfassen, werde mich aber nur in mehreren Anläufen auf ein paar Brennpunkte konzentrieren.

19 Gedanken zu “Die gefährliche Dialektik des Erinnerns

  1. Test Bild schreibt:

    Habe Beiträge gelesen und ich muss eine Sache in vielleicht etwas zu unsachlicher Form loswerden. Jugoslawien war kein misslungenes Experiment. In der Geschichte der Region gibt es keine Staatlichkeit, keine Grenzziehung und keinen historischen Kontext, der nicht in Blut und Verderben auf die eine oder andere Weise endete. Insofern endete auch diese Periode, wie Perioden dort zu Enden pflegen. Aber nur als Jugoslawien gab es den Schub an Wohlstand, Kultur, Bedeutung und Entwicklung, von der die Kleinstaaten heute noch zehren. Keiner dieser Kleinstaaten hat auch nur annähernd an diese Dynamik anknüpfen können, am ehesten vielleicht Slowenien in Sachen Wohlstand, als verlängerte Werkbank. Die Jugend flieht, die Alten verzweifeln, das ist die ganze und einzige Wahrheit. Alles andere ist, mit Verlaub, Schwadronade, Touristik oder dummes Zeug. Das Niveau ist gefallen, im Lebensstandard, Gesundheitsversorgung, Bildung und vor allem der Lebensfreude. Die Geschichten, warum der Abstieg eigentlich ein Sieg sei, warum es nicht anders kommen konnte, unterscheiden sich natürlich, sollen von einem aber ablenken, das jeder, der seine Sinnesorgane nicht mit Zeitungspapier ausgestopft hat, sofort merkt: alle diese Völker, alle Gesellschaften und alle Gemeinden sind abgestiegen. Wären diese Kleinstaaten die natürliche Ordnung des Balkans, würden die Menschen nicht in Schaaren flüchten. Die Gastarbeiter der 70er suchten damals ein besseres Leben, die Migranten heute wollen überhaupt etwas, das wie ein Leben aussieht. Damals lockte die Hoffnung, heute treibt die Verzweiflung. Nein, Jugoslawien hat nicht die Hoffnungen erfüllt, es war nicht der glückliche Endpunkt einer traurigen Geschichte, aber zu meinen, dieses desperate Staatengerümpel sei ein zu sich kommen, das an-und-für-sich der Region, ist so ein unsäglicher Unsinn, dass es mich beim Lesen fast zerreißt. Historisch, politisch, faktisch, es ist nicht wahr. Es hat diese Staaten so nie gegeben, selbst Serbien ist kaum älter als Coca-Cola. Die Nationen verwelken heute. Und daran ändert das selbstvergewissernde Bullshiten des gesamten Balkans nichts, selbst wenn es mit neunmalklugem deutschem Kanon unterlegt wird. Deutschland wurde selbst nach zwei Weltkriegen nicht in seine Stämme und Staaten vor 1871 zergliedert, was macht einen intelligenten Menschen also glauben, es würde ausgerechnet die Stämme des Westbalkan stärken, wenn sie wieder zu einem Flickenteppich werden? Jugoslawien hat sein Schicksal erfüllt, es Ruhe in Frieden. Aber jede Minute war es wert und in einer Gegend, die dem Untergang mit jedem Neubeginn entgegenstrebt, war ein Experiment, dass die Menschen träumen ließ, das gelungenste, was das Leben hergab. Welche Träume träumen heute die Kroaten, die auf den Bus nach Norden warten? Wo ist die serbische Gründerzeit? Welche Lebensfreude hat eine shithole Stadt wie Tuzla? Der lustige Bosniak…ich möchte weinen.
    Nichts für Ungut und auch an niemanden persönlich gerichtet, aber viele Beiträge der Komentatoren unterschiedlicher nationaler Geschmacksrichtungen waren zu diesem Thema vollkommen am Leben vorbei.

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  2. „Die gefährliche Dialektik des Erinnerns“ heißt der Titel des Artikels. Und in der Tat wäre dies auch eine passende Überschrift gewesen in den Jahren 1989/90/91. Bekanntlich hielt Slobodan Milosevic seine berühmte, damals als Aufstachelung interpretierte Rede, bei der Gedenkveranstaltung zum 600-jährigen „Jubiläum“ der Schlacht auf dem Amselfeld, einer Schlacht, die für das serbische Nationbuilding im 19. Jahrhundert eine Schlüsselrolle zukam. Fast sämtliche epischen Heldentexte und Gedichte entstanden seinerzeit. Und der im Artikel erwähnte General Ratko Mladic erklärte vor laufender Kamera seinen Einmarsch mit Srebrenica mit den Worten: „Es ist Zeit, sich an den Türken zu rächen.“

    Nun geht es hier jedoch im Text nicht um die serbische Erinnerungskultur und den daraus resultierenden Folgen, sondern um den bosniakischen, mit dem Hinweis, dass in solchen

    „institutionalisierten Erinnern und Gedenken und seinen Stätten, nicht nur Erinnerung und Mahnung ausgehe, sondern auch die kommenden Grausamkeiten ausgebrütet würden.“

    Vielleicht ist es hier hilfreich, ein paar Dinge zu ergänzen, damit man als Außenstehender versteht, wieso die Bosniaken offenbar es mit dem Narben-Lecken übertreiben: Bis vor wenigen Jahren wurde das Massaker in Srebrenica 1995 vom serbischen Mainstream komplett geleugnet. Doch mit jedem weiteren Massangrab, das exhumiert wurde (noch immer werden ca. 7.000 Menschen vermisst), relativierte sich auch das serbische Narrativ. Der serbische Schriftsteller und Lyriker Miodrag Stanisavljevic (gest.2005) bezeichnete dies in einem Beitrag einmal als „System der drei Lügen“, wozu auch die Leugnung von Grundsätzlich allem und jedem steht:

    Bis heute noch hält sich in der serbischen Gesellschaft hartnäckig das Gerücht, dass es keine Gefangenenlager gab, in denen systematisch gefoltert und getötet wurde (es waren „Umsiedlungszentren“), oder dass nicht serbische Granaten für Blutbäder vor Bäckereien oder auf Marktplätzen in Sarajevo gesorgt hätten, sondern die bosnischen Regierungstruppen ihre eigenen Leute töteten, um eine NATO-Intervention herbeizuzwingen.
    Dass in Städten wie Visegrad, Prijedor oder Foca (in denen jeweils über 2.000 Zivilisten ermordet wurden) auch heute noch zahlreiche Personen, die an Massakern beteiligt waren, unbehelligt herumlaufen, und dass in Den Haag verurteilte Kriegsverbrecher wie Helden empfangen werden, ist ein weiterer Aspekt.

    Daneben gibt es noch eine weitere Motivation der Bosniaken, die Erinnerungskultur aufrechtzuerhalten und zu pflegen: Bosnien-Herzegowina galt als sogenanntes „kleines Jugoslawien“. Nicht nur, weil dort drei Volksgruppen lebten, sondern weil mindestens ein Viertel der Ehen untereinander geschlossen wurden (dafür gibt es freilich eine Bezeichnung, die jedoch ein Unwort ist, finde ich). Man muss wissen, dass kurz vor Ausbruch des Bosnienkrieges lediglich eine Volksgruppe glaubte, dass es zu keinem Krieg kommen kann – nämlich die Bosniaken. Wenige Tage noch Ausbruch des Krieges versicherte der damalige bosnische Präsidumsvorsitzende Izetbegovic, dass „die Bürger ruhig schlafen können, einen Krieg werde es nicht geben“.

    Dass heute zahlreiche Bosniaken eher schlecht auf Alija Izetbegovic zu sprechen sind, liegt vor allem daran: Er habe sein Volk nicht auf einen Krieg vorbereitet (dieser Vorwurf wird vor allem von Bosniaken aus Ostbosnien erhoben, dass den höchsten Blutzoll bezahlen musste – und das noch vor Srebrenica).

    Und zu all dem bisher gesagten kommt ein weiterer, wichtiger Aspekt hinzu: Ein Grund, so lautet der Tenor in der bosniakischen Gesellschaft, dass es überhaupt zu einem Genozid hatte kommen können, sei der, dass man nie über all die früheren Verbrechen an slawischen Muslimen (nach Abzug der Osmanen) gesprochen habe. Man habe über die Verbrechen der Tschetniks von Draza Mihailovic im 2. Weltkrieg geschwiegen (laut der Studie der Historiker Dedijer und Miletic von 1991, hatten die slawischen Muslime des Königreiches Jugoslawien gemessen am Bevölkerungsanteil die meisten zivilen Verluste nach den Juden) und auch weiter zurückliegende Ereignisse seien nicht thematisiert worden. Man solle sich also, so das Credo, an den Juden orientieren, die u.a. durch das Gedenken an der Shoa es sich als Ziel gemacht haben, so etwas nie wieder geschehen zu lassen.
    That’s it.
    Weder haben wir seit dem Bosnien-Krieg irgendwelche revanchistischen Racheaktionen von Bosniaken beobachten können (und das trotz der ersten harten Nachkriegsjahre, in denen zu Gewalttaten an den ersten bosniakischen Flüchtlingsrückkehrern kam), noch wird im Zuge der Erinnerungskultur Racheakte gefordert. Die alljährlich stattfindende Gedenkveranstaltung zu Srebrenica am 11. Juli findet stets unter dem Motto statt, dass „sich Srebrenica NIEMANDEM je wiederholen dürfe“
    Wenn wir von Völkerpsychologie spreche, so gibt es unter den jeweiligen ex-jugoslawischen Völkern ebenfalls gängige Klischees – diese Unterschiede kennt der deutsche Bildungsbürger freilich wenig, denn für ihn läuft das alles unter einem Balkaneintopf, den jemand vergessen hat, von der mittelheißen Herdplatte zu nehmen, weshalb er immer wieder hochköchelt –

    Den Slowenen spricht man im Großen und Ganzen deutsche Tugenden zu, aber die Slowenen waren auch wegen ihrer für andere Ex-Jugoslawen schwer verständlichen Sprache (slowenisch) stets ein wenig außen vor. Der Kroate hingegen hat nicht nur die schönsten Frauen,sondern verbindet Arroganz mit Pragmatismus (böse Zungen würden sagen: Arglist und Tücke). Natürlich spielt es auch eine Rolle, ob wir es einem Kosmopoliten aus Zagreb, einem Dalmatiner, der mehr mit den Italienern gemein hat, als mit den Slawen oder mit den etwas über Gebühr nationalistisch eingestellten Herzegowiner-Kroaten, die versuchen besonders kroatisch zu sein, weil die Kroaten aus Kroatien sie nicht als wirkliche Kroaten betrachten. Alles ein wenig Khraotisch.

    Der Serbe wiederum wird aus der ex-jugo-Sicht als hervorragend eloquenter Lügner betrachtet. Dieses Bild ist dermaßen präsent, dass serbische Psychologen, Soziologen und Dichter ganze Essays zu diesem Thema verfasst haben (der interessierte Leser google z.B. die Texte des großen Akademikers Dobrica Cosic). Dafür wiederum liegt das weltoffene Belgrad in Serbien, und der Belgrader an sich pflegt einen ihm eigenen sympathischen und arroganten Schmä zur Schau, das sich vor dem eines Wieners wahrlich nicht zu verstecken hat.

    Der Montenegriner ist faul und der Albaner vergisst nie, vor allem nicht, wenn man ihm etwas schuldet. Goldene Regel lautet also: Leihe dir niemals Geld von einem Albaner. Andererseits kannst du ihm gerne welches leihen, aber nur, wenn er vorhat, damit eine Bäckerei, eine Pizzeria oder irgendetwas mit Teigwaren zu eröffnen, denn der Albaner gilt als Künstler unter den Bäckern und Konditoren.

    Mazedonien…nun ja, früher, als Albanien das Armenhaus Europas gewesen war (die rote Laterne trägt heute, meines Wissens nach, Moldawien), galt das Sprichtwort: „Jebesh zemlju, cija je Albanija zapad“, was übersetzt soviel heißt wie, „Scheiß auf ein Land, dass Albanien zu seinem Westen hat“ (Westen hier als Synonym für Reichtum/Bildung etc.)

    Der Bosniake wiederum ist gutgläubig und friedfertig, aber auch ein wenig schwer von Begriff – wäre meine Wenigkeit kein Bosniake, stünde hier sicherlich eher etwas wie „Dumm“, – was sich in den entsprechenden Witzen niederschlägt, die dieses Klischee pflegen. Diese bosniakische Friedfertigkeit wiederum, im bosnischen Jargon spricht man von „merhametli“ (sowas wie freigiebig, verzeihend), bezieht sich nur auf alle anderen Völker, nicht auf Bosniaken untereinander, hier gilt eher das gute Nachbarschaftsverhältnis nach Art von : „Möge die Mujos Kuh verrecken“, „Wieso?“ „Weil ich keine habe“
    Der Sarajevoer (?) hingegen ist eine eigene Gattung von Mensch. Er ist sehr lässig, das merkt man schon an der Aussprache, alles klingt ein wenig langsamer. Und besonders das „sch“ wird nicht für „Scheibenkleister“ ausgesprochen, sondern wie „China“. Und er neigt zu Schwarzem Humor – „Enjoy Sarajevo“ (gestaltet wie der damalige Coca-Cola Slogan) stand auf den Wänden, während die Stadt zerschossen wurde, und Comedytruppen wie „TLN“ filmten mitten im Krieg Sketche a la „Wettlauf mit Kanistern zum öffentlichen Brunnen“. Sieger ist, wer lebend ankommt.

    Allerdings ist eine äußerst kreative, kosmopolitische und gebildete Generation – die es gerade im urbanen Jugoslawien in den 70ern und 80ern gab – heute jenseits der 50 (man sollte auch nicht vergessen, dass der Bosnienkrieg auch eine andere eigenschaft besaß, nämlich als Kampf einer eher ungebildeten und intoleranten Landbevölkerung, die in ethisch eher homogenen gebieten lebte GEGEN die eher offene urbane Kultur von Städten wie Tuzla oder Sarajevo, wie der ehemalige serbische Bürgermeister und Akademiker Bogijevic einmal anmerkte) und der Nachwuchs bildet sich in ethnisch getrennten Schulen weiter.

    Das zukünftige Konfliktpotential liegt vor allem in jener ethnischen Separierung, die auch darin besteht, dass Kroaten und Bosniaken in Städten wie Jajce oder Mostar in ein und derselben Schule in getrennten Klassen unterrichtet werden und gelegentlich nicht mal die Schuleingänge teilen. das internationale Versagen liegt vor allem darin, die eigenen Werte verraten zu haben, die man zu vertreten angibt, und letztlich die Ethnonationalisten und den serbischen Irredentismus mit dessen auf dem Felde geschaffenen Fakten im Nachhinein belohnte – Bill Clinton zitiert Mitterand, wie dieser ihm (kurz nachdem er das Oval Office übernahm) klarmachte, dass man einen „muslimisch dominierten Staat mitten in Europa nicht hinnehmen könne“.

    Was zumindest erklärt, wieso man sich nicht eindeutig und umgehend hinter dem Refendumsergebnis stellte und sich nicht für die bosnische Regierung – die 1992 multiethnisch zusammengesetzt war und für ein bürgerlich-europäisches Konzept eintrat – positionierte. Aber das ist wiederum längst Geschichte, und gerade der von (nicht nur digitalen) Amnesie befallene Durchschnitts-Abendländer befasst sich nicht gerne mit Zusammenhängen oder unwichtigen Details. Der Balkanese ist unzivilisiert und der Deutsche tut gut daran, wie auch der Rest der aufgeklärten und zivilisierten Welt, sich daraus zu halten.
    „Hätte sich der Deutsche nur 1990 herausgehalten und nicht die kroatischen Separatisten ermutigt“, würde der Serbe hier natürlich einwenden, wobei er – und das haben alle Ex-Jugos gemein, einen äußerst unaussprechlichen Fluch anführen würde, der sich auf das körperliche Äußere des Gegenübers, dessen Qualitäten als Mensch, Mutmaßungen über seine Vorfahren, Spekulationen darüber, was für Überraschungen die Zukunft ihn noch in petto haben könnte und das ganze in Verbindung mit sexuellen Handlungen.
    Das Fluchen des Balkanesen ist ähnlich schwer von ihm zu trennen, wie das Jammern des Deutschen auf hohem Niveau.

    lg

    Tarik

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    • Michael B. schreibt:

      Ich denke, hier greifen keine philosophischen Ueberlegungen. Das Kind war halt im Brunnen, kuenstliche Nivellierungen wie die jugoslawische Staatsgruendungen zeigen hier ihre – auch lehrreichen – Folgen.
      Also pragmatisch: Trennen der Kontrahenten durch entsprechende Staatsgebiete und Hoffen auf das Abbauen der Konflikte durch lange, muehsame kleine Graswurzelschritte. Nur diese selbstorganisierenden Aenderungen koennen m.E. letztlich heilsam sein.
      Natuerlich gibt es bestehende Wechselbeziehungen – gerade durch Vermischung der Ethnien von oben als einem Aspekt dieses Gebildes Jugoslawien – die spaeter/jetzt dann nicht mehr einfach territorial zu loesen sind. Aber die sind in der Prioritaet grundlegender eigener territorialer Verfuegung nachgeordnet.
      An diesen Dingen wird mir immer wieder die Gefaehrlichkeit all der tiefgreifenden Experimente in Westeuropa und speziell Deutschland deutlich gemacht. Wie lange ein Neuaufbau durch schnell gemachte Fehler benoetigt und wie weit und wohin man dadurch erst einmal geworfen wird.

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      • lynx schreibt:

        Das ist schon ein possierlicher Gedanke: die Völker hocken ethnisch sortiert auf ihren zugewiesenen Parzellen, reichen sich die Hände graswurzelmäßig über den Gartenzaun und gut is‘. Hat ja auch in der Vergangenheit, eigenlich die ganze Menschheitsgeschichte lang, super funktioniert, ist also empirisch absolut abgesichert. Und ja keine Durchmischung! Dann schon lieber Inzucht? Dort entstehen wohl solche Gartenzwergideen.
        Ja, Jugoslawien ist schief gegangen, weil zu schnell, zu sehr von oben herab diktiert, die Leute sind nicht nachgekommen. Waren nicht willens oder in der Lage ihre lange angelernten Nationalismen so schnell wieder abzulegen. Daraus kann man lernen. Aber nicht unbedingt, dass man sich in fein sortierte Schneckenhäuser verkriechen sollte. Sondern regen Austausch pflegen, auf allen Ebenen, auch unter der Gürtellinie, freiwillig versteht sich. Hilft für das gegenseitige Verständnis ungemein.

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        • Pérégrinateur schreibt:

          Bürgerkriege sind gewöhnlich blutiger als zwischenstaatliche und nur sehr schwer wieder zu beenden.

          Das gerade von Ihnen, anscheinend einer Biologin, der Inzucht-Vorwurf gegenüber nationaler (!) Endogamie kommt, ist doch reichlich bizarr.

          „weil zu schnell, zu sehr von oben herab diktiert“ – Ein Diktat darf also durchaus sein, nur sollte es eben schleichender, verdeckter sein. Fragt sich nur, wer dann der „richtige“ Diktator ist; aber vermutlich wissen Sie es ja. Das erinnert mich doch sehr an einen ehemaligen Gemeinschaftkundelehrer von mir, der irgendwelche Avantgarde-Bescheidwisser darüber, was einfach zu geschehen habe, auch wenn kein demokratisches Mandat dafür zu bekommen ist, mit der Sottise parodierte: „Die, die wissen dich gar nicht, was sie wollen sollen!“

          Die Geschichte Jugoslawiens könnte ein weiteres Beispiel für ein gesellschaftliches Großexperiment sein, das übel ausging. Es gibt nicht eben wenige davon. und Sie sind sich des Risikos solcher Experimente in menschlichem Fleisch anscheinend wenig bewusst. Vereinfacht könnte man das englische Sprichwort dagegensetzen: “Good fences make good neighbours”. Wenn der Nachbar seinen Garten höchstpersönlich düngt, stört das weniger, als wenn er im selben Haus wohnt und den Gang verziert.

          DIe Mentalitätsunterschiede zwischen Serben,Kroaten und Bosniern, die Sie hopplahopp als angelernte Nationalismen erklären, könnten sehr wohl viel längere historische Wurzeln haben und etwa in einem Fall auf das große christliche Schisma zurückgehen. Sie nennen die Nationalismen wohl deshalb angelernt, damit sie als leicht dekonstruierbar erscheinen, also wegen des modernen Glaubensdogmas der unbeschränkten Plastizität menschlichen Empfinden und Handelns. Wenn ich dem wiederum eine – natürlich heikle – individualpsychologische Analogie entgegenhalten darf: Kaum etwas werde ich schwerer los, als Falsches, das ich gelernt und mir eingeprägt habe.

          Über einen beendeten und einen laufenden Versuch hier:
          https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/ein-wahres-maerchen-lakritzland-11678253.html

          Die ethnische Homogenisierung Deutschlands hat eine Vorgeschichte, nämlich die sehr blutige fränkische Reichsbildung, mit Cannstatter Blutsonntag, Sachsenkriegen, Deportationen und anderen Nettigkeiten. Wenn man sich die europäischen Nationsbildungen anschaut, ist das Muster der Reichsbildung durch Krieg und langdauernde Repressionen vorherrschend. Wollen Sie zurück auf Los?

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          • lynx schreibt:

            Der Biologinnen-Gedanke gefällt mir. Nationale Endogamie? Ist das ein Faktum oder eine Vorschrift, ein Ideal oder das, was halt passiert, mehrheitlich, in manchen Gegenden? Die Biologin sagt: denken Sie mal über F1-Hybriden nach. Neulich erzählte mir ein Model, das aus einer Region Argentiniens stammt, das durch ausgeprägte ethnische Mischung geprägt ist, dass inzwischen Agenten aus der ganzen Welt dort auftauchen, weil es dort so viele schöne Menschen gibt. So ist das mit der Biologie.

            Diktat: noch so eine naive Vorstellung vom „Volkswillen“. Wo und wann gab es das jemals, dass die Willensbildung quasi organisch von unten nach oben passiert ist? Unser demokratisches und subsidiär organisiertes System ist da so ziemlich die beste aller Welten. Nicht einmal in der französischen Revolution hat das bekanntlich funktioniert. Aber die Rechten säen so gerne die Mär vom Graswurzel-Volkswillen, der sich idealerweise auch noch selbst erfüllt, weil er sozusagen in den Genen steckt. Meinungsbildung und Durchsetzung von politischem Willen passiert immer in beide Richtungen, von unten nach oben aber auch von oben nach unten. Alles andere ist Märchen, Lüge, absichtsvolle Verklärung.

            Ethnische Homogenisierung Deutschlands: Keine Ahnung, wie Sie Ethnie definieren, aber wenn sich etwas hier ethnisch homogenisiert hat, dann in den Zeiten als Romanen, Kelten und Germanen hier gemeinsam wandelten, handelten und andere Dinge trieben, zumindest südlich des Mains. Ihre Beispiele beziehen sich auf die Klärung der Machtverhältnisse zwischen germanischen Stämmen, noch mehr eigentlich Herrscherdynastien. Wenn es ein Ereignis gab, das Deutschlands Stämme „homogenisiert“ hat, dann war es Luthers Bibelübersetzung und damit die Durchsetzung einer gemeinsamen Sprache. Die Bayern brauchen solche ethnischen Reinheitsvorstellungen bekanntermaßen nicht, liegt ihr Ursprung doch im spätantiken Melting Pot. Die geniale Leistung lag darin, dass die „Mischlinge“ sich schwuppdiwupp eine nationale Identität verpassten. Und die gilt jetzt quasi als sowas von homogen, als hätten die Bayern auch das ethnische Reinheitsgebot erfunden. Daraus kann man was lernen.

            Das mit den Kroaten, Serben, Bosniern ist nicht anders, als es hier vor kurzem noch mit Katholiken und Protestanten war, noch zu meinen Lebzeiten. Kräht heute kein Hahn mehr danach. Wird dort auch so kommen, erst recht, wenn Serbien auch in der EU ist. Man kann die alten Zustände aber auch betonieren, in dem man sinnlose Grenzen zieht.

            Das englische Sprichwort: ich bin ganz bei Ihnen, wenn es ums Private geht. Privateigentum und seine Sicherung sind m.E. unverzichtbar für ein gelingendes friedliches Zusammenleben. Damit ist aber noch lange nicht definiert, in welcher staatlichen Organisationsform dies geschieht. Da wäre Subsidiarität wieder das passende Stichwort. Nicht jedes Sprichwort taugt als Welterklärung.

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            • Michael B. schreibt:

              > Damit ist aber noch lange nicht definiert, in welcher staatlichen Organisationsform dies geschieht.

              Sicherlich in keiner, die die andere Ebene

              > wenn es ums Private geht.

              in Mitleidenschaft ziehen moechte. Z.B. durch Aufloesen eines geradezu definierenden Begriffs:

              > und seine Sicherung [Anm.: gerade dazu ist Grenze da] sind m.E. unverzichtbar [und das gilt eben nicht nur fuer den unverhandelbaren Zustand der eigenen Wohnungstuer]

              Wobei es um mehr Dinge geht, als den Besitz von Sachwerten. Z.B. auch dem koerperlicher Unversehrtheit, auch im oeffentlichen Raum.

              Ich weiss uebrigens nicht, warum Sie immer wieder auf pejorative Ausdruecke wie ‚hocken‘, ‚einsperren‘ und aehnliche Verbiegungen abheben, die ganz offensichtlich nicht gemeint sind. Wenn Sie agieren wollen, brauchen Sie im Privaten wie im Gesellschaftlichen Ressourcen, die ueber Ihre Koerperkraft und geistiges Vermoegen hinausgehen. Und weil ich es oben schon einmal anschnitt, das sind nicht einfach mehr Koerperkraft oder mehr Intelligenz. Dazu gehoeren eben auch ein oeffentlicher Raum, in dem ich mich z.b. ohne Waffen und generell unter von den Besitzern bestimmten Umgangsformen bewegen kann.

              Das zu Lernen ist keine Raketenwissenschaft. Ueber diese Ressourcen muessen Sie im Wortsinn verfuegen koennen. Wenn diese Verfuegungsgewalt grundsaetzlich in einer Art droht zerissen zu werden die durch Naehe der Kontrahenten immer wieder neu befeuert wird, dann trennt man die Streithaehne – man benoetigt keine ethnischen oder biologische Strohmaenner dazu, um das zu begruenden. Unvereinbarkeit ist ziemlich leicht zu diagnostizieren, wenn man denn will und keine Agenda verfolgt.

              Es kommt aber im Fall Jugoslawien noch ein Punkt dazu. Das ist eine REaktion, immer unvollkommen. Wer wuesste das besser als die Leute, die das durchsetzen. Diejenigen, die es verursacht haben, wollen nie verantwortlich sein. Darin gleicht das den Versuchen der neuen deutschen Zauberlehrlinge aufs Komma. Gute Tips geben Sie aber gern, egal wie oft empirisch widerlegt (Entschuldigung, schoene Mischlinge in Argentinien sind gerade irrelevant).

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              • lynx schreibt:

                @ Michael B
                Sorry, mit diesem wirren Zeugs kann ich nix anfangen. Nicht vergleichbare Ebenen zu vemischen bringt jedenfalls nichts. Und die globalgesellschaftliche Relevanz von schönen argentinischen Mischlingen zu leugnen, zeugt nur von enormer raumzeitlicher Distanz zu aktuellen Diskursen und Entwicklungen. Aber wahrscheinlich wollen Sie das ja genau so haben und tatsächlich sind Sie damit auch nicht allein, Sie haben immerhin Herrn Kubitschek & Co. an Ihrer Seite. Nun ja. Die Jugend wird es richten. Denn die interessiert sich nicht mehr für dieses antiquierte Kleinklein.

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                • Michael B. schreibt:

                  @Lynx
                  > Und die globalgesellschaftliche Relevanz von schönen argentinischen Mischlingen zu leugnen, zeugt nur von enormer raumzeitlicher Distanz zu aktuellen Diskursen und Entwicklungen.

                  Ein Glashaus kann ganz schoen gross sein, bezueglich seiner ‚raumzeitlichen Distanzen‘. Das fuehrt anscheinend mitunter zu Verwechslungen dahingehend, wer drinnen und wer draussen sitzt.

                  > immerhin Herrn Kubitschek & Co.

                  Ach Gottchen, der Herr K.. Wofuer der immer alles herhalten muss. Ohne Ihre bescheidenen Taxonomieversuche waeren Sie ganz schoen aufgeschmissen, Kaetzchen. Fuer jemand mit Ihrem universalen Blick auf die Welt zeigen Sie beachtliche Maengel in der Faehigkeit der Wahrnehmung der Spannweite moeglicher Meinungen und ihrer Ursachen.

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      • @ Michael B.
        Volle Zustimmung, aber beim „vermischen“ habe ich Zweifel. Ich kenne mich nicht in jedem ex-jugoslawischen Land aus, aber Ehen zwischen Serben, Albanern und auch Aschkali, sind absolute Ausnahme und verändern nicht wirklich etwas. Gemischte Wohngebiete (ohne Mischehen) allerdings, können Wunder wirken. Als die mazedonische Regierung vor ein paar Jahren eine Finte inszenierte, um mit ausbrechenden Unruhen von der Krise abzulenken, hielten die Bewohner dieser Gebiete zusammen und ließen sich nicht ködern.
        Einen echten Heilungsprozess würde wohl erst nach mehreren Generationswechseln Früchte tragen. Bis dahin weiß jeder wo er steht. Auf Nachfrage erklärte mir ein Bosnier einst lachend, dass man die Waffen natürlich nicht abgegeben, sondern vergraben habe. Mann wartet halt, ob die Serben wiederkommen.

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        • Michael B. schreibt:

          > Volle Zustimmung, aber beim „vermischen“ habe ich Zweifel.

          Das war ja nicht _mein_ Vorschlag, sondern gerade im Gegenteil derjenige Teil der Doktrin und der Folgen des Titoschen Staatsgebildes, den ich kritisiere.

          Um den anderen Kommentator hier mit hineinzupacken: Der Abbau von Konflikten war sicher nicht in dem Bonobosinn gemeint, der ein mittlerweile zum Erbrechen variiertes und selten daemliches Standardversatzstueck zeitgeistkonformer Ideologie darstellt. Das geht naemlich im Gegensatz zur suggerierten Behauptung mit in jeder Hinsicht respektierten Grenzen besser als ohne. Was passiert, wenn man das umgekehrt gerade nicht beachten moechte – davon kann man sich ja mittlerweile jeden Tag selbst ueberzeugen. Ausser man haelt sich fest Augen und Ohren zu.

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          • Was passiert, wenn man das umgekehrt gerade nicht beachten moechte – davon kann man sich ja mittlerweile jeden Tag selbst ueberzeugen. Ausser man haelt sich fest Augen und Ohren zu.

            Unsere (sinnbildlichen) Grenzen werden nicht respektiert, weil wir (DE) sie selbst nicht respektieren bzw. überhaupt ziehen.

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            • Michael B. schreibt:

              > Unsere (sinnbildlichen) Grenzen werden nicht respektiert, weil wir (DE) sie selbst nicht respektieren bzw. überhaupt ziehen.

              ‚It takes two to tango‘. Mit den zugehoerigen Verhaltensweisen des einen – dem biodeutschen Teil – muss ich mich zugegebenerweise mehr befassen, als mir lieb ist. Das enthebt den anderen allerdings kein Stueck seiner Bewertung und den Folgen die sein Verhalten verdient. Sonst koennen wir ja gleich wieder auf der Ebene ‚Haette sie den kurzen Rock doch nicht angezogen‘ diskutieren.

              Und nein, beim ‚wir (DE)‘ unterscheide ich auch weiter mit Feinheit die innere Zusammensetzung. Sonst waere Nihilismus Tuer und Tor geoeffnet. Was fuer mich zumindest voellig inakzeptabel ist.

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                • Michael B. schreibt:

                  Das ist richtig, dahinter stehen aber auch andere Kraefte, die rational agieren. Es sollte auch klar sein, dass das auch eine Entscheidung (und die trifft nur eine der genannten Seiten) darueber einschliesst, wer ueberhaupt in den Saal darf.
                  Am ‚wir‘ habe ich noch einmal zu deuteln: Ich habe diesen Selbsthass immer etwas belaechelt (ich bin selbst ueberhaupt nicht anfaellig dafuer). Wenn ich aber sehe wie tief das sitzt, dann bin ich nicht mehr amused.

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  3. Skeptiker schreibt:

    Ich habe seit den Endsiebziger Jahren das damalige Jugoslawien nicht nur als touristisches Zielland kennengelernt. Glücklicherweise haben persönliche Kontakte mich von den damals kursierenden Mythen befreit. Als SPD-Mitglied war man u.a. mit der Verklärung des „Selbstverwaltungssozialismus“ als „Modell“ (so ja immer die ausweichende Vokabel vor einer kritischen Beschreibung der Realität) konfrontiert. Dass das Ganze Nebbich war, enthüllte sich nach dem Blick auf den jugoslawischen Alltag ebenso wie der zweite Mythos von der Beseitigung der balkanesischen Chauvinismen und der Existenz eines genuinen „Jugoslawentums“. Ich war über den Bürgerkrieg der 90er Jahre deshalb nicht überrascht, was mir manche Freunde als Zynismus ausgelegt haben. Es ist gut, dass Sie daran erinnern, dass so gerne benutzte Formulierungen wie „nur Erinnern kann uns vor weiterer Barbarei bewahren“ oder „Erinnern ist der Schlüssel zur Vergebung“ allein gar nichts besagen. Man muss sich stets bewusst werden, dass offiziell zelebrierte Geschichte stets funktionalisierte Geschichte ist – was nicht über den Wahrheitsgehalt des Ausgestellten und Ausgesagten sagt. Ohne diese Einsicht besteht in der Tat die permanente Gefahr, dass die von Ihnen eindrücklich beschriebenen Ambivalenz der historischen Erfahrung genau das Gegenteil dessen erzeugt, was sie beabsichtigt.

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  4. lynx schreibt:

    Ein Bericht über das Reisen und Unterwegssein, wie ich es mir vorstelle. Nur vermisse ich die erwähnte Dialektik etwas. Ich verstehe nicht, wie man aus einem einzigen Graffiti einen Schluss ziehen kann, der alles zuvor Wahrgenommene derart in Frage stellt? Ist das eine Super-Sensibilität? Oder eine Art negatives Wunschdenken? Auch unter Juden gab und gibt es einige, die nicht vergeben können. Sehr viele haben sich aber, auch öffentlich, hingestellt und haben den entscheidenden Schritt zum Weitermachen getan: nicht vergessen, keinesfalls. Aber vergeben. Warum sollen Muslime anders ticken? Ein einziges Graffiti ist doch etwas wenig Beleg. Hier steht an jeder Ecke aufgesprüht: „Fuck the police“, mutmaßlich stammt das aus der selben Alterskohorte. Muss man ein Auge drauf haben, hier wie dort. Solche Äußerungen können aber doch nie ein Argument dafür sein, einen Standpunkt aufzugeben. Erinnerungsorte aufzugeben. Merkwürdig: hier wird doch immer derart laut für die Integrität von Nationen geworben. Wenn etwas ganz wichtig ist für das „nation building“, dann sind das diese Erinnerungsorte. Heute haben wir vor allem die KZ-Gedenkstätten bei uns. Davor war es das Hermanns-Denkmal und die Wacht am Rhein… Zusammen gibt es ein Bild und eine Geschichte. Das wird in Bosnien nicht anders sein. Und dieser Staat hat wahrlich noch einen steinigen Weg vor sich.

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