Lübcke- die andere Perspektive

„Gefragt, was unter den Menschen das Schönste sei, antwortete er: ‚Das freie Wort.’“ (Diogenes von Sinope, nach Diogenes Laertius)

Es ist ganz gewiß sehr viel wahrscheinlicher, im Lotto den Jackpot zu knacken. Und es ist statistisch exorbitant gefährlicher mit einem Löffel zu essen und am Verschlucken des selbigen zu ersticken, als CDU-Politiker zu sein und aus politischen Gründen getötet zu werden.

Dennoch stellt der Mord an Walter Lübcke und seine Botschaft eine eminente Gefahr dar – weniger für CDU-Mitglieder, als für die Demokratie und ihre zentrale Säule, die Parrhesia.

Dieser fundamentale Begriff der antiken griechischen Philosophie, der besonders von den Kynikern thematisiert wurde, wird heutzutage vielleicht etwas zu oberflächlich mit „Redefreiheit“ übersetzt. Er war aber an den Begriff der Wahrheit geknotet, es ging darum, das Aussprechen der Wahrheit unter stets freien Bedingungen zu ermöglichen. So gesehen steht das heutige Verständnis der „Redefreiheit“ in gewisser Weise konträr zum umfassenderen, tieferen Begriff „Parrhesia“.

Da wir in einer an sich unwahren Welt leben, ist das auch ganz folgerichtig. Ob Wirtschaft, Politik, Medien, Religion oder Werbung – niemand setzt mehr auf Wahrheit; es geht in der Regel um Wahrheitssetzung. Man will seine private, von Eigeninteressen gesteuerte „Wahrheit“ durchsetzen und scheut dabei nicht, das Mittel der Täuschung, der Verdrehung, der Lücke und Lüge zu verwenden.

Ausgerechnet der in rechten Kreisen viel gescholtene Michel Foucault hatte dem Begriff der „Parrhesia“ zwei luzide und ausufernde Vorlesungen gewidmet, die man als Ergänzung zu seinen sexual-philosophischen Schriften lesen muß – schon da wurde die Sexualität an die Wahrheit geknüpft, so daß die Wahrheit (Identität) wie „am Meeresufer ein Gesicht im Sand“ verschwand und die reine Sexualität als Dispositiv oder als Diskurs übrigblieb. Die dort begründete „Sorge um sich“ sei demnach ohne die „Parrhesia“ nicht zu denken: ohne „Parrhesia“, also das wahre und freie Sprechen, ist die Sorge um sich nicht denkbar und ohne Sorge um sich, wird man nicht zur Wahrheit finden.

Allerdings unterschieden bereits die Griechen, Platon etwa, wie Foucault anführte, zwischen zwei Typen der Parrhesia. Sie war zum einen pejorativ gemeint und durch den Typus des Politikers gekennzeichnet, der die demokratischen Institutionen für sein „Gerede“ mißbrauchte und eine positive Form, die sich im „Typ Sokrates“ inkarnierte.

Derartige Überlegungen spielen heute kaum noch eine Rolle. Kaum jemand wird für die Wahrheit der Aussage: „Wer diese Werte nicht vertritt, kann dieses Land jederzeit verlassen – das ist die Freiheit eines jeden Deutschen“ bürgen. Sie ist entweder falsch oder richtig oder unsinnig … Aber Lübcke meinte den Satz vermutlich normativ: „können“ soll hier „sollen“ bedeuten und manch einer mag sogar ein „müssen“ herausgehört haben. Zumindest wurde er von vielen so gehört.

Wenn die Nachrichten die Wahrheit sagen, dann hat dieser Satz Walter Lübcke das Leben gekostet. Natürlich nicht wortwörtlich, denn Sätze können – entgegen aller Twitteria – nicht töten, aber er liegt am Grunde jenes Hasses, den der Täter – zuerst ein vorbestrafter Krimineller, dann aber auch ein vermutlich gehirngewaschener Rechtsradikaler, jemand, der sich seines eigenen Verstandes gerade nicht oder doch auf sehr eigenartige Weise bediente – generierte und über Jahre pflegte, um dann – allein oder mit Hintermännern – zur Tat schritt.

Die heutige Demokratie bindet die Parrhesia nicht mehr an die Wahrheit – was zugleich ein Fortschritt und ein massiver Rückschritt ist. Heute kann jeder alles sagen und soll es sagen dürfen, ganz gleich, ob es wahr oder schön oder sittlich ist. Heutzutage muß man auch die Unwahrheit aushalten können: eine zivilisatorische Errungenschaft, aber eine philosophische Katastrophe.

Es mag sogar sein, daß diese Art Täter ihre Taten im Glauben vollbringen, für die Redefreiheit zu kämpfen, weil sie sich und ihre Meinung im öffentlichen Diskurs nicht vertreten, höchstens kriminalisiert sehen. Wer Redefreiheit aber erzwingen will – verbal oder nonverbal –, widerspricht sich und diesem Konzept selbst und schafft letztlich nur die weitere Einengung seines Freiheitsbereiches.

Die Errungenschaft ist massiv in Gefahr, wenn Menschen beginnen, andere Menschen, die von der Redefreiheit – auch der wahrheitsfernen – Gebrauch machen, zu töten, zu schlagen, zu stalken oder auch nur medial zu diffamieren. Auch die philosophische Katastrophe ist damit nicht aufzuhalten, denn wirkliche Wahrheit kann nur einem tief verinnerlichten Ethos entstammen und kaum durch unethische Taten verteidigt werden – Leben und Sagen müßten wieder eine Einheit bilden.

Dies gilt ganz unabhängig vom Inhalt der Rede. Der Mord an Walter Lübcke ist nicht nur eine schwere Straftat, sondern viel mehr noch ein massiver Angriff auf die Redefreiheit und daher von jedem Wahrheitsliebenden zu verurteilen, unabhängig davon, ob die Rede wahr, falsch, irreführend, unsinnig oder gar hinterhältig war.

Auch wenn die Wahrscheinlichkeit, durch einen verschluckten Löffel zu sterben, weitaus größer ist als durch ein rechtsextremes Attentat umzukommen, kann eine solche Einzeltat dazu führen, daß einige Menschen aus Angst und „Sorge um sich“ nicht mehr frei reden. Es gibt dafür schwerlich eine Rechtfertigung, aber es gibt Relativierungen und die haben sich einerseits an der Wahrscheinlichkeit des Ereignisses auszurichten und sollten andererseits an der medialen Aufblasung gemessen werden.

Soweit ist es also gekommen, daß man Selbstverständlichkeiten erklären muß.

siehe auch: Rechtsextremismus- und Klimawahn

5 Gedanken zu “Lübcke- die andere Perspektive

  1. Otto schreibt:

    Politisierung von Mord oder Tötung ist unangebracht. Das einer was sagt, und eine anderer bringt ihn deshalb um, ist nicht unbekannt, und wird mit zunehmender Verwüstung der Gewissen alltäglicher werden im bunten D. Mord ist aber kein Mittel der Auseinandersetzung. Das unsere Gerichte hier differenzieren, ist zwar Grundfehler, hat aber Methode im momentanen Regiment.

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  2. Tommy schreibt:

    „kann eine solche Einzeltat dazu führen, daß einige Menschen aus Angst und „Sorge um sich“ nicht mehr frei reden.“

    Sicherlich, aber was folgt daraus für politisch Rechtsstehende? Müssen wir jetzt CDU/CSU-Vertreter allesamt als von Ermordung durch Neonazis bedrohte potentielle Opfer sehen, die unsere uneingeschränkte Solidarität verdienen und nicht mehr mit allzu harschen Worten kritisiert werden dürfen? Ich denke nicht. Dafür haben CDU und CSU zu viel zu verantworten (und zwar durchaus auch Tote infolge von Merkels Grenzöffnungspolitik), und haben sich auch in den letzten Jahren zu sehr entlarvt mit ihrem ganz speziellen Demokratieverständnis. Heute lese ich, dass Seehofer die Identitären trotz ihrer Gewaltlosigkeit als nicht weniger gefährlich als bewaffnete „Reichsbürger“ einstuft, sie seien „geistige Brandstifter“ und „Ethnopluralismus“ nur Rassimus. Der Umbau Deutschlands in einen Antifa-Gesinnungsstaat, in dem Masseineinwanderung als unhinterfragbares Verfassungsgut verstanden wird und die Redefreiheit für Rechte de facto durch Stigmatisierung, Antifa-Gewalt und staatliche Zersetzungsarbeit ausgehebelt wird, wäre ohne die sauberen „Konservativen“ von CDU und CSU nicht möglich. Politische Gewalt ist grundsätzlich abzulehnen. Aber ich sehe keinen Grund, Christdemokraten weniger zu verachten, nur weil einer von ihnen nun Opfer von Gewalt wurde. An der gewaltigen Schuld von CDU/CSU ändert sich dadurch nichts.

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  3. Neben und vor der Frage nach der Wirkung des Mordes steht die nach der Wirkung des Satzes – und all jener anderen Sätze, die mittlerweile Teile des Volkes verstehen als sentenzenhafter Ausdruck elitärer Volksfeindschaft, mit Klemperer als giftige Sprache der Sieger gegen die Besiegten.

    Der Satz ruft Zorn hervor bei jenen, die ihr Dasein im Lande und ihr Recht in der Gemeinschaft nicht bloß begründet sehen in der Gesinnung, dem politischen Bekenntnis, den Werten der Gemeinschaft. Es gibt, glauben sie, etwas Urtümlicheres, tiefer Gewurzeltes, Volkhafteres, was uns zusammenhält, und der Gedanke, dass dieses Urtümliche nichts mehr bedeuten solle, greift ihre Vorstellung des Heiligen und damit sie selber an. Kennzeichen des Totalitarismus, dass die Gesinnung allein bestimmt für die Zugehörigkeit zur Gemeinschaft, und alles andere nichts. (Exkurs: Während Jener Jahre wurde die Verleihung der Staatsbürgerschaft für Volksdeutsche gelegentlich abhängig gemacht vom richtigen politischen Bekenntnis.)

    Wenn nun aber der Zorn künstlich unterdrückt wird von den staatlichen und medialen Gewalten, und wenn das Gericht der öffentlichen Meinung es selbst ablehnt, solche Aussagen sittlich zu strafen, sie vielmehr noch verstärkt, dann wächst sich der Zorn aus in die Wut und in den Hass. Die Parrhesie dient der Katharsis, die verhinderte Parrhesie lässt den Zorn und die Wut sich sammeln, wo sie dann, mit Sloterdijk, zu eigenem Vorteil genutzt werden von den Zornunternehmern.

    Man sollte annehmen, dass diese Wirkweisen den Mächtigen bekannt wären. Und doch sind sie selbst gefangen in den Filterblasen des Tugend- und Radikalisierungswettkampfes, wo das geringste Verständnis für den Feind den Ausschluss aus der guten Gesellschaft zur Folge hätte. Auch hier fehlt die Parrhesie, also das wichtigste Werkzeug der offenen Gesellschaft, ihre Kultur an die Umstände anzupassen.

    Ermordet wurde ein Sündenbock, weil sich die eigentlich schuldigen bundesrepublikanischen Gewalten scheints nicht anders schlagen lassen. Und es ist den Leuten anzurechnen, dass die meisten anscheinend noch zurückschrecken vor der Bluttat, anstatt sie als gerechte Hinrichtung eines Volksfeinds zu begrüßen, mit klammheimlicher oder mit offener Freude. Wie sähe es aus, wäre es umgekehrt, und träfe es einen der zum Dämon verzeichneten Populisten?

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  4. lynx schreibt:

    Wenn man das liest, stellt sich nur eine einzige echte Frage: Hat jemals jemand einen Löffel verschluckt? Und, falls ja, wurde der ihm gewaltsam beigebracht oder hat er ihn freiwillig/willentlich/versehentlich eingeführt? Die Frage ist m.E. leicht zu beantworten. Von diesem Punkt aus löst sich der Rest der trivialphilosophischen Argumentation in Luft auf und übrig bleibt nur der verzweifelte Versuch einer Rechtfertigung. Die Luft ist dünn geworden und die Sackgasse kurz und übersichtlich.

    Seidwalk: https://www.thieme.de/de/paediatrie/fremdkoerper-verschluckt-53287.htm

    Die Beispiele wurden der linken Presse entnommen, die sie in einem anderen Zusammenhang – der Wahrscheinlichkeit, Opfer eines islamistischen Terrorangriffes zu werden – vorbrachte. Auch der weiße Hai kam mitunter vor. Die Googelei muß ich leider auf den Leser abwälzen (wenn ich mich recht entsinne, sterben pro Jahr acht Menschen in Deutschland an verschluckten löffeln):

    Was die Unterstellung der Rechtfertigung betrifft, empfehle ich, den Text nebst „trivialphilosophischer Argumentation“ noch einmal aufmerksam zu lesen und ihn geistig zu durchdringen versuchen – dann passieren solche Lapsus nicht … wobei ich bei Ihnen nicht sicher bin, da Sie fast immer durch Leseversagen glänzen, aus dem sich dann ganz zwangsläufig auch das Kritikversagen ergibt.

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    • Pérégrinateur schreibt:

      Sie scheinen den Unterschied zwischen einer Erklärung und einer Rechtfertigung nicht zu verstehen oder verstehen zu wollen. Was vermuten läst, dass sie wortmagisch und animistisch denken: Wer erklärt, wie etwas zustande kommt, der entschuldigt und betreibt es. Kill the messenger!

      Wenn das Gesetz der großen Zahl spielt, wird jede individuelle Erklärung von Extremverhalten irgednwann müßig; denn es gibt immer einen gewissen Prozentsatz von Randfiguren, die an ein Attentat denken. Das Aktivierungspotential dazu hat wohl der Riss geliefert, der im Jahre 2015 nolens volens durchs Land gezogen wurde. Damals wurde die Radikalisierungsfalle gespannt, an der das ganze Land leidet. Das hätte man im Hinblick auf die Vorgeschichte des Asylkompromisses der 90er Jahre wissen könne. Wenn ich wie Frau Merkel redete, könnte ich dazu salopp sagen: „Jetzt sind sie halt wild; mir doch egal!“ In der Tat bin ich sehr fatalistisch; eigene Adrenalinausschüttung mag manchen ergötzen, ändert aber die Dinge nicht. DIe Politik scheint nicht einmal mehr rational in Bezug auf ihr langfristiges Eigeninteresse zu handeln. Nun, dann wird halt die Spule bis zu Ende angewickelt und mit der „Bekämpfung“ des „Radikalismus“ aller Dissidenten der etablierten Politik dem Extremismus das Bett bereitet.

      Man kann sich die Einstellungen und Meinungen der meisten Menschen sehr gut ausrechnen, wenn man sie erst ein bisschen kennengelernt hat. Sie haben mich hier nach einer gewissen Lernphase noch nie überrascht, weshalb ich Ihnen ihre Argumentationsfehler auch nicht zurechnen will. Sie denken eben halt wie unsere Meisterin auf diesem Feld „vom Ende her“: Welche Postulate habe ich, was sind also die passenden Prämissen?

      Jochen Schüler: Perlen vor das Kätzchen,lieber Pérégrinateur

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