Das innere Werdeziel der Kellerassel

„Ich sammle Kellerasseln“ – mit diesem Eingangssatz fängt Fritsche seinen Leser sofort ein. Noch weiß man nicht, was der Titel „Pan vor den Toren“ bedeuten soll, aber schon sind alle Sinne gespannt.

Und das sollten sie auch, denn Fritsche, den man als Theoretiker der Homöopathie oder als „Esoteriker“ oder vielleicht noch als Verfasser des einst viel gelesenen anthropologischen Traktates „Der Erstgeborene“ kennt, überrascht einmal mehr und erscheint mit diesem frühen Werk (1938) als naturwissenschaftlicher Magier. Das klingt widersprüchlicher als es ist – Wissenschaft und Magie. Schon die Kellerassel wird uns als „Hüterin der Schwelle“ vorgestellt, „zum Mutterboden, dem unser Leib entstammt und der ihn zurückfordern wird“ und die Kellerassel und all ihre „Verwandten“ im fast unsichtbaren Bereich, haben dabei ein gehöriges Wörtchen mitzureden. Wozu also in die Ferne schweifen, wenn das Faszinosum so nahe liegt?

So ist es also das „Weltall Wassergraben“ oder das eigene Zimmer, die Welt unter dem Teppich oder zwischen den Buchseiten, das Rieselfeld oder der Klärschlamm, das Universum des Kleinen, in dem sich große Kämpfe und Wandlungen abspielen, auf die Fritsche aufmerksam machen will, aber nicht um des Wissens willen, sondern um zu begreifen, zu verstehen und – zu ahnen. Im Kleinen das Große sehen und umgekehrt. „Jedes Schuttfeld ist eine kleine Wiederholung der uralten Legende vom Turmbau zu Babel.“ Überhaupt stecken eine Menge von Kraftsätzen in diesem schmalen Buch, die einen unversehens innehalten lassen: „Alles Wasser ist älter als wir.“, „Ein Kosmos, in dem auch nur eine Sinnlosigkeit geschähe, wäre im gleichen Augenblick Chaos.“, „Der Geruch der Schöpfung ist zu Anfang und zu Ende der gleiche.“, „Alles Heldische ist ein Nein zum Bequemen, Behaglichen. Alles Edle ist ein Nein zum nackten Trieb.“ … Fritsche hat eine seltene Gabe, scheinbar Wohlbekanntes ganz anders zu sehen und die sprachlichen Mittel, den Leser damit sowohl zu überraschen als auch es verstehbar zu machen.

Er nutzt dazu Witz, Pathos und eine nahezu poetische Sprache – eine Mischung, die heute nicht mehr jedermann gefallen dürfte – und er redet den Leser in vertraulichem Ton direkt an – auch das gewöhnungsbedürftig. Aber konsequent. Denn Wissenschaft ist ihm ein persönliches Anliegen, eine Erfahrung, ein Ergebnis und keine kühle, objektive Sache. Die Fasslichkeit der Biologie, die Unmittelbarkeit und Sinnlichkeit liegen ihm im Zeitalter des technischen Zugangs zur Natur, der Elektronenmikroskope, der Zentrifugen und Tabellen am Herzen. Dort insbesondere eignet sich das Buch für junge Leute, die Biologie ist ihm „Quell herrlichster jungenhafter Freude“. Und natürlich lernt man die Menge, über Asseln sowieso aber auch über Rattenschwanzmaden, Bücherskorpione, Schlammpeizger …

An den entscheidenden Stellen aber ist Fritsche mehr als lehrreich, da ist der tief und bahnbrechend! Da zeigt er sich als früher Ökologe, sowohl im Sinne des Naturschutzes als auch des holistisch denkenden Mikro-Makro-Kosmikers, der den Klimawandel schon vor 85 Jahren denken, die autohomöopathische Kraft des Waldes erkennen und die Tierquälerei in Zirkus, Zoo und Labor anprangern konnte.

Mögen seine evolutionskritischen Anmerkungen heute teilweise entkräftet sein – er hat die Abstammungslehre vermutlich nur in vulgarisierter Form kennengelernt und die Idee des gemeinsamen Vorfahren wohl nicht gekannt, weshalb bei ihm laut Darwin der Mensch stets vom Affen abstammen soll; auch war ihm die DNA-Forschung noch unbekannt –, in ihrem Ansatz stellen sie noch heute valide Fragen an die Evolutionstheorie: Wieso führen forcierte Mutationen nur zu Verkümmerungen und nicht zu neuen Arten? Wie lässt sich pflanzliches/tierisches Vorwissen erklären, woher weiß der Erbsenkäfer, dass die Erbse bald steinhart sein wird, weshalb er vorsorglich ein Schlupfloch für seine Brut bohrt. Wieso sehen sich Molch- und Menschenhände ähnlicher als Affen- und Menschenhände? etc.

„Ursprungsnähe“ zeigt sich vor allem in der Möglicheitsoffenheit und ist, im Gegensatz zur Spezialisierung, als starke Position zu betrachten. Deshalb sei der Mensch dem Affen überlegen, nicht etwa, weil er ihn überwunden habe. Fritsche sieht in der Natur die Entelechie am Werk, das „innere Werdeziel“. „Die Entelechie ist nicht von dieser Welt des Stoffes und da die Entelechie des Menschen als Persönlichkeit geprägt ist, wird sie als persönliche Prägung unvergänglich sein.“

Aber man kann ihn auch als anarchistischen Denker begreifen, dem die Faszination an der Vielfalt der Natur wichtiger ist als alle Systematisierung. Andererseits ist der kommende Cheftheoretiker der Homöopathie und der „alternativen Heillehren“ in nuce schon enthalten.

Kurz und gut: Dieses Buch ist auch heute noch eine Fundgrube an Ideen – für den interessierten Laien ebenso wie den Fachmann und nicht zuletzt auch ein Geschenk für alle wißbegierigen Jugendlichen. Es ist eine Anleitung zur Neugier.

Herbert Fritsche: Pan vor den Toren. Ein Querschnitt durch die Biologie der Gegenwart. 2013

siehe auch: Was die Pfütze lehrt

5 Gedanken zu “Das innere Werdeziel der Kellerassel

  1. Robert X. Stadler schreibt:

    Mit K. Lorenz unterscheide ich hier gerne zwischen Teleologie und Teleonomie, also zwischen Zielwissen und Zweckordnung (Mittel-Zweck-Ordnung). Der Begriff der Entelechie kann beides enthalten.

    Klar, dass in einer entstandenen, nicht unmittelbar geschaffenen Natur Teleonomie herrscht. Eine Lebensordnung, die nicht Überleben, Anpassen und Durchsetzen zwecklich enthielte, und ihre Mittel darauf hinordnete, würde bald zugrundegehen.

    So ist auch vieles im Menschen und in der menschlichen Gesellschaft, im Markt, im Staat, in der Geschichte, im Recht und in der Sittlichkeit, Teleonomie. Vieles, aber eben nicht alles: Den göttlichen Funken im Menschen (Gott als die reine Teleologie) drückt wohl auch der Anteil des Zielwissens im Menschen aus. Die Sinnsuche wäre dann der Versuch, sich über manche der menschlichen Zwecke bewusst zu werden, und sie freiwillig als Ziele anzunehmen.

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  2. Das muß ich unbedingt lesen! Herzlichen Dank für die Empfehlung. Zur „Hüterin der Schwelle“: schau, das hat Steiner dazu geschrieben: http://fvn-rs.net/PDF/GA/GA270b/GA270b-082.html. Die Entelechie ist ein vergessener europäischer Großgedanke, dies führt dazu, daß die Tradition ohne ihn überhaupt nicht verständlich ist. Deshalb habe ich in meinem Buch „Wir erziehen“ dem „Geistigen“ ein eigenes Kapitel gewidmet. Daß die Welt begriffen, existenzielle Erfahrungen gemacht und Freiheit nach und nach entfaltet werden WOLLEN, liegt daran, daß sie Ausdruck des Geistigen sind. Der ganze wissenschaftshistorisch beschreibbare „Thread“, oder auch: das Paradigma, der Ausdruckstheorie kulminiert in Herder und Hegel. Spätestens mit der „kritischen Sozialwissenschaft“ ist allerdings ein kompletter Paradigmenwechsel zu verzeichnen. Uns Heutigen erscheinen ausdruckstheoretischen Schriften, wie es auch beim Fritsche der Fall ist, dann oft unverständlich, oder wenn wir sie verstehen wollen: ahndungsvoll, poetisch, literarisch aufgeladen. Dabei war so etwas bis in die 50er Jahre hinein eindeutig Wissenschaftssprache. Man denke hier auch an Wilhelm Bölsche – unfaßbar zauberhaft teleologisch, entelechetisch, ausdruckstheoretisch. Der ist auch eine Fundgrube!

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  3. Pérégrinateur schreibt:

    „[…] nicht um des Wissens willen, sondern um zu begreifen, zu verstehen und – zu ahnen.“ ― Ein Satz, der gleich den Verdacht weckt, es mit einem der so vielen Sinnsucher zu tun zu haben. Wer einen Sinn in der Welt sucht, findet ihn gewöhnlich. „Der Mensch denkt sich den Sinn hinein, wenn er die Weltgeschichte liest, weil er zu feig ist ihren grausen Wollen kühn sich selber zu gestehn.“ (Dietrich Grabbe)

    „Alles Wasser ist älter als wir.“ ― Das Wasser, das beim Anfahren aus dem Auspuff Ihres Autos tropft, ist wenig zuvor durch Verbrennung von Kohlenwasserstoffen fossilen Ursprungs entstanden.

    „Ein Kosmos, in dem auch nur eine Sinnlosigkeit geschähe, wäre im gleichen Augenblick Chaos.“ ― Was meint hier das Wort sinnlos? Wenn er damit sagen will „gegen das Naturgesetz“, dann vielleicht ja – je nachdem, was er eben mit dem eher appellativen Wort Chaos meint. Aus der Perspektive des die Welt in solchen eher ansprechenden als beschreibenden Worten fassenden Beobachters ist es gar nicht so einfach, Chaos und Nichtchaos zu scheiden. Wenn man an der bretonischen Felsenküste steht und die Brandung in den rissigen Fels drücken, wirbeln, tosen und hochstieben sieht, sieht man dann Stoff, der genau den hydrodynamischen Gesetzen folgt, oder das Chaos des unverständlich tobenden Elementes?

    „Der Geruch der Schöpfung ist zu Anfang und zu Ende der gleiche.“ ― Das sehr frühe Universum ist Plasma und hat deshalb gewiss keinen Geruch.

    „Alles Edle ist ein Nein zum nackten Trieb.“ ― So wie die erotischen Abenteuer des hochedlen Herrn Zeus? Quod licet …

    „autohomöopathische Kraft des Waldes“ ― ?

    „Wieso führen forcierte Mutationen nur zu Verkümmerungen und nicht zu neuen Arten?“ ― Fast nur. Wie auch natürliche Mutationen, bei denen die Natur mit Kanonen auf empfindliche Schrauben schießt. (DNA-Doppelstrangbrüche usw.) Bei forcierten Mutationen will man gewöhnlich vergleichsweise schnell und vor evolutionären Zeitdauern zu einem Ende kommen, deshalb hohe Strahlendosen usw.

    „woher weiß der Erbsenkäfer, dass die Erbse bald steinhart sein wird, weshalb er vorsorglich ein Schlupfloch für seine Brut bohrt.“ ― Er tut es wohl nicht vorsorglich, ein Wort mit dem Sie flugs mal eben Intentionalität unterstellen. Sondern diejenigen Vorformen des Käfers, die nicht die Anlage zu diesem Verhalten hatten, waren evolutionär weniger fit und sind mangels ausreichender Nachkommenszahl ausgestorben. Wieso unterstellen wir Menschen so gerne Intentionalität? – Weil es einen evolutionären Vorteile bietet, den Urheber vom Umständen schnell zu erkennen, die uns schaden. Dafür nimmt die Evolution sogar viele Fehldiagnosen in Kauf.

    „Wieso sehen sich Molch- und Menschenhände ähnlicher als Affen- und Menschenhände?“ ― Das gilt aber nur für die Molche, die Čapek gelesen und den morphopoetischen Einfluss seines Werkes erfahren haben. Nach einer anderen Theorie allerdings liegt es umgekehrt an den Menschen. Diese sollen als neotene Lebensformen, die nun dauerhaft in einer medialen Wassersuppe leben, eine zu den Extremitätenformen der Wasserbewohner konvergente Evolution erfahren haben.
    Ist Ihnen übrigens schon aufgefallen, wie sehr sich das (liegende) Unendlich-Zeichen und die (stehende) Ziffer Acht ähneln? Der tiefere Grund ist selbstverständlich, dass nach der ersten Limite ω (anderes Zeichen für ∞) der Ordinalzahltheorie die gewöhnliche Fortzählung ω+1, ω+2 usw. wieder neu (!) einsetzt, so wie auch nach der Acht die Zahl Neun kommt, also etymologisch die neue (!). Es gibt mehr Zusammenhänge zwischen Himmel und Erde usw. usf.

    „Entelechie“ ―Quia est in eo vertus systemata / Cujus est natura
    sensus revelare.

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    • Großartig! Das ist Kritik, wie man sie sich wünscht.

      Sinnsucher? Auf jeden Fall – auch eine legitime Art, sein Leben zu verbringen, wie (fast?) alle Mensch. In dieser Frage hat es selbst die dekonstruierende Postmoderne nicht weiter als bis zur Sinnstiftung gebracht.

      Die Sache mit dem Erbsenkäfer – ja, so erklärt man es sich evolutionär. Es gibt ja zahlreiche Beispiele, wo das Endergebnis uns wundersam erscheint, weil die vielen Zwischenstufen verschwunden sind. In diesem Falle würde ich eine Koevolution vermuten: auch die Erbse sah einst anders aus, war vielleicht kleiner oder länger weich etc., so daß die Länge des Ganges über lange Zeiträume angepaßt werden konnte. Aber hat sich dieses Verhalten, den einen Biß mehr zu tätigen, dann auch genetisch eingeschrieben oder ist es nicht eine Lernleistung, die weitergegeben wurde? … Die Evolution übersteigt in ihren ganz kleinen und ganz großen Schritten oft unser Vorstellungsvermögen. Mit diesem ist es auch so ein Ding, denn es ist ja das Resultat seiner eigenen Voraussetzung …

      Dennoch ist das Konzept der Entelechie sinnvoll und nicht mit Intentionalität zu verwechseln. Der Eindruck entsteht hier wohl durch das Verb „will“. So wie man auch sagt: „Der Motor will gefahren werden“.

      Der entelechale Gedanke hat unser gesamtes Denken seit Plato durchsäuert und uns letztlich an diesen Punkt getragen. Ohne Anthropomorphismen geht es dabei nicht, zumindest nicht außerhalb der Mathematik – vielleicht. Auch der Begriff „Anpassung“ ist ein solcher.

      Spaemann und Löw schrieben in „Die Frage Wozu? Geschichte und Wiederentdeckung des teleologischen Denkens“: „Für die Problematik der drei Übergänge – Leben, Bewußtsein, Sittlichkeit – ist der Bedingungscharakter verschleiert.“ Freilich, beide waren religiöse Denker. Aber auch die Ablehnung des teleologischen Denkens ist intentional und muß sich die Frage „Wozu?“ gefallen lassen.

      „autohomöopathische Kraft des Waldes“ = das Vermögen des Waldes sich durch das homöopathische Prinzip selbst zu heilen. Man vergesse zukünftig nicht: Wer gegen Homöopathie ist, ist für Böhmermann!

      Wenn Fritsche zu Bildern greift, darf man nicht vergessen, daß er auch ein guter Sinnlyriker war.

      Schlehenlied

      Verblüht sind rings die Schlehen
      Nach kurzer Frühlingsfrist,
      Der Sommer läßt geschehen,
      Was seines Amtes ist,
      Die Früchte müssen reifen,
      Es reift der Kern darin –
      Nur Wissende begreifen
      Des Werdens Weg und Sinn.

      Als noch die Blüten schäumten
      Und hell am Bergeshang
      Ihr junges Schicksal träumten,
      Kam ich den Weg entlang.
      Die Schlehenhecke streckte
      Mir einen Zweig zum Mund.
      Ich nahm ihn: Bitter schmeckte
      Der grüne Blütengrund.

      Nun sind die weißen Sterne
      Vom Sommerwind verspielt,
      Doch keimt im bittren Kerne,
      Was auf die Zukunft zielt.
      Wer dies versteht, wird stille
      Und bleibt hinfort gewiß:
      Es webt ein wacher Wille
      In jeder Bitternis.

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