Klopps Liverpool als Vorreiter

Spiele dieses Kalibers, wie das CL-Finale, enthalten immer wichtige Lehren, wie wir bereits letztes Jahr gesehen haben. Auch dieses ebenfalls denkwürdige Endspiel, wenn auch aus ganz anderen Gründen, verdient ein paar Zeilen.

Da ist zum einen die überragende Saison des FC Liverpool zu nennen. Zum zweiten Mal in Folge im Finale zu stehen, das ist eine außergewöhnliche Leistung, dabei den FC Barcelona nach einer klaren 3:0 Niederlage im Hinspiel noch nach Hause zu schicken, eine Sensation.

Das neue Liverpool unter Jürgen Klopp ist – auch wenn es in der Liga trotz nur einer Niederlage nicht gereicht hat – wieder auf der Landkarte des Weltfußballs eingetragen und wird dort wohl auch eine Weile verbleiben.

Bei allem Lob darf man aus fußballerischer Sicht jedoch nicht die Rolle des Zufalls übersehen. Hätte Dembelé in Barcelona kurz vor Schluß das vierte Tor gemacht … hätte, hätte, hätte.

Das Besondere dieses Titels ist freilich gerade der Versuch, den Zufall auszuschalten, den Sieg zu erzwingen. Der entscheidende Moment dieses Spieles war bereits nach 22 Sekunden. Ein Handspiel Sissokos im Elfmeterraum. Es ist erstaunlich, daß diese Szene nicht mehr mediale Aufmerksamkeit bekommt. Es war nicht nur eine „mutige“ Schiedsrichterentscheidung, ein Spiel dieser Größe nach nur wenigen Sekunden zu beeinflussen, der Elfmeter war auch äußerst strittig. Man sollte in derartigen Situationen versuchen, auslegungswürdige Entscheidungen zu vermeiden.

War es überhaupt Hand? Nein und Ja. Der Ball sprang an die Brust und rollte dann über die Schulter am oberen Arm ab. Es wird für diese Situationen nie klare Entscheidungen geben, mit VAR oder ohne. VAR hebt das Problem nur auf eine höhere Stufe und übt auf den Referee in nicht eindeutigen Situationen zusätzlichen Druck aus – beste Voraussetzungen für Fehlentscheidungen. Die kurze Geschichte des Videobeweises ist bereits voller skandalöser Entscheidungen.

Dieser Elfer ist aber aus anderen Gründen bedeutsam. Folgt man nämlich Manés Bewegung und seinem Blick, dann wird unmittelbar deutlich, daß der Senegalese wohl nichts anderes im Sinne hatte, als einen Elfmeter zu provozieren. Und das ist höchst bedenklich, wenn ein Spieler seiner Fähigkeiten nicht nach der spielerischen Lösung, sondern nach der gewinnträchtigsten sucht – es ist auch eine neue Qualität im Vergleich zur Schwalbe. Ganz bewußt nutzt er sein Können, um den Ball an den ausgestreckten Arm seines Gegenübers zu schießen. Das Spiel war diskreditiert.

Umso mehr, als Sissokos Bewegung ein Zeigen war, mit dem er seinem Mitspieler die Position anweisen wollte. Das ist eine komplett menschliche und verständliche Bewegung. Sie wurde von Mané eiskalt ausgenutzt.

Willkommen in der Zukunft. Wenn ab kommendem Jahr jedes Handspiel, jede Handberührung im Strafraum ein Elfmeter sein soll, dann werden wir mehr und mehr Spieler sehen, die den Kontrahenten, sobald er den Arm vom Körper löst, anzuschießen versuchen. Das Spiel wird zum Betrugsspiel. Reklamationen werden die Norm werden. Das Verhalten der Spieler wird sich ändern, sie werden das trainieren: VAR und die neue Handregel werden den Fußball zerstören, zumindest aber unerträglich machen.

Wenn wir uns zudem das vierte Tor des FC Liverpool gegen Barcelona anschauen, in dessen Vorfeld der junge Alexander-Arnold, der eine Ecke ausführen wollte, die gesamte Abwehr des Gegners durch eine Finte täuschte, so tat, als überließe er den Eckstoß einem anderen, dann, als er sah, daß die gegnerische Abwehr als Reaktion auf seine Laufbewegung von hinten rauslief, schnell zurückrannte und den Ball nun zum völlig frei stehenden Mitspieler schob, dann steigt in mir der böse Verdacht auf, daß man in Liverpool unter Jürgen Klopp vielleicht solche Situationen trainiert? Es wirkte damals wie ein Geniestreich, wie ein Paradebeispiel von quick thinking. Immerhin hatte Origi, der Torschütze, derartiges selbst angedeutet.

Das heutige moderne Spiel wird in den Spitzenligen und den Spitzenklubs komplett durchanalysiert. Nichts wird dem Zufall überlassen. Sogar die Ernährung und das Privatleben werden rund um die Uhr kontrolliert. Viele Menschen werden angestellt, die mithilfe aller möglichen technischen Verstärkungen den Gegner und das eigene Spiel bis in die Tiefen durchleuchten. Hitzekarten, Laufwege, Ballkontakte, Zeit-Distanzverhältnisse, Paßgenauigkeit, körperliche Indikatoren … alles wird erfaßt und statistisch aufgearbeitet. Es entsteht der gläserne Spieler.

Natürlich werden auch die individuellen Eigenheiten der Akteure erfaßt, welche Vorlieben, welche Schwächen, welche Marotten ein Spieler hat. Früher versuchte man leicht erregbare Spieler zu Überreaktionen zu provozieren, heute kennt man alle physischen und psychischen Voraussetzungen eines Spielers. Das kann mitunter auch nach hinten losgehen: als Vincent Kompany gegen Leicester den Hammer aus 30 Metern herausholte, da konnte er das tun, weil ihn niemand angriff, denn die Statistik kannte keinen einzigen Fall, daß Kompany von dieser Position jemals erfolgreich aufs Tor geschossen hatte.

Wer den englischen Fußball kennt, der weiß, daß Sissoko ein „Zeiger“ ist, ein Spieler also, der gern Anweisungen an Mitspieler gibt. Und vielleicht hatte man in Liverpool auch bemerkt, daß Barcelonas Abwehr dazu tendiert, den Torraum zu öffnen, wenn man eine lange Ecke spielt? Es ist nicht ausgeschlossen, daß man diese „Schwäche“ Sissokos erkannt und sogar deren Ausnutzung trainiert hat. Die ganze Aktion lief zu flüssig ab. Es würde zumindest perfekt in jene Logik passen, die den hochbezahlten Leistungssport seit Jahrzehnten mehr und mehr durchdringt: Gewinnen ist alles, das Ziel rechtfertigt alle Mittel.

Klar, nächstes Jahr kräht kein Hahn mehr danach. Heute aber hat der Sieg Liverpools gegen das besser spielende Tottenham einen bitteren Beigeschmack. Man hört immer wieder, der Fußball werde durch zu viel Geld kaputt gemacht. Das ist nur halb wahr. Zum einen sehen wir die beste Fußballkunst aller Zeiten und zwar dort, wo das Geld ist, zum anderen bildet sich eine Elite heraus, in die einzudringen anderen Klubs kaum noch möglich sein wird. Vor allem aber werden die moralischen Schranken weiter sinken und hochtalentierte Spieler, die auch die technischen und intellektuellen Fähigkeiten dazu haben, ermuntert, mit moralisch unsauberen Mitteln zu gewinnen. Liverpool ist hier Vorreiter.

Vielleicht kann man Klopps ungewohnt zurückhaltende Reaktion während und nach dem Spiel – wie man weiß, ist er nicht als fairer Gewinner bekannt – als Schuldeingeständnis, als schlechtes Gewissen interpretieren, den höchsten Preis der Fußballwelt mit gamesmanship gewonnen zu haben. Auch das seltsame Schweigen der Medien, die es sonst lieben, den Interessenkonflikt zwischen Spiel, Spieler und Schiedsrichter meist emotional – „Was haben Sie empfunden?“ – auszuschlachten, wirkt verdächtig. Man will die Party des Lieblingsdeutschen nicht stören. „Let’s talk about SIX, Baby“, aber nicht wie er zustande gekommen ist.

Das Spiel war auch aus deutscher Sicht von besonderem Interesse. Die Medien haben intensiv berichtet und nahezu die gesamte Berichterstattung konzentrierte sich auf Liverpool. Warum? Wegen Jürgen Klopp. Und warum Klopp? Weil er ein Sympathieträger ist und zwar ein deutscher. Klopp ist Deutscher, deswegen „drückt ganz Fußballdeutschland Liverpool die Daumen“, wie ich irgendwo las, und des Trainers Erfolg in England wird als Wohltat für Deutschland beschrieben. Klopp wird auch in den universalistischen  Eliten geschätzt, er feiert mit den „Toten Hosen“, und er macht aus seiner Vorliebe für die sogenannte „offene Gesellschaft“ – also die Gesellschaft, die für alle aber nicht für alles offen ist – keinen Hehl.

Hier verrät sich das selbstbetrügerische Denkgebäude unserer Medien, die die Bedeutung der nationalen Identität immer wieder in Frage stellen. Liverpool ist für sie aber nur interessant, weil Klopp Deutscher ist. Historisch gesehen hat Tottenham ähnlich viele deutsche Bezüge[1], wie Liverpool, aber Klopp – und auch Matip –, das ist Jetztzeit.

Dann, wenn unsere Damen und Herren Journalisten sich einen Moment aus Begeisterung gehen lassen, ihr globalistisches Über-Ich aus PC-Selbstzensur vergessen, dann werden sie plötzlich wieder Deutsche, dann fiebern sie mit Deutschen und nicht mit dem besseren Fußball. Dann beweisen sie, wie tief und unausrottbar diese nationale und volkliche Identität in den Menschen verankert ist.

[1] Max Seeburg war 1908 der erste deutsche Spieler in der englischen Football League. Außerdem die deutschen Starspieler Freund, Klinsmann, Ziege, Holtby. Liverpool: Riedle, Hamann, Babbel, Can und Torwartlegende Karius.

Siehe auch: Gedanken zum CL-Finale

Integrationsversagen Klopp

Ergänzung: „The Independent“: Did Mané mean it?

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.