Was ist Europa?

Was ist Europa, wie wurde es, woran krankt es, was könnte es retten?

von Johannes Leitner

Heute, da Europa wieder einmal in seinem Dasein gefährdet scheint, beherrscht die Frage nach dem Wesen Europas erneut das öffentliche Gespräch: Wer sind wir, wie wurden wir, woran leiden wir, wie wollen wir sein und wie nicht sein? – Wo man dieses Wesen, das es gar gegen seine innere Schwäche zu erhalten und gegen seine Feinde zu verteidigen gälte, nicht überhaupt leugnet, da greift man gerne zu dem Gemeinplatz von den drei Hügeln, auf denen Europa erbaut sei (der als Gemeinplatz wenigstens hinreichend stimmig ist): Golgotha, das für das Christentum steht, die Akropolis für die griechische Philosophie, das Kapitol für römisches Recht und römische Verwaltung.

Abgesehen vom Christentum dürfen wir allerdings die Bedeutung der griechisch-römischen Antike nicht überschätzen: Zum einen war Europa unzweifelhaft schon Europa, bevor seit der Renaissance des zwölften Jahrhunderts das Römische Recht über die Alpen drang und in den Klöstern wieder Aristoteles gelesen wurde, bevor gar in der eigentlichen Renaissance die Kultur und Kunst der Alten zu neuer Geltung kam. Zum anderen unterscheiden sich die römischen und griechischen Gesellschaften wesentlich von den späteren europäischen; sie waren stark patriarchale Sippen- und Klientelgesellschaften, Sklavenhalter- und koloniale Ausbeutergesellschaften, Oligarchien oder imperiale Tyranneien, mit ständiger Kriegsführung und ungeheuren Grausamkeiten gegen Unterworfene.

Zwei weitere Hügel oder Hügelgegenden daher sollen die Ursachen des europäischen Wesens zeichenhaft ausdrücken: der Domhügel zu Köln, Mittelpunkt einer der wichtigsten Städte des frühen Fränkischen Reiches und danach des Heiligen Römischen Reiches, für die fränkische Wirtschaftsverfassung und den gesellschaftlichen und politischen Einfluss der Franken und der Deutschen auf Europa; und der römische Lateran, auf dem alten Caeliushügel, als Hauptsitz der Päpste, für die geistliche und weltlich-rechtliche Macht der römischen Kirche, insbesondere für die westkirchlichen Ehegesetze.

Es handelt sich um Ursachen, die nicht nur geistig und geistlich auf Europa wirkten, die Europa schufen, sondern auch umfassend leiblich: Alle unsere seelischen, geistigen und sittlichen Eigenschaften sind zu einem Teil genetisch angelegt, zum andern Teil durch die Umwelt geprägt, nämlich in der Hauptsache durch die individuelle, ungeteilte Umwelt, die dem Einzelnen das ihm je Entsprechende mitgibt. Die Erblichkeit der meisten dieser Eigenschaften (mit Ausnahme der allgemeinen Intelligenz) beträgt bei Europäern etwa 0,5; das heißt, die Hälfte der jeweiligen Eigenschaftsunterschiede innerhalb einer Bevölkerung ist durch genetische Unterschiede zu erklären.[1]

Wie immer in der Evolution setzt sich jene genetische Anlage durch, die dem Einzelnen und der Gruppe die besten Voraussetzungen gibt, in ihrer Umwelt zu überleben und sich fortzupflanzen. Dasselbe gilt für die kulturelle Evolution, folglich auch für die Gen-Kultur-Koevolution. Es sind, derart verstanden, ethnokulturelle Eigenschaften, die das Wesen Europas und der europäischen Völker ausmachen. Ethnokulturalität besteht in der innigen Verbindung zwischen den leiblichen Eigenschaften eines Menschen, seinen angeborenen und umweltlich geprägten körperlichen, geistigen und seelischen Eigenschaften, die er mit vielen anderen Menschen teilt, und ihren Äußerungen in einzelmenschlicher und gesamtgesellschaftlicher Kultur und Sitte.

Europäische Kulturen und Ethnokulturen

Bevor wir eingehen auf jene beiden weiteren Hügel als Ursachen europäischen Wesens, auf fränkische Grundherrschaft und katholische Ehegesetze, soll in seinen Grundzügen eben dieses europäische Wesen dargestellt werden, und wovon es sich unterscheidet. Selbstverständlich könnten sehr viel mehr an idealtypisch europäischen Eigenschaften genannt werden. Wie bei jeder menschlichen Kultur und Sitte, bei allem, was in der Gesellschaft üblich ist und gepflegt wird, handelt es sich bei diesen Kultureigenschaften sowohl um ethnokulturelle Seinskulturen als auch, und vielleicht stärker noch, um sittliche Sollenskulturen: Wie sind wir, wie können, wie sollen wir, wie wollen wir daher sein? Wie habe ich mich zu verhalten, um mich den Vorgaben der Gesellschaft anzupassen, welche handicap– und Tugendsignale habe ich auszusenden, um in der Gesellschaft zu überleben und Status zu gewinnen?

Europa ist, soll und will sein, gegenüber Rand- und Außereuropa:

  • Kultur der Großgemeinschaft und des ihr eingeordneten Individuums – Sippenkultur
  • Gesinnungsgemeinschaft – Blutsgemeinschaft
  • Hochvertrauenskultur – Niedrigvertrauenskultur
  • Hochaltruismuskultur, auch Bereitschaft zu altruistischen Strafen – Sippliche Egoismuskultur
  • Bürgerliche Kultur, bürgende, bergende, schützende Kultur – Nomadenkultur, Nehmerkultur
  • Zu allseitigem Nutzen geordnete Allmende, gelöstes Gefangenendilemma – Tragik der ungeordneten Allmende, Betrug im Gefangenendilemma
  • Freiheit innerhalb der rechtlich und sittlich geordneten großen Gesellschaft – Freiheit außerhalb der Gesellschaft und gegen diese
  • Gleichheitskultur, geringe Machtdistanz – Hierarchie, hohe Machtdistanz
  • Würdekultur – Ehrkultur
  • Opferkultur, Sklavenmoral (richtig verstanden) – Täterkultur, Herrenmoral
  • Schuldkultur – Scham- und Schandkultur
  • Obrigkeitliche Strafkultur – Privatrachekultur
  • Regeluniversalismus – Regelpartikularismus
  • Kategorische Imperative – Vorrang des Klügeren, des Listigeren, des Stärkeren
  • Res publica – Imperium

Europa ist ein kultureller und ethnokultureller Begriff, der geographisch hinreichend eingegrenzt werden kann. Im engeren Sinne, als Westmitteleuropa, umfasst es den Raum westlich der sogenannten Hajnal-Linie zwischen St. Petersburg und Triest, der Grenze zweier großer Heiratsmuster während des Mittelalters und der Frühneuzeit, und ausschließend Süd- und Inselitalien, Andalusien, Irland und Hochschottland. – Zum engsten Kerneuropa dagegen gehören die Länder zwischen der Elbe-Saale-Linie und der Linie St. Malo-Genf; hier bestimmt die frühneuzeitliche Trennung zwischen ostelbischer Gutsherrschaft und westelbischer Rentengrundherrschaft. Je näher ein Land, ein Volk dem europäischen Kernraum, desto mehr nimmt es Anteil an jenen idealtypisch europäischen Eigenschaften.

Zweigeteilte Grundherrschaft und Dorfgemeinschaft

Wichtiger Teil der gen-kultur-koevolutionär auslesenden Umwelt ist die Wirtschaft, im Europa des Mittelalters und der Frühen Neuzeit die Landwirtschaft:[2] Als sich während der Völkerwanderung Franken und Alemannen in Gallien ansiedelten, brachten sie die Dreifelderwirtschaft und die neuen Feldfrüchte Roggen und Hafer mit – die sogenannte Vergetreidung der früh- und hochmittelalterlichen Landwirtschaft. Roggen und Hafer sind zwar ertragreich und genügsam, verlangen aber tiefe Böden; dafür genügte der bisher verwendete Hakenpflug nicht mehr, sondern musste man den schweren eisernen Pflug und schweres Zugvieh einsetzen. Die adeligen und später geistlichen Grundherren konnten es sich in der Folge nicht mehr leisten, den Boden zur Gänze selbst zu bewirtschaften, wie es noch die alten Römer und Germanen taten. Vielmehr ließen sie, im Rahmen der sogenannten zweigeteilten Grundherrschaft, etwa zwei Drittel ihres Grundeigentums von ihren Grundholden auf deren eigene Rechnung bewirtschaften; für das verbliebene Drittel nahmen sie Hand- und Spanndienste der Grundholden in Anspruch.

Die Grundherren traten somit in ein Rechtsverhältnis zu ihren bäuerlichen Untertanen; diese wiederum lebten nicht mehr in der germanischen sipplichen Großfamilie, sondern in der neuen Familie des Ganzen Hauses, wo Verwandte – die bäuerliche Kern- und Stammfamilie – und Unverwandte – das Gesinde – unter einem Dache lebten und wirtschafteten. Das Ganze Haus wiederum war eingebettet in die Dorfgemeinschaft, mit den dörflichen Weistümern eine Rechtsgemeinschaft und mit Allmendeverwaltung und Flurzwang eine Wirtschaftsgemeinschaft: Die Allmende ist der gemeinsam bewirtschaftete Besitz des Dorfes, die Allmendweide sowie im weiteren Sinne Wege, Zäune, der Dorfbrunnen, das Armenhaus und so weiter; der Flurzwang verbürgt, dass die im Gemenge liegenden schmalen Gewannfluren gleichzeitig und auf gleiche Weise bestellt werden.

Durch seine Leben und Wirken in der Untertänigkeit und im grundherrschaftlichen Rechtsverband, im Ganzen Haus und in der Dorfgemeinschaft lernte der Einzelne, und wurde er über Jahrhunderte ethnokulturell darauf hingeordnet, mit blutsmäßig Unverwandten zurechtzukommen, zu eigenen und zu fremden Zwecken zu wirtschaften, auch zu den Zwecken der eigenen großen Gruppe, die er immer mehr als eigene Persönlichkeit zu betrachten neigte. Die Dorfgemeinschaft bietet somit das hermeneutische Muster, mit dem alle anderen Großgemeinschaften sipplich Unverwandter zu verstehen sind, die europäische Stadt-, die Landes-, die Volks- und die Staatsgemeinschaft.

Nicht mehr die sippliche Familie bildet die Burke’sche Gemeinschaft der Lebenden, Toten und Ungeborenen; vielmehr stelle ich mir Gemeinschaft vor mit den vielen persönlich Unbekannten, die meine Kultur und Sprache, meine Sitten und Rechtsvorstellungen, meinen Glauben, meine Mittel und meine Ziele, mein Sein und Sollen, meine ganze Identität hinreichend teilen. Zu ihrem Nutzen, und zum Nutzen der als persönlich vorgestellten Gemeinschaft, bin ich bereit altruistisch zu opfern und zu strafen.

Westkirchliche Ehegesetze und europäische Familie

Unmittelbarer als die fränkische Gutsherrschaft – und wie diese notwendig, nicht hinreichend dafür –  vollbrachten die Ehegesetze der katholischen Kirche den Wesenswandel der europäischen Gesellschaften von Sippen- und Stammesgesellschaften hin zu den Großgemeinschaften Unverwandter, auf denen die europäischen Gemeinwesen gründen:[3]

Seit der Spätantike und dem Frühmittelalter verboten, zunächst unabhängig voneinander, das römische Recht, die germanischen und deutschen Rechte sowie das kirchliche Recht zunächst bloß Ehen naher Verwandter. Schon dies musste die alte Sippenordnung entscheidend schwächen. Später untersagten sie überdies Ehen entfernterer Verwandter; jene römischen und deutschen Rechte taten dies unter dem Einfluss der immer strenger werdenden kirchlichen Ehegesetze, die immer mehr an rechtlichem Vorrang gewannen. Mit dem Beginn der Karolingerzeit um die Mitte des achten Jahrhunderts bis spätestens zur Jahrtausendwende hörten schließlich die Franken und die übrigen westkirchlich christianisierten Germanen in breiter Masse und in allen Schichten auf, ihre engeren und später auch ihre entfernteren Verwandten zu heiraten.

Die Ehe wandelt sich zu einer Einrichtung, welche die sich neuentwickelnde Öffentlichkeit angeht und die nicht mehr bloß im Privaten stattfindet; die nicht mehr dazu verwendet werden kann, von der Öffentlichkeit getrennte Sondergruppen zu bilden und zu halten. Wer die Vaterbruderstochter heiratet (arabisch bint’amm-Ehe), erhält das Eigentum, die Macht und den Zusammenhalt der Sippe (asabiyyah). Die europäische Ehe stattdessen soll, neben den unmittelbaren Zwecken der Ehegatten, auch denen der Öffentlichkeit dienen, oder zunächst den Zwecken der Obrigkeiten, der Kirche, der Grundherren und des Landesfürsten.

Nicht mehr das starke Patriarchat begründet die europäische Familie, die patria potestas, unbeschränkte hausväterliche Gewalt des pater familias, sondern die wesentliche Rechtsgleichheit der Ehegatten, unter der munt, der vor der Gesellschaft verantwortlichen Vormundschaft des Mannes (schwaches Patriarchat). Die Frau wird nicht als Eigentum übernommen oder gekauft, sondern als ehemündige Person gefreit. Indem der Mann die Hauptlast der muskelkraftintensiven Feldarbeit selbst zu leisten hat, und den größeren Teil der Arbeit nicht mehr, wie in Sammler-, Hirten- und Gartenbaukulturen, der Frau aufbürden kann, nimmt der relative Wert der Arbeitskraft der Frau ab. Weil daher die Frau Mitgift in die Ehe bringen muss, anstatt dass der Mann Brautgeld zahlt, steigt der Status der Frau in der Familie und im Ganzen Haus: Die patrilineare Familie – Vater und Söhne sind eine Person – wandelt sich zur gattenzentrierten Familie; die Söhne werden weniger abhängig vom Vater und damit aufgeschlossener für das Neue.

Die Lehre Jesu und die Gesinnungsgemeinschaft

Vor allem anderen, vor möglichen materiellen und politischen Interessen, schrieb die Kirche aufgrund der starken christlichen Sippenfeindlichkeit ihre Ehegesetze den Gläubigen vor. Die jesuanische und paulinische Lehre führte so mittelbar wie auch unmittelbar zur Entsipplichung der alteuropäischen Stammesgesellschaften, mit dem Worte Sloterdijks zum „anti-genealogischen Experiment der Moderne“; Jesus der „Bastard Gottes“.[4] – Im Matthäusevangelium: „Ich bin nicht gekommen, Frieden zu senden, sondern das Schwert. Denn ich bin gekommen, den Menschen zu erregen gegen seinen Vater und die Tochter gegen ihre Mutter und die Schwiegertochter gegen ihre Schwiegermutter. Und des Menschen Feinde werden seine eigenen Hausgenossen sein. Wer Vater oder Mutter mehr liebt als mich, der ist meiner nicht wert. Und wer Sohn oder Tochter mehr liebt als mich, der ist meiner nicht wert.“ (Mt 10,21-37)

Aus der alten Blutsgemeinschaft wird die neue Gesinnungsgemeinschaft: „Denn wer den Willen tut meines Vaters im Himmel, der ist mir Bruder und Schwester und Mutter.“ (Mt 12,50); aus der Gesetzes- und Opfergemeinschaft die Glaubensgemeinschaft: „Wenn ihr euch beschneiden lasst, so wird euch Christus nichts nützen. (…) Ihr habt Christus verloren, die ihr durch das Gesetz gerecht werden wollt, aus der Gnade seid ihr herausgefallen. (…) Denn in Christus Jesus gilt weder Beschneidung noch Unbeschnittensein etwas, sondern der Glaube, der durch die Liebe tätig ist.“ (Gal 5,4-6) – Das Christentum ist nicht mehr Religion im alten Sinne, von relegere, die Gesetze genau beachten, sondern geistiges Bekenntnis hin auf die Lehre und Person des menschgewordenen Gottes.

Christus, durch sein Kreuzesopfer Erlöser von der Erbsünde, löst ab auch vom Blut und der Blutschuld der Sippe, von der Erde, vom Fluch über Adam und Eva, vom opferverzehrenden Stammesgott des Alten Testaments. Der Einzelne hat sich nicht mehr zu Sippe und Stamm, und zu ihren Sippen- und Stammesherrn, loyal und altruistisch zu verhalten, sondern zur neuen, im Herrn aller Menschen Jesus Christus verkörperten großen Gesinnungsgemeinschaft, mitsamt allen seinen Nächsten in ihr. Als Gottes Geschöpf steht der Mensch ohne menschliche Blutsbande unmittelbar zu Gott und hat allein vor Gott sich zu rechtfertigen. Gott und dem Nächsten, der Liebe zu ihnen, gelten die beiden Gebote, die Jesus als die höchsten nennt, und an denen das ganze Gesetz und die Propheten hängt. (Mt 22,36ff)

Weil die neue Gemeinschaft eine Gemeinschaft ist des Glaubens und der guten Gesinnung, darf niemand mehr durch Zwang in sie gepresst werden, so wie er ungefragt in der Sippe und deren Gesetzesordnung gehalten wurde, durch die Gewalt des Sippenherrn und die blutige Macht der sipplichen Ethnokultur. Aus freiem sittlichem Entschluss vielmehr muss er sich ihr hinordnen, in eigener Verantwortung, damit zurechenbar zum Heile hier und im Jenseits.

Die Gesinnungsgemeinschaft ist eine Gemeinschaft von wesentlich Freien, von Freunden in der Gemeinschaft, die aneinander und auch an der vorgestellten Gemeinschaftsperson Freude empfinden, an der vergeistigt personhaften guten Gesinnung selbst. Zur freundschaftlichen Freiheit gesellt sich durch das Christentum die Gleichheit: Denn insofern wir uns auf die Gesinnungsgemeinschaft hinordnen, auf Christus als ihre Verkörperung, und auf unsere Nächsten in der Gemeinschaft, sind wir alle wesentlich gleich und gleich viel wert. Ein jeder steht gleich nahe der Gemeinschaft, Jesus Christus und seinem eigenen Nächsten; ein jeder hat sich durch freien sittlichen Entschluss in gleicher brüderlicher Liebe ihnen allen zu widmen. Wer mir in Gesinnung und freiwilligem Altruismus gleich ist, der kann auch gesellschaftlich nicht wesentlich über oder unter mir stehen. – Paulus: „Hier ist kein Jude noch Grieche, hier ist kein Knecht noch Freier, hier ist kein Mann noch Weib; denn ihr seid allzumal einer in Christo Jesu.“ (Gal 3,28)

Zu den geistigen Wurzeln Europas gehören, neben dieser Universalität des Glaubens, die vier jesuanischen Liebesgebote Gottesliebe, Selbstliebe, Nächstenliebe und Feindesliebe; gehört die Aufhebung des Sündenbockkreislaufs durch das Kreuzesopfer,[5] die Absage an die unmittelbar vergeltende Gewalt als paradoxe Intervention (von einer dritten Backe aber hat Jesus nichts gesagt!), schließlich die Trennung des geistlichen und des weltlichen Bereichs. Alles wirkte im Rahmen der Gen-Kultur-Koevolution mit, die christlichen Gesellschaften zu befrieden, ihre inneren Zerstörungskräfte zu mildern, ihre Feinde zu versöhnen, soziales Kapital zu schaffen und zu erhalten. Über diese Entwicklung wachte die Kirche als eine geistliche Einrichtung, die den weltlichen Obrigkeiten gegenüberstand.

Mitursächlich mit den kirchlichen Eheverboten und der grundherrlichen Hufenverfassung war es somit die Kultur des Christentums selbst, die den Westmitteleuropäer in seine übersipplich liebende, hochvertrauende, egalitäre und gesinnungsgemeinschaftliche Form schmiedete. Ohne das Christentum kein mittelalterliches Europa, keine Scholastik und keine Universität, kein Humanismus, keine Aufklärung, kein weltgeschichtlicher Erfolg der europäischen Völker: Das ist eine Binsenwahrheit, die sich in vielen und vielerlei Dingen bestätigt, umso mehr in jenen sonst verborgenen Dingen.

Reaktion und Entartung

Die große Revolution Europas war die des ersten Jahrhunderts; und die alles umstürzende, alles erneuernde Gewalt dieser Revolution zeigte sich auch darin, dass eine wirksame Reaktion gegen das Christentum mehr als eineinhalb Jahrtausende auf sich warten ließ: die Reaktion wenigstens von Teilen der geschichtlichen Aufklärung, des Deismus, des Materialismus und Naturalismus, Nietzsches, in Deutschland schließlich des Nationalsozialismus.

Der Nationalsozialismus kann verstanden werden als die entschlossenste Befreiungsbewegung des bis dahin unterdrückten und für erstickt gehaltenen heidnischen Europas: die Reaktion des alten Europas, Germaniens, Alt-Roms, Spartas und Athens, gegen das Christentum und dessen Abkehr vom Blut und von den Ahnen, von der Natur, gegen seinen persönlichen allmächtigen Gott (das Christentum stellt, gemeinsam mit dem Judentum, den unerschaffenen Gott vor und über die Natur, die heidnischen Götter sind entstandener Teil der Natur), gegen die christlichen Gedanken des Universalen und des Individuellen, gegen die Mitleidsethik, den Opfer- und Erlösungsgedanken und gegen die christliche Gewaltlosigkeit und Feindesliebe. – Mitursache seines Scheiterns, dass der an sich naturalistische Nationalsozialismus das Christentum lediglich als geistige Erscheinung betrachtete, als einen leicht abwaschbaren Firnis; doch hat über die Jahrhunderte dieser Firnis, damit der Firnis der Zivilisation, den europäischen Menschen fast bis an seinen Kern durchtränkt.

Ausschließlich mit dieser Begründung jedenfalls darf man den sonst hochfortschrittlichen Nationalsozialismus als weltanschaulich rechts bezeichnen, als eine gegen die linke Ethik und Kultur des Christentums gerichtete rechte Reaktion, eine neue und uralte Religion der vergöttlichten Natur, des Blutes und der Rasse. Darin gleicht ihm heute, mit allen notwendigen Unterschieden, wenigstens ein Teil der sogenannten Neuen Rechten: Sonst Fortschrittsmenschen, die aus irgendwelchen Gründen und Ursachen mit der christlichen und nachchristlichen Ethik Europas nichts anfangen können; und die sich damit, wie zuvor schon die Nationalsozialisten, vom europäischen Geist und Wesen identitär entfernt haben.

Nicht nur seine Verbrechen, sondern die ganze Ideologie des Nationalsozialismus war derart Kulturbruch, Bruch und Abbruch einer bisher wesentlich christlichen Kultur, auf der Europa baut und die Europa selber ausmacht. Deswegen so verständlich, und bis zu einem gewissen Grade auch verzeihlich, der fühlende, teils irrationale Hass des bis heute ethnokulturchristlichen Europas gegen den Nationalsozialismus und gegen die Uralte Rechte, auch bloß gegen deren naturbetonende Anschauungen und Beweisgründe.

Dagegen die Politische Korrektheit der Gegenwart – im Unterschied zu einer nutzenstiftenden allgemeinen politischen Korrektheit, die lediglich den breiten Rahmen vorgibt, was im Gemeinwesen zu äußern anständig sei: Die Politische Korrektheit erscheint ihrer Form nach als starke und religiös bewehrte Verengung dieses Rahmens, als neue Religion der Fortschrittlichen und der Eliten; nach ihrem Inhalt aber hat sie zu gelten bereits als Entartung der, ihrerseits fortschrittlichen, christlichen Kultur und Religion. – Nicht nur übertrieben oder verfallen, sondern entartet ist eine Sache, eine natürliche Art insbesondere, wenn sie sich nicht mehr auf die bisher übliche Weise selbst erhalten und fortzeugen kann. Eine umwälzende Wandlung tritt ein, sei es der Tod od­er sei es etwas sonst völlig Neues. Übertreibung und Verfall ändern zunächst quantitativ, daher unwesentlich; Entartung aber wandelt qualitativ, wesentlich. Die Quantität springt in die neue Qualität, die Menge in die neue Art.

Christliche Opferkultur entartet, derart politisch korrekt, zum Opferkult, Schuldkultur zum Schuldkult, Moral zum Moralismus, Humanität zum Humanitarismus. Der Freiheitsgedanke wird derart zum Liberismus und Nominalismus, der Gedanke der Gleichheit zum Egalitarismus, die Nächstenliebe zur Fernstenliebe, die Universalität der Erlösung zum unterscheidungsunwilligen Universalismus, die christliche Heilsgeschichte zum Utopismus und zur Immanentisierung des Eschatons. Das Bekenntnis zum freien Willen wird zum Voluntarismus, der Vorrang des Glaubens zum Fideismus (wir schaffen das, wenn wir nur wollen und fest daran glauben, und wenn wir die Ketzer verbrennen), die Abkehr vom Blute und der Abstammung schließlich zur Ideologie der tabula rasa.

All diese Ideen können sich nicht selbst erhalten, zuletzt und vor allem weil sie die von ihnen erfassten Gesellschaften schwächen und zerstören. Selbst enden sie logisch in der Aporie, psychologisch in der Manie, philosophisch in der Ideologie, moralisch im Puritanismus, politisch im Totalitarismus. Gesund, nützlich und passend, also gut (von idg. *ghedh-, versammeln, anpassen) können ja nur jene Vorstellungen sein, die den Menschen, den Einzelnen und den Völkern, in ihrem Sein entsprechen, und die sie durch ihr zielhaftes Sollen verbessern.

Am wenigsten Widerstandskraft scheint eine Sache nicht gegen ihren unumschränkten Gegensatz entwickeln zu können, sondern gegen ihre Entartung, Fleisch von ihrem Fleische; zu verwandt scheint ihr das Neue noch zu sein, als dass sie die dazu erforderliche Entschlossenheit aufbrächte. Umso gefährlicher die Religion der Politischen Korrektheit für das ethnokulturchristliche Europa. Und umso mehr erschließt sich die Notwendigkeit, das Wesen Europas zu verstehen, das großgemeinschaftliche, fortschrittliche, freiheitliche, aufgeklärte, christliche Europa; und dieses wesentlich Europäische ins Treffen zu führen, gleichsam homöopathisch, Ähnliches gegen Ähnliches, Europa selbst zu bewahren und eine europäische Zukunft zu ermöglichen.

Johannes Leitners Buch: Identität. Wie wir sind und wurden. 2019

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[1] Vgl. u. a. Thomas J. Bouchard/Matt McGue, Genetic and Environmental Influences on Human Psychological Differences, in: Developmental Neurobiology, 54/1, Jänner 2003, S. 4-45, hier S. 23
[2] Vgl. Michael Mitterauer, Warum Europa? Mittelalterliche Grundlagen eines Sonderwegs, München 2003
[3] Vgl. ebd. – Vgl. auch Jonathan F. Schulz, The Churches‘ Bans on Consanguineous Marriages, Kin-networks and Democracy, Universität Nottingham, Discussion Paper No. 2016-16, 30. November 2016
[4] Peter Sloterdijk, Nach Gott. Glaubens- und Unglaubensversuche. Berlin 2017
[5] Vgl. etwa René Girard, Ich sah den Satan vom Himmel fallen wie einen Blitz. Eine kritische Apologie des Christentums.

18 Gedanken zu “Was ist Europa?

  1. Tommy schreibt:

    „Sklavenhalter- und koloniale Ausbeutergesellschaften, Oligarchien oder imperiale Tyranneien“

    Das gab es auch in der späteren europäischen Geschichte zur Genüge. Und ja, natürlich hat das Christentum vieles abgemildert und zu mehr Humanität geführt. Humanitäre Tendenzen in der Gesetzgebung zu Sklaven u.ä. gab es aber auch bereits schon in der römischen Kaiserzeit vor Konstantin.
    Ich kann mit dieser pauschalen Abwertung der heidnischen Antike wenig anfangen. Sie ignoriert auch, dass wesentliche Elemente europäischer Familienstrukturen durchaus ihre Wurzeln in dieser Zeit haben. Monogamie z.B. ist nicht biblischen Ursprungs, sondern kommt von den Griechen und Römern.
    Die Theorien zu den Auswirkungen der katholischen Ehegesetze, der Hajnal-Linie etc. sind mir aus diversen Internet-Blogs bekannt. Ob man diese allumfassenden Erklärungsansätze als gesichert ansehen sollte, erscheint mir aber fraglich.
    Insgesamt drängt sich mir bei den theologisch angehauchten Ausführungen des Autors und seiner Kritik an der Neuen Rechten der Eindruck auf, dass die Rückkehr zur heiligen Mutter Kirche wieder einmal als Allheilmittel für gegenwärtige gesellschaftliche Misstände gesehen wird, wie das bei katholischen Traditionalisten üblich ist. Die gegenwärtig ablaufende Masseneinwanderung lehnt der Autor zwar vermutlich ab, aber zu einer schonungslosen Reflexion, welche Rolle dabei die katholische Kirche und der christliche Universalismus mit seiner „Entsipplichung“ spielen könnte, kann er sich offenkundig nicht durchringen. Es bleibt bei dem schwammingen Argument, hier liege eine „Entartung“ vor, ansonsten wird sich wie üblich an Heiden, Nietzsche und den Nationalsozialisten abgearbeitet.
    Bei dieser für viele „Konservative“ ja typischen Einstellung ist ganz klar, dass Europa, wie wir es in der konkreten Form der europäischen Nationen kennen, in den kommenden Jahrzehnten untergehen wird.

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    • Die identitäre Ethik geht davon aus, dass das Eigene gegenüber dem ganz Neuen und Fremden bewahrt werden solle; die identitäre Theorie hält dafür bestimmte Mittel für geeigneter, andere nicht. Wahrscheinlich sind jene Mittel weniger geeignet, die dem Eigenen hinreichend widersprechen: Der gute Zweck erlaubt nicht alle an sich tauglichen Mittel, weil es auch solche gibt, deren Nebenwirkungen das Eigene im Wesen verletzen könnten und damit weit mehr Schaden stiften würden als Nutzen. Eben darin der grundlegende Fehler der neuen Religion des Nationalsozialismus, der bis heute die deutsche Seele kränkt, eine tausend Jahre christliche Seele.

      Ich bin nicht Konservativer oder Traditionalist, sondern Empiriker und „Funktionalist“. Folglich, anstatt dass ich über Schuld und Unschuld urteile, frage ich nach Ursachen und Wirkungen, auch möglichen zukünftigen Wirkungen. Dass etwa die christliche und dorfgemeinschaftliche Universalitätsvorstellung und -wirklichkeit evolutionär nützlich und unter den richtigen Umständen der sipplichen Partikularität überlegen ist, hat sich in jenen tausend Jahren erwiesen. Dagegen sehen wir heute, wie der (entartete) europäische Universalismus gegenüber dem außereuropäischen Partikularismus versagt, beschreibbar durch das Gefangenendilemma und die Tragik der unregulierten Allmende. Zwischen beiden Universalismen zu unterscheiden ist daher nicht nur identitär richtig, sondern lebensnotwendig.

      Einen guten empirischen Hinweis auf das gesellschaftlich Taugliche und Untaugliche bietet das Volksempfinden, auch das Empfinden des Bürgers, der etwas zu verlieren hat, nicht zuletzt sein Anstandsgefühl. Mehr noch, Sachzwänge ausgenommen ist das Volksempfinden selbst die über das Taugliche und Untaugliche entscheidende Kraft. Bezeichnend, wie sich in NS und PC der Kampf gleicht der gläubigen Eliten gegen das vermeintlich zurückgebliebene Volk, das sich aus Schwäche oder Unmoral dem Gebotenen verweigere.

      Die große Frage also lautet, welche Mittel die identitäre Rechte – gegenüber dem Wahnsinn der linken PC steht der Geist natürlich rechts – einzusetzen bereit ist, um die europäischen Völker zu erhalten; ob sie sich nicht aus traditionellem Ressentiment gegen das Christentum der Waffen begibt, die die richtig verstandene christlich-europäische Ethnokultur bereithält, und ob sie nicht aus demselben Grunde untaugliche und schädliche Mittel verwendet.

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      • Tommy schreibt:

        „ob sie sich nicht aus traditionellem Ressentiment gegen das Christentum der Waffen begibt“

        Das Ressentiment kommt ja nicht von ungefähr, sondern erhält heute fortwährend dadurch neue Nahrung, dass die christlichen Kirchen im ganzen Westen zu den Institutionen gehören, die mit am aktivsten die Masseneinwanderung befördern und teilweise sogar von ihr profitieren.
        Dass es auch ein Zuviel an identitärem Partikularismus gibt, sicherlich, das haben der Nationalsozialismus und andere radikalnationalistische Bewegungen zur Genüge bewiesen. Nur: In der heutigen Situation sind die Gewichte im politisch-medialen Diskurs dermaßen einseitig auf die Seite eines schrankenlosen Universalismus verschoben, dass mir ein Warnen vor einer angeblichen Rückkehr „heidnischer“ Herrenmoral unangebracht erscheint. Verdächtigungen, dass die heutigen Identitären in Gefahr seien, wieder in alte Irrwege einzuschlagen, klingen für mich ehrlich gesagt auch nicht viel anders als die allgegenwärtigen Nazivorwürfe im medialen Mainstream.
        Ich kann ehrlich gesagt auch nicht erkennen, was Sie effektiv als Einwand gegen die anrollende Masseneinwanderung aus der islamischen Welt und aus Afrika vorbringen wollen, wenn Sie im Grunde das Abstammungselement in Identitäten eher negativ bewerten und ein Hohelied von Individualismus und „Werten“ als Grundlage der Gemeinschaft singen. Das ist im Grunde auch nichts anderes als das gegenwärtige liberale, rein verfassungspatriotische Modell, nur dass Sie es gerne mit einem anderen Inhalt, nämlich dem katholischen Christentum wie in vormodernen Zeiten, füllen würden. Die Konsequenz aus einer solchen Haltung wäre m.E. auch wieder nur der Ruf nach mehr Engagement bei der „Integration“, in Ihrer Variante dann vielleicht auch in Form christlicher Mission, um die Partikularidentitäten der Neuankömmlinge aufzubrechen. Aber eine grundsätzliche Skepsis gegenüber Masseneinwanderung lässt sich so für mich nicht begründen.

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        • Pérégrinateur schreibt:

          Auf Theonomie, also im deutschen/europäischen Fall auf die christliche Tradition zu rekurrieren, um den leichtsinnigen Universalismus im Zaum zu halten, scheint auch mir nichts Gutes zu verheißen. Das hieße doch, die Torschlüssel just jenen Ideologen anzuvertrauen, die ihre Untauglichkeit zum Amt des Schützers schon zureichend bewiesen haben und heute eben wieder beweisen. Im Vertrauen auf das Gottesgesetz kann ein Gläubiger die größten Unvorsichtigkeiten wagen, da er sich versichert glaubt, auf die vermeintlich gute Tat von oben die gerechte Belohnung zu erhalten.

          Ich gestehe ein, dass es auch bedachtere, reflektiertere Christen gegeben hat. Man denke etwa an das Wort Bossuets: « Dieu se rit des prières qu’on lui fait pour détourner les malheurs publics quand on ne s’oppose pas à ce qu’il se fait pour les attirer.  » [„Gott lacht über die Gebete, die man an ihn richtet, um das öffentliche Unglück abzuwenden, wenn man sich nicht dem widersetzt, was unternommen wird, um es anzuziehen. “] Aber wo sind die heute? Und wie oft hat das Christentum schon verderbliche millenaristische Anfälle gehabt? Nach meinem Eindruck transportiert es diesen Virus in seiner DNS. Die „modernen“, das heißt säkularisierten Christen mit ihrer Weltsozialarbeiterideologie haben sich zwar oberflächlich von der christlichen Tradition verabschiedet, aber gerade der gesellschaftsschädlichste Punkt bei ihnen, nämlich der utopische Glaube, durch Milde und Widerstandslosigkeit die Heilung und Versöhnung der Welt erreichen zu können, ist doch nichts anderes als das bibliche Bild des Löwen und des Lamms, die friedlich nebeneinanderliegen.

          Wenn ein kleiner Frevel erlaubt ist: „Es rettet uns kein hö’hres Wesen / Kein Gott, kein Kaiser noch Tribun. / Uns aus dem Unglück zu erlösen, / können nur wir selber tun.“ Etwas larviert sagt der Spruch Bossuets ja auch nichts anderes.

          Gute Politik braucht Verstand, Wissen und Rationalität. Zugegeben, einem erklecklichen Teil des Publikums sind diese verschlossen und es gibt auch kein Sesam-öffne-dich, um diesen Einlass in die goldene Höhle zu verschaffen. Im Wesentlichen meinte Spinoza deshalb, die meisten bräuchten unverrückbare, dogmatische, den schwachen Hirnen durch s.v.v. religiösen Firlefanz eingebrannte Regeln, die natürlich klug bedacht sein sollten. Wie kann man aber annehmen, solche ewigen Regeln ließen sich heute mit einiger Aussicht auf Erfolg erfinden oder auffinden, da doch die modernen Zeiten die Gesellschaft unter ein Dauerfeuer aus neuartigen Problemen nehmen?

          Um das vernünftigste Buch des Alten Testamentes dazu zu zitieren:

          Ein jegliches hat seine Zeit, und alles Vorhaben unter dem Himmel hat seine Stunde: Geboren werden hat seine Zeit, sterben hat seine Zeit; pflanzen hat seine Zeit, ausreißen, was gepflanzt ist, hat seine Zeit; töten hat seine Zeit, heilen hat seine Zeit; abbrechen hat seine Zeit, bauen hat seine Zeit; weinen hat seine Zeit, lachen hat seine Zeit; klagen hat seine Zeit, tanzen hat seine Zeit; Steine wegwerfen hat seine Zeit, Steine sammeln hat seine Zeit; herzen hat seine Zeit, aufhören zu herzen hat seine Zeit; suchen hat seine Zeit, verlieren hat seine Zeit; behalten hat seine Zeit, wegwerfen hat seine Zeit; zerreißen hat seine Zeit, zunähen hat seine Zeit; schweigen hat seine Zeit, reden hat seine Zeit; lieben hat seine Zeit, hassen hat seine Zeit; Streit hat seine Zeit, Friede hat seine Zeit.

          Und man muss immer neu jeweils in Kenntnis der jeweiligen Umstände entscheiden, was davon angebracht ist und was nicht. Blinde Observanz hilft sicher nicht.

          Leider weiß ich auch nicht, wo die Nieswurzwälder wachsen, mit dem man unseren spinnerten Abderiten massenhaft etwas griechisches Maß beibringen könnte. Jeden solchen Irren, der mir begegnet, versuche ich jedenfalls auf milde spöttische Art anzugehen. Und gerade, wenn er daraufhin verbal ausrastet, ist vermutlich bei dem Teil der Gesprächszeugen etwas gewonnen, die derzeit überhaupt ansprechbar sind.

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          • @ Pérégrinateur
            Theonomie ist ja – Gott das Über-Wir der Gemeinschaft – Ethnonomie. Ohne das Ethos, also die Berufung auf höchste Werte, kein Ethnos, kein Zusammenleben der Menschen in Sein und Sitte. Die Frage nicht, ob es in diesem Ethnos Priester gibt, sondern wer sie sind und vor allem was sie lehren: den verderblichen Millenarismus oder den gesunden, uns passenden und daher guten. In einer besseren Welt wird nicht leben können, wer nicht glaubt, dass sie grundsätzlich möglich sei.

            Meine These eben, dass die jesuanische Lehre zum taktischen Gewaltverzicht mitursächlich war für den Erfolg des Christentums und daher Europas. Wieder einmal das Gefangenendilemma, wo die Strategie „one tit for two tats“ meist erfolgreicher ist als die „tit for tat“: Einmal verzeihe ich dir, beim zweiten Mal schlage ich zurück. Oft genügt schon der einmalige Verzicht auf Vergeltung, den so schädlichen Gewaltkreislauf zu durchbrechen. Sollte dies aber nicht zum Ziele tauglich scheinen, dann ist selbstverständlich körperliche Gewalt erlaubt und geboten. Jesus fordert im Lukasevangelium seine Jünger auf, nach seinem Tod sich zu bewaffnen, um in feindlicher Umwelt bestehen zu können.

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            • Michael B. schreibt:

              „Wieder einmal das Gefangenendilemma, wo die Strategie „one tit for two tats“ meist erfolgreicher ist als die „tit for tat“:

              Das kann man so nicht sagen, der naechste Teil ist schon besser – das Aufbrechen der Zyklen ist der Kernpunkt.

              Prinzipiell haengt die Strategie aber immer vom Gegenueber ab, damit schliesst sich der Kreis zum zitierten Text aus dem Alten Testament.

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            • Tommy schreibt:

              „Meine These eben, dass die jesuanische Lehre zum taktischen Gewaltverzicht mitursächlich war für den Erfolg des Christentums“

              Das erscheint mir als Mythos. Auch wenn Christen das nicht gerne hören wollen, der Durchbruch des Christentums zur Weltreligion war schlichtweg der Bekehrung Konstantins geschuldet und der von ihm und seinen Nachfolgern (bis auf Julian) vollzogenen massiven Förderung des Christentums und schließlich ab Ende des 4. Jahrhunderts auch der harten rechtlichen Diskriminierung Andersgläubiger, was aus einer Mischung von Zuckerbrot und Peitsche Bekehrungen förderte.
              Inwiefern das alles noch etwas mit den ursprünglichen Intentionen des historischen Jesus zu tun hatte, ist m.E. fraglich.

              „Jesus fordert im Lukasevangelium seine Jünger auf, nach seinem Tod sich zu bewaffnen“

              Wo steht das? Mir sind nur ganz andere Stellen bekannt, die den Verzicht auf physische Gewaltanwendung nahelegen. Von Ratschlägen Jesu, Gewalt „taktisch“ anzuwenden, ist mir nichts bekannt (klingt für mich als Prinzip eher islamisch). Ob Selbstverteidiung überhaupt legitim ist, ist ja von christlichen Denkern bis weit in die Neuzeit immer wieder diskutiert und oft verneint worden (auch wenn die Lebenswirklichkeit natürlich eher „heidnisch“ war).

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              • Sebastian Wohlfarth schreibt:

                „Und Jesus sprach zu ihnen: Als ich euch ausgesandt habe ohne Geldbeutel, ohne Tasche und ohne Schuhe, habt ihr je Mangel gehabt? Sie sprachen: Nein, keinen. Da sprach er zu ihnen: Aber nun, wer einen Geldbeutel hat, der nehme ihn, desgleichen auch eine Tasche, und wer’s nicht hat, verkaufe seinen Mantel und kaufe ein Schwert. Denn ich sage euch: Es muss das an mir vollendet werden, was geschrieben steht: »Er ist zu den Übeltätern gerechnet worden.« Denn was von mir geschrieben ist, das hat ein Ende.
                Lukas 22,35-37

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                • Tommy schreibt:

                  Danke! Ich hätte selber daran denken sollen, denn unmittelbar darauf folgt ja die bekannte Zwei Schwerter-Stelle, die im Mittelalter solch weitreichende Folgen hatte.
                  Die Deutung Robert X. Stadlers („Einmal verzeihe ich dir, beim zweiten Mal schlage ich zurück.“) scheint mir aber von dieser Stelle, die in ihrer Bedeutung ja durchaus kryptisch ist (wieso „zwei Schwerter“? Was bedeutet „Es ist genug“?), nicht gedeckt zu sein. Von physischer Gewaltanwendung zur Verteidigung gegen die Verfolgung der Urkirche steht meines Wissens auch in der Apostelgeschichte nichts.

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              • @ Michael B.
                Es geht mir vor allem nicht um die Individualstrategien, sondern um die möglichen Gleichgewichte, und da ist meist „one tit for two tats“ evolutionär stärker als „tit for tat“, ceteris paribus, weil es die kostenstiftenden Vergeltungswettläufe vermindert. Sicherlich kann es eher von jenen ausgenutzt werden, die grundsätzlich betrügen, insofern kommt es tatsächlich auch auf die Mitspieler an. Man darf eben nicht alle mitspielen lassen.

                @ Tommy
                Es handelt sich nicht um einen Mythos (obwohl auch der Mythos seinen identitären Sinn hat), sondern um eine Hypothese, die darauf wartet, von einer besseren ersetzt zu werden. Ihre These scheint mir dafür nicht geeignet, weil sie Bekehrungen lediglich durch staatliches Handeln erklärt. Dabei gibt es für das Individuum eine Reihe von Beweggründen, sich zum Christentum zu bekehren und seinerseits andere zu bekehren, die sowohl gruppenevolutionär erfolgreich sein können als auch dem Individuum subjektiv ex ante Nutzen stiften. Was den bedingten Gewaltverzicht der jesuanischen Lehre angeht, so stellt er neben allem anderen schon Genannten ein handicap- und Tugendsignal dar, der den eigenen Leuten meine persönliche Glaubensstärke beweist, den zu bekehrenden Anderen aber von der Macht unseres Gottes und unseres Glaubens überzeugen soll. Wie sonst könnten sie so etwas scheinbar Widersinniges von mir fordern? Wesensmerkmal jeder Religion, dass ihre Lehren und Gebote nicht leicht zu erfüllen sind; ansonsten wäre sie uninteressant.

                Mit Partikularismus und Egoismus meine ich selbstverständlich Sippen- und Individualegoismus, nicht das Interesse der übersipplichen Großgruppe, ihre polis und damit sich selbst zu erhalten. Dieses Interesse braucht sich vor keiner höheren Stelle zu rechtfertigen (darum der Gedanke der Volkssouveränität), sondern ist, wenn Sie so wollen, sacro egoismo, das Heil des Eigenen.

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                • Tommy schreibt:

                  „weil sie Bekehrungen lediglich durch staatliches Handeln erklärt“

                  Nein, so habe ich das nicht gemeint. Natürlich war das Christentum mit seinen Glaubensinhalten für viele Menschen in der Spätantike ohnehin hochattraktiv. Alle anderen Glaubensrichtungen konnte es aber nur durch sein Bündnis mit dem Kaisertum und die daraus folgende staatliche Förderung verdrängen.

                  „Mit Partikularismus und Egoismus meine ich selbstverständlich Sippen- und Individualegoismus“

                  Aber welche Rolle spielt das in der hier relevanten Debatte? Die Neue Rechte ist meines Wissens doch ohnehin eher anti-individualistisch, und mir ist auch unbekannt, dass einer ihrer Vertreter sich besonders für die Rechte von Familienclans einsetzt.
                  Ich muss Sie nochmal ganz konkret fragen: Was genau am konkreten politischen Handeln von Neurechten und Identitären stört Sie und sollte Ihrer Meinung nach geändert werden? Bei aller Kritik an den Identitären, einen Grundsatz haben sie meines Wissens ja doch durchgehend: den Gewaltverzicht. Entspricht das nicht Ihrer Forderung nach „jesuanischer“, „taktischer“ Gewaltlosigkeit?

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                • Michael B. schreibt:

                  > Es geht mir vor allem nicht um die Individualstrategien, sondern um die möglichen Gleichgewichte

                  Natuerlich geht es um evolutionaer stabile Strategien, das hatte ich vorausgesetzt. Es ging mir um die Art des Brechens des Kreises: Zufaelliges – selteneres als der vorhersagbare Zyklus „jeder zweite“ – Einstreuen von verlaengerten ohrfeigenfreien Reaktionen auf einen schlagenden Gegner sind halt noch staerker (ich habe Axelrods Spiele vor vielen Jahren als Mathematikstudent ausgiebig betrieben). Aber mal weg von den Feinheiten – beide Verfahren gelten schon ganz real beobachtbar nicht fuer jeden Gegner:

                  > Man darf eben nicht alle mitspielen lassen.

                  Darauf hat man nicht unbedingt Einfluss. Und ein paar der Leute, die mittlerweile mit am Tisch sitzen wuerden sicher ihre verdoppelte oder einfach nur haeufigere Schlagzahl gern weiter zu ihren Zwecken ausnutzen. Die ich meine, mit denen spielt z.B. schon viele Jahre der Mossad. Mit ueberhaupt keiner abwartenden, sondern im Gegenteil einer soweit ich das einschaetzen kann teuer erlernten preemptiven Strategie.
                  Keine Bewertung dieser Vorgehensweise von mir an dieser Stelle und auch keine jesuitischen Nadeltaenze dazu, ob die Erschaffung dieser Situation in unseren Gefilden nun selbst Teil eines ebensolchen Spiels auf anderer Ebene ist. Aber auch so mag man spielen muessen.

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                  • @ Michael B.
                    Damit kommen wir zum entscheidenden Punkt: Ob meine Strategien, Verhaltensweisen, Ideen, religiösen Anschauungen flexibel und resilient genug sind, sich an die Umstände anzupassen und gegen die jeweiligen Gegenüber sich durchzusetzen, ohne dass sie sich aber im Kern änderten, damit unidentitär würden und mir selbst schadeten. Nach dem geschichtlichen Befund ist das dem Christentum und der Kirche lange Zeit gelungen, auch den Zivilreligionen des Bürgertums und der staatlichen Obrigkeit, des selbstopfernden großgemeinschaftlichen Altruismus und der Kategorischen Imperative. Gerade die Kategorischen Imperative drücken europäisches Wesen zeichenstark wie wenig anderes aus. Sie setzen ethnokulturell viel voraus, sind spieltheoretisch stets gefährdet, sind aber, wenn sie wirken können, ein überaus mächtiges Mittel der Kulturentwicklung.

                    Ein Problem die künstlichen Blasen in der Gesellschaft, wo ich Umstände vorfinde, die mich gerade jene Ideen annehmen lassen, welche im Großen verderblich sind. Hier kommt es dann, fehlt die Überprüfung an der natürlichen Umwelt, fehlt auch eine mäßigende Kirche und Orthodoxie, zum Tugend- und Radikalisierungswettbewerb, zum scharfen credo quia absurdum, zum Ideenpuritanismus und zur Ketzerverfolgung, letztlich zum evolutionären Selbstmord. Davor aber die große Gefahr, dass es einer solchen Blase gelingt, die ganze Gesellschaft zu übernehmen; solches erleben wir ja wieder in unmittelbarer Anschauung.

                    @Tommy
                    „Was genau am konkreten politischen Handeln von Neurechten und Identitären stört Sie und sollte Ihrer Meinung nach geändert werden?“

                    Nichts, schon mangels eines solchen politischen Handelns. Was sie in der gegenwärtigen Lage politisch äußern ist großteils durch die Vernunft gedeckt; Gewaltverzicht ist ohnehin selbstverständlich. Ich fühle mich nicht imstande, Ratschläge zu erteilen; mich interessiert der Hass und die Abscheu, die sie erfahren, und die ihre Ursachen sicherlich im religiösen Wahn der Politischen Korrektheit, zuletzt aber in der allgemeinen conditio europeana haben.

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        • @ Tommy
          Das Ziel der Erkenntnis ist letztlich der Nutzen aus der Erkenntnis und ihrer Anwendung. Der Nutzen für die Gruppe besteht darin, sich im Dasein und Sosein zu erhalten und zu verbessern. Zu diesem Zwecke, wenn wir diesen Nutzen gewinnen wollen, müssen wir uns über das Eigene klar werden; eben dies der identitäre Gedanke. Herrenmoral ist weder europäisch noch etwas, was Europa nützte. Europäisch und Europa nützlich ist die richtig verstandene (!) Sklavenmoral, insbesondere im Kampf gegen die falsche Sklavenmoral der Politischen Korrektheit. Dagegen wird das wesentlich Uneuropäische, das herrenmoralische, tribalistische, partikularistische, egoistische, bei Volk und Eliten starke Abwehrgefühle hervorrufen und uns in diesem Kampf daher schwächen. Der Nazivorwurf sagt ja am meisten aus über die, die ihn erheben, und wir sollten uns bemühen, sie empathisch zu verstehen, um ihnen in Verstand und Gefühl begegnen und entgegnen zu können.

          Die Rückkehr der Herrenmoral etc. ist nicht durch die europäische Neue Rechte zu fürchten, sondern durch die außereuropäische Alte Rechte. Bezeichnend, dass diese von den falschen Sklavenmoralisten gefördert wird, die zugleich tabula-rasa-Ideologen sind. In dieser Frage von Abstammung und Kultur haben wir uns nach der Empirie zu richten: Beides ist wichtig, hängt miteinander zusammen und beeinflusst einander (der Begriff der Ethnokultur). Natürlich sind Seins- und Sollenswerte Grundlage der Gemeinschaft; die Frage lautet, woher sie kommen und was sie erhält. Anzunehmen, dass der Afghane, lebt er ein paar hundert Jahre in christlicher Dorfgemeinschaft, hinreichend integriert sein wird, diese Werte mitzutragen.

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          • Tommy schreibt:

            „Dagegen wird das wesentlich Uneuropäische, das herrenmoralische, tribalistische, partikularistische, egoistische, bei Volk und Eliten starke Abwehrgefühle hervorrufen“

            Was soll das konkret für die gegenwärtige Diskussion (sofern es sie denn gibt) zu Einwanderung bedeuten? Wie wollen Sie gegen Masseneinwanderung ohne „egoistischen“ Bezug auf legitime Partikularinteressen europäischer Gesellschaften argumentieren?
            Mir scheint Ihr Ansatz eher für ein Philosophieseminar o.ä. geeignet als dass daraus irgendetwas Konstruktives im genuin politischen Sinne erwachsen könnte.

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  2. Von Beginn an hatte ich auf die Möglichkeit verwiesen, daß auf diesem Blog auch andere Autoren Texte ins Netz stellen können. Es gibt nur wenige Kriterien: Sprache und Niveau müssen den Anforderungen genügen, der Beitrag sollte dem Motto – „Überlegungen zur Zeit – abseitig von der Hauptstraße“ – genügen, also eine gewisse Eigenständigkeit und Originalität aufweisen … politische Einstellungen spielen hingegen keine Rolle.

    Ich freue mich, heute den ersten Beitrag eines anderen Autors freischalten zu können. In ihm stellt Johannes Leitner sein voluminöses Buch über die Geschichte der europäischen Identität vor. Das Buch kann hier als Kindle-Text zu einem viel zu niedrigen Preis heruntergeladen werden. Der Text hier vorliegende faßt einige Teile des Werkes zusammen und präsentiert zugleich Ausschnitte daraus.

    Die darin aufgeworfenen Fragen sind von eminenter Bedeutung. Eine angeregte kritische Diskussion darüber oder Fragen an den Autor – alias „Robert X. Stadler“ – sind ausdrücklich gewünscht.

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    • Vielen Dank für eine angeregte und anregende Diskussion!

      Sie scheint mir die kolossale Schwierigkeit, wenn nicht Unmöglichkeit, eines wahrlich gelungenen abstrakten Gespräches einmal mehr unter Beweis zu stellen. Um so etwas zu schaffen, müßte man evtl. an die Grenzen der Sprache und der Benennung heranreichen. Je komplexer ein Phänomen in seiner tatsächlichen Komplexität in den Blick genommen wird, umso mehr übersteigt es die menschliche Auffassungsgabe einerseits aber auch die sprachliche Beherrschbarkeit der Auseinandersetzung. Man könnte manchmal meinen, menschliche Kommunikation ist per se zum Scheitern verurteilt und zu dem Schluß kommen, sie gar nicht erst zu versuchen. Freilich scheitert auch diese Herangehensweise an seiner Hyperkomplexität. Wir sind also zu etwas gezwungen, was wir nicht beherrschen können – das Maximalziel kann realistischerweise nicht Klärung und Klarheit heißen, sondern immer nur Annäherung.

      Die Kritiken des vorliegenden Textes haben Dinge zur Sprache gebracht, die mir nicht aufgefallen wären oder doch zumindest mir nicht bedeutsam gewesen wären. Ich hatte Herrn Leitners Extrakt als Versuch verstanden, die Bedeutung des Begriffes „Identität“ herauszuschälen und ihn historisch – wie auch sonst? – zu fundieren. Dabei geht er deutlich weiter und umgreifender vor, als alles, was mir bekannt ist. (Schon deshalb sollten sich auch Identitäre dafür interessieren.) Das war der Grund, weshalb ich diesen Text – dem wir zugutehalten müssen, daß er aus einer 1600-seitigen Arbeit ein paar Stichpunkte vorstellte, was schwer zu machen ist – gerne hier aufgenommen habe.

      Die Rolle des Christentums ist möglicherweise durch diese textliche Konzentration vergrößert worden. Dennoch dürfte an der Vorstellung, daß diese „jahrhundertealte Firnis der Zivilisation, den europäischen Menschen fast bis an seinen Kern durchtränkt“ hat, kaum zu rütteln sein und ich sehe auch nicht den Versuch, damit zugleich eine Lösung vorgeschlagen zu haben.

      Vielleicht ergreift Herr Leitner noch einmal die Gelegenheit, in wenigen Zeilen die Grundaussage seines Buches noch einmal zusammenzufassen. Das ändert natürlich nichts an obigem Paradox, aber vielleicht kann man den jetzigen Text unter eine Prämisse stellen und im Gesamtgefüge genauer verorten.

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      • Man neigt ja dazu, in derartigen Äußerungen das besonders zu betonen und zuzuspitzen, was man für originell oder wenigstens für nicht allgemein bekannt hält, auch was auf begründeten Widerspruch stoßen könnte. Erwartbar und verständlich, dass von Seiten des Anti-Mainstreams solcher Widerspruch gerne gegen das Christentum und die Kirche erhoben wird, angesichts der Rolle vieler Kirchenvertreter im bürgerlichen Mainstream (die, wie immer, meist guten Glaubens und besten Willens und damit entschuldbar handeln; alles verstehen heißt fast alles verzeihen).

        Zugleich müssen wir uns im Klaren sein, dass wir schicksalshaft von Gefühlen und Affekten geleitet sind (nicht aber bestimmt), die wie alle seelischen und sittlichen Eigenschaften in Teilen durch das Blut vererbt sind, nicht durch die Kultur erworben und nicht durch die Vernunft und den freien Willen angenommen. Diese Feststellung soll niemanden herabsetzen, auch wenn wir ethnokulturchristlich vorgestimmt sind, darin eine Einschränkung unseres freien Willens und somit unserer Würde zu vermuten. So jedenfalls gibt es einen anti-religiösen und einen religiösen, einen anti-bürgerlichen und einen bürgerlichen Affekt, die alle uns auf gewisse politische Einstellungen und Weltsichten hinordnen. Für die meisten Menschen immerhin lautet die Frage nicht, ob sie Religion haben, sondern welche sie haben; und offensichtlich gibt es himmelweite Unterschiede zwischen den Religionen.

        Mit dem anti-bürgerlichen Affekt dagegen, der anhand der gegenwärtigen Lage umso nachvollziehbarer ist, könnte man die These angreifen wollen, dass Europa mit dem Bürger und Spießbürger in eins zu setzen sei, mit dem opfer-, straf- und anpassungsbereiten Altruisten und Moralisten, und man würde sicherlich gute Gründe dagegen finden, genauso wie ich gute Gründe dafür. – Nicht nur wegen sprachlicher Beschränkungen also stößt der Diskurs an seine Grenzen, sondern auch wegen solcher Unterschiede des Blickes auf die Welt. Das heißt wohl nicht, dass der Diskurs notwendig scheitern würde; vielmehr hat als Erfolg bereits zu gelten, dass man darauf verzichtet, den anderen entweder wegen seiner Dummheit oder wegen seiner Bösartigkeit zu verurteilen.

        Dass uns diese Offenheit gegenüber dem anderen Du mehr denn je fehlt, das beweist ein Blick in die Zeitungen und die sozialen Medien.

        Wenn die Prämisse meines Buches die des Verstehenwollens ist, so wäre die Grundaussage vielleicht: Schicksalsverständnis und Schicksalsbejahung. Wir sind wir und das ist gut so. Identität ist Schicksal, also Einklang – nicht Selbigkeit – von Herkunft und Zukunft, Sein und Sollen, Anlage und Ziel; Einklang auch von Einzelmensch und Gruppe, Volk und Staat, Volk und Eliten. Identitär denken und fühlen heißt Schicksalsbejahung, und Verneinung dessen, was von der Identität entfremdet.

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