Das Problem Mensch

Politik könnte so einfach sein: Ideen, Programme, Argumente, Mehrheiten, Beschlüsse, Gesetze … so könnte man ein Land zum Besseren verändern. Allein, es gibt den Menschen. An ihm muß immer wieder alles scheitern.

Der Mensch ist evolutiv ein Horizonttier – seine Ängste und sein Begehren reichen bis zu seinem sichtbaren Horizont, selbst die größten Abstraktionskünstler, die man manchmal „Philosophen“ nennt, scheitern im Kleinen an ihren Gefühlen, Wünschen und Verletzungen.

Wenn man diese Schwächen kennt, dann kann man – sofern man entsprechend moralisch verlottert ist – mutmaßlich jeden Menschen an jene Grenze führen, an der er bereit ist, den Bereich des Unmoralischen, des Verbotenen, des Gesetzwidrigen zu betreten. Es gibt eine ganze Reihe von legendären und klassischen psychologischen Experimenten, die uns von der Formbarkeit des Menschen unter Versuchung, Lohn und Strafe und unter dem Schutz von Autorität überzeugen. Neuere Untersuchungen entlarven den Menschen als habituellen Lügner, der im Durchschnitt – wohl unabhängig von politischer Orientierung – täglich 25 Mal lügt; andere Studien nennen die Zahl 200. Diese Erkenntnisse lassen sich leicht aktiv nutzen.

Der Fall Strache ist ein Paradebeispiel. Man hat ihn in konzertierter Aktion just in eine solche Lage versetzt, in der die Möglichkeit, sogar Wahrscheinlichkeit der Selbstentblößung bestand. Das ist das eigentlich Perfide an der Kampagne. Wäre die Lauschaktion das Endergebnis einer ohnehin schon ablaufenden Hinterhältigkeit gewesen, hätte also etwa ein Journalist diesen vermeintlichen Deal, der objektiv und ohne äußere Intrige stattgefunden hätte, aufgedeckt, gefilmt, Beweismaterial hergestellt, dann hätte man ihm auf die Schulter klopfen und sogar einen der begehrten Medienpreise geben können. Denn dann hätte man Straches tatsächliches Fehlverhalten aufgedeckt – so aber hat man ihn erst dazu verleitet, etwas zu tun, was er nicht getan hätte.

Und wenn das bei Strache möglich war, so ist bei jedem möglich der kein Heiliger ist. Bei dem einen einfacher als bei dem anderen, aber es ist möglich. Alle Menschen begehren etwas, fürchten etwas, hängen von etwas ab. Geld, Macht, Sex, Ruhm, Eitelkeit, Sammelleidenschaft, eine Sucht, eine Phobie, was auch immer, meist eine Mischung aus Vielem. Sätze wie „Wir wissen längst, daß Rechte und Rechtsextreme keinerlei eigene Moral kennen“ (Sascha Lobo), verkennen banale Einsichten in die conditio humana und biegen diese in ideologischer Agenda um. In ihm sind schon fünf von 25 Lügen enthalten und gewöhnlich erfahren wir von diesen Apologeten nicht, worin die konditionelle sittliche Minderwertigkeit der Rechten begründet sein soll. Vor dem Hintergrund von 100 Millionen Opfern oder so ist nicht leicht zu argumentieren.

Diese menschlichen Defizite lassen sich nicht beherrschen, aber sie lassen sich eindämmen, kanalisieren, zumindest in gewissen historischen Situationen. Wahre Vollblutpolitiker wußten das.

Stellen wir uns vor, wie ein Vollblutpolitiker, ein reiner Pragmatiker reagiert hätte, einer wie Strauß oder von mir aus Lenin. Wie hätte Lenin gehandelt? Er ist insofern ein gutes Beispiel, weil es ihm immer wieder gelungen war, das politisch Notwendige gegen interne und externe Widerstände durchzusetzen. Dabei bediente er sich auch Methoden, die heute als unfein gelten. Das waren sie, aber sie waren eben auch erfolgreich – erfolgreich im Sinne des Machterhaltes.

Lenin schuf in seiner bahnbrechenden Schrift „Was tun?“ (LW Bd. 5 ) schon sehr früh, im Jahre 1902, das Konzept des „demokratischen Zentralismus“ für den organisatorischen Aufbau einer proletarischen Partei. Er wollte den Risikofaktor Mensch noch immer „demokratisch“ kontrollieren, so radikaldemokratisch wie noch keiner zuvor und danach. Zentralistisch war es insofern, als die direktive Richtung von oben nach unten ging, und demokratisch, als die kritische Richtung von unten nach oben führte und von unten nach oben gewählt wird. Das heißt, Beschlüsse müssen umgesetzt werden und es herrscht Fraktionszwang, aber die übergeordneten Gremien sind den untergeordneten rechenschaftspflichtig und die untergeordneten Gremien umgekehrt zur Kritik der übergeordneten verpflichtet. Minderheiten haben sich Mehrheiten anzuschließen. Soweit die Theorie – die Geschichte zeigt, daß auch dieses System, das anfangs sehr erfolgreich war, schnell entartete.

Der demokratische Zentralismus hat in der liberalen Demokratie einen schlechten Leumund. Es gibt auch keine Lenin-Typen mehr, weder die Skrupellosigkeit betreffend, noch den politischen Instinkt und schon gar nicht den Intellekt. Auch Lenin war ein Horizonttier, aber sein Horizont war die Partei – er war ein Abstraktionsmeister, wenn es um ihn persönlich ging. Aber man darf vermuten, daß ein Mensch wie Strache es in Lenins Partei nicht weit gebracht hätte.

Der demokratische Zentralismus war ein Versuch, das menschliche Element einzudämmen, das Anliegen einer Partei über die Einzelinteressen zu stellen. Wir wissen aus der Geschichte, daß auch dieser Versuch nur sehr kurzzeitig funktionierte und letztlich im Gegenteil endete. Lenins sogenanntes „Testament“ zeugt davon, daß er schon Ende 1922 wußte, wie sehr das Experiment schief gehen würde und daß er – statt treue Parteisoldaten im Dienst der Sache – Monster gezüchtet hatte. Es blieb ihm erspart, das ganze Ausmaß seiner Politik zu erfahren. Die Wandlung Stalins und Dzierżyńskis, die Karrieren der Jagoda, Jeschow und Berija mußte er nicht mehr miterleben.

Politik ist schmutzig. Das muß jeder wissen, der in sie eintritt. Wer aus ihr wieder austritt, weil es ihm zu schmutzig war, hat sich und andere getäuscht. Es bedarf einer gewissen persönlichen Konstitution, Politiker zu werden, eine Konstitution, die klügeren Menschen in der Regel zuwider ist. Günther Anders hatte recht, als er schrieb: „Nicht die Politiker sind beschränkt, sondern die Beschränkten werden Politiker“[1]. Politikkarrieren sind meist Negativauslesen von Karrieristen.

Auch der Begriff des „Politikers“ ist ein Resultatbegriff, – eine „Abbreviatur für  Geschichten“[2] – der bereits eine Geschichte enthält, so wie der Begriff der „Narbe“ die Geschichte der Wunde erzählt. In diesem Falle enthält er zwangsläufig die Geschichte von Intrigen, Machtkämpfen, das Schmieden von Allianzen, das Ausschalten von Konkurrenten, den Ellenbogen als Besteck, das Leben in der permanenten Überforderung, das Abheben von der Lebensrealität … und das ist parteiübergreifend. Wer diesen Kampf überlebt, ist nicht zwangsläufig der beste Politiker, ganz sicher aber ein gewiefter Intrigant. Er hat Karrieren zerstört, um seine voran zu bringen.

Der beste Beweis dafür sind just jene Politiker und Journalisten, die jetzt gehässig und hämisch mit dem Finger zeigen und das Wegbeißen von Strache, dem politischen Gegner, dem Konkurrenten, freudig und zynisch begrüßen. Sind sie gar Christen, so sollten sie sich auf kommende Schwierigkeiten am Schalter vorbereiten. Sie delektieren sich am tragischen Niedergang, am bösen Fall eines Menschen, in dem sie nur die einstige und nun entfallende Funktion sehen können. Indem sie stoßen, was ohnehin schon fällt, wollen sie ihre moralische Überlegenheit demonstrieren, stellen sich tatsächlich aber auf eine ähnliche moralische Stufe. Wer zu dieser Mundfäule fähig ist, braucht sich über Straches Aussagen nicht erregen. Auch für sie existiert diese Grenze des selbstverschuldeten Ungenügens – es hat sie nur noch niemand herangeführt oder, wahrscheinlicher, nicht dabei gefilmt. Besäßen sie Anstand, dann müßten sie eine Art erfahrungsbasierten Mitgefühls zeigen und schweigend in sich gehen, das eigene Leben am hypermoralischen Geplärr zu messen.

Man sollte also keine allzu großen menschlichen Erwartungen an Menschen in hohen Positionen haben. Wir verhalten uns zwar oft untertänig zu ihnen, nicht selten stehen sie menschlich aber unter ihren „Untertanen“ – die meist in weniger verführbaren Situationen leben, deren Lügen und Betrügereien, die es hier natürlich auch gibt, klein und individuell blieben.

Auch Idealisten sind reihenweise an der Realität gescheitert und wurden zu Unmenschen. Lenin ist selbst das beste Beispiel. So, wie jeder Mensch an die Grenze seiner Moralität geführt werden kann, so gehe ich davon aus, hat jeder Politiker diese Grenze bereits überschritten und ganz sicher in vielen Fällen auch die Grenze der Gesetzlichkeit.

Da der „demokratische Zentralismus“ nicht mehr vermittelbar ist, muß man nach anderen Wegen suchen, wenigstens – als Mindestanforderung – die Gesetzlichkeit des politischen Typus auch innerhalb der liberalen und parlamentarischen Demokratie mit ihren checks and balances, ihrer Gewaltenteilung, zu garantieren.

Man wird – mir fällt nichts anderes ein – nicht viel weiter als zu erzieherischen, genauer selbsterzieherischen Mitteln kommen. Es bedürfte eines langfristigen Programms täglicher Übung, ähnlich wie man sie aus dem Buddhismus, dem Stoizismus oder religiösen Exerzitien kennt. Wer jedoch so lebt, kann schon kein Politiker mehr werden und kommt fast zwangsläufig zu der Einsicht, daß das Leben an der und im permanenten Ringen um die Macht kein richtiges sein kann.

Am Beginn der Entwicklung einer politischen Bewegung oder Organisation hätte ein sehr hoher Ehrenkodex zu stehen, der zu einer moralischen Atmosphäre wird, ohne in Moralismus umzuschlagen. Idealerweise steht dieser Bewegung eine charismatische Figur vor, die in permanenter Selbstreflexion das eigene Verhalten an den Anforderungen der Realität abgleicht, im Sinne der Erhaltung der eigenen Menschlichkeit und Empathie. Dies muß zur allgemeinen Norm und immer wieder kontrolliert und geübt werden.

Der Pferdefuß daran: Je größer die Organisation wird, desto weniger kann sie dies selbst regulieren. Mehr noch, bald wird sich ein gewisser Moralismus durchsetzen, der wiederum zu Verdächtigungen, Intrigen, Diffamierungen führen wird. … Die Schlußfolgerung daraus: Bewegungen, die die systemische moralische Entgleisung verhindern wollen, sollten dem Versuch zu wachsen, widerstehen. Freilich zum Preis, damit politisch irrelevant zu bleiben. Wozu dann also überhaupt erst beginnen? Das ist das Dilemma.

Nein, es gibt keinen Ausweg. Früher oder später wird jede Politik schmutzig und jeder Einzelne muß sich irgendwann die Frage um sein eigenes „Seelenheil“ stellen. Solange dieses Problem nicht gelöst ist, gibt es starke Gründe, die höhere Politik zu meiden.

Merke: Alle Menschen sind schlecht – aber es gibt bessere und schlechtere unter ihnen. Die wenigen, die tatsächlich nicht schlecht sind, enden mitunter – meist gegen ihren Willen, was ihr Gutsein bestätigt – als Religionsgründer oder Heilige, was aber nicht zum Umkehrschluß verführen darf. Erfolgreiche Politik kann nach diesen Kriterien nicht positiv selektieren, anständige, vor allem sogenannte demokratische, hingegen sollte es zumindest versuchen.

Aber selbst, wenn man sich – wie die Linke – auf Rousseau bezieht, der an das angeborene Gute im Menschen glaubte, das nur durch widrige Umstände verformt wird, oder wenn man mit Marx, der diesen Gedanken systematisch philosophisch ausfaltete, an die sozialen und ökonomischen Ursachen des Verhaltens glaubt, dürfte man nicht die Person, sondern müßte eben die sozialen Verhältnisse verantwortlich machen – aber unsere rot-grün gebleichten Reporter sind auch davon weit entfernt. Weil sie zum einen die geistigen Grundlagen ihrer Ideologie nicht mehr verstehen und weil schließlich ihre selbstgeschaffene Welt des Hypermoralismus in den Fokus käme.

Wiederum gilt: Der Versuch, nach anständigen Menschen in der Politik zu suchen und sie durch Übung zu erzeugen, verliert erst dann seinen Wert, wenn das Ergebnis der eigenen oder die Verhinderung der anderen Politik existentielle Bedeutung erlangt, wenn der eine also objektiv – freilich subjektiv gesehen – in existentiellen Fragen mehr recht hat als der andere.

Dann kann der Moment eintreten, an dem man sagt: das Ziel ist wichtiger als das Personal, der Zweck heiligt die Mittel. Dieser Situation – wenn nicht alles täuscht – nähern wir uns rasant an.

[1] Anders, Günther: Die Atombombe ist die Auslöschung der Zukunft.
[2] Nach Kurt Röttgers: Spuren der Macht. Zur Begriffsgeschichte und Systematik.

7 Gedanken zu “Das Problem Mensch

  1. Heinz Schmalz schreibt:

    Beim Lesen Ihrer Überlegungen ist mir ein Text eingefallen, den ich vor über 40 Jahren gelesen und nun durch Sie inspiriert nochmals zu Gemüte geführt habe. Am 28. Jänner 1919 hielt Max Weber vor dem „Freistudentischen Bund, Landesverband Bayern“ in der Münchner Buchhandlung Streinicke den Vortrag „Politik als Beruf“.
    Diesen Vortrag gibt es bei Amazon als Kindlebuch gratis und ist auch bei Gutenberg veröffentlicht. Wobei ich mir bei Gutenberg nicht sicher bin, ob es sich um den gesamten Text handelt, so ist er auch in meinen Bücher von M.Weber unvollständig abgedruckt.
    Nach meinem Verständnis werden in diesem Vortrag alle von Ihnen aufgeworfenen Fragen beantwortet. Ein paar Zitate daraus:
    „Man kann sagen, daß drei Qualitäten vornehmlich entscheidend sind für den Politiker: Leidenschaft – Verantwortungsgefühl – Augenmaß“
    „Einen ganz trivialen, allzu menschlichen Feind hat daher der Politiker täglich und stündlich zu überwinden: die ganz gemeine , die Todfeindin aller sachlichen Hingabe und aller Distanz, in diesem Fall: der Distanz sich selbst gegenüber“
    „Denn obwohl, oder vielmehr: gerade Macht das unvermeidliche Mittel, und Machtstreben daher eine der treibenden Kräfte der Politik ist, gibt es keine verderblichere Verzerrung der politischen Kraft, als das parvenumäßige Bramarbasieren mit Macht und die eitle Selbstbespiegelung in dem Gefühl der Macht, überhaupt jede Anbetung der Mach rein als solche. Der bloße , wie ihn ein auch bei uns eifrig betriebener Kult zu verklären sucht, mag stark wirken, aber er wirkt in der Tat ins Leere und Sinnlose.“
    Max Weber bringt weiter die Begriffe Gesinnungsethik und Verantwortungsethik ins Spiel:
    „Da liegt der entscheidende Punkt. Wir müssen uns klarmachen, daß alles ethisch orientierte Handeln unter zwei voneinander grundverschiedenen, unaustragbar gegensätzlichen Maximen stehen kann: es kann >>gesinnungsethisch<>verantwortungsethisch<>Der Christ tut recht und stellt den Erfolg Gott anheim<< -, unter der verantwortungsethischen: daß man für die (vorhersehbaren) seines Handelns aufzukommen hat“
    Auch dem „Gutmenschen“ widmet er ein paar Zeilen:
    „Der von mir der zweifellosen Lauterkeit seiner Gesinnung nach persönlich hochgeschätzte, als Politiker freilich unbedingt abgelehnte Kollege: F.W.Foerster glaubt, in seinem Buche um die Schwierigkeite herauszukommen durch die einfach These: aus Gutem kann nur Gutes, aus Bösen nur Böses folgen. Dann existiert freilich diese ganze Problematik nicht. Aber es ist doch erstaunlich, daß 2500 Jahre nach den Upanishaden eine solche These noch das Licht der Welt erblicken konnte“

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    • Pérégrinateur schreibt:

      Schlichte Denker verlangt es nach schlichten, also unbedingten Lebensregeln, die man ohne jedes eigene weitere Urteil wie ein Automat ausführen kann. Spinoza versteht die Vorschriften des mosaischen Gesetzes als durch Einschüchterung mittels eines Gottes auferlegte Regeln für Menschen, die durch den bloßen eigenen Vernunftgebrauch auf nichts für sich selbst und die Gesellschaft Sinnvolles kämen. Da bei den moderneren Weltreligionen Belohnung und Bestrafung ins Jenseits verlegt werden, kann man den im Buch Hiob dargelegten Unstimmigkeiten entgehen, das gerade zeigt, wie übel es einem Gutem im Leben gleichwohl ergehen kann.

      Menschen mit nur innerweltlicher Heilserwartung kennen diesen Aufschub nicht; vielleicht macht sie das so intolerant gegenüber jedem, der sich ihren Bestrebungen widersetzt oder sogar nur die evidenten Annäherungshindernisse für deren Ziele offen anspricht.

      Desiderat deshalb: Ein modernes Buch Hiob für Gutmenschen. Und ein Mittel, sie dazu zu bringen, es auch zu lesen. 140 Zeichen und drei Smileys werden wohl leider nicht reichen.

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  2. lynx schreibt:

    „…man ihn [Strache] erst dazu verleitet, etwas zu tun, was er nicht getan hätte.“ Mein Bonmot des Tages. Woher haben Sie diese exklusive Information?
    Ist es nicht ein wenig eigenartig, wenigstens bemerkenswert. Eine der Haupterzählungen der Rechten ist die Relativierung der Werte, die von der „Linken“ (also allen, die links von rechts stehen – wo ist nur die Mitte geblieben in diesem vulgär-dualistischen Weltbild?) betrieben wird, wenn es um nationale Grenzen, Migration, Geschlechterrollen usw. geht. Und jetzt: hebt die Erzählung von der Relativierung der Aussagen von Strache an, wird die „Opferrolle“ ausgemalt und die Denkungsart, die er doch sehr explizit herausgekehrt verharmlost. Wobei dann, nach bewährt-abgelehntem Vorbild, anhand von Einzelbeispielen, die vielleicht im einzelnen gar nicht unzutreffend sind, auf das große Allgemeine geschlossen wird: Politker sind halt so. Ach ja? Halten Sie damit die hohen Standards ein, die Sie immer einfordern? Aber Sellner und Co pfeifen ja gerade die selbe Flöte. Wobei Sellner ja offenbar Zweifel ankommen, ob man der „Linken“ intellektuell gewachsen sei. Könnte er recht haben, wenn man die verzweifelten Versuche in der Causa Strache sich anschaut.
    Warum bitteschön soll ich den Leuten von der AfD und ähnlichen Konstrukten irgend etwas zutrauen? Weil ich mich von denen dann zärtlicher verarscht fühle?
    Politiker sind vielfältigen und vielschichtigen Erwartungen und Versuchungen ausgesetzt, mit diesen umzugehen ist ja eigentlich ihr Hauptgeschäft. Sie sollen exakt diese ganzen Vorfälle vermitteln. Dazu gehört eine Menge Instinkt, Wissen, Geschick. Und ein gewisses gefestigtes Koordinatensystem, wenn man dauerhaft erfolgreich sein will in diesem Geschäft. All das lässt Strache vermissen (im Gegensatz zu Ihren anderen Einzelbeispielen, wobei ich Strauß keinesfalls verteidigen will). Und Gudenus? Spielt jetzt auch noch das Opfer seines eigenen Drogenkonums… Was für eine lächerliche Gurkentruppe.

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  3. Thomas Schubert schreibt:

    Ui, so schwerer Stoff schon zum Morgen. Das will ein drittes und viertes Mal gelesen werden. Das Problem mit Lenin als Beispiel scheint mir dessen Übertragung der geschilderten innerparteilichen Struktur auf den Staat zu sein. Nach der Revolution wurde das Gesamtvolk so behandelt, als wären alle einzelnen Glieder freiwillig zu Parteimitgliedern geworden. Das war geschickt und wohl die größt mögliche am folgenreichsten und letztlich blutigste aller Politikerlügen. Allerdings könnte es sein, dass er es selber gar nicht so sah, indem er ihr selbst glaubte. (Weswegen es sich beim Leninismus um eine politische Religion mit dazugehöriger Theologie handelt – was Berdjajew schon sah)
    Lenin begann das der Theorie und dem neuen Staatsaufbau innerwohnende Problem im Jahre 1922 zu erahnen, allerdings nur auf der Ebene der Partei und der Gewerkschaften, nicht auf der des Staates. Wäre dies der Fall gewesen, hätte er das Experiment sofort abbrechen müssen. Daher war Stalins paranoider Rigorismus genau so zwangsläufig wie Gorbatschows Scheitern, denn – wie gesagt, das Experiment oder sagen wir lieber die Wette, war 1922 bereits gescheitert – auf einer logischen, noch nicht auf praktischer Ebene. Das zog sich hin und so lange mussten alle, die es hätten mitbekommen können, prophylaktisch terrorisiert werden. Erst als damit Schluss war, war endgültig Schluss.
    Dabei wurde Lenin frühzeitig und immer wieder auf
    seinen Denkfehler und die Gefahr der sich zwangsläufigig daraus ergebenden Diktatur hingewiesen und zwar von den liberalen Literaten und Journalisten. 1905 reagierte er in seinem Text über „Parteioganisation und Parteiliteratur“ auf deren Ängste indem er seinen Kritikern in die Hand versprach, dass genau dies nicht passieren wird. Alles, was die liberalen Demokraten unter demokratischen und bürgerlichen Rechten verstehen würde auch nach der proletarischen Revolution erhalten bleiben, insbesondere Rede- und Pressefreiheit und ganz allgemein Demokratie. Hier haben wir nun die Smoking Gun des Leninismus, eine direkte Lüge, denn dieses rein taktische Versprechen widersprach der eigenen Strategie, auf die Lenin 1902 zunächst die eigene Partei und ab 1917 das ganze Land einschwörte.
    Das politische Lügengenie Lenin ist dann doch ein komischer Vergleich zu der Sache um Strache – es sei denn, man möchte der FPÖ eine ähnliche Doppelstrategie wie die der Bolschewiki unterstellen.
    Gegenüber Lenin sind Leute wie Strache sehr kleine Fische. Am Ende zählt die Handlung und das was sie in einem politisch-moralischen Rahmen bedeutet. Und hier hat sich Lenin eben nicht erwischen lassen – allerdings auch nur weil es damals keine Videokameras gab und weil man sich von ihm bequatschen ließ.

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  4. Pérégrinateur schreibt:

    Gerade charismatische Politiker halte ich für gefährlich, nicht eigentlich durch ihre Begabung zum Menschenfischen, als vielmehr wegen der Zutraulichkeit der Fische, die ihnen gerne ins Netz gehen und dann von ihnen Gott allein weiß wohin und wozu gebracht werden können.

    Das erste Mal ist mir das politische Charisma bei der Wahl 1972 nach dem Versuch des Kanzlersturzes aufgefallen. Noch klein, ging ich mit meinen Großeltern ins Wahllokal (und durfte sogar das Wahlgeheimis der Großmutter brechen). Nach dem Akt trafen die zwei ein befreundetes Ehepaar auf der Straße,, das eben auf dem Weg zur Wahl war. Während ich sonst nie erlebt habe, dass meine Großmutter je vor anderen als Familienmitgliedern über Politik gesprochen hätte, bekannten sich nun sie unddie andere Frau vireinander und gerieten wegen geteilter Präferenz in eine hitzige Seelenergießung hinein. Wie sie doch diesen arroganten Barzel hassten, der Brandt stürzen wollte, der doch „só ein sympáthischer Ménsch“ sei. Meine Großmutter hatte nie politische Gedanken, also entschied sie sich eben nach der Verfügbarkeitsheuristik – sie wusste ja doch genau, für wen sie Sym- und für wen sie Antipathie empfand, und genau danach ging sie vor. Womöglich war Brandts sonore Stimme stärker wahlentscheidend als irgend ein politischer Programmpunkt, denn viele orientieren sich nur an ihren Empfindungen, die aus ganz anderen Quellen kommen als einer politischen Bewertung.

    Deshalb gibt es auch negatives Charisma. Roland Koch etwa hat es sich mit seiner Äußerung über „brutalstmögliche Aufklärung“ erworben, mit der er sich weithin Verachtung zugezogen hat, und die danach für alle, die ihm nicht von vornherein gewogen waren, ein gut verfügbarer emotionaler Ablehnungsgrund wurde. Obwohl doch jeder einigermaßen Aufmerksame wissen könnte, dass Politiker immer gute Haltungsnoten im Distanzierungstanz bekommen wollen.

    Verziehen wird nur nach parteiischer Regel.

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    • @ Pérégrinateur

      Sicher, Charisma ist ein nützliches Gefahrengut, das – wie manche Droge – bewußtseinserweiternd sein kann, im zu häufigen Genuß aber die Gefahr der Abhängigkeit bis hin zur kompletten Selbstzerstörung und des Verlustes der Selbstachtung mit sich bringt. Auch hier gilt das „Peter-Prinzip“: auch der Charismatiker wird an die Grenzen seiner Kompetenz durch Erfolge herangeführt und einer, der als kleiner Guru vieles Positives bewirkt haben kann, kann ebenso schnell zum Tyrannen und Verbrecher werden.

      Mir schwebt – nur als Phantasie – noch immer das Ideal der Herrschaft der Besten, der „Philosophenkönige“ oder dergleichen vor. Immer vor dem Hintergrund, daß die liberale Demokratie – wie der noch kleine Charismatiker – zwar einen akzeptablen, wenn nicht sogar zu bejahenden Zustand an Freiheit – Wohlstand ist ein schwierigeres Ding – geschaffen hat, aber, wie wir jetzt einsehen müssen, weder die drängendsten Probleme der Welt lösen kann (die sie erst geschaffen und ermöglicht hat), noch vor den Folgen der Größe des eigenen Charismas gefeit ist und schließlich – wenn nicht alles täuscht – sich im Endstadium befindet. Natürlich nicht, weil sie „von Rechten zerstört“ wird, sondern an ihren eigenen inneren Widersprüchen, an ihrem Alleinherschensanspruch, ihrem Missionarismus, der administrativen Aufblähung, dem Hypermoralismus, vor allem aber ihrer intrinsischen Trägheit wird sie mehr oder weniger friedlich entschlafen.

      Gäbe es eine Möglichkeit, die Besten, die Klügsten, die Weitsichtigsten, die Unabhängigsten, die Mitfühlendsten etc. – auch in der Einzahl – an die absolute Macht zu bringen und zugleich sicherzustellen, daß sie diese Eigenschaften nie verlieren, dann müßte man darüber diskutieren. Sie müßten dann über Völker regieren, die ihnen einen gewissen Vertrauensvorschuß gewähren und sie müßten über die Fähigkeit verfügen, zwischen jenen Prozessen unterscheiden zu können, die einen dirigistischen Eingriff benötigen oder eben gerade nicht.

      In gewisser Weise war ja Gorbatschow so eine Hoffnung, aber spätestens als er anfing, den Wodka zu verbieten – an sich eine lobenswerte Sache -, wußte man: das wird nichts. Mir ist bewußt, daß das nie etwas wird – obwohl es durchaus auch geglückte monarchistische Phasen etwa in der Geschichte gab

      @ Thomas Schubert:

      Berdjajew ging bei seiner Zuschreibung des Bolschewismus vom Charakter des russischen Volkes aus, dem er einen schweren inneren Drang zur Orthodoxie bescheinigte, ein „Streben nach einem ganzheitlichen Begriff des Lebens“, eine große Bereitschaft zu glauben. Den Russen liege „der skeptische Kritizismus des westeuropäischen Menschen fern“. Das führt zu obigem Paradox: „“Dieser Charakterzug birgt in sich eine große Gefahr und führt leicht zu einer Verfälschung der geistigen Sphäre; zugleich aber enthält er auch einen großen geistigen Wert: den der religiösen Ganzheitlichkeit der russischen Seele.“

      Der Bolschewismus hatte diese Ganzheitlichkeit – die man bei der Lektüre der russischen Klassiker (nicht nur Tolstoi, Dostojewski etc. sondern noch bei Gorki und auch bei Solowjew oder Pawel Florenskij) bemerkt, einerseits angegriffen und sie zugleich reproduziert.

      Berdjajew sieht die Bolschewiki – das ist hochinteressant – übrigens in der Folge der von Peter dem Großen eingeleiteten Reformen, der den Volkscharakter umzubiegen versuchte. Das ist immer ein Spiel mit dem Feuer. Ähnliches kann man in der Türkei beobachten – es dauert manchmal 100 Jahre oder mehr bis diese Umformatierungen, die anfangs wie große Erfolge aussehen und drei, vier Generationen ein gutes Leben bescherten, gewaltsam zusammenbrechen und der „wahre Volkscharakter“ wieder durchscheint. Das sollten sich die „Umvolker“, die Eurokraten, die gerade an einem ähnlichen Projekt arbeiten, vor Augen führen.

      „Zwischen Peter und Lenin, zwischen der petrinischen und der bolschewistischen Umwälzung besteht eine weitgehende Ähnlichkeit. Damals und heute: grobe Gewalttätigkeit, diktatorische Aufdrängung neuer Prinzipien, Bruch der organischen Entwicklung, Leugnung der Tradition, Etatismus, Aufblähung der Staatsmacht und ihrer Stellung im Volksleben, Bildung einer privilegierten bürokratischen Schicht, Zentralismus und Maßnahmen zur radikalen Wandlung von Sinn und Charakter der Zivilisation“. (Sinn und Schicksal des russischen Kommunismus)

      „Wäre dies der Fall gewesen, hätte er das Experiment sofort abbrechen müssen.“ Ist das überhaupt möglich? Ganz prinzipiell? Im Falle Lenin war es schon durch seine Fragilität nach dem Attentat und durch seine Schlaganfälle nicht mehr möglich. Außerdem hatte Stalin schon genügend Macht angesammelt, um ihn und die Krupskaja zu isolieren. Will man Stalin verstehen, so muß man seine Rede „Zum Tode Lenins“ lesen – das ist ein ganz außergewöhnlicher Text (Werke Bd. 6) und eine grandiose Bestätigung Berdjajews.

      Aber sie haben recht: Auch Lenin verriet sein eigenes Denken, die Dialektik, der er denkwürdige Gedanken zugefügt hat, auf dem Altar der Macht. Allerdings war er auch dort ein Ausnahmetalent. Ich weiß nicht, ob er Machiavelli kannte – er hatte ihn jedenfalls intus.

      Lenin war hier nicht als Vergleich zu Strache angeführt worden, sondern als Machtmodell, also als Vergleich zur liberalen Demokratie.

      @ Lynx:
      Ich möchte nur ein einziges Mal auf der Grundlage eines verstehenden Lesens mit Ihnen diskutieren. Ihre unglaubliche Begabung, einen Text mißzuverstehen und nach „Widerlegungen“ abzuscannen – die sie als Bestätigung Ihrer Position interpretieren; ein doppelt seltsamer Weltzugang -, macht jede Diskussion leider sinnlos. Immerhin ist sie durch ihre Selbstevidenz immer wieder belehrend und auch erheiternd: sie hat etwas Typisches.

      Aber es freut mich, auch Ihren Tag erhellt zu haben: „„…man ihn [Strache] erst dazu verleitet, etwas zu tun, was er nicht getan hätte.“ Mein Bonmot des Tages. Woher haben Sie diese exklusive Information?“

      Erstens hat Strache, soweit wir wissen, tatsächlich nichts getan, sondern nur gesagt und zweitens hätte er diese unsäglichen Sachen dort und dann nicht gesagt, wenn man ihn nicht dazu verführt hätte. Scheint mir eigentlich evident. Was und ob Strache noch so getan hat, spielt in diesen Zusammenhang keine Rolle.

      Schauen Sie sich mal die gestrigen Interviews auf „Fellner Live“ an, dann bekommen Sie eine Ahnung, auf welchen Leuten die Linke ihre ganze Kampagne basiert.

      “ Halten Sie damit die hohen Standards ein, die Sie immer einfordern?“ Weder fordere ich hohe Standards ein, noch bin ich dumm genug, diese auch noch einhalten zu wollen.

      Lynx: @Seidwalk: danke für die Aufklärung. Damit haben Sie freilich wiederum geschickt vermieden, uns zu erklären, warum rechter Relativismus legitim ist, „linker“ Relativismus aber von Übel. Sei’s drum. Mit der Diskussion zwischen uns wird das nichts mehr, da haben Sie recht. Aber darum heißt es wohl auch „Kommentarfunktion“. Take at easy. Sometimes a comment – be happy; sometimes no comment – very sad!

      Seidwalk: @ Lynx

      Einverstanden – nur andersrum.

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  5. Absalon von Lund schreibt:

    Politiker haben Probleme, weil sie auch Menschen sind. Manche erkennen diese als die Probleme vieler und gehen in die Politik, um sie zu lösen. Unter den Zeitgenossen von Strauß gab es noch einige, die das konnten. Heute haben wir nur noch Politiker, die Probleme haben! Wirkliche Probleme erkennen sie nicht und könnten sie auch nicht lösen. Ihre Ziele entspringen ihrer eigenen Fehlsichtigkeit, ihrer Verbohrtheit, und müssen um jeden Preis mit Gewalt durchgesetzt werden. Da ist das Ziel wichtiger als der MEnsch und der Zweck heiligt die Mittel.

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