Faß mich nicht an!

Geht es nur mir so? Zeitunglesen macht immer depressiver. Immer öfter erwische ich mich, wie ich traurig vor einer Nachricht sitze und nicht fassen kann, was ich da gerade las. Oft sind es nur Kleinigkeiten. Fast immer stellt sich ein Gefühl des Erstickens ein. Deutschland ist ein sehr enges Land geworden! Ein Land der Verbote, des Tabus, der Schranken. Nein, ich meine nicht die Schranken an den Grenzen, die sich eine Barley nicht mehr vorstellen kann, ich meine die Schranken in den Köpfen.

Jeden Tag Dutzende solcher Meldungen. Hier hat sich angeblich einer im Ton vergriffen, da war jemand „rassistisch“, dort wird ein Account gesperrt, dieser erfährt einen Shitstorm, jener meint sich entschuldigen zu müssen, dem einen werden die Fenster eingeschmissen, der andere sagt eine Veranstaltung ab, weil er bedroht wurde, keiner wagt mehr, eine offene Meinung zu haben, alle verschanzen sich hinter risikoarmen Sprachbarrieren, alle sind unecht und verstellt, überall wird angezinkt, denunziert und unterstellt – man kriegt kaum noch Luft.

Gerade schreibt mir eine Freundin aus Dänemark, die ich zur kommenden Wahl befragt hatte, daß sie keine Zeitung mehr liest, vor allem nicht jene, die sich – wie die „Korte Avis“ – der „Mutter aller Probleme“ widmen. Sie sei ein positiver Mensch und vertrage die täglichen kleinen Hiobsbotschaften von Verbrechen und Integrationsversagen, diese Statistiken mit offenbarem Ausgang, die Berichte aus den Moscheen oder Schulen und all das nicht mehr. Es vergifte ihre Seele. Sie will dem Untergang ihrer Heimat nicht mehr zusehen.

Ich verstehe sie gut! Im Grunde geht es mir ähnlich. Auch ich habe es satt, dem tagtäglichen Verfall wie auf Droge nachzuhecheln. Und doch fasse ich es als gefährliche Resignation.

Vielleicht werden sich mehr und mehr Menschen wieder ins Private zurückziehen und die reale Ohnmacht, ohnehin nichts ändern zu können, durch ihren Rückzug noch realer machen. Das ist falsch, aber ich kann es auch für mich nicht ausschließen.

Denn was bewirkt man schon? Warum sollte gerade mein kleiner Beitrag etwas bewirken? Jeden Tag lese ich zig Artikel – und was bleibt? Kaum einer, der hängen bleibt; schon die Menge führt zum Erinnerungsverlust und eine Meinung geändert habe ich so wenig, wie andere Schreiber meine ändern. Nur ich selbst werde mit jeder Ohnmachtserfahrung bitterer. Andere werden radikaler. Es bleibt nur dieses dumpfe, traurige, schwere Gefühl.

Manchmal freilich wird man doch noch berührt. Heute zum Beispiel sah ich dieses Video mit Alice Schwarzer, von der ich nie ein großer Fan war.

Sie sprach vor jener Kopftuch-Konferenz, die ein solch großes Problem in Deutschland zu sein scheint – warum, verdammt  noch mal? Da geht der Sauerstoffentzug schon los –, mit ein paar feministischen und muslimischen Aktivisten weiblichen Geschlechts. Die Frau, die den Feminismus in Deutschland erst gesellschaftsfähig gemacht hat, muß sich von den verhangenen Gören sagen lassen, daß sie keine Feministin sei. Noch ein Grund depri zu werden: die Verdrehung aller Begriffe bis hin zur kompletten Unkenntlichkeit. Natürlich ist da auch was dran: Wenn die Frau selbstbestimmt handeln können soll, warum soll sie sich nicht verhängen können? … Es ist zum Verzweifeln.

Aber dann kommt das Eigentliche. Schwarzer berührt eine junge Frau kurz am Unterarm, wie ich annehme. Eine normale Geste, egal ob Mann oder Frau. Doch diese fährt erschrocken zurück und ruft: „Fassen Sie mich nicht an!“ Schwarzer, mit noch echter feministischer Ironie ausgestattet, sieht das Komische daran und parodiert das Mädchen. Kurz und gut: Gleich mehrere Gazetten greifen die Szene auf – die natürlich jemand gefilmt hat – und stellen die Frau unter Rassismusverdacht. „Rassismus?!“  Ich fasse es nicht.

Und ich Idiot, ohnehin schon niedergeschlagen, schaue mir auch noch ein paar Twitterkaskaden zum Thema an. Ob man es glaubt oder nicht, ein Großteil der Kommentatoren – die meisten weibliche – findet Schwarzers kurze Berührung „übergriffig“ o.ä. Eine Frau berührt schwesterlich gesinnt, im Versuch eine kommunikative Gemeinschaft herzustellen, eine andere Frau, der Altersunterschied läßt jeden Hintergedanken ersticken …, aber vielleicht hat die Ungläubige die Gläubige, die Unreine die Reine berührt? Ruft da jemand „Rassismus“?

Mir egal. Die Szene macht mich traurig.  Was ist das für eine Welt geworden. Es ist noch keine drei Jahrzehnte her, da konnte man Mann und Frau berühren ohne die geringsten Probleme zu bekommen und auch ohne vorher zu fragen – es genügte die Annahme einer wohlwollenden Reaktion. Wir jungen Männer liefen Arm in Arm, wir faßten die Mädchen unter, später fing man an, sich zur Begrüßung zu umarmen – was ich persönlich (aus anderen Gründen) noch immer nicht besonders mag … und jetzt kommen wir wieder zur antiseptischen Gesellschaft zurück, weil eine Kultur Einzug hält, die zwar alles von ihren Anhängern abverlangt, die komplette Unterwerfung, in der der Körper des anderen aber vollkommen tabu zu sein hat, sofern man nicht verheiratet ist, und weil eine Metakultur den Kulturkampf gewonnen hat, die zwar dauernd von Freiheit und Gerechtigkeit faselt, aber gerade dabei ist, die Diktatur der Gerechtigkeit zu errichten.

Undsoweiter. Wenn ich den ganzen Schwachsinn lese, der überall abgesondert wird in existentieller Notlage, dann wird mir nur übel. Vielleicht sollte man wirklich nie wieder eine Zeitung aufschlagen und selber den Mund halten.

Vielleicht sollte man es aber auch so machen wie Rasmus Paludan. Seine eigene Meinung und Überzeugung setzen und einfach durchdrücken. Jeden zweiten Satz beginnt Paludan mit „Selbstverständlich“, „Zweifellos“, „Es ist vollkommen klar“, „Es ist absolut vernünftig“ usw. und an einem Punkt der Debatte (2:49 min) hat er sogar die Chuzpe den anderen Parteiführern ins Gesicht zu sagen und sich dabei vor dem Kopf herumzufuchteln: „Es ist, als ob alle Wirklichkeit komplett verzerrt ist. Ich bin hier der einzige, der die Wirklichkeit sieht, alle anderen sehen irgend etwas seltsames anderes.“

Ich fürchte, der Mann hat recht.

siehe auch: Schwarzer sieht schwarz

3 Gedanken zu “Faß mich nicht an!

  1. Tommy schreibt:

    Ich lese auch kaum noch Zeitungen…wozu auch?
    Die Mehrheit der deutschen Gesellschaft besteht aus Lemmingen, die, wenn überhaupt, erst dann aufwachen wird, wenn es viel zu spät ist. Innerlich habe ich mich schon längst aus dieser Gesellschaft ausgeklinkt, nach allem, was in den letzten Jahren passiert ist und offensichtlich ja auch von einem Großteil der Bundesbürger, gerade unter den „Gebildeten“, nach wie vor unterstützt wird, was soll man noch groß reden oder hoffen? Diese Gesellschaft hat ganz offenkundig keine Zukunft und sieht das größtenteils noch nicht einmal als Problem. Es macht mich krank, dass das so ist, und ich werde als Konsequenz daraus auch am 26.5. wieder AfD wählen, zum fünften Mal seit 2013. Aber mir ist auch klar, dass das nichts ändern wird angesichts der festzementierten Mehrheitsverhältnisse in diesem Land. Und man muss ganz einfach sagen: Die Mehrheit der Deutschen hat es auch verdient, was auf sie zukommt. Ich bin nur verbittert darüber, dass wir Abweichenden unausweichlich in diese Selbstauslöschung mitgezogen werden.

    JJA: Wenigstens bleibt Ihnen als Atheist die Bitterkeit über Maria 2.0, katholisch.de und andere Absurditäten erspart… Es ist zum Verzweifeln.

    Liken

  2. „Wenn es trotz aller Bemühungen, unmöglich scheint, etwas zu erlangen, so ist das ein Anzeichen dafür, daß man auf dieser Stufe auf eine unübersteigbare Schanke gestoßen ist. Hier ergibt sich die Notwendigkeit, einen Höhenwechsel vorzunehmen; sich auf dieser Stufe bis zur Erschöpfung abzumühen, erniedrigt. Besser ist es, die Beschränkung hinzunehmen, sie zu betrachten, und ihrer volle Bitterkeit auszukosten.“

    „Die Unmöglichkeit ist das einzige Tor zu Gott. (Den Widerspruch setzen. Das Unmögliche wollen. Das Übel lieben.) Wir sollen das Übel als Übel lieben. Dies kann nur dann auf eine reine Weise geschehen, wenn das Übel ein physischer Schmerz ist, den man erduldet, den man nicht gesucht hat, den man um alles in der Welt vermeiden möchte.“

    (Simone Weil, Zeugnis für das Gute. Traktate – Briefe – Aufzeichnungen. Hg. von F. Kemp 1976)

    Gefällt 2 Personen

  3. Pérégrinateur schreibt:

    Viele sind bedrückt angesichts übler Entwicklungen und entschließen sich, um ihre optimistischen Aussichten nicht zu gefährden, auf die sie allezeit den größten Wert legen, diese Dinge dann auszublenden. Das ist unredlich, und dies sogar der Person gegenüber, der man am meisten verpflichtet ist, nämlich einem selbst. Auch ist sehr zu bezweifeln, ob einem Menschen mit nicht völlig schwachem Kopf so eine Selbsttäuschung gelingen kann. Darüber hinaus ist der Optimismus, den man so gegen die andrängende Wirklichkeit verteidigen will, eine sehr naive Einstellung. Nach hundert Jahren ist fast jeder tot, und ob die es etwas darüber machen angesichts der Übel des hohen Alters so besonders glücklich darüber sein werden? Jede Familie endet irgendwann, jede Zivilisation, jede Art, die Erde wird irgendwann durch die ins Schalenbrennen übergehende Sonne unbewohnbar heiß werden und am Ende gewinnen ohnehin Entropie und Gravitation.

    Aber man kann das alles wissen und man kann sich darüber freuen, dass man es weiß und dass man es sich nicht verhehlt. Und selbst wenn alle anderen Illusionen nachhingen und ihr Denken beschränkten – was für ein Vergnügen, dann eben als Einziger die Welt zu sehen, wie sie ist! Soviel Eitelkeit darf schon sein und auch soviel zumindest innerer Missachtung der Gefühle der anderen, die sich im Angesicht der eintretenden Übel dann gewöhnlich in ach so mitmenschlicher und tröstlicher Weinerlichkeit ergehen: « Je suis Charlie ! » Wer mitleidlos zwei und zwei zusammenzählt, macht sich dagegen nicht vor, dass etwas anderes als vier dabei herauskommen könnte.

    Bertrand Russell über G. H. Hardy und sich selbst: “He told me once that if he could find a proof that I was going to die in five minutes he would of course be sorry to lose me, but this sorrow would be quite outweighed by pleasure in the proof. I entirely sympathized with him and was not at all offended.”

    Gefällt 1 Person

Schreibe eine Antwort zu fauxelle Antwort abbrechen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.