Das Phänomen Paludan

Aufgepaßt! Es tut sich was im Staate Dänemark.

Vor wenigen Tagen hatte Ministerpräsident Lars Løkke Rasmussen den Wahltermin für die kommende Folketingswahl auf den 5. Juni festgelegt. Die Zeit ist knapp, die Zeitungstippsen tippen sich die Finger wund.

Ein Großteil ihrer Energie widmen sie einer Partei, die es vor wenigen Monaten noch gar nicht gab. 2017 als Einmannpartei gegründet, war sie bis vor kurzem kaum jemandem ein Begriff und nun steht sie vor dem Einzug ins Parlament.

Ihr Name: „Stram Kurs“ – das muß man wohl nicht übersetzen. Ihre zentrale Gestalt ist Rasmus Paludan, ein 37-jähriger Anwalt, der die politische Landschaft gerade aufmischt.

Die war ohnehin in Aufruhr. Dänemark ist traditionell ein Pendelstaat – sozialdemokratische und konservative Regierungen wechseln sich regelmäßig ab. Diesmal allerdings in sehr schneller Folge. Løkke Rasmussens „Venstre“, die mit Duldung der konservativen „Dansk Folkeparti“ regiert, hat es nicht vermocht, das alles entscheidende Thema der Migration in politisches Kapital umzumünzen. Seit die Sozialdemokraten, die nicht zufällig im Sommer 2015 abgewählt wurden, sich für eine striktere Einwanderungspolitik einsetzen, steigt ihr Kurs wieder und mit großer Wahrscheinlichkeit werden sie, in Koalition mit anderen linken Parteien, im Juni als Gewinner hervorgehen. Unter ihren potentiellen Koalitionären befinden sich freilich dezidiert links- und grünfundamentalistische Parteien – allen voran die „Enhedslisten“, die vor ein paar Jahren schon politisch tot zu sein schien und nun wie Phönix aus der Asche wieder auf 10 % hoffen darf.  Wie man sich gerade in der Migrationsfrage die Zusammenarbeit dieser Parteien vorstellen soll, bleibt abzuwarten.

Fakt ist: die Ökopanik hat auch die Dänen ergriffen. Und die „Angst vor den Nazis“ ebenfalls. Das stärkt die linken und ultralinken Parteien. Umgekehrt ist das Migrationsthema noch immer Dreh- und Angelpunkt aller Diskussionen und das wiederum treibt die Bürgerlichen immer weiter nach rechts. Auch in Dänemark trennt ein tiefer politischer Graben die Menschen.

Rechts von der „Venstre“ hatte sich die „Dänische Volkspartei“ einen echten Stand erarbeitet. Sie war 2015 mit 21% zweitstärkste Kraft geworden, hatte 9% zugelegt, meist von der „Venstre“ übernommen, und das war auch einer moderateren Tonlage geschuldet. Man hatte sich sogar den Sozialdemokraten angenähert. Nun aber droht sie diesen Zuwachs wieder zu verlieren und ihr Ergebnis vielleicht sogar zu halbieren. Aber die Stimmen gehen nicht zurück zur „Venstre“ sondern größtenteils an zwei neue kleine Parteien, rechts der DF: Da ist zum einen die „Nye Borgerlige“, die ich hier schon verschiedentlich besprochen hatte, und nun kommt Paludans „Stram Kurs“ hinzu.

In Nullkommanichts hatte Paludan die notwendigen 20000 Unterschriften gesammelt, die seine Partei zur Teilnahme an der Wahl berechtigen. Der Bedarf war demnach da und groß. Neueste Prognosen zeigen sich optimistisch, daß er die 2%-Hürde nehmen wird. In einigen Szenarien gleichen die beiden Rechtsparteien den Verlust der DF fast vollständig aus: „Stram Kurs“ 3,9%, „Nye Borgerlige“ 6,6% – in der stark zersplitterten Parteienlandschaft sind das signifikante Zahlen. Das heißt: die Lager verändern sich nicht, sie werden nur deutlich nach rechts verrückt.

Die Zugriffszahlen auf die Werbevideos der Parteien beweisen es auch: Paludan elektrifiziert die dänische Politik © Kristeligt Dagblad

Der wesentliche Unterschied zwischen „Nye Borgerlige“ und „Stram Kurs“ macht sich an ihren Protagonisten deutlich. Die attraktive, immer lächelnde Pernille Vermund bringt klare Botschaften in politisch korrekter Sprache und mit einem „menschlichen Antlitz“ hervor, Paludan dagegen ist ein anderes Kaliber. Er scheißt auf PC. Und auf Sympathiewerte.

Diese sprachliche Entgleisung ist durchaus gerechtfertigt, denn sie entspricht seinem Sprachgestus. Gerade saßen die Dänen fasziniert vor den beiden ersten Fernsehdebatten aller zugelassenen Parteivorsitzenden (13) – übrigens noch immer ein Vorbild an Debattenkultur, von dem Deutschland meilenweit entfernt ist – und sahen und hörten dieser neuen Erscheinung zu. Bisher war er nur durch öffentliche Koranverbrennungen oder provozierende YT-Videos in Erscheinung getreten, die sich meist in muslimischen Gegenden abspielten und in denen es immer wieder zu den erhofften Eskalationen kam, die wiederum die mangelnde Toleranz der Muslime vorführen sollte. Man könnte sagen: ein intelligenterer Stürzenberger.

Daß Paludan Mut hat, kann man ihm nicht absprechen, sowohl auf der Straße als im Fernsehstudio. Egal, worüber die anderen stritten, seine Anwesenheit war ununterbrochen spürbar. Kam er dann selbst zu Wort, dann redete er flüssig und konzis und mit einer Arroganz, einem Sendungsbewußtsein und einer Überzeugungskraft, daß es einem schier die Sprache verschlägt und man nicht weiß: soll man Angst vor Hitler haben oder soll man ihn bewundern?

Seine Botschaft ist glasklar. Dänische Werte, danskhed, und muslimische Einwanderung, das geht nicht zusammen. Paludan ist Nationalutilitarist, er will das bestmögliche Leben für die meist möglichen Dänen, vor allem ethnische, mindestens aber Kultur-Dänen.

Lieber heute als morgen will er die Muslime aus dem Land haben. Und zudem die Einwanderung von Menschen aus Gegenden mit deutlich niedrigerem Intelligenzquotienten unterbinden. Gerade hatte der weltbekannte IQ-Forscher Helmuth Nyborg sich zu Paludan bekannt.

Es fällt Paludan nicht schwer, von „Scheißländern“ („Lorteland“) zu reden, zu dem Dänemark bald werden könne, wenn es die Migration nicht stoppt, von „Bevölkerungsaustausch“ oder von menschlichem „Abfall“ („Leute, die morden und vergewaltigen“). Daß viele Muslime sich gesetzestreu verhalten und auch am Wohlstand mitarbeiten, läßt er kaum gelten, stellt stattdessen fest, daß auch diese die Gesellschaft irreversibel verändern werden, haben sie erst einmal eine kritische Menge oder gar die Mehrheit erlangt. „Entweder wirft man die Muslime wieder raus oder aber sie werden das Land irgendwann übernehmen.“ Das alles mit einer Selbstverständlichkeit, man muß sogar sagen Offenheit und Ehrlichkeit, daß man wirklich baff ist: „Es ist nichts Besonderes, daß Dänemark das Land der Dänen ist.“, „Ich bin nicht der Meister der Euphemismen, ich bin ein Meister der reinen wahren Sprache.“

Paludan sprengt den Rahmen traditionellen Politikgehabes. Entsetzt und gleichzeitig bewundernd starren ihn die Politprofis an.

Was kann Paludan erreichen? Koalitionen mit anderen Parteien sehen im Moment sehr unwahrscheinlich aus und im Übrigen hat er – im Gegenteil zu den meisten anderen – sich selbst als Ministerpräsident ins Spiel gebracht und kein Bekenntnis zu einem Mächtigeren geleistet. Er lebt ohne Zweifel gefährlich, sowohl im ersten als auch im politischen Leben. Oft ist er von einer Horde Gorillas umgeben oder von Polizei geschützt und die linkslastige Presse wetzt natürlich die Messer, es werden juristische und publizistische Waffen in Stellung gebracht. Sogar die rechte Presse sah sich bemüßigt, Distanzierungsübungen durchzuführen.

Wie aber werden die konservativen Parteien mit ihm umgehen? Sie beackern das gleiche Feld, aber mit anderen Mitteln. Wird Paludan sie in die Radikalität treiben? Werden sie durch ihn geschwächt oder gestärkt? Wird er letztlich das rote Lager enger zusammenschweißen? Kann er sogar eine formadible Kraft werden? Wird er sich in seiner neuen Rolle als Politiker – bisher war er Provokateur – ändern müssen? …

Alles scheint möglich. Die Dynamik der letzten Wochen läßt Voraussagen kaum zu. Der Mann ist wie eine Bombe eingeschlagen, weil er sich selbst, ohne Verstellung und Diplomatie, weil er sein ganzes Gewicht in die Presche wirft. Er ist, in einem Wort, ein Phänomen. Und das ist – ganz unabhängig von eigener politischer Nähe oder Ferne – ein faszinierendes Ereignis, aus dem man – wenn es Schule machen sollte – einiges lernen kann.

Ein Gedanke zu “Das Phänomen Paludan

  1. Pérégrinateur schreibt:

    Mich überrascht die Koran-cum-Schinken-Verbrennung angenehm. Hierzulande wäre das wohl nach § 166 StGB strafbar, da „geeignet […], den öffentlichen Frieden zu stören.“ Eine „Eignung“, die allein die empörungsbereiten Intoleranten herbeiführen. Es ist ein Macht-hoch-die-Tür-Paragraph.

    Gefällt 1 Person

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