Freiheit ist schwer

Über Berdjajews großes Manifest für den selbstwaltenden Menschen

In Berdjajew liest man sich am besten von hinten ein. Sein letztes großes Buch hat Testamentscharakter. Daraus macht er gleich zu Beginn keinen Hehl, wenn er die notwendige, weil existentielle Widersprüchlichkeit seines Schaffens betont.

Danach entwickelt er eine groß angelegte Zusammenfassung der personalistischen Philosophie, die das scheinbar Unvereinbare zu einen versucht und weit ausgreift, von Nietzsche bis Marx, von Jakob Böhme bis Alexander Herzen, von Dostojewski bis Tolstoi.

Persönlichkeit läßt sich demzufolge nicht als Objekt verstehen – anthropologische, soziologische, psychologische, biologische Ansätze greifen daher schon immer zu kurz -, „sie läßt sich nur als Subjekt im Unendlichen des Subjektiven erfassen“, im Existentiellen eben, „als existentieller Weltmittelpunkt“ und als je eigener Mikrokosmos. Deshalb ist sie nie Teil von etwas, aber alles hat Teil an ihr. Der dies verinnerlichende (verstehende) und veräußerlichende (lebende, kundtuende) Mensch hat die Voraussetzungen zur Freiheit, um die sich letztlich alles dreht.

Auch fundamentalphilosophisch lehnt Berdjajew alles Ontologisieren ab; die marxistische Grundfrage nach dem Primat (Sein oder Bewußtsein) ist ihm ebenso fern wie die fundamentalontologische (Sein oder Seiendes). Er schreibt: „Die fundamentale Antithese ist nicht Geist und Materie, sondern Freiheit und Sklaverei“ und: „Der Personalismus muß den Primat der Freiheit über das Sein (ein Hirngespinst des konstruierenden Denkens) anerkennen.“

Berdjajew glaubt damit die „personalistische Umwertung aller Werte“ vollzogen zu haben, auch wenn diese zu keinem anderen als dem altbekannten Ziele führt: Gott! Dieser ist aber nicht als theologisches Konstrukt oder als objektive Realität zu verstehen, irgendwo da draußen, sondern als „existentielle Begegnung“. „Gott ist das Ziel; die Persönlichkeit das Mittel“.

Persönlichkeit aber besitzt die Fähigkeit zum Transzendieren im existentiellen Sinne und diese wiederum ist nichts anderes als Freiheit.

Die Nähe zum französischen Existentialismus wird hier evident, vor allem aber die Aktualität des Denkens Berdjajews, das alle primitiv-kausalen Erklärungsmodelle sozialistischer wie liberalistischer wie konservativer wie fundamentalistischer Provenienz schon Ende der 30er Jahre ad absurdum führte und uns vor Augen hält, wie wenig seither erreicht wurde.

Die größten Stärken des Buches liegen zweifellos in der ersten Hälfte, in der die Grundsatzfragen (Persönlichkeit, Herr, Knecht und Freier, Sein/Gott/Natur/Gesellschaft/Zivilisation/Freiheit) abgeklärt werden. Im zweiten Teil, der mitunter etwas hausbacken wirkt, arbeitet er die Versuchungen des Freiheitsverlustes durch Macht, Krieg, Nation, Volk, Aristokratismus, Bourgeoisie, Geld, Eigentum, Revolution, Kollektiv, Utopien, Liebe, das Erotische, Geschlecht, das Ästhetische ab und bietet immer wieder erhellende, mitunter regelrecht erschütternde Bonmots.

Das alles in ruhigem, unaufgeregtem Ton vorgetragen, logisch aufgebaut, konzis hergeleitet, philosophisch anspruchsvoll, ohne akademisch verklausuliert zu sein. Ein guter Einstieg in den Personalismus oder in Berdjajews Denken aber auch ein abschließendes, großes Manifest der Selbstbestimmung jenseits des politischen, ideologischen Freiheitsgelabers.

3 Gedanken zu “Freiheit ist schwer

  1. Ulrich Christoph schreibt:

    In „Offener Brief an Genossen Burnham“ tat Leo Trotzki Berdjajew in einem Satz ab: „In Rußland begannen drei bekannte akademische Marxisten, Berdjajew, Struwe und Bulgakow, damit, die philosophische Lehre des Marxismus zu verwerfen und endeten im Lager der Reaktion und der orthodoxen Kirche.“

    Die Worte Berdjajews „Den allergrößten Wert lege ich auf Unabhängigkeit und auf meine Freiheit als Denker. Und so passe ich in kein Lager hinein“, und sein Glaube „dass sich der freie Gedanke unterirdisch in Russland verbreitet und dass er lebendig bleibt“ erinnern an einen nichtmarxistischen Geistesverwandten, Hugo Kükelhaus, der einmal in einem Interview sagte: „Die Wahrheit setzt sich nicht durch, die Wahrheit scheint durch.“

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  2. R. X. Stadler schreibt:

    Es stellt sich die Frage, wie das liberalistische kausale Erklärungsmodell von Berdjajews eigenem zu unterscheiden sei, das ich zunächst (auch, unter vielem anderen) als voluntaristisch oder libertär bezeichnen würde, als radikal antideterministisch. Bei beiden scheint doch der freie Wille ausschlaggebend, scheinen die Selbstbestimmung und das Selbstbestimmungsrecht des Einzelnen gar entscheidend.

    Wieviel aber kann ich an einer Philosophie gewinnen, die sich dermaßen sträubt gegen die empirische Wissenschaft und deren Anspruch, induktivistische Wahrscheinlichkeitsaussagen über menschliches Handeln zu treffen? Wohl nur soviel, wie ich überhaupt bereit bin, die freie Person als Mitspielerin im menschlichen Handeln, in der Gesellschaft, in der Geschichte anzuerkennen. Oder besser vielleicht, wie ich es für wünschbar halte, dass die freie Person ihren Wert und ihre Würde behaupte gegen Kollektivismus, Individualismus, Determinismus, Traditionalismus, Ökonomismus, Naturalismus und so weiter.

    Contra Berdjajew, der die fundamentale Antithese von „serviam“ und „non serviam“ bestimmt („Inward liberation inevitably demands outward liberation also […] The free man cannot put up with social slavery.“ Slavery and Freedom, 1944, S. 131), sehe ich die Würde der Person bereits ersichtlich in ihrem Entschluss zum „serviam“. In ihrem Willen, einem höheren Ziel zu dienen, und sei es auch ein objektiv falsches höheres Ziel. Es mag nichts schrecklicheres geben als einen Mann, der von falschen Ideen besessen ist (S. 131), aber es gibt auch nichts, was die menschliche Würde mehr beweist als diesen Menschen, der an objektiv falsche Ideen glaubt; der glaubt, sie aus freiem Entschluss sich angeeignet zu haben.

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    • Philosophisches Lesen ist für mich (fast) immer Exerzitium – man schlüpft in eine andere Hülle und probiert, ob und wie sie einem paßt. Bei Berdjajew ist diese Herangehensweise überhaupt Voraussetzung, um seine späten Werke durchstehen zu können. Denn sie sind voller Vorannahmen und Widersprüche – diese gehören aber zu Berdjajew dazu. Er will gar nicht konzis sein, er strebt nicht dem Ideal der Folgerichtigkeit nach. „Die wahre Einheit des Denkens, das mit der Einheit der Persönlichkeit verbunden ist, ist eine existentielle, keine logische Einheit.“ Ich kenne Leser, die bei solchen Sätzen vermutlich zusammenzucken.

      Wir haben hier also den Versuch, eine begründungsfreie Philosophie zu begründen. Selbst die letzte Instanz – Gott – wird nicht als begründungswürdig erachtet, sondern rein existentiell gefaßt. Persönlich finde ich es schwer, etwas erleben zu wollen – dieses Wollen ist ja schon das Problem -, an dessen tatsächlicher Existenz ich nicht glaube. Hier beginnt das Exerzitium. Berdjajew hat ja insofern recht, als die Realexistenz Gottes überhaupt nicht notwendig ist, den Glauben zu begründen. So weit ich sehe, basiert aller Glaube, alle Religion, alle Theologie auf dieser Übereinkunft. Wir brauchen die Dinge nicht, um sie wirken zu lassen.

      Auch sein Begriff der „Persönlichkeit“ ist letztlich fiktiv. Sie kann nicht erkannt werden, sie ist kein Objekt. Das versuchen zwar diverse Wissenschaften, aber „das Geheimnis Mensch“ können sie nicht ergründen. „Die Persönlichkeit läßt sich nur als Subjekt im Unendlichen des Subjektiven erkennen, in welchem das Geheimnis der Existenz beschlossen liegt“. Hätte er das Buch fünf Jahrzehnte eher geschrieben, er hätte ganz sicher ein bissiges Kapitel in „Materialismus und Empiriokritizismus“ bekommen.

      Berdjajew ist auf seine späten Jahre Mystiker geworden und ringt wie alle Mystiker mit der Sagbarkeit. Daher fällt es nicht schwer – wenn man diese Herangehensweise nicht akzeptiert (Exerzitium) – ihm Widersprüche, Fehler etc. nachzuweisen. Was Sie in dieser Philosophie gewinnen können, liegt ganz bei Ihnen. Ganz allein. Die empirischen Wissenschaften kümmern sich ja gerade nicht um den Einzelnen und dessen „Freiheit“, sondern generieren aus den zahlreichen Einzel“freiheiten“ statistische Zwänge, Determinismen. Selbst wenn alle „im existentiellen Sinne transzendieren“ – so definiert B. Freiheit – dürfte sich in der Gesamtheit etwas mehr oder weniger Unfreies ergeben. Das hindert aber niemanden daran, seine höchste individuelle Freiheit in einen Dienst zu stellen. Der Begriff ist paradox und abstrakt genug, um auch dies fassen zu können – wie übrigens auch das Gegenteil, die permanente Überschreitung.

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