Verlockung

Im Kopf war meine Besprechung des voluminösen und spät wiederentdeckten Romans „Verlockung“ von János Székely nach 170 Seiten fast fertig. Ich wollte das fulminante Buch ob seines großartigen Zynismus an die Seite von Célines „Reise ans Ende der Nacht“ stellen, ob seines göttlichen Witzes es mit Hašeks Schweijk“ vergleichen und ob seiner psychologischen Tiefe mit Italo Svevos „Zenos Gewissen“ und seinen kindlichen Protagonisten einen Oskar Matzerat nennen. Später kam noch Döblins „Berlin Alexanderplatz“ hinzu und so manch anderer Klassiker der Weltliteratur.

Diese Seiten beschreiben das jugendliche Leben des Béla, Produkt einer Liebesnacht mit einem nichtsnutzigen Herzensbrecher, von der Mutter verlassen und an eine „Pension“ abgegeben, die von einer slowakischen Nutte geführt wird, ein Leben ohne Perspektive, in Armut und bäuerlicher Brutalität, aus dem es keinen Ausweg zu geben scheint. Nur der natürliche Zynismus des Kleinen, der derbe Fatalismus, die frühe Einsicht ins Unabänderbare und später ein charismatischer Lehrer halten ihn über Wasser.

János Székely gelingt hier das Meisterwerk, durch Witz und Weisheit eine Welt in all ihrer Grausamkeit und Absurdität darzustellen und doch den Leser lachen zu machen.

Aber dann kommt der Knabe nach Budapest, findet seine Mutter wieder und muß sich nun in der Großstadt durchschlagen. Sein Leben nimmt eine entscheidende Wende, nachdem er in einem großen Hotel als Boy unterkommt. Von nun an läßt sich der Roman nur noch mit Fallada vergleichen und das ist – man muß es deutlich sagen – ein künstlerischer Abstieg, so dringlich die Botschaft auch sei.

Mit einem Mal verliert Székely seine Leichtigkeit – es ist, als ob der Autor wechselt. Es tauchen Proleten auf und Kommunisten, Propagandisten und Parteisoldaten. Der Jüngling ringt nun mit seiner Pubertät inmitten der städtischen Armut. Sein Ziel wird es, in das Leben derjenigen einzutauchen, deren Trinkgeld er nun unterwürfig empfängt. Das scheint ihm zu gelingen, als er zum Sexspielzeug einer schönen „Exzellenz“ wird, aber was für ihn verzweifelte Liebe ist, ist für sie nur Instrument, das sich im Übrigen schnell abnutzt und ersetzt werden muß.

In all den Wirren steht ihm nur einer bei, einer junger Parteisoldat, der ihn zudem mit Wissen und marxistischer Literatur versorgt. Das ist historisch recht weit hergeholt, denn die Kommunistische Partei konnte im Vorkriegsungarn nie wirklich Fuß fassen, ihre Mitgliederzahl beschränkte sich auf ein paar Hundert. Ungarn unter Horthy verpaßte die Industrialisierung und damit auch das proletarische Bewußtsein und blieb noch viele Jahrzehnte lang ein ökonomisch rückständiges vornehmlich agrarisches Land. Da es sich jedoch um z.T. autobiographisches Material handelt, mag es sich tatsächlich so zugetragen haben.

Zu Hause – mittlerweile hatte sich auch der Vater wieder eingefunden und durch ein luftiges Leben einen gewissen Wohlstand geschaffen – blüht das Leben kurzzeitig auf. Die ausgemergelte Mutter wird wieder eine schöne Frau, sie muß nicht mehr von früh bis in die Nacht mit scharfer Lauge waschen, es entsteht so etwas wie ein zweites Familienglück. Die Folgen der Weltwirtschaftskrise bereiten dem ein schnelles Ende. Auch Bélas zwischenzeitliche Dekadenz, die ihn von sich selbst entfremdet, ein Leben zwischen Alkohol, Sex und Lüge, findet ein Ende und er endlich zur Partei. Als die Genossen im Gefängnis verschwinden, die Mutter Selbstmord begeht und der Vater wieder abtaucht, flüchtet er nach Amerika.

Warum funktioniert das Buch – trotz vieler genialer Einfälle – nicht?

Es will zu viel, es übertreibt und es ist nicht schlüssig. Und dennoch leistet es einiges. Das erste Kapitel, wie gesagt, ist ganz große Literatur – dies allein lohnt die Anschaffung.

Wir werden ins Alltagsleben des Horthy-Ungarns eingeführt und zwar aus der gnadenlosen Sicht von unten. Elend und Armut sind unbeschreiblich, ihre Existenz historisch aber bestätigt. Was dieses tägliche Kämpfen mit dem Hunger, mit der Demütigung aus Menschen machen kann – individuell ganz unterschiedlich – fängt Székely in vielen Passagen überzeugend ein.

Und da gelingt ihm auch der Blick in die ungarische Seele, in den tief verinnerlichten Untertanengeist, den man noch heute spürt, die Furcht vor der Exponiertheit und das stille Verlangen im Wohlstand mitzuschwimmen.

Freilich, die Jahre Horthys (1918-1944) haben Ungarn geprägt, im Guten wie im Schlechten. Autoren wie Sándor Márai zeichnen ein ganz anderes, aber nicht minder wahrhaftiges Bild. Das städtische Proletariat hatte vielleicht am meisten zu leiden, denn neben Verelendung kam die politische Verfolgung hinzu. Nicht selten ließ man den Frust an anderen, den Juden etwa aus. Geringste Ansätze von Widerstand wurden geheimpolizeilich überwacht, Menschen systematisch dazu gezwungen, sich zu ducken, ihren kleinen privaten Frieden irgendwie zu finden, ohne sich an der großen Politik zu reiben.

So lernt man aus diesem überambitionierten Buch doch eine Menge, am ehesten, die Ungarn verstehen und auch begreifen, wie träge volkliche Charakterzüge doch eigentlich sind.

János Székely: Verlockung. (1947). München 2005. 810 Seiten

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