Was wäre wenn?

Ein bißchen Kaffeesatzleserei.

In der Geschichte ist diese Frage selten sinnvoll zu beantworten, zumindest im Sinn einer möglichen nachträglichen Vorhersage. Wir werden es nie wissen.

Aber lernen kann man hin und wieder vielleicht doch etwas. Sofern man „aus der Geschichte lernen“ nicht als Handlungsanweisung für ähnliche historische Konstellationen versteht, kann man aus der Geschichte etwas lernen.

Ich entsinne mich einer Aufgabe während des Studiums, die Perestroika Gorbatschows zu bewerten. Die DDR war gerade untergegangen, fünf Jahre nachdem in der Sowjetunion die Perestroika und Glasnost ausgerufen wurden. Damals haben die meisten Menschen in Ost und West dieser Öffnung zugejubelt, sahen der Zerbröselung des Betons fasziniert zu. Gorbatschow hatte in seinem Buch noch geschrieben, daß Perestroika Leninismus sei. Tatsächlich sollte sie sich als der Anfang vom Ende von Allem herausstellen: der SU, dem Ostblock, der Perestroika selbst und ganz sicher des Leninismus.

Man war an ostdeutschen Hochschulen vier Jahrzehnte lang Konformismus gewohnt und hatte sich mit der Idee des tatsächlichen Widerspruches noch nicht recht angefreundet. Deshalb bekam ich meine Arbeit mit wütenden Kommentaren und einer schlechten Note zurück. Man erwartete nun nicht den Jubel auf den Marxismus, die Partei oder die DDR, sondern wollte die Studenten – die Studierenden unter ihnen zumindest – nun von der Richtigkeit der Perestroika und der goldenen Zukunft unter neuen Vorzeichen überzeugen, aber ich weigerte mich und erklärte das Ergebnis für offen mit starken apokalyptischen Präferenzen.

Für mich war die Arbeit ein geistiger Durchbruch, denn zum ersten Mal ging mir die wirkliche Dialektik der Geschichte auf und die Wahrheit des Gedankens, daß Geschichte nie letztgültig bewertbar ist, oder eben erst, wenn sie beendet wurde und also keinen Schreiber mehr auftreiben kann, der sie erzählen könnte – außer einen; aber der ist, wie man aus gut informierten Kreisen erfährt,  auch schon eine Weile tot.

Später stellten sich diese Gedanken beim Studium von Popper, Jaspers, Dilthey, Danto, Lübbe, Koselleck, Berdjajew und einigen anderen als wenig originell heraus – dort fand man die gesammelten Argumente, in dieser oder jener Form, für das Ende der Geschichtsschreibung.

Dennoch ist es erlaubt, hin und wieder ein wenig „rumzuspinnen“. Gerade hatte ich ein Gespräch mit einem gebildeten Ungarn über das Ende Pál Telekis. Er fragte mich, nachdem er sich die hier vorgetragen Einsichten angehört hatte, wie denn die ungarische Geschichte verlaufen wäre, hätte Teleki sich am 3. April 1941 keine Kugel durch den Kopf gejagt.

In den Geschichtsbüchern liest man mitunter, daß die Teleki-Regierung von Horthys Gnaden gar keine Gelegenheit gehabt hätte, den grundlegenden Verlauf der kommenden Jahre zu verändern. Und das ist unmittelbar auch einsichtig.

Telekis Tat als politische Tat hätte nur dann Sinn gehabt, wenn sie die Lawine der Verhängnisse hätte aufhalten können. Wie wir sahen, erreichte er das Gegenteil – aber vielleicht war er einfach auch nur zu schwach, sich dem kommenden Sturm zu stellen. Man muß den Pistolenschuß symbolisch erfassen, als ein letztes Zeichen. Die Frage muß also etwas anders gestellt werden.

Was wäre gewesen, wenn Teleki und Horthy das Angebot Deutschlands abgelehnt hätten, wenn sie es den deutschen Truppen also untersagt hätten, ungarisches Gebiet zu betreten – wie sie es zwei Jahre zuvor bereits tapfer im Falle Polens getan hatten – und wenn sie also auf die versprochenen Gebietsrückeroberungen, auf die sie ein historisches Recht reklamierten, unterlassen hätten?

Nun, es hätte zu allererst Leid bedeutet. Man darf davon ausgehen, daß Hitler nicht lange gefackelt und das Land einfach überrannt hätte. Das hätte vermutlich ungarische Opfer gekostet, vor allem wäre es vermutlich die sichere Deportation der ungarischen Juden gewesen, zwei Jahre eher als es dann in der Realität geschah und wahrscheinlich mit deutscher Gründlichkeit. Statt der 560000 ungarischen Juden, die dann ab 1944 deportiert wurden, wären wohl alle achthunderttausend in Auschwitz gelandet oder anders ermordet worden.

Es war stets Horthys und auch Telekis Ziel – trotz ihres manischen Antisemitismus – die Grausamkeiten gegen die Juden zu unterbinden. In beiden historischen Szenarien wären oder sind sie mit ihrer Hinhaltepolitik gescheitert.

Es war weiterhin erklärtes Ziel, Ungarn aus dem Krieg herauszuhalten und ungarische Opfer zu vermeiden. Nimmt man den katastrophalen Untergang der zweiten ungarischen Armee an der Ostfront ins Blickfeld und die in der Spekulation angenommene Besetzung, dann wäre in beiden Situationen vermutlich viel ungarisches Blut vergossen worden.

Sie wollten zudem die Besetzung des Landes durch die Deutschen verhindern. Das erwies sich als Illusion. Hitler akzeptierte die Souveränität des kleinen Landes nur solange es ihm keine größeren Steine in den Weg legte.

Und man wollte die Revision des Trianon-Vertrages, mindestens aber den Anschluß jener Gegenden in Rumänien, der Slowakei und in Jugoslawien, in denen eine ungarische Bevölkerungsmehrheit lebte.

Ja, auch die Frage der Ehre spielte eine Rolle unter diesen antiquierten Politikern.

Letztere Frage enthält mehr Realsubstanz, als man anfangs annehmen mag. Denn ein weiteres strategisches Ziel war es, das Land nach dem Krieg einem eventuellen Zugriff aus Osten zu verweigern und dafür brauchte man das Vertrauen und Wohlwollen der Alliierten, das war Teleki vor seinem Tode bereits bewußt. Und gerade das Vertrauen mitsamt der Ehre hatte man soeben verspielt.

So konnte sich Horthy zwar für einen kurzen historischen Moment als Sieger der Geschichte fühlen – scheinbar ging seine langjährige Strategie komplett auf, scheinbar fielen gerade die letzten Puzzleteile ins Gesamtbild –, tatsächlich aber hatte er soeben das Schicksal des Landes auf Jahrzehnte hin verändert.

Es ist also denkbar, folgendes Szenario zu entwerfen – das erzählte ich meinem ungarischen Freunde:

Auf der Negativseite hätte die Vernichtung der ungarischen Juden und der Kriegszustand mit Deutschland gestanden. Es ist müßig, Menschenleben gegeneinander aufzurechnen, wir können nicht sagen, welcher historische Zweig mehr Opfer gekostet hätte. Relativ sicher dürfte aber sein:

Ungarn, das Land, das immer auf der falschen Seite stand, weil es immer auf der richtigen stehen wollte, hätte zum ersten Mal in seiner Geschichte tatsächlich auf der Seite der Sieger gestanden. Das wäre bei den Alliierten nicht unbemerkt geblieben. Es hätte seine Ehre behalten, es hätte sich auch selbst nicht einiger Kriegsverbrechen schuldig gemacht. Vielleicht wäre das bei den Potsdamer und vor allem Teheraner und Jaltaer Verhandlungen berücksichtigt worden. Churchill hatte mit seiner Aussage, für ungarische Gebietsreformen offen zu sein, eine kleine Euphorie im Lande ausgelöst. Auch seine Idee einer Donauföderation – die von Stalin kategorisch abgelehnt wurde – ging in die Richtung einer territorialen Wiedererschaffung der Donaumonarchie. Nicht zuletzt den Ungarndeutschen wäre das zugutegekommen, deren Vertreibung vielleicht unterblieben wäre. Es ist auch nicht ausgeschlossen, daß die Alliierten die Besetzung Ungarns durch die Russen verhindert hätten, entweder am Verhandlungstisch oder aber durch eigene Befreiung des Landes.

Und schließlich wären dem Lande vielleicht sogar die verlorenen Gebiete ganz offiziell zugestanden worden, wären die Ungarn als ethnische Gruppe heute wieder vereint.

Das alles bleibt Spekulation und ist auch allzu grob umrissen. Aber es sollte doch immerhin das Dilemma der Politik aufzeigen. Sie denkt in der Regel – und muß auch so denken – taktisch, denkt an das Jetzt und das Morgen und sie tut das umso mehr, je stärker sie am Tropf der Wählerstimmen hängt. Dabei käme es darauf an – zumindest in bestimmten historischen Momenten – die unmittelbaren Folgen zu ignorieren und einen weiteren Blick zu wagen.

siehe auch: Pál Telekis historische Tat

12 Gedanken zu “Was wäre wenn?

  1. Heinz schreibt:

    Alternative Geschichte? Am 3. April 1941 erschoss sich Teleki. Am 6. April begann der Balkanfeldzug. Ich denke nicht, dass die ungarische Armeeführung diesen Feldzug in 3 Tagen geplant und ihre Truppen entsprechend koordiniert mit den deutschen und bulgarischen Verbänden positioniert hat. Ohne die Ungarn wäre das militärische Risiko für die Deutschen, eventuell hätten auch die Bulgaren gezögert, viel größer gewesen und hätte einer besseren und längeren Vorbereitung bedurft. Vielleicht hätte er sogar, zumindest in diesem Jahr, gar nicht stattgefunden. Ganz sicher, meiner Meinung nach, der Überfall auf die Sowjetunion hätte minimal um ein Jahr verschoben werden müssen. Ob die Deutschen nun die Ungarn überfallen hätten? Ich glaube nicht, weil sie haben auch Spanien nicht zur Kriegsteilnahme gezwungen, obwohl deren strategische Position deutlich kriegsentscheidender war, als die der Ungarn. Mit dem Fall von Gibraltar, dessen Position unhaltbar geworden wäre, hätten die Deutschen praktisch das ganze Mittelmeer gewonnen. Malta, Ägypten, der Suezkanal wäre den Deutschen in die Hände gefallen. Warum hier der GröFaz gezögert hat, entzieht sich meiner Kenntnis. Schwieriger als der Frankreichfeldzug wäre es sicher nicht geworden. Auf alle Fälle sinnvoller und hätte mehr Druck auf England ausgeübt als diese dumme Luftschlacht. Sicher hätte eine Invasion Ungarns inkl. seiner Besetzung weitere Kräfte gebunden. Allenfalls ein Putschversuch einschlägiger Kreise in der Armee wäre eine Möglichkeit. Es gäbe die Möglichkeit, dass eben diese Kreise Teleki die Pistole auf den Tisch gelegt haben. Ich weiß nicht, inwieweit Teliki über seine Familie und Freunde erpressbar war.

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  2. Tommy schreibt:

    „Es ist auch nicht ausgeschlossen, daß die Alliierten die Besetzung Ungarns durch die Russen verhindert hätten, entweder am Verhandlungstisch oder aber durch eigene Befreiung des Landes.“

    Halte ich ehrlich gesagt für völlig illusorisch. Man muss sich doch nur vergegenwärtigen, was mit Polen passiert ist, immerhin das Land, wegen dessen Großbritannien und Frankreich 1939 in den Krieg eingetreten waren. Obwohl polnische Truppen, die der Exilregierung in London unterstanden, an mehreren Fronten gekämpft hatten (u.a. bei Montecassino), konnte die Sowjetisierung des Landes samt Schauprozessen (mit Todesurteilen) gegen Führer der polnischen Heimatarmee nicht verhindert werden. Die Einflussmöglichkeiten der Westmächte waren 1945 angesichts der gigantischen sowjetischen Militärmacht – die ja letzten Endes den Krieg entschieden hatte, mit allen Konsequenzen für den Aufstieg kommunistischer Bewegungen, die z.B. auch in Italien und Frankreich sehr stark waren – recht begrenzt bzw. besonders auf amerikanischer Seite gab es ja zunächst auch noch starke Tendenzen zu einer Kooperation mit der Sowjetunion.

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    • Polen ist kein guter Vergleich. Es hat zwar auf der Siegerseite gestanden und das sogar den gesamten Krieg über, aber die SU hatte hier starke eigene territoriale Interessen, insbesondere wurden die Ostgebiete beansprucht. Entscheidend waren hier auch die geopolitischen Überlegungen der Alliierten, bei denen es vor allem um die dauerhafte Schwächung Deutschlands ging. Man hat Polen ohne Zweifel verraten. Das ist aber auch der territorialen Unsicherheit des Landes geschuldet, dessen Grenzen sich bekanntlich immer wieder verschoben.

      Ungarn war hingegen ein territorial stabiles 1000-jähriges Reich ohne ethnisch-sprachliche Nähe zu einem Anrainerstaat. Die Sowjets hatten daran kein ureigenes Interesse, die Alliierten wollten nur ein beruhigtes Ungarn, das die vorgeschriebenen Grenzen akzeptiert. Es hatte auch keine gemeinsame Grenze zur SU.

      Eher vergleichbar – Im Sinne Ihrer Kritik – dürfte die Entwicklung Rumäniens sein. Das hatte mit dem Staatsstreich König Mihais im August 44 die Seite gewechselt und sich gegen D gestellt. Für Hitler ein derber Schlag – man verlor das rumänische Öl. Allerdings war der Sturz des Antonescu-Regimes zu spät erfolgt, nämlich erst, nachdem sowjetische Truppen schon an der Grenze standen (Ungarns Entscheidung wäre viel eher gefallen). Deshalb wurde es nicht mehr als Alliierter wahrgenommen, verlor Teile an Rußland – bekam aber immerhin Siebenbürgen zurück. Damit hatte sich der späte Seitenwechsel immerhin ein klein wenig gelohnt. Freilich blieb es unter sowjetischem Einfluß.

      Sicher ist dieser Entwurf sehr spekulativ, alles steht unter einem großen „vielleicht“, aber Churchills Idee der Donauföderation scheint doch zu zeigen, daß zumindest ein global player in diese Richtung gedacht hatte. Tatsächlich hatte Teleki zeitweise ausgezeichnete Beziehungen nach London und Washington.

      Da wir heute wissen, wie die Geschichte gelaufen ist, wissen wir auch, daß Horthys und Telekis Taktik komplett gescheitert ist und scheitern mußte. Was wir aber nicht wissen, ist, ob eine andere Strategie – etwa die hier imaginierte – nicht ein positiveres Ergebnis hätte zeitigen können. Gemessen an dem, was tatsächlich erreicht wurde, gibt es eine gewisse Wahrscheinlichkeit, daß man ein besseres Ergebnis hätte erreichen können, zumal das tatsächlich erreichte das wahrscheinliche Maximum an Mißerfolg – gemessen an Horthys Plänen – eingefahren hatte.

      Oder, mit Hermann Lübbe: „Dieses, daß es anders kam, macht die Geschichte aus.“ … „Eine Geschichte ist, durch die wir, mindestens unter anderem, erklären, wieso etwas anders kam, als man es sich zuvor gedacht hatte, und wieso es so kam, wie man sich zuvor auch gar nicht hätte denken können.“

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      • Pérégrinateur schreibt:

        Churchill saß am Kriegsende nur noch auf dem Soziussitz des angloamerikanischen Fahrzeugs, da kann man dann viele Pläne machen, während der vorne steuert.

        Konnte Stalin mit Grund annehmen, von Béla Kun her in Ungarn noch heimische „Truppen“ stehen zu haben? Dann wäre er gewiss wenig konzessionsbereit gewesen. (Vielleicht war die besiegte Räterepublik aber auch damals schon nurmehr eine Erinnerung und der Kommunismus außerhalb einer politischen Kleinsekte völlig ohne Anhänger; ich habe keine Ahnung.)

        Seidwalk: Die Ungarische Räterepublik dauerte ganze 133 Tage und war, ähnlich der Oktoberrevolution, ein Elitenprojekt. Béla Kun war ein Handlanger der Bolschewiki. Man hat sie an die Macht kommen lassen, weil alle anderen möglichen Koalitionen scheiterten. In diesen 133 Tagen haben sie ihre komplette Unfähigkeit in – zugegeben – schwieriger Lage unter Beweis gestellt. Sie endete im „Roten Terror“. Die Ungarn hatte ihre Lektion gelernt. In der ersten Wahl nach dem Krieg kamen die Kommunisten dann auf magere 17%, was sie nicht davon abhielt – mit Moskaus Segen – die Macht zu ergreifen.

        Demnächst werde ich einen maßgeblichen Roman vorstellen, der Teile dieser Geschichte – der der Kommunisten in Ungarn – von unten gesehen beschreibt.

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  3. Es ist schon durchaus interessant, zu spekulieren. „Alternativgeschichte“, halt.

    Man stößt als erstes auf die absolut zwingenden Kausalketten. Denn nichts geschieht, nichts wird gedacht und nichts geplant, ohne auf den Voraussetzungen der Vergangenheit zu basieren.

    Um zu einem gegebenen Zeitpunkt also #anders zu handeln, bedürfte es #anderer Geschichtsereignisse UND anderer schriftlicher Zeugnisse (Bücher, Artikel, Bewertungen), wie auch eines #anderen Seelenzustandes der Akteure (!!) – und gerade DIESER ist historisch UNbewertbar, unzugänglich, geheim.

    Die Prozesse, die einen Politiker in seinem Denken geformt haben und bestimmen, sind extrem komplex. Faktoren wie übernommene Ansichten von Vätern, Lehrern etc, gelesene Schriften, NICHT gelesene Schriften, aber vor allem auch das durch PRIVATES Erleben (Harmonie oder Streit, Stress, private Strebungen, gehabte Erfolge, Enttäuschungen usw!)
    beeinflussen das menschliche Handeln sicherlich weitaus MEHR als allgemein politische Überlegungen zur richtigen Strategie.

    Es ergibt sich bei genauer Betrachtung, daß Kausalketten rückverfolgbar und rückverschränkt sind bis zu Jahrhunderten vorher. Ganz logisch.

    Es ergibt sich, daß Geschichte, so wie sie stattfindet, absolut determiniert ist und aus dieser Folgerichtigkeit NICHT ausbrechen kann. Es zeigt sich, daß Geschichte durch ihre komplexe Verschränktheit schlicht unveränderbar und in keinem noch so kleinen Detail anders zu denken ist.

    Für mich, der sich der Geschichtsbetrachtung durchaus leidenschaftlich verschrieben hat, ergibt sich überdies, daß Geschichte _grmacht_wird, und es auch da kein ANDERS gibt.

    Oder wäre die Gründung eines israelischen Staates auch auf Madagaskar möglich gewesen – mit der Folge, daß es keinerlei Palästinenserkonflikte gäbe?!

    Antwort: nein.

    🙂

    Beste Grüße, weiter so! SK

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    • Pérégrinateur schreibt:

      Bei einer Gründung in Madagaskar hätte man nicht so gut an den religiöse Topos „Nächstes Jahr in Jerusalem“ appellieren können, also hätte es weniger Zuzug von Kolonisten gegeben. Andererseits hätte man wohl die ansässige Bevölkerung (die gegen solche Gründungen merkwürdigerweise immer etwas einzuwenden hat) nach natürlich auch hier bald einsetzenden Kämpfen sicher eher als in Palästina rückstandsfrei vertreiben können – wer unter den relevanten Mächten hätte zum damaligen Zeitpunkt auf die Interessen von nicht einmal Arabern, sondern „bloß“ schwarzbraunen Völkern Rücksicht halten wollen? (Jordanische Armee unter britischen Offizieren. Erst recht keine panafrikanische Solidarität weit vor 1960.) Andererseits ist diese „Insel“ doch sehr groß. Andererseits wären die Waffenlieferungen aus der Tschechoslowakeit auf Geheiß von Stalin wohl ausgeblieben; im Nahen Osten passte diesem ein „Empire-Störenfried“ wohl viel besser ins Konzept. Einerseits, andererseits …

      Geschichtliche Ursachen und Kräfte sind etwas viel Vageres als etwa solche in der Physik, und zu einem Gutteil wohl ohnehin nur Konstruktionen des auch hier unter dem Hermeneutikzwang „erkennenden“ und handelnden Menschen, weshalb kein noch so Schlauer das Spiel mit diesen Kontingenzen lange erfolgreich betreiben kann.

      “It’s a tale told by an idiot, / Full of sound and fury, / Signifying nothing.”

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      • Ulrich Christoph schreibt:

        Ihrem letzten Absatz völlig zustimmend, dem ersten Plausibilität zugestehend: wäre anstelle von Madagaskar nicht Äthiopien die beste unter allen schlechten Möglichkeiten gewesen?

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        • Die zionistische Bewegung diskutierte Anfang des 20. Jahrhunderts ernsthaft die Gründung eines jüdischen Staates in Uganda. Der Einfachheit halber Wikipedia: https://de.wikipedia.org/wiki/Britisches_Uganda-Programm

          Auch Madagaskar war bekanntlich – von ganz anderer Seite, in anderem Kontext – im Gespräch: https://de.wikipedia.org/wiki/Madagaskarplan

          Ich wollte das nur in Erinnerung gerufen haben, bevor dieses Gespräch evtl. voranschreitet.

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        • Pérégrinateur schreibt:

          Äthiopien war und ist mehrheitlich von Christen bewohnt; das hätte deshalb manchem christlichen Europäer auch in der Politik nicht gepasst. Es musste schon eine Weltecke sein, für die sich keine christlichen Solidaritätsreflexe zugunsten der einheimischen Bevölkerung regen.

          Sie haben an Äthiopien vielleicht wegen der Falaschen gedacht, die ja inzwischen – ubi bene, ibi patria – zu einem Großteil nach Israek ausgewandert sind. (Wo sie sich übrigens aufs rabbinische Judentum ummodeln lassen mussten.) Wenn die Staatsgründung der Zuziehenden aber auf deren eigenem Boden stattgefunden hätte, hätte das Ganze wohl anders ausgesehen. Von Ben Gurion gibt es frühe Hoffnungen, die palästinensichen Araber dank der eigenen ökonomischen Entwicklung leicht auf die eigene Seite ziehen und absorbieren zu können. Das hat aber offenbar nicht geklappt. Im Wesentlichen betreibt Israel deshalb eine Politik im Geiste der zionistischen Revisionisten (Jabotinski) und nicht im Geiste des von Ben Gurion zumindest bekundeten Idealismus. (Vom Plan Daleth hat der ihn nicht abgehalten.)

          „ Das erste steht uns frei, beim zweiten sind wir Knechte.“

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          • Ulrich Christoph schreibt:

            Tatsächlich hatte ich an Äthiopien gerade wegen der christlichen Bevölkerung gedacht, in den Kauf nehmend, dass diese sich als nicht zuständig erklärt hätte. Ein Land jedoch, in dem „Christen und Muslime in Frieden miteinander leben können“ (s. Link), hätte möglicherweise einen immensen Zugewinn durch den Zuzug von Millionen motivierten jüdischen Einwanderern erzielt. Ohne eine angemessene finanzielle Mitgift, vorfinanziert von den Siegermächten und in der Folge von D mittels regelmäßiger Wiedergutmachungszahlungen begleitet, wäre dies eine Möglichkeit gewesen und hätte den Überlebenden und ihren Nachkommen die heutige Mausefalle ersparen können. Genug „herumgesponnen“.
            Wenn ich mich recht erinnere, stammt dieser Satz von Robert Musil aus dem Anhang seines Großromans: „Eine bessere Organisation der Menschheit ist nur von der Selbstlosigkeit zu erwarten“. Also eine aussichtslose Sache.

            *https://www.welt.de/kultur/article3975015/Aethiopische-Christen-sind-Judenchristen.html

            NB: Auch in der WELT stellte man sich die Frage „Was wäre wenn“:
            „Was, wenn es die USA nicht gäbe?“
            https://www.welt.de/debatte/kommentare/plus192235241/Unabhaengigkeitskrieg-Was-waere-wenn-es-die-USA-nicht-gaebe.html

            Die Folgesätze gaben mir keinen Anreiz, die Paywall zu erklimmen.

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            • Pérégrinateur schreibt:

              „Eine bessere Organisation der Menschheit ist nur von der Selbstlosigkeit zu erwarten“. – Das ist wohl eine Illusion. Das erste Lamm, das sich friedfertig neben einen Löwen legt, wird gefressen. Die Schwachen leiden, weil sie es müssen, und die Starken tun, was sie wollen, weil sie es können, immer noch wie bei Thukydides.

              Staaten’stehen im Naturverhältnis zueinander, und man weiß, wie die Evolution abläuft. Das Völkerrecht und insbesondere diese UNO-Spielereien sind nur Fassade, die den nicht wirklich souveränen Vasallen-Staaten einen tröstlichen Anschein von Sicherheit und allen einen von Rechtschaffenheit vorspiegelt. Die UNO hält nur deshalb, weil sie den Starken eben keine Restriktionen auferlegen kann, wenn die nicht wollen. Sonst würden die alle offen und nicht nur larviert ihrer Wege gehen.

              Natürlich findet man immer genügend ideologische Watte, die man dem naiven Publikum vor die Augen binden kann: „Friedenserzwingende Einsätze“, „responsibility to protect“ usw., genau genommen sind ja schon die heutigen „Verteidigungsminister“ ein lachhafter Euphemismus. Das zieht aber, weil das Publikum es ja gar nicht so genau wissen will, es bekäme ja davon Angst; da doch lieber den bekannten Affen machen.

              „Der Mensch denkt sich den Sinn hinein,
              Wenn er die Weltgeschichte liest,
              Weil er zu feig ist, ihren grausen
              Willen kühn sich selber zu gestehn.“

              [Dietrich Grabbe, vermutlich im „Herzog Theodor von Gotland“]

              ――――――――

              Mir ist immer zum Lachen zumute, wenn ich diese Verschwörungsgläubigen sagen höre, der New Yorker Anschlag sei ein “inside job” des US-amerikanischen tiefen Staates gewesen. Der beste Gegenbeweis ist doch, dass nach Umfragen noch heute 30–40 % der amerikanischen Bevölkerung glaubt, Ben Laden und Saddam Hussein hätten unter einer Decke gesteckt. Sie glauben es, weil man es ihnen oft genug erzählt hat, obwohl es heute propagandistisch gar nicht mehr besonders nützlich ist und deshalb kaum wiederholt wird.

              Wozu sollte man also irgendwelche Aufdeckungsrisiken durch verschwörerische Erzeugung eines Kriegsvorwandes eingehen? Wenn nur die ideologische Herrschaft über die Köpfe gewahrt ist, dann geht schon damit fast alles. Deshalb ist ja auch Herr Assange ein so fürchterlich böser Mensch. Dass das damals ans Licht gebrachte Hubschrauberattackenvideo gefälscht wäre, behauptet niemand, die seriöse Presse stimmt dagegen gerne die Klage an, er habe den Falschen genützt. (Darauf, dass er es mit der Wahrheit tat, kommt man dabei weniger zu sprechen; man will eben selbst „hilfreich“ sein und schmäht die nicht Hilfreichen.)

              In den Zeit des aufkommenden Absolutismus hatte ein Staat mit einem stehenden Heer einen großen Vorteil, heute hat es unter den demokratischen einer, der verlässlich über die Köpfe der eigenen Bevölkerung herrscht. Das Nötige dazu kann man bei den Klassikern von Propaganda und Public Relations aus den 1920ern nachlesen. Erst muss man die Dummköpfe auf die eigene Seite ziehen und moralisch „anheizen“, dann traut sich schon kaum ein Klügerer mehr, etwas einzuwenden. Irgendwie kennt man das doch auch im Hier und Heute, oder?

              ――――――――

              Zur Paywall: Wenn ich gelegentlich mal auf die Zeit -oder Spiegel-Website komme, fällt mir regelmäßig auf, dass es nach den freien Teasern zu urteilen anscheinend gerade die Volkserziehungsartikel sind, die besonders häufig hinter der Paywall stecken. Sind die Redaktionen so wenig zweckrational oder gibt es ein erkleckliches Publikum, das sich gerne in den Gerechten Zorn gegen die Bösen hineinsteigern lassen will, so dass es für die Kesselkohle sogar willig zahlt?

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              • Ulrich Christoph schreibt:

                Zufällig las ich eben den langen Beitrag vom 28. April in Michael Klonovskys Diarium, danach Ihren letzten Kommentar, beide beispielhaft für eine illusionsbefreite Sicht, – die selbst einen Musil da und dort mal verließ. Jetzt nutze ich den Sonnenschein und bestelle meinen Garten …
                Am Abend dann „Die rattenscharfe Rechte“.

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