Die mit dem ewigen Feuer spielen

Plötzlich wurde ich alt, steinalt. Ein Blick in den Spiegel, ein graues, fahles Gesicht, zerfurcht, überlebt, verbraucht.

Es waren Worte – was sonst? –, die mich ergrauen ließen, Worte eines Gleichaltrigen, der dennoch einer ganz anderen Generation, einer völlig anderen Welt zugehört.

Kein Geringerer als Peter Thiel, studierter Philosoph, „Pionier des Digitalzeitalters“, Risikokapitalunternehmer, Hedgefonds-Manager, PayPal-Begründer, Facebook-Protagonist,  Bahnbrecher der disruptiven Ökonomie … hatte am selben Tag als ich bei Ebay – ebenfalls ein kalifornisches Start-up, das vor einigen Jahren PayPal geschluckt hatte – (leider vergeblich) auf ein Konvolut Heidegger-Bände geboten hatte, in der NZZ ein bemerkenswertes Interview gegeben, daß mich ins Mark erschütterte und mir, und meiner Welt, unsere Überlebtheit spüren lassen hat.

Thiel verkörpert die Welt der „Unternehmer, Investoren, Innovatoren“, der „unglaublichen Geschwindigkeit“, der Disruption, also jener ökonomischen Ideologie, die gänzlich unökonomisch argumentiert, die alles Gewesene gnadenlos zerstören will, die alles Neue derart gestalten möchte, daß es keine Vorgänger, keine Geschichte, keine Tradition mehr gibt. Thiel steht für den totalen Akzelerationismus. Sein gesamtes Denken ist dem Geschäft gewidmet, nur was Geschäft ist, ist überhaupt: vendo ergo sum, mereo ergo sum.

Er nennt sich selbst: „Venture Capitalist – schwinden die Geschäftsmöglichkeiten, schwindet auch mein Interesse“, denn dann würde es auch intellektuell dürftig. Alles, was nicht im Geschäftlichen denkt, ist den Gedanken nicht wert. Zweieinhalbtausend Jahre Denkgeschichte werden mit einer Geste und ohne auch nur den Versuch der Begründung – auch das ein Ergebnis dieser Geschichte: daß Argumente nur dann Geltung haben, wenn sie hergeleitet werden können – hinweg gewischt. Diese Geste ist die reine und absolute Macht. Das Herleitungslose ist exakt die Definition der Disruption.

Dabei verteidigt Thiel noch nicht mal die Idee der Disruption als solche, sondern beklagt, daß die „wirklich guten disruptiven Ideen ausgeschöpft“ wurden. Wir leben nach seiner Auffassung längst schon im Posthistoire und Geschichte ist nichts anderes, als eine der permanenten disruptiven Revolutionen. Ihr kategorischer Imperativ ist kein Wert mehr, sondern ein Tun, die Kreativität. Entgegen aller Weisheitslehren verkündet dieser Anti-Buddha: Kreativ sind die, die den Tod erfolgreich verdrängen.

Mehr noch, diejenigen, die den Tod besiegen. Das ist das Endziel dieser Utopie: den Tod überwinden, unsterblich werden. Die letzte große Grenze soll eingerissen werden. „Die guten Leute werden nicht durch morbide Gedanken oder die Existenzangst nach Martin Heidegger motiviert. Sie tun etwas vielmehr darum, weil sie es tun wollen, und die Perspektive, ein ganzes – unendliches – Leben alles Mögliche tun zu können, spornt sie umso mehr an. Umgekehrt haben die, die sich vor dem Tod ängstigen, nicht unbedingt einen besseren Zugang zur Wirklichkeit oder mehr Biß. Denn Angst hemmt. Ich denke, Menschen, die von Existenzangst besessen sind, sind am Ende viel weniger produktiv.”

Aber welche Produktivität soll das sein? Sie muß doch auf der Produktivität ihrer Vorgänger beruhen! Aber für die Leistung der Ahnen hat er nur ein „Bullshit!“ übrig. „Stoiker zum Beispiel sind besessen vom Tode. Ich bin jedoch das Gegenteil eines Stoikers, ich verabscheue die Ruhe und habe auch nicht im Sinne, auf dem Land zu leben und über die Umgebung zu meditieren. Und ich bin ebenso wenig ein Epikureer, der angesichts des Todes folgert, daß er am besten jeden Augenblick genießt, weil das Ende ihn stets ereilen kann. Bullshit! In Firmen, die stoisch oder epikureisch ticken, würde ich, ehrlich gesagt, keinen Cent investieren.“

Ich – ein unvollkommener Stoiker – stehe vollkommen wehrlos vor diesen Worten! Sie unterminieren alles, was mein Wesen und Sein bisher ausgemacht hat. Wenn Thiel von Leben spricht, dann meint er das ewige, das intensive, das kreative, aber nicht im Jenseits, sondern hier und jetzt. Wenn ich von Leben spreche, dann meine ich das Leben an sich, seine Bahn, seine Vergänglichkeit, aber auch das leben und leben lassen, dann meine ich die Freude am Gesang des Vogels in meinem Garten oder die seltene Blume, die sich dort ganz von selbst angesiedelt hat, dann meine ich den Wald und dann meine ich den ewigen Kreislauf von Werden und Vergehen.

Aber für Menschen wie Thiel ist „Altern eine Art Krankheit“ und Tod ein Gebrechen, von dem man geheilt werden müsse, und Weisheit – die letztlich immer in der bejahenden Akzeptanz dieser natürlichen Konstante bestand – ist für ihn ein sinnloses Unterfangen, weil er sie ja doch nie erlangen könne. Geld und Macht aber, das sind Substanzen, die man finden und sogar erfinden kann.

Es ist nicht zuletzt diese Verve, diese Selbstverständlichkeit, mit der der alte junge Mann das vorträgt, die mich erschlägt. Mein liebevoller Blick über mein Heidegger-Regal wirkt unter seinen Augen verstaubt und altbacken und so grau wie die Bände der Werkausgabe. Wenn er recht haben sollte, wenn aus ihm tatsächlich eine Wahrheit oder zumindest das Begehren kommender Generationen sprechen sollte, dann wird es wohl stimmen: Heidegger ist tot, aber auch Nietzsche, Meister Eckhart, Seneca, Sokrates, Buddha … die Inspiratoren meines kleinen Lebens, sind alle tot und werden in ein paar Dekaden vergessen sein, es sei denn, irgendein Freak findet in ihnen eine noch unbekannte disruptive Idee.

Auch daß dieser Idiotismus so klug daher kommt, erschreckt mich. Da hat jemand tief gedacht und ist auf Lösungen gestoßen, die mir bislang undenkbar schienen. Und damit wird er die Jugend infiltrieren. Tatsächlich sind die großen global player, die Facebook, Ebay, WhatsApp, Amazon, Google, PayPal, Spotify, Twitter, Youtube und wie sie alle heißen, diese virtuelle Wirtschaft, die – so meine naive Auffassung – verschwinden müßte, wenn man nur den Stecker zieht, die wahren Akteure unserer Zeit. Sie sind längst an der Macht, sie bestimmen, zensieren, lassen existieren und vernichten, wen sie wollen. Leute wie Thiel haben reale Macht!

Und schließlich verunsichern mich auch diese seltsamen Widersprüche. Wie kann dieser Antipode meines Seins meine Positionen vertreten. Seine Analysen zur Politischen Korrektheit sind haarscharf. Politisch ist dieser Mensch konservativ, unterstützt Trump, versteht ihn besser als tausend Mainstream-Journalisten. Einerseits. Andererseits macht er auch den amerikanischen Präsidenten zu meinem Erzfeind und zwar aus konservativem Denken heraus, nicht aus linker Kritik, wie wir sie tagtäglich tausendfach um die Ohren geschleudert bekommen.

Wiederum steht er scheinbar voller Unverständnis vor den einfachsten, fast kindisch-naiven dialektischen Zusammenhängen, die man ob ihrer Offensichtlichkeit gar nicht mehr erwähnen mag. Daß das Zeitalter der Software vorbei sei, scheint ihn zu überraschen, nun stünde die Expansion im Bereich der „digital aufgerüsteten Hardware“ bevor, also der Verschmelzung der Körper mit dem Unkörperlichen. Er sieht einerseits, daß „die Ökonomie digitaler Plattformen“ sich erschöpft, daß sie unser Leben – entgegen der Heilsversprechen – nicht erleichtert, sondern entseelt und verkompliziert hat, aber ein Zurück scheint ihm undenkbar.

Und er begreift nicht den primitiven Gedanken, daß Software immer Kommunikation erzeugt, aber Kommunikation definitorisch erschöpfbar und gerade nicht unendlich ist. Unser kommunikatorischer Radius ist durch unsere „biologische Software“ stark begrenzt. Wir können sie vielfältig variieren, ihre programmatischen Grenzen ausloten, aber wir können nicht jenseits davon kommunizieren. Das ist so offensichtlich und nahezu simpel, wie auch der Gedanke, daß Intensität und Innovation – wenn der Rausch vorbei ist – nicht „die guten, sondern die gierigen Leute“ anzieht und also erstickt wird. Es gibt kein ewiges Feuer.

Aber eines wurde mir klar! Diejenigen, die mit dem ewigen Feuer spielen, sind meine Feinde. Man muß sie hineinstoßen.

Bevor der Mensch unsterblich wird, muß er sterben. Wenn nicht von selbst, dann mit Sterbehilfe.

siehe auch:

Warum das Ende naht

Ist Sterben noch modern?

Selbstüberholungen

Intensität – ein Kryptodialog

 

10 Gedanken zu “Die mit dem ewigen Feuer spielen

  1. Alexander L. schreibt:

    Ich empfehle allen und insbesondere dem Autor, dieses Interview von Eric Weinstein mit Peter Thiel. Ersterer ist mir seit längerer Zeit sehr sympathisch und hier erfährt man auch von Thiel einiges, was man ihm vielleicht nicht zugetraut hätte.
    Die zentrale Frage, die Weinstein umtreibt und in ihrer Konsequenz vielleicht wirklich alle anderen Fragen erübrigt lautet:
    „Does something unprecedented happen when we finally learn our own source code?“

    Seidwalk: Sie haben den Link vergessen. Ist es der hier?:

    Alexander L: und hier natürlich der fehlende Link: https://www.youtube.com/watch?v=nM9f0W2KD5s

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  2. Absalon von Lund schreibt:

    Peter Thiel lebt in einem anderen Bezugssystem als SIe und ich. Wie kann ich das am besten beschreiben: Peter Thiel ist der Millionste Hase, der nicht begreift, daß der Igel immer schon da ist. Der Ewige ist immer schon da und Jesus lebt tatsächlich. Bleiben wir deshalb auf der Frequenz des Ewigen, dem Ruhepuls, und achten wir nur auf unsere Stacheln, damit wir die anderen nicht verletzen. In aller Gelassenheit!

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  3. Michael B. schreibt:

    seidwalk, warum immer diese Zerfleischung…

    Thiel ist ganz interessant, schwuler nicht uneinflussreicher Millio-/Billio-/irgendwasnaer Unterstuetzer von Trump im sonst stocklinken Silicon-Valley Mainstream (auch wenn er selbst sich nicht mehr als zugehoerig definiert). Ist doch schon etwas. Seine Auffassungen sind nicht neu, das ganze o.g. Geschwaetz zu Unsterblichkeit, technologischen Singularitaet etc. gibt es schon ewig – i.Allg. von Leuten mit eher weniger – aber doch oefter ungleich Null – technischem Sachverstand.
    Von Geschaeften hat dann auch Thiel mehr im kleinen Finger als Legionen meiner Art, von den mathematisch-naturwissenschaftlich-technischen Grundlagen verstehe ich, aehnlichen Jahrgangs und in seinem Substrat ebensolange unterwegs, sicher mehr als er. Auch fuer geldliche Visionen hat es da durchaus gereicht, ich (und nicht nur ich) wusste z.B. Ende der Neunziger intuitiv sofort mit dem Aufkommen von Google, was das wert ist (unmittelbar und mit Verstaendnis des Kerngedankens mathematischer Objektivitaet (PageRank) genutzt und fuer schwer genug befunden). Bei einem der Vorgaenger – Yahoo – ebenso zur dafuer richtigen Zeit das Gefuehl fuer Geldanlage. Nur war das Geld nicht da – und letztlich eben auch eine Staerke des Interesses der Art nicht, die dahingehend tatsaechlich handlungsleitend wird.

    Was man auch sagen muss, die ‚virtuelle Welt‘ ist natuerlich nicht einfach Facebook und Konsorten. Ich begreife heute noch nicht – selbst bei Einbeziehung einiger Vermutungen zu Verbindungen zum deep state nicht – warum sich so viele nicht unmassgebliche Teilbereiche dieser Industrie ueber Erfolg oder Misserfolg in einer Sache wie Werbung definieren – das ist so derart untermassig, um einmal wie ein Angler zu reden. Wir sind die Moeglichkeit der Nutzung von Computern betreffend einmal ganz anderes angetreten. Ist auch noch da dieser Zugang, aber wo die Menge des Geldes hinfliesst, ist irgendwie morbid faszinierend.

    In der Summe, ich tue mich mit dem Thiel zusammen, wenn es passt. Genauso wie mit bibelfesten Christen, die in unendlicher Einfalt Atheisten oder aehnliche Arten von Agnostikern als irgendwie spirituell behindert/weisse Blaetter definieren meinen zu muessen, wie letztlich mehrmals auch hier in den Kommentaren dieses blogs vorgekommen. Ich unterhalte mich auch mit den staubtrockenen savantartig belesenen Juengergrueblern vom Schlag der Kubitschekschen Sezessionskommentatoren (sofern die mal aufsehen) und aehnlichen mir nur bedingt nahestehenden Interessen. Alles nicht wichtig, ein paar Kernprobleme werden von allen diesen Seiten in meinem Sinn interpretiert – und ueberhaupt erst einmal in ihrer Existenz anerkannt – und ich arbeite mit diesen Kraeften solange, bis das geloest ist. Dann kann man weitersehen.

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    • Pérégrinateur schreibt:

      Guter Punkt. Vor inzwischen Jahrzehnten geriet ich mal ins Gespräch mit einem Achtundsechziger, damals schon geläutert, denn er trug das folgende recht spöttisch vor. An seinem Studienort wurde eine Demonstration gegen ich weiß nicht mehr was vorbereitet. In der Vollversammlung zuvor kam es zu ernsten Streitereien zwischen den verschiedenen Politiksekten, indem man entsetzt feststellte, zwar dagegen zu sein, aber aus ganz verschiedenen Gründen. Es gab deshalb dann getrennte kleinere Demonstrationen.

      In solche Fallen der ideologischen Reinhalt sollte man nicht gehen. Die Reservatio mentalis und auch verbalis bleibt einem natürlich, solange man nicht zum Parteipolitikaster wird und allezeit vorbehaltlos vor, hinter und für irgendetwas oder irgendjemanden steht.

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  4. photocreatio schreibt:

    Ein echter „Karfreitags“-Text. Es ist interessant, dass etliche „Silicon“-Männer, abgesehen von Kohle in Stiftungen packen, sich mit der Verlängerung der eigenen Endlichkeit befassen mit dem finalen Ergebnis, die Ewigkeit in die eigenen Hände nehmen zu können, wie es ja mit der eigenen Software ja auch prima geklappt hat.
    „Unser Leben währet siebzig Jahre, und wenn’s hoch kommt, so sind’s achtzig Jahre, und was daran köstlich scheint, ist doch nur vergebliche Mühe; denn es fähret schnell dahin, als flögen wir davon.“ Diese Weisheit, ja, letzte Wahrheit, schafft Gelassenheit. Die Thiels dieser Welt suchen an der verkehrten Stelle. – Grade heute und jetzt zur Todesstunde: wir wissen, was am dritten Tag geschieht und kennen schon das „happy end“.

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  5. Ulrich Christoph schreibt:

    Die thielische Unsterblichkeit, zu Ende (sic) gedacht, dürfte sich, einmal realisiert, als satanische Singularität erweisen. Thiel, Kurzweil und ihre Follower werden sich wundern; sie sind in Wahrheit auf der Suche nach der verlorenen Zeit, und wiederfinden könnten sie sich in einer höllischen Komödie.
    Unsterbliche, von KI gesteuerte menschenähnliche Wesen sind der Traum dieser kalifornischen Propheten. Verdrängung pur. Ein Gemisch von scharfer Intelligenz, Geld und fünfundzwanzigjähriger Erfahrung erfolgreicher biologischer und digitaler Geschäftigkeit verhilft zu soliden utopistischen Wahnvorstellungen. Für ihre spätere – wenigstens literarische – Unsterblichkeit würde es es die Kombination eines Dante mit Monty Python brauchen.
    „Leute wie Thiel haben reale Macht.“ Hier ist der Schlüssel, es geht den neuen Alchemisten nicht um die Singularität sondern um die Beherrschung der von ihnen verachteten Sterblichen. Epikur und Sextus sind ihnen hinderlich. Marx und Lenin haben versagt. Und es geht auch darum, diese innere Stimme zum Schweigen zu bringen, die ständig flüstert: „Wer ist schneller, mein Genie – oder der Tod?“
    Liest man in Stanislaw Lems „Golem“, kann man sich eines Schauders nicht erwehren. Thiel und Kurzweil lesen oder hören verursacht eher eine leichte Übelkeit, ähnlich wie bei Fourier, über den Baudelaire schrieb: „Fourier kam eines Tages recht pompös daher und wollte uns die Geheimnisse der Analogie enthüllen. Ich leugne nicht den Wert einiger seiner minuziösen Entdeckungen, obgleich ich glaube, daß sein Kopf zu sehr in sachliche Exaktheit verliebt war, um nicht Fehler zu begehen um auf einen Schlag die innere Gewissheit der Intuition zu erlangen (…)“; – man ersetze Analogie durch Singularität – und man hat Leute wie Thiel.

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    • willanders schreibt:

      „…die Kombination eines Dante mit Monty Python“ – eher ein Frankenstein, der sich im „Und täglich grüßt das Murmeltier“ (Groundhog day) verlaufen hat. Ich habe das Interview vor einigen Tagen gelesen und meine spontane Reaktion war: Wie furchtbar! Ein armseliger Mensch. Es ist doch nur die nächste Folge der unendlichen und unsterblichen Menschheits-Seifenoper „Wie kaufe ich mir mit meinem Reichtum ein ewiges Leben“. Hier mit einer kleinen Variation: homosexueller Mann. Alle, alle diesbezüglichen Versuche sind gescheitert, manche gar in einer Katastrophe geendet.

      Ich war gestern mit meinen beiden kleinsten Mädchen auf dem Spielplatz und musste – während die beiden Wonneproppen das wohl hundertste Mal mühsam den Hugel hochkletterten um dann für wenige Sekunden glücklich die Rutsche runterzugleiten – an das Interview denken. Und mir kam in den Sinn: Ich würde diesen Augenblick für keine 120 Jahre eines transhumanoiden Milliardärs eintauschen! Das, meine Kinder, ist meine Ewigkeit. Der Blick in die glücklichen Kindergesichter ist auch mein Glück. Ein Glück, das man für keine materiellen Reichtümer der Welt kaufen kann. Das kann aber niemand begreifen, der sich sein Leben lang nur um sich selbst, sein Vermögen, sein „Image“, sein Ego dreht, begreifen. Niemand, der an die nächsten 120 Jahre denkt, lebt im Heute. Aber nur im Jetzt ist das Glück zu finden.

      Gerade die von Thiel so abgelehnten Epikureer und Stoiker sind es, die ich für mich als Schlüssel zu meinem Glück gefunden habe. Eine Hochschule auf diesem Weg war mein Studentenjob in einem Altersheim für ziemlich betuchte Leute. Dort habe ich mehr gelernt, als ganze Bibliotheken zum Thema zu lehren vermögen. Diese Alten haben in ihren Leben niemals materielle Not gekennengelernt. Und dennoch habe ich in all den Jahren, niemanden dort getroffen, der gesagt hätte: Ich bin so glücklich, noch am Leben zu sein. Im Gegenteil, ich habe selten so viele unzufriedene Menschen auf einem Haufen getroffen. Die Abfalleimer bei viele der Bewohner waren an jedem Morgen vollgestopft mit leeren Wodkaflaschen.

      Man könnte jetzt argumentieren: Ja klar, weil sie eben natürlich alt geworden sind – mit all den gesundheitlichen Begleiterscheinungen des Alters, wenn man aber all die Gebrechen eliminiert, dann sieht es eben gaaanz anders aus. Meine Antwort lautet nein. Ihr Problem waren eben nicht gesundheitliche Symptome – es gibt bunte Pillen gegen alles -, sondern Einsamkeit und der fehlende Sinn des Lebens. Und jetzt stelle ich mir ein Altersheim voller Ultrareicher mit ihrem Chip im Kopf, mit ihren jugendlichen Körpern… Brrrr!

      Man sollten jeden, der solche Ideen ausbrütet, für ein Praktikum in ein Altersheim schicken. Das kuriert jeden Morbus Algorhythmis. Wie Stanislaw Lec so schön sagte: „Die Uhr schlägt. Jeden.“

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      • Michael B. schreibt:

        > Altersheim für ziemlich betuchte Leute
        > es gibt bunte Pillen gegen alles

        Das halte ich nun doch fuer ueberzogen. Bei aller berechtigten Kritik am Unsinn dieser Transhumanismusentwuerfe: Eigene Kenntnis der nicht ganz umsonst so genannten schweren Krankheiten moechte ich doch einmal nahelegen (nicht wuenschen). Dann relativieren sich arm/reich-Betrachtungen und sicher auch die Meinung zum Verhaeltnis von Gesundheit zu Fragen des Sinns des Lebens.
        Auch Altersheime fuer Arme sind uebrigens keine Brutstaetten des Glueckes, wie ich aus meiner eigenen Familie aus erster Hand bestaetigen kann.

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  6. Bewußt provoziert? – oder ging’s nicht anders?

    „Mein liebevoller Blick über mein Heidegger-Regal…“ – doch gewisse Ausläufer eines synthetischen Glaubens?

    „Heidegger ist tot, aber auch Nietzsche, Meister Eckhart, Seneca, Sokrates, Buddha … die Inspiratoren meines kleinen Lebens, sind alle tot“ – eine Aufzählung von Glaubenshelden? Helden des „Rationalitätsglaubens“?

    Jesus lebt…übrigens.

    „Bevor der Mensch unsterblich wird, muß er sterben. Wenn nicht von selbst, dann mit Sterbehilfe.“

    Eine ur-biblische Aussage, ganz und gar Jesus von den Lippen gelesen:

    „Amen, amen, ich sage euch: Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und stirbt, bleibt es allein; wenn es aber stirbt, bringt es reiche Frucht. Wer sein Leben liebt, verliert es; wer aber sein Leben in dieser Welt gering achtet, wird es bewahren bis ins ewige Leben.“

    Offensichtlich kommt man auch auf diversen anderen philosophischen Wegen zu denselben Erkenntnissen, die Jesus unter die Leute brachte…was nicht wirklich verwundern kann.

    Ein guter Text, und ein anregender dazu. Also wieder alles richtig gemacht!

    PS.:

    „diese virtuelle Wirtschaft, die – so meine naive Auffassung – verschwinden müßte, wenn man nur den Stecker zieht, die wahren Akteure unserer Zeit. Sie sind längst an der Macht, sie bestimmen, zensieren, lassen existieren und vernichten, wen sie wollen.“

    Das ist aber sowas von leicht zu widerlegen….help me, Rhonda. Denn: es kann doch JEDER persönlich JEDERZEIT alle Stecker ziehen! Dann gibt es für ihn/sie kein Facebook, keine Überachung, kein Garnichts mehr…nur das Hier und Jetzt!!

    Daß man es flächendeckend NICHT tut, sondern mitmacht, zeigt doch nur, daß man in selbstgebauten, geistigen Gefängnissen sitzt, deren Türen man nicht öffnen kann…weil man nicht einsieht daß man gebunden ist…

    …Eitelkeit! (Meine Zugriffszaheln!)

    …Sendungsbewußtsein (quasi-religiös)

    …Dabeisein wollen!

    …Bequemlichkeit!

    …Egoismus!

    …Kulturpessimismus bei gleichzeitigem Vollbeteiligung an sämtlichen kulturellen Erscheinungen der Moderne!

    …Besitz- und Machtstreben (entrepreneurs im Netz, zB)

    Das Netz verstärkt und beschleunigt alles Menschliche, Kommunikation und Charakterfehler wie auch Charakterpositiva. Es hat keinerlei moralische Komponente, es ist wertfrei zu betrachten, einzig werturteilsbefähigt ist der nutzende, die Dinge auslebende Mensch, und das war auch schon 1550 so, als der Buchdruck richtig in Schwung kam…

    Es gibt doch bereits Aussteiger in Massen, local heroes, die wissen, daß es auch OHNE Elektrizität gehen kann…nichts für ungut!

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  7. Pérégrinateur schreibt:

    Über andere Temperamente und die diesen regelmäßig folgenden Einstellungen zu hadern, ist ziemlich sinnlos. Keiner kann seine körperliche Natur transzendieren noch seine seelische Konstitution ändern. Ein amüsanter Film dazu:

    https://de.wikipedia.org/wiki/Mein_Onkel_aus_Amerika

    Thiel scheint ein Liberaler alten Stils (19. Jahrhundert) zu sein, das geht sehr gut mit politischem Konservatismus zusammen, weil für einen solchen der Umverteilungs- und Regulierungsstaat heute der Hauptgegner sein muss. Er tritt etwas eifernd für die schumpetersche kreative Zerstörung ein und lugt auch ein bisschen auffällig aufs diesseitige ewige Leben, wohl weil er ein Gläubiger der Realtranszendenz nach liberalem Gusto ist, die vom Stammvater Condorcet herkommt.

    Es wird ihm aber so gehen wie jedem Transzendenzgläubigen, schön beschrieben von Charles d’Orléans an einem anderen rastlos Stöberndem und Wuselnden, der eben auch nicht anders konnte und wollte.

    ――――――――

    Rondel 84/CLXVII

    Pres la, briquet au pendantes oreilles !
    Tu scez que c’est de deduit de gibier ;
    Au derenier tu auras ton loyer
    Et puis seras viande à corneille.

    […]

    ――――――――
    Bei Fuß, Bracke mit den Hängeohren!
    Du weißt, was für ein Spaß das Waidwerk ist;
    Zuletzt bekommst du dein Gnadenbrot
    Und dann wirst du ein Krähenfraß.

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