Pikanterien

„Pikant“ war zu DDR-Zeiten ein Zeigerwort. Wo es draufstand, da gab es in der Regel „Delikatessen“ – noch so ein Wort.

Es beschrieb ein geschmackliches Zusammenspiel aus Scharfem (definitorisch) mit Saurem und Salzigem. Selbst als Titel eines legendären Kochbuches aus dem „Verlag für die Frau“ – mein Gott, was waren wir „rassistisch“ – konnte es herhalten. Oft kamen die entsprechenden Konserven aus Ungarn.

Auch heute stammt Pikantes oft aus Ungarn.

So haben uns heute Morgen gleich mehrere Presseerzeugnisse unserer nicht gleichgeschalteten Blätter mit der Nachricht versorgt, daß Hans-Georg Maaßen in einem Fernsehinterview die Migrationspolitik der Kanzlerin „scharf“ – was sonst? – kritisierte.

Das „Pikante daran“, beteuern sie alle, liege in der Tatsache, daß Maaßen dieses Interview in Ungarn gegeben habe.

Ich zitiere die „Welt“: „Pikant an dem aktuellen Interview ist, daß Maaßen es einem zu einer staatlichen ungarischen Medienholding gehörenden Fernsehsender gab, der als Propagandasender für den nationalkonservativen Regierungschef Viktor Orbán gilt.“

Ich zitiere „Focus“: „Pikant an dem aktuellen Interview ist, daß Maaßen es einem zu einer staatlichen ungarischen Medien-Holding gehörenden Fernsehsender gab, der als Propagandasender für den nationalkonservativen Regierungschef Viktor Orban (sic!) gilt.“

Ich zitiere die „Sächsische Zeitung“: „Pikant an dem aktuellen Interview ist, daß Maaßen es einem zu einer staatlichen ungarischen Medien-Holding gehörenden Fernsehsender gab, der als Propagandasender für den nationalkonservativen Regierungschef Viktor Orban (sic!) gilt.“

Ich breche die Zitation ab. Prinzip erkannt, oder? Man verläßt sich auf DPA – keine gute Wahl bei Skandalisierungen; auch dort schreiben nur Menschen.

Nun: Man erkläre mir, was an dieser Tatsache „pikant“ ist. Ja, „M1“ ist ein staatlicher Fernsehsender, ja, er verbreitet sehr viel – aber immerhin stets schön anzusehende – Propaganda. Das einzusehen gehört zur Wahrheitsliebe dazu.

Der Unterschied zum deutschen Fernsehen liegt nur in der Art der Propaganda, mehr nicht – und in den weniger schön anzusehenden Sprachrohren. Propaganda erkennt man sehr oft daran, daß dem politischen Gegner Propaganda vorgeworfen wird.

Nichtsdestotrotz: wo, bitte schön, liegt der Skandal, wenn der ehemalige und unfein geschaßte Chef des Verfassungsschutzes ein Interview in einem staatlichen Fernsehsender eines anderen EU-Landes gibt? Mir fehlen hier die Geschmacksporen. „Pikant“ ist hier selbst Propaganda pur.

Von mir aus kann Maaßen oder jeder andere auch im nordkoreanischen Fernsehen, bei „FOX-News“, bei „RT“, bei „Telesur“ (Venezuela) oder bei „Монголын үндэсний олон нийтийн радио телевиз” Interviews geben. Ich würde diese stets nach dem Inhalt bewerten und nicht nach dem Logo rechts oder links oben.

Wirklich pikant ist hingegen – scharf und mit bitterem Beigeschmack –, daß Maaßen dieses Interview so nur in Ungarn und nicht bei der ARD oder dem ZDF geben kann!

4 Gedanken zu “Pikanterien

  1. Tommy schreibt:

    Zustimmung bzgl. der deutschen Medien.
    Das Interview mit Maaßen ist recht interessant, ich empfehle es, sich ganz anzuschauen. Es ist in mancherlei Hinsicht verstörend. Zum einen, weil Maaßen offenkundig von weiteren massiven Migrationswellen ausgeht, und ebenfalls von einer zunehmenden islamistischen Terrorgefahr. Zum anderen ist aber auch Maaßens Einstellung zum politischen Prozess meines Erachtens verstörend…die Hinwendung vieler Bürger zur AfD und generell das Abnehmen von Zustimmung zu den etablierten Parteien ist für ihn nur ein Zeichen von „Radikalisierung“, gar einer „Abwendung von der Demokratie“ (nicht etwa ein nötiges Korrekturverhalten angesichts des eklatanten Versagens des etablierten politischen Personals). Es offenbart meines Erachtens schon ein seltsames Demokratieverständnis, dass im Grunde Maaßen nur die Wahl des engen Spektrums der etablierten Parteien für legitim zu halten scheint. Dass selbst ein in manchen Fragen kritischer CDUler so denkt, ist meines Erachtens bezeichnend.

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    • Pérégrinateur schreibt:

      Maaßen ist wohl entweder vorsichtig und will das Handtuch nicht ganz zerschneiden oder er ist innerlich eingeregelt. Bei einer längeren Karriere im höheren Staatsdienst wäre keines davon verwunderlich.

      Karl Marx schreibt irgendwo, die anglikanische Kirche würde lieber auf 38 ihrer 39 Glaubensartikel verzichten als auf ein 39stel ihres Einkommens. Etablierte Parteien meinen immer, die verfügbaren Posten, Subsidien und Verantwortlichkeiten dürften nur unter ihnen aufgeteilt werden. Untereinander Schaugegner oder allenfalls Gegner, Feinde aber gegen jeden Neuling. Wer, der ihn kennt, mag sich also gegen den reißenden Löwen stellen?

      Den Unwillen, sich auch nur innerlich den Neuen zuzuwenden, selbst wenn man den Etablierten misstraut, selbst wenn Karriere-Rücksichten gar nicht ins Gewicht fallen, sehe ich übrigens auch häufig um mich herum. Verlorene klammern sich oft reflexhaft an Dinge und alte Gewissheiten, statt sich freizuschwimmen und ein besseres Ufer zu suchen. Die zahlreichen Milieu-Konformisten können sich ohnehin nicht selbständig fundamental umorientieren.

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  2. lynx schreibt:

    Das Pikante daran? Maaßen outet sich als Mitglied der Fraktion „Rentnerparadies Ungarn“, wo man sich ungehemmt den Freuden der „Mixed Pickles“ der 60er Jahre hingeben kann, mit freundlicher Unterstützung der EU. Warum diese Erkenntnis aber eine Skandalisierung sein soll, erschließt sich mir nicht. Wirklich pikant ist es auch nicht, eher säuerlich. Und merkwürdig. Man schmeißt alle möglichen Gemüse zusammen, überbrüht sie mit würzigem Essigsud, sperrt sie in ein Glas – und das ganze wird haltbar. Doch wer ist jetzt das Gemüse, was der Sud usw. Nachdenk…

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  3. Pérégrinateur schreibt:

    Es haben eben alle denselben Stich, das macht es pikant. Die primäre Feindschaft gegen die es äußern invalidiert das Argument, das lehrt anscheinend der Grundkurs Logische Propädeutik in der Ausbildung zum Journalisten.

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