Wär ich ein Tor

Wer Ungarisch lernt, stößt vielleicht auf das Lied „Ha én rozsa volnék“. An ihm kann man nämlich wunderbar den Konditional lernen – ich hab´s gleich auswendig gelernt –, der ausnahmsweise sogar einfach zu bilden und zu begreifen ist. An das Verb wird die Endung -nék angehängt und die braucht dann nur noch konjugiert zu werden.

„Ha én rozsa volnék“ heißt also „wenn ich eine Rose wäre“.

Das Lied ist in Ungarn weltbekannt! So auch sein Schöpfer Bródy János oder, nach deutschem Usus: János Bródy – die Ungarn lieben es, alles umzudrehen. Viele bekannte Künstler haben es im Repertoire u.a. Zsuzsa Koncz, die ostdeutsche Leser reiferen Datums ganz sicher noch als Stammgast bei „Ein Kessel Buntes“ kennen.

Die Idee des Liedes ist einfach: das lyrische Ich stellt sich vor, etwas anderes zu sein und was es dann tun oder sein würde und besingt diesen Traum in nahezu liturgiehafter Monotonie.

Zum Beispiel eben eine Rose, dann würde er/sie nicht nur ein Mal, sondern gleich vier Mal blühen, also zu jeder Jahreszeit.

Oder ein Tor:

„Wär ich ein Tor, stünde ich immer offen,

Woher sie auch kämen, ich würde allen Einlaß gewähren,

ich würde niemanden fragen, wer hat Dich denn geschickt,

ich wäre erst dann glücklich, wenn alle angekommen wären.“[1]

Desweiteren ein Fenster, das sperrangelweit offen stünde und die ganze Welt sichtbar machte, eine Straße, die in der Sonne badete und in sich weinend zusammenfiele, wenn Panzerketten über sie rollten, und schließlich eine Flagge, die nicht wehen will, vor allem sich nicht nach allen möglichen Winden drehen möchte.

Nun, von der seltsamen Vorstellung, eine Straße oder ein Fenster sein zu wollen – die Rose wollen wir als kulturelles Leitmotiv gern gelten lassen: Eine Rose ist schließlich eine Rose ist eine Rose –, von diesen eigenartigen Phantasien abgesehen, begreifen wir schnell, daß es um Politik geht. Das Lied stammt aus den 70er Jahren; Brody hat es seinen Landsleuten ins Gewissen gesungen, die im Gulaschkommunismus ihre Seele für einen Teller Gulasch verkauft hatten. Natürlich immer nur die anderen: gesungen, mit vorwurfsvollem Ton, dürften es alle haben – es macht ein gutes Gefühl, ein bißchen Rebell zu spielen.

Ungarn war, wie der gesamte Osten, eine geschlossene Gesellschaft, das Bedürfnis die Türen und Fenster weit aufzureißen, die Gleichförmigkeit und Linientreue anzuprangern – heute sagt man Mainstream – oder den Überfluß in karger Umwelt zu wollen, ist mehr als verständlich. Die Menschen hatten das sofort begriffen und seither singt man dieses Lied und findet es, wie eine kleine persönliche Umfrage ergab, auch noch immer gut. Heute singt man das Lied auch mit Orbán im Hinterkopf …

Kaum jemand denkt über seinen wahren Inhalt nach. Niemandem scheint der Wahnwitz der Zeilen aufzufallen, die in heutiger Zeit nahezu erschreckend klingen. Vor allem die Weltöffnungsphantasien wirken beklemmend, dystopisch und aus der Zeit gefallen – Alptraum: immer offen, allen Einlaß gewähren, niemanden fragen, glücklich erst, wenn alle angekommen wären. Aber auch die Rose, die immer blüht: sie nimmt den Traum vom endlosen Konsum, vom immer-alles-jetzt-sofort-Habenkönnen vorweg – man begreift nicht, daß Schönheit und Wert durch Seltenheit und nicht durch permanente Verfügbarkeit erst entstehen …

Diese heimliche Hymne reiht sich in eine ganze Anzahl von Nonsensliedern ein, die vor allem in den Flower-Power-Zeiten produziert worden sind und über die man nicht nachdenken darf, will man sie genießen. Es war Mode geworden, alle Grenzen einzureißen und vom totalbefreiten Paradies zu träumen. John Lennons „Imagine“ steht als Fanal und Lennon hat eine ganze Reihe solcher populistischer Titel produziert („Give peace a chance“, „Woman“), wie auch Pete Seegers, Joan Baez usw., und in Deutschland fast die ganze Liedermacherszene, Ost wie West.

Ob Grönemeyers „Kinder an die Macht“, Nenas „99 Luftballons“, Lindenbergs „Wozu sind Kriege da“ oder am radikalsten „Keine Macht für Niemand“ von „Ton Steine Scherben“, sie alle priesen die Ideologie des Grenzenlosen und der Entgrenzung; alle Brüder, alle Essen, alle gleich, alle reich – Paradies für alle. Jetzt!

Damals mögen diese Lieder gut und richtig geklungen und auch ihre Berechtigung gehabt haben – an Bródys Rose wird das offensichtlich. Doch es zeigt uns: es gibt keine ewigen Wahrheiten. Sätze müssen sich wechselnden Realitäten stellen. Was einst süß und verführerisch geklungen haben mag, klingt heute hohl und bedrohlich.

Vielleicht morgen wieder!

[1] Den ganzen Text auf Deutsch gibt es hier

3 Gedanken zu “Wär ich ein Tor

  1. Stefanie schreibt:

    Es gibt auch ein paar Flower Power Songs, die auch wechselnden Realitäten gerecht werden.
    Dieser zum Beispiel:

    (Wobei das auch an der Textvorlage liegen mag)

    Auch etliche Dylan Songs oder im deutschsprachigen Bereich vieles von Reinhardt Mey sind doch recht zeitlos. Oder man interpretiert die Intention des Liedes um: als das offene Tor könnte man sich die Meinungsschleuse and den Diskursgrenzen denken, die Flagge, die sich nicht mehr mit dem Wind dreht, könnte ein Beispiel für angestrebte Autonomie sein. Das wäre sicher nicht das, was dem multitaskendem Radiohörer an Sinn ins Ohr tropft, doch es macht das Lied für einen selber annehmbar.

    Pérégrinateur: Es liegt sicher an der Textvorlage, Koh 1,4-11, übernommen aus dem besten Buch einer sonst größtenteils liederlichen Sammlung. Ein Buch, das daran zweifeln lässt, ob es wirklich keine ewigen Wahrheiten gibt.

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    • Konservativer schreibt:

      Geehrte Stefanie

      Nachfolgend einige zeitlose Lieder (wenn seidwalk es gestattet):

      Christian Morgenstern:

      Jean Nicolas Arthur Rimbaud:

      (mein erster Kontakt mit Rinbaud)

      Die Verzweiflung englischer „Nazi-Hippies“ (diese Bezeichnung äußerte jemand in einem andern Forum, in dem ich dieses Lied vor 8 Jahren geposted hatte):

      Als letztes ein Lied aus den 80ern, welches, wie ich meine, erst gegenwärtig Realität zu werden droht:

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  2. Pérégrinateur schreibt:

    Ein gut erwogener und formulierter Gedanke hat jedoch eine längere Halbwertzeit als der Ausdruck einer bloßen Empfindung, der sich irgendwelcher bereitliegender Symbole bedient. Manche hängen jedoch sehr dicht an den Worten. Ein Bekannter von mir, der im Denkmalschutz tätig ist, berichtete einmal davon, wie sehr er manchmal zu kämpfen habe, irgendwelche vom Konzept der Offenen Kirche verhexten Kirchengemeinderäte oder Pfarrer, die deshalb am liebsten die Mauern ihrer alten Kirchen abreißen und durch Vollglasfronten ersetzen wollten, davon noch abzubringen. Mancherorts sei der kirchliche Denkmalschutz zuständig, dann geben es zuweilen keine Bremse mehr.

    In meiner Jugend diskutierte ich einmal mit Emanzipationsbewegten, die unter der Fuchtel der eben gehörten Metapher „Vergewaltigung ist Mord an der Seele“ standen. Sie leiteten aus dem Satz schlankweg ab, dass für Vergewaltigung dasselbe Strafmaß wie für Mord gelten müsse. Irgendwelche Überlegungen, welche Folgen eine solche Strafrechtsänderung auf die Konjunktur der Verdeckungsmorde haben könnte, waren ihnen selbst nicht gekommen. Oder – ein in ihrer Sicht gewiss völlig unwichtiger Aspekt – dass es hier offenbar um einen „Mord“ geht, den man in aller Regel überlebt.

    Nicht nur, dass für viele mehr die Meinungen über diese als die Tatsachen selbst ihre Gedanken bestimmen, nein, für viele sind auch noch die zufälligen anderen Bedeutungen der Worte, in denen sich die Meinungen ausdrücken, das Entscheidende.

    Das war jetzt allerdings etwas ungerecht. Denn die oben genannten Eiferinnen fassten einmal nach hitziger, aber sehr einträchtiger DIskussion untereinander über nötige Straferleichterungen hie (Abtreibung) und nötige Strafverschärfungen da (Umweltschutz) den schon vorab feststehenden Konsens mit empörter Stimme so zusammen: „Man sollte endlich mal was Richtiges verbieten!“ Die seligen Mädels erwiesen sich in der Folge, oh Wunder, auch noch als völlig ironiefest.

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