Unter fremden Völkern

Eine These

Ungarn sprechen meist über das Essen.

Italiener sprechen meist über Schönheit.

Engländer sprechen  meist über nichts.

Skandinavier sprechen meist nicht.

Deutsche sprechen meist über Geld und Schnäppchen. Oder Arbeit. Oder andere.

Das zumindest ist mein Eindruck, wenn ich jahrelanges und zufälliges Belauschen des Geredes fremder Bevölkerungsgruppen rekapituliere.

Die ideale Lauschsituation in Ungarn ist das Thermalbad. Dort stehen die Ungarn oft in kleinen Gruppen zusammen. Nicht selten generationenübergreifend. Meist sind sehr beleibte Männer dabei, mit Magyarenbart und weit aufgewölbten Schmerbäuchen. Ihre drallen Frauen tragen ohne Scham Waberbusen auf Bauchspeck zur Schau. Die Kinder oder Kindeskinder stehen nicht selten im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit. Aber wenn man eine Weile in Hörweite bleibt, dann ist die Wahrscheinlichkeit groß – auch bei schlechtem Sprachverständnis – das Wort „paprika“ zu vernehmen oder „szalámi“ oder „lecsó“ und ganz sicher „pálinka“. Gern werden Rezepte getauscht. Auch der letzte Arztbesuch ist konsequenterweise beliebtes Thema. Definitiv nichts wird man über Politik hören.

Bei den Italienern wird man schnell auf die „bellezza“ stoßen. Auch über die abbronzatura“, also über die Bräune der Haut, das Sonnenbad, kann der Italiener ausgiebig sprechen. Im Falle des Kulturitalieners mag sich das Thema auf gewisse Bereiche der Kultur erstrecken, zuerst die Körperkultur – wie schön die Italiener und ihre Frauen doch seien –, über die Mode, den Sex und die Virilität, oder, wenn man viel Glück hat, ein paar Gemeinplätze über die Musik, die Architektur etc. im Sinne von „come é bella“! Bella ist in Italien alles: le donne comunque, das Leben, die Mama, die Stadt, das Land, das Unmögliche und selbst Auschwitz.

Den Engländern ein allgemeines Gesprächsthema abzulauschen ist nicht einfach, wenn man das Allgemeine als solches nicht schon gelten lassen will. Englische Konversation läuft über – oder passender: unter – Subtexte. Man hat stets das Gefühl, ein überaus gehaltvolles Gespräch – „interesting“, „exciting“, „gorgeous“ even – gehabt zu haben, ohne im Nachhinein benennen zu können, worüber. Geheime Zeichen, Andeutungen, Ironien, Zynismen, Timbres …, die zu erlernen und zu verstehen dem Ausländer nur sehr schwer zugestanden werden, sind die Mittel der Wahl. Das bedingt perfekte Sprachbeherrschung, besonders der unzähligen Idiome. Die englische Sprache hat sich trotz grammatischer Simplizität einen enormen Reichtum an kulturell bedingten Signalen erarbeitet, die zu entschlüsseln eine wahre Lust ist – sofern man keine tiefere Bedeutung dahinter vermutet. Die deutsche brachiale Direktheit ist dem gebildeten Engländer ein Graus, den er freilich nie zeigen würde.

Die skandinavische Wortarmut ist legendär[1]. Man müßte hier noch weiter differenzieren, denn die Dänen sind in diesem Sinne weniger repräsentativ als die Norweger. Erstere sprechen viel über Arbeit und Hygge.En kop kaffe“ – diese Worte stehen zuverlässig am Beginn jeder Diskussion. Dann wird gern geklagt, zugleich aber das Glück, ein Däne zu sein und zum glücklichsten Volk zu gehören, betont. Der Norweger hingegen ist schweigsam. Karges Subjekt, Objekt, Prädikat, wenn man Glück hat. Oft nur eine Wortgruppe oder ein einzelnes Wort, aber meist Schweigen. Das dürfte der Grund sein, weshalb die Nordländer als tief und dunkel gelten, als geborene Existentialisten und Nihilisten. Kierkegaard. Strindberg. Ibsen.

Und Deutsche? Gemeint sind natürlich auch hier Kultur- und Herkunftsdeutsche. Die verstehe ich nicht …

 „Die Deutschen – man hieß sie einst das Volk der Denker: denken sie heute überhaupt noch? Die Deutschen langweilen sich jetzt am Geiste, die Deutschen mißtrauen jetzt dem Geiste, die Politik verschlingt allen Ernst für wirklich geistige Dinge – »Deutschland, Deutschland über Alles«, ich fürchte, das war das Ende der deutschen Philosophie… »Giebt es deutsche Philosophen? giebt es deutsche Dichter? giebt es gute deutsche Bücher?« – fragt man mich im Ausland. Ich erröthe; aber mit der Tapferkeit, die mir auch in verzweifelten Fällen zu eigen ist, antworte ich: »Ja, Bismarck!« – Dürfte ich auch nur eingestehn, welche Bücher man heute liest?… Vermaledeiter Instinkt der Mittelmäßigkeit! –“ (Nietzsche: Was den Deutschen abgeht)

[1] Ich kenne nur Dänen und Norweger – und einen Schweden.

siehe auch: Ungarn in Rock

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