Ungarn unter dem Mikroskop

Vor ein paar Wochen wurde hier ein Beitrag unter dem etwas provokanten Titel „Deutschland? Ein Gerücht!“ veröffentlicht. Darin wurde die Diskrepanz zwischen dem verherrlichenden Deutschlandbild, das sich in Ungarn sehr hartnäckig hält, und der aktuell-deutschen Realität, dem mehr oder weniger schleichenden Verfall des „Made in Germany“, beschrieben.

Wenig später fragte das von Max Otte herausgegebene lesenswerte Journal „Der Privatinvestor – Politik Spezial“ an, ob der Beitrag im Heft veröffentlicht werden dürfe. Dem war so. Über diese Brücke folgte bald darauf eine weitere Anfrage, diesmal von dem mir bis dato unbekannten „Deutsch-Ungarischen-Unternehmerklub“. Was tut man nicht alles für die deutsch-ungarische Freundschaft, vor allem aber für die Aufklärung. Diese Veröffentlichung brachte mir immerhin die Freude ein, einen eigenen Text in ungarischer Übersetzung lesen zu dürfen.

In beiden Sprachen wurde der Artikel online gestellt, u.a. auf einer Facebookseite, die allgemein recht ruhig zu sein scheint. Gewöhnlich kommentieren und liken dort ein paar Leute – man weiß nicht, wie viele aktiv mitlesen, vermutlich wenige.

Besagter Beitrag führte allerdings zu einer auffälligen Aktivität, es gab so etwas wie eine kleine Diskussion. Und diese Diskussion, so scheint mir, zeigt Ungarn en miniature, offenbart etwas sehr Typisches, läßt tief in dieses gespaltene Land blicken und deckt sich perfekt mit meinen alltäglichen Erfahrungen, ist also mitteilenswert.

Leider stellte sich die Übersetzung als wenig geglückt heraus. Sie ist entweder von jemandem versucht worden, der den Gehalt der deutschen Worte nicht voll erfaßte oder der zu sehr – mein Verdacht – der Übersetzungsmachine vertraut hat. Dennoch dürften die Grundaussagen deutlich geworden sein, die da lauteten:

  1. Merkels Fama strahlt in der Welt, ist in Deutschland aber längst verblaßt; 2. Sie ist damit Sinnbild der Diskrepanz zwischen öffentlicher Wahrnehmung Deutschlands und der Realität geworden; 3. Gerade in Ungarn wird man mit einer unvorstellbaren Deutschlandgläubigkeit konfrontiert, 4. Wer sich selbstkritisch zu seiner Heimat äußert, wird als Nestbeschmutzer betrachtet und man glaubt ihm nicht; 5. Der Verfall unserer Städte, der Niedergang der Kultur, der Banken, wesentlicher Zweige der Industrie, der Ärztemangel, die Altersarmut, die gesamtgesellschaftliche Tendenzpresse, die fehlende Einsatzbereitschaft des Militärs, die Entzauberung der Mär von der Pünktlichkeit und Sauberkeit der Deutschen usw. wird meist nicht geglaubt oder aktiv geleugnet. 6. Deutschland hat in der Vorstellung vieler Ungarn zu strahlen, also strahlt es.

Die Kommentare, die nun hereinprasselten, bestätigen das Bild – ziemlich exakt zur Hälfte.

Gleich die erste Kommentatorin schleudert ihr Verdikt hinaus: „Ezt a hülyeséget.“ – Das ist Schwachsinn! Sie entwirft dann – basierend auf der Erfahrung eines zweimonatigen Aufenthalts in einer kleinen westdeutschen Stadt, in der auch ihre Tochter lebt – exakt jenes Idealbild: die Züge sind immer pünktlich, „genau auf die Sekunde“ – dieses Argument kommt mehrfach vor und scheint den Ungarn besonders wichtig zu sein –, man bekommt sofort einen Arzt,  Rentner leben sehr gut und überall herrscht Ordnung – zumindest im Vergleich zu Ungarn.

Ich antwortete der Dame, daß meine Deutschlanderfahrung ein wenig umfänglicher sei und die oben genannten Urteile sich zudem weniger darauf stützen, sondern auf offizielle Quellen, Presseartikel und Statistiken, die im Text auch alle angegeben wurden.

Ein anderer Kommentator wirft 25 Jahre Lebenserfahrung in Deutschland in die Waagschale und immer habe er regelmäßig sein Gehalt bekommen, das deutlich über dem ungarischen lag. Und als bei ihm Krebs diagnostiziert wurde, da hatte er innerhalb von 18 Tagen einen Termin.

Weitere wurden noch deutlicher! Einer meinte, ich würde von Orbán bezahlt – was leider nicht der Wahrheit entspricht (ich bin leider so dumm – oder sagen wir: idealistisch – das alles nur mit Ausgaben und ohne Einnahmen zu bestreiten).

Noch einer meint, eine Verschwörung aufgedeckt zu haben und vermutet, ich stünde im Buch von – horch, horch – Finkelstein und Birnbaum, also jener zwei amerikanischen Finanziers, die die Pappfigur Soros als Feindbild  installiert haben sollen und einer möchte mich sogar zur „Zwangsarbeit“ – der közmunka[1] – in die Schomogei schicken, was sechs Leute via Like befürworteten.

Und ein vierter – damit soll es hinreichen – begnügt sich, auf Deutsch zu schreiben: „Echte fake“. Ihm antwortete ich: „Bitte beweisen Sie Ihre Behauptung durch Fakten! Auf meiner Webseite wurden alle angesprochenen Behauptungen durch Quellenangaben belegt – Sie können sich im Übrigen die Mühe machen, jede beliebige deutsche Zeitschrift zu lesen, aus allen politischen Spektren, um die obigen Aussagen bestätigt zu finden. Ihre Weigerung, die deutschen Tatsachen als solche wahrzunehmen, bestätigt nur die These des Textes: daß viele Menschen in Ungarn lieber an ihrer liebgewonnenen Meinung festhalten, anstatt der Realität ins Auge zu schauen.“ – Was zu einer wüsten Schimpfkanonade führte, in der von Hitler die Rede ist und von Haßsäen etc. Ende Debatte.

Es schälen sich drei Argumentationsfiguren dieser Fraktion heraus:

  1. Ich kenne Deutschland und habe es anders erlebt.
  2. Im Vergleich zu Ungarn ist es dort alles viel besser.
  3. Das ist alles Propaganda, die letztlich von Orbán gesteuert wird.

Es ist natürlich schwierig bis unseriös, aus individuellen Erfahrungen allgemeingültige Schlüsse gesamtgesellschaftlicher Relevanz zu ziehen. Deshalb basierte ich meine Argumente auf Fakten, die just von jenen zusammengetragen wurden, die eigentlich kein politisches Interesse haben dürften, Deutschland schlecht zu machen. Wenn diese Quellen evidente Probleme thematisieren, dann, weil es sie unübersehbar gibt.

Selbstverständlich ist das Leben in Deutschland durchschnittlich auf einem deutlich höheren Niveau als in Ungarn – nur kann das nicht mein Kriterium sein, sondern als Deutscher habe ich mein Land mit seiner Vergangenheit und mit seiner Möglichkeit zu vergleichen. Unabhängig davon können auch hier persönliche Erfahrungen deutlich vom Mittel abweichen.

Beispiel: Als einer Bekannten hier unten eine Veränderung an der Bauchspeicheldrüse diagnostiziert wurde – Verdacht auf malignen Tumor – bekam sie in kürzester Zeit einen Termin, der den Verdacht zum Glück widerlegte. Umgekehrt muß ich auf einen Termin für ein EKG in Deutschland acht Monate warten. Als ich dies einem ungarischen Freund erzählte, sagte er mir direkt ins Gesicht: Das glaube ich nicht. Realitätsverweigerung und Deutschlandgläubigkeit überwindet auch Freundschaftsgrenzen.

Sehr viele Ungarn reagieren auf Orbáns Propagandamaschine – die tatsächlich existiert und die ganz wesentlich verschwörungstheoretisch agitiert – mit eigenen Verschwörungstheorien. In diesen traut man Orbán und seiner Clique – die ebenfalls objektiv existiert – alles zu. Jede mißliebige Meinung, die irgendein Argument der Orbánpresse bestätigt, wird affektiv als Lüge „enttarnt“, die von Orbán selbst bezahlt worden sei. Daher kann ein Deutschlandkritiker nur mit Orbáns Scheckbuch zu begreifen sein.

Ein Beispiel: Gerade fanden die Feierlichkeiten zum 15. März statt. Dort hielt der Bürgermeister (Fidesz) eine Rede, die er u.a. dazu nutzte, eigentlich mißbrauchte, Staatspolitik zu propagieren, bei den bevorstehenden Europawahlen richtig zu wählen, das Gespenst der Einwanderung an die Wand zu malen und eine direkte Linie von den Helden der 48er Revolution, von Petőfi und Jokai zu heutigen Entscheidungen zu ziehen. Auch ich empfand das als unpassend. Danach haben mir mehrere Ungarn – die im Übrigen alle brav in der Menge standen und ohne mit der Wimper zu zucken, sich die Suada anhörten – gesagt, daß diese Rede garantiert nicht vom Bürgermeister, sondern von Orbán geschrieben worden sei – was vermutlich hülyeség ist.

So sehen Gedenkfeiern in Ungarn aus – eine Zusammenfassung gibt es hier (siehe auch: Denkmal und Schande)

Aber das ist die Lage: Das Land ist schwer gespalten. Sehr viele Menschen verachten Orbán, glauben ihm kein Wort mehr, auch dort nicht, wo er recht hat.

Es gibt auch die andere Seite, etwa die Hälfte. Die Kommentarliste bestätigt das, denn neben den Verleugnungen der Realität und des Autors, ergreifen einige Kommentatoren auch für meine Argumente Partei:

Einer postete ein Bild Sarrazins, der „Deutschland schafft sich ab“ in die Kamera hält, ein anderer beschreibt seine negativen Erfahrungen mit deutschen Zugverbindungen, noch einer beklagt sich über das schlechte Internet, das tatsächlich oft weit hinter dem ungarischen hinterherhinkt, einer arbeitete auf dem Bau und vermißte die berühmte deutsche Präzision, und einer – der Beziehungen zu einem Briefmarkenfreund in Halle pflegt – schreibt: „nagy igazságok ebben az írásban.

„In diesem Artikel steckt eine große Wahrheit.“

Lassen wir das gelten.

[1] Dabei handelt es sich um eine vom Maria Theresia eingeführte Form der sozialen oder öffentlichen Arbeit, welche Menschen, die aus dem Arbeitsverhältnis ausgeschieden sind, den Wiedereinstieg ermöglichen oder sie prinzipiell animieren soll, tätig und nützlich zu werden. Sie bekommen dafür schmales Geld – im Moment ca. 80% des Mindestlohnes.  Ihre Beschäftigung besteht oft in Reinigungsarbeiten öffentlicher Plätze und Straßen. Ein erheblicher Teil dieser Arbeit wird aus der Bevölkerungsgruppe der Roma gestellt.

siehe auch: Nationallied – der 15. März in Ungarn

2 Gedanken zu “Ungarn unter dem Mikroskop

  1. T.Kruse schreibt:

    Es wäre zum Verständnis des Themas (in Hinsicht auf „Orbans ‚Verschwörungstheorien'“) übrigens auch hilfreich zu wissen, welche Position Jobbik bezieht. Besetzen die -erfolgreich- das Thema Soros-EU-„Umvolkung“, dann bleibt der Fidesz gar nicht anderes übrig, denen hinterherzuhecheln und Stellung zu beziehen, denn sonst verlören sie nennenswert Stimmanteile nach rechtsaußen. Analog der SPD, die das Agendasetting der Grünen teilweise übernehmen müssen, um nicht zuviel Stimmen nach links zu verlieren.

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  2. T.Kruse schreibt:

    Tja, erzähl mal einem Latino, daß die USA nicht nur aus NY, LA und Vegas besteht; daß Filme, Serien und Magazine meist ein Hochglanzbild zeichnen (oder das extreme Gegenteil, was dann surreal wirkt), er wird Dich nicht verstehen.
    Offenbar braucht Mensch einen idealisierten Sensuchtsort, in den man gedanklich aus der eigenen Tristesse fliehen kann.
    Scheint ein ähnlicher Effekt zu sein, wo Leute bitterböse werden, weil man ihr Weltbild mit neuen Erkenntnissen zerstört; lieber glauben sie weiter jahrzehntealten Lügen als sich einzugestehen, das ganze Leben betrogen worden zu sein.
    Z.B. betrachten viele ehemalige NVA-Angehörige Gen.-Major a.D. Bernd Schwipper (einen der Ihren! -Absolvent der Moskauer Militärakademie-) als Nestbeschmutzer, seit er „Deutschland im Visier Stalins“ veröffentlicht hat. Dabei hatte Viktor Suworow mit „Der Eisbrecher“ längst klargestellt, was Stalins Pläne waren, Schwipper liefert „nur“ noch die Bestätigung mittels Archivfunden. Die „rote Pille“ ist halt die bittere…

    BTW: An den meisten Verschwörungstheorien ist mehr als nur ein Körnchen Wahrheit. Anhänger solcher nannte man früher „Ketzer“, es gibt halt nichts neues unter der Sonne.

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