Greta Thunberg Superstar

Die meisten Menschen haben ein paar lebenslange Maximen, an die sie sich halten. Mein Großvater zum Beispiel, der sechs Jahre in russischer Kriegsgefangenschaft verbracht hatte und erst 1950 nach Hause – nein, das ist falsch, denn die Familie war inzwischen vertrieben worden –, also in die neue Heimat kam, die nie seine wahre Heimat wurde, mein Großvater lebte nach dem Motto: „Lieber den Magen verrenkt, als dem Wirt was geschenkt.“

Das war ihm so wichtig, daß er es als Leibspruch mit dem Lötkolben und hübschen Verzierungen auf ein Brett brannte – wie man das damals machte – und es sich ins Zimmer hing. Wie ernst er es nahm, bewies eine fast lebensbedrohliche Gallenkolik, die er sich einmal zuzog, als er das Öl einer damals seltenen Ölsardinenbüchse austrank …

Auch ich trage ein paar Maximen mit mir herum, die meisten stammen aus kynischen oder stoischen Quellen. Demnach müsse man, sagte einst Krates von Theben, „solange philosophieren, bis man die Feldherren für Eseltreiber halten würde“.[1]

Diese Maxime schützt sicher vor zu viel Bewunderung und Veneration. Banal ausgedrückt: es hilft – aber es ist nicht immer schön –, bei Gefahr der Vergötterung, sich diesen Menschen bei sehr menschlichen Aktivitäten vorzustellen, idealtypisch beim Stuhlgang, beim Geschlechtsverkehr, beim Sockenwechseln oder eben beim Eseltreiben.

Daß Verehrung absurde Züge annehmen kann, hat gerade Greta Thunberg bewiesen – nicht zum ersten Mal. Aber die Rede anläßlich der Verleihung der „Goldenen Kamera“ ist an Widersinn kaum zu überbieten. Würde Greta ihre eigene Bewegung verstehen, dann müßte sie all diese systeminstitutionellen Preise kategorisch ablehnen.

Vor einer Ansammlung an sogenannten Prominenten („Feldherren“) schilt sie in weißem Engelkleidchen „Celebrities“ in einer gut eingepaukten Rede für deren sündhaftes Verhalten (umherjetten; politische Pragmatik; Charity für alles Mögliche, aber nicht die Umwelt; „Lieblingsrestaurants, Strände und Yogakurse besuchen“ usw. ) und ermahnt sie in dramatischen Worten, ihre Stimme gegen die Klimaerwärmung zu erheben und – das ist der Wahnsinn – bekommt dafür standing ovations. Rauschenden Applaus von jenen, die gerade verbal gekreuzigt wurden.

Das ist das Sinnbild unserer wortwörtlich verrückten Welt. Man jubelt der Prophetin des Untergangs zu. Der Typ Kassandra galt für die gesamte Zivilisationsgeschichte als Vorbild – sie wurde verflucht, niemand schenkte ihr Glauben. Daß sich die Bedeutungszeichen heute umkehren und man der Prophetin zujauchzt, ihr also alles abnimmt und – eine wunderbare dialektische Drehung – trotzdem weiter um die Welt jettet, ist ein sicheres Indiz für den vollkommen neuen Aggregatzustand, für die Singularität, in den die menschliche Gesellschaft eingetreten ist.

Die meisten kritischen Kommentatoren, besonders aus dem konservativen Spektrum, interpretieren das als Rückfall in die religiöse Vergötterung. Es wird vom „ersten Buch Greta“, von einer „Öko-Religion“, „Klima-Religion“, von „Verkündigung des Wortes Greta“, von „Messias“ und immer wieder von Propheten im biblischen Sinne … geredet und viele andere originelle Wendungen vorgetragen, aber auch Linke greifen gern in die Religionsmetaphernkiste.

Mir scheint dieser Erklärungsweg jedoch nicht passend, gerade weil er in einen Kategorienvorrat hineinlangt, der nach der Singularität keine beschreibmächtigen Vokabeln mehr liefert. Das sind Überinterpretationen. Die Sache ist profaner. Man muß es nicht mit dem Numinosen erklären, es genügt Medientheorie, oder – um es nicht ganz so aufzublasen – ein bißchen Psychologie.

Passender scheint mir, Sloterdijks weit vorausschauenden Begriff der „zynischen Vernunft“, bzw. des „aufgeklärten falschen Bewußtseins“ zu reaktivieren. Demnach gilt: „Zynismus ist das aufgeklärte falsche Bewußtsein. Es ist das modernisierte unglückliche Bewußtsein, an dem Aufklärung zugleich erfolgreich und vergeblich gearbeitet hat. Es hat seine Aufklärung gelernt, aber nicht vollzogen und wohl nicht vollziehen können. Gutsituiert und miserabel zugleich fühlt sich dieses Bewußtsein von keiner Ideologiekritik mehr betroffen, da seine Falschheit bereits reflexiv gefedert ist.“

Aber noch  treffender dürfte es sein, sie als reine Medienerscheinung wahrzunehmen. Sichtbarkeit und Präsenz sind die Zauberworte.

Demnach – das beweist sich immer wieder – werden in einer geistigseelisch zunehmend retardierenden Welt Menschen in direkter Abhängigkeit zur medialen Sichtbarkeit deifiziert.

Dabei spielt die eigentliche Leistung gar keine tragende Rolle. Man kann auch leistungslos berühmt werden, wie man auch leistungslos gute Einkommen einfahren kann. Je öfter eine Person auf dem Bildschirm erscheint, je mehr Artikel über sie produziert werden, desto ferner rückt sie uns, desto unerreichbarer wird sie und wenn sie dann dennoch unmittelbar vor uns steht, wenn also die mediale Aureole für einen Moment auf uns abstrahlt, dann geraten wir in Verzückung und das klappt sogar bei denjenigen – wie der Applaus während der Verleihung zeigt –, die selbst schon lange medial entrückt sind.

Man nähert sich diesen Menschen fast zwangsläufig mit einer gewissen Untertänigkeit, mit einem Respekt, den sie sich vielleicht nicht mal verdient haben, umso mehr, wenn sie auf goldener Bühne im weißen Kleidchen erscheinen.

Und dagegen hilft nur der alte Kyniker.

[1] Diogenes Laertius VI, 92

4 Gedanken zu “Greta Thunberg Superstar

  1. lynx schreibt:

    Das Greta-Phänomen ist schwierig. Ihr Thema an sich ist längst überfällig, dass es ernsthaft angegangen wird. Der (mediale) Umgang damit, die ganze Personalisierung lässt mich zweifeln und Distanz halten. In meinen Augen war es auch ein strategischer Fehler, zur Goldenen Kamera hinzugehen und auch noch eine Preis anzunehmen. Aber vielleicht bin ich schon zu alt und moralingeschwängert, um das richtig einschätzen zu können.
    Und genau das ist der Punkt: die Jugend rührt sich, egal wie fragwürdig momentan die Begleiterscheinungen sein mögen. Allein der Aufschrei, der heute durch die rechte Bloggerszene gellt, ist mindestens so erhellend, wie der Greta-Auftritt selber. Gift und Galle wird gespuckt, weil man merkt: da tut sich was, was uns das Wasser abgräbt. Die Slowakei hat gewählt, die Türkei auch, mit Ergebnissen, die ebenfalls in diese Richtung weisen: genug in den Rückspiegel geschaut, lasst uns nach vorne blicken. Oder: wir haben genug von den identitären Affen, die schön verteilt auf ihren Ästen sitzen, sich auf die Brust trommeln und ihren Nationalast beschwören. Dabei nicht merken, dass der Baum es an den Wurzeln hat, Zuwendung braucht anstatt Verbalgedöns. Ob wirklich was draus wird, aus dieser Jugendbewegung, muss man sehen, Zweifel sind angebracht. Der Versuch ist aller Ehren wert. So stoisch kann man das auch sehen.

    T. Kruse: Die gewalttätigsten Bewegungen des letzten Jahrhunderts waren Jugendbewegungen, idealerweise bestehend aus (weltfremden) Oberschülern und Studenten.
    Was wäre Mao’s Kulturrevolution ohne diese. In der SU brachten es Soldaten und selbst örtliche KPdSU-Funktionäre nicht fertig, den Bauern ihr letztes Korn (Saatgut) zu rauben; also schickte man Komsomolzen aus entfernten Städten, die man vorher aufputschte (der ursprüngliche Tatbestand der Volksverhetzung übrigens).

    Junge Menschen, idealerweise solche, die wenig selbst leisten mussten, sind Idealisten und Träumer, somit leicht verhetzbar. Welche Zielgruppe spricht nochmal ein Böhmermann an?

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    • Michael B. schreibt:

      > Und genau das ist der Punkt: die Jugend rührt sich

      Noeh, das ist er nicht. Denn sie wird geruehrt. Mit dieser Bildung (unbeabsichtigte Komik eines stramm zeitgeistigen Telepolisartikels [hier: https://www.heise.de/tp/news/Schulstreiks-Erst-der-Anfang-des-Anfangs-4356457.html )

      demonstriert man gleich mehrere Aspekte des Problems: Zu immer schon so existierenden generellen altersbedingten und damit entschuldbaren Wissensmaengeln zum Problem selbst kommt fremdverursachter Wissensmangel hinzu, der die Manipulation eh schon empfaenglicher Kinder noch weiter erleichtert. Das ist widerlich. Gift und Galle zu spucken ist hier leider zu wenig.

      > genug in den Rückspiegel geschaut, lasst uns nach vorne blicken

      Wie nannte der Klonovsky das so schoen – die Ewigmorgigen. Diskussion weitestgehend zwecklos.

      Lynx: Da haben Sie aber ein allerliebstes Foto für’s Poesiealbum gefunden. Die Zöpfe sind so was von hip, da werden sie in Schnellroda richtig neidisch drauf sein. Ach, die Umwertung aller Werte, es ist zum Davonlaufen…

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  2. T.Kruse schreibt:

    Könnte man Greta nicht auch als Idol beschreiben? Idealisiert, vergöttert, angebetet wie früher diese -gemachten- Sternchen aus den Boy- oder Girlsgroups, wovon (fast} jede(r) träumte, SO zu sein wie DIE? Hängen heute Greta-Poster an Kinderzimmerwänden?
    Idol einer jungen Generation, die zur Klassenfahrt nicht mehr in den Harz oder den Westerwald mit dem Bus fährt, sondern nach Mallorca jettet, zur Abi-Feier gar nach New York; diese Dekadenz aber mit hochmoralischer Attitüde anderen ans Revers heftet? Heh, Politiker, verbietet das mal und tut endlich ‚was (aber bitte NIMBY). Die den Spahn im Auge des anderen zu erkennen glaubt, den Wald im eigenen nicht aber wahrnimmt.
    Wenn die Erwachsenen lügen und heucheln wie selten zuvor in der Geschichte, warum sollte die Jugend anders sein.
    Passenderweise ist diese Greta auch noch Autistin. Hätte niemand besser aussuchen können… ein wahres Sinnbild dieser Epoche.

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