Wer sind „WIR“?

Tristan Garcia gehört zu jenen Autoren, die das klare Wort, die Entscheidung, das Ja oder Nein scheuen. Das hat Methode, das ist poetologische Aussage – Form und Inhalt sollen eine Einheit bilden und wenn jemand nichts Konkretes mehr zu sagen hat, dann kann er das auch nicht konkret ausdrücken. Daher ist es auch kein Zufall, daß Garcia sein Buch über das „Wir“ in der der ersten Person Mehrzahl hält.

Bei allem Hin und Her scheint Garcia das Falsche der Gleichsetzung von Identität und Wir nicht bewußt zu sein. „Wir“ ist eine Zuschreibung, „Identität“ ein Zustand. Beides sind auch Wörter und unterliegen als solche den Aporien der Grammatik. Die Bedeutung der Identität wird deutlich, wenn man das Adjektiv – „identisch“ – bildet. Der Kern der Identität ist das mit-sich-selbst-identisch-sein, was man ist oder – als Ideal – werde, der du bist. Die Frage nach der Identität ist die Frage nach dem Wer des Seins – Wer bin ich? – und die ist weder endgültig beantwortbar, noch vermeidbar. Sie kann nur im Futur II gestellt werden: Wer werde ich gewesen sein – aber beantworten kann man sie, aus offensichtlichen Gründen, nicht. Die Frage nach dem Wir ist gerade keine Frage nach dem sich-selbst-Identischen, sondern eine der Zugehörigkeit, der objektiv oder subjektiv empfundenen oder wahrgenommenen. Man kann ein Wir gänzlich ohne tiefere Identität sein: Wir in U-Bahn 2, wir im Flugzeug nach Marrakesch, wir auf dem Planeten Erde.

© Suhrkamp

Man kann sich die ersten 125 Seiten getrost sparen, denn das darin aufwendig entworfene und mit unzähligen Verweisen versehene – die Bildung darstellen wollen – Modell von den Bildschichten, die unsere Identität ausmachten, beschreibt nichts anderes als die mittlerweile banale Tatsache, daß der postmoderne Mensch viele Identitäten zu gleicher Zeit besitzt und daß diese sich in komplizierten Verwicklungen überlappen und eben auch widersprechen.

Man kann sogar die folgenden 70 Seiten ignorieren, denn die beispielhafte Ausfaltung der Identität unter „Art“, „Gender“, Rasse“, „Klasse“ und „Alter“ – alles Diskriminierungskategorien – werden abschließend kurz und präzise zusammengefaßt. Dort liegt der Glutkern des Buches. Garcia bestimmt Identität negativ: je mehr Diskriminierungen ein Individuum in sich vereint, umso reicher sei seine Identität.

Das Problem beginne mit dem modernen Denken und der Wissenschaft – erst im 20. Jahrhundert beginnen Identitäten politische Kategorien zu werden. Nicht zufällig entsteht das Interesse für die Abweichung von der Norm. Befreites Denken und Wissenschaft ermöglichen uns den ungewohnten Blick, wir sehen plötzlich mit Hilfe der Technik Dinge, die unserem Wahrnehmungsapparat verborgen bleiben: trennende Linien werden plötzlich Verbindungen, Grenzen werden löchrig, glatte Flächen zeigen im Detail Konturen, überall werden scharfe Trennungen aufgelöst, man sieht Austäusche, Ineinenanderfließen, Abhängigkeiten, Beziehungen. Man kann immer nur mehr oder weniger Mann oder Frau sein – Identität löst sich in der Moderne in Intensität auf, die Übergänge werden fließend, Natur verweist auf Nuancen: Leben/Materie, Tier/Pflanze, männlich/weiblich, schwarz/weiß …. In der Zeit betrachtet gibt es kein Sein, sondern immer nur Werden. Im Grunde versucht Garcia das Projekt Deleuze‘ in eine neue und populärere Sprache zu fassen. Und überhaupt sind diese Begriffe von „Rasse“, Klasse“, „Alter“ etc. doch nur Worte und eben keine Realität.

Sie beschreiben auch die Realität nicht adäquat. Nun wissen wir das und können doch nicht darauf verzichten, allein schon, weil ein Verzicht auf das  ungenügende Vokabular die Schnur zu allen vorherigen Diskursen abschneiden würde. Sie können keine Realexistenz mehr beanspruchen, sondern nur noch Bewußtseinsexistenz, aber als solche besitzen sie eine Realexistenz im Bewußtsein. Begriffe sind nur Annäherungen, aber wir haben nichts besseres, die Gesellschaft arbeitet mit unbegründeten Begriffen, ist also selbst begründungsbedürftig, aber um sie wenigstens halbwegs zu verstehen, müssen wir uns dieser Kategorien bedienen. Auch Identität „hat keinen extensiven Sinn mehr und bezeichnet kein System von Zuschnitten, sondern ein Feld von variablen Kräften“.

Garcia fängt damit immerhin ein weit verbreitetes Gefühl ein: „Man kann durchaus ein Loblied auf die Grenzen anstimmen, doch dieses Lob klingt hohl: wenn es darum geht, diese Grenzen konkret zu ziehen, gibt es keine Grundlage mehr.“ Trotzdem müssen wir es tun.

Das umschreibt die Grundfigur des Buches: Was nicht geht, muß sein, was sein muß, geht nicht. Identitäten sind keine Ist-Bestände, sondern Intensitäten und sie werden zunehmend strategisch und nicht ontologisch begründet.

Der Begriff der Loyalität fehlt bei Garcia fast vollständig. So hat man das Gefühl, daß in der Verflüssigung des „Wir“ und der Identität ein Wohlstandphänomen beschrieben wird, das sich ganz von alleine lösen wird, wenn die Umstände es erfordern werden.

Dennoch, die „Kakophonie der Zugehörigkeiten“ ist gut gesehen: „Was uns definiert, ist unsere gleichzeitige und widersprüchliche Zugehörigkeit zu nicht übereinstimmenden ‚Wir‘“. In früheren Zeiten kannte man die Prioritäten und litt darunter, wenn man ihr andere Identitäten opfern mußte (klassisch: Stand vs. Gefühl). Heute leidet man darunter, weil man das Opfer nicht mehr bringen kann, weil alles zugleich gilt. Das führt zwangsläufig zu kognitiven Dissonanzen und eklatanten Widersprüchen, Feministinnen etwa, die verbittert das Kopftuch verteidigen.

Wie schon in „Intensität“ weiß man nicht recht: hat man es mit einem Genie oder einem Blender zu tun? Hat er uns etwas zu sagen, außer, daß es nichts (Festes) zu sagen gibt? Wärmt er nicht nur alte phänomenologische, konstruktivistische Dispute oder den  Universalienstreit auf? Oder bin ich ihm als Leser einfach nicht gewachsen?

Immerhin, es gelingt ihm immer wieder, sowohl dem realistischen als auch idealistischen Vertretern den Spiegel vors Gesicht zu halten, die blinden Flecke ihrer Wahrnehmung aufzuzeigen, umgekehrt aber auch die Notwendigkeit der jeweils falschen Positionen deutlich und ihr ewiges dialektisches Spiel sichtbar zu machen. Jedes bekennende „Wir“ läuft in Paradoxien hinein, die zu erkennen, kathartischen Effekt haben kann. Das Buch taugt mindestens zur Eigenkontrolle und Selbstkritik.

Tristan Garcia: Wir. Berlin 2018. 331 Seiten; 28 Euro

siehe auch: Intensität – ein Kryptodialog

zuerst erschienen in „Sezession“ Heft 88

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