Demokratie frißt Widerstand

„Widerstand“ ist eine Vokabel, die im Deutschland unserer Tage vor allem von rechts genutzt wird. Widerstand von links ist zumeist Widerstand gegen den Widerstand von rechts. Schon da wird es kompliziert.

Die junge Greta Thunberg und „ihre“ Bewegung machen das Paradox noch paradoxer, ohne scheinbar selber in der Lage zu sein, die vielfältig verworrene Dialektik wahrzunehmen. Halten wir es ihrem Asperger-Syndrom zugute, daß sie – und die zumeist Greta-freundlichen Medien – wie einen Schutzschild vor sich herträgt. Denn auch das gehört zur Inszenierung hinzu: das Ausspielen der Handicap-Karte. Leider stammt Greta aus Alt-Schweden – das ist sicher kein Zufall – und ist weiß wie ein Schneehäschen in Lappland. Perfekt in Show und in dialektischen Widersprüchen wäre es, wenn sie neben ihrer „Sonderbegabung“ auch noch eine schwarze Neuschwedin wäre.

Dem ZDF diktierte sie ins Mikrophon: „Ich mag es nicht, wenn Menschen das eine sagen und das andere machen.“ Dies ist nun freilich eine menschlich-allzumenschliche Eigenschaft, die auch die gute Greta nicht ablegen kann. Überhaupt tendiert willentliches Gutseinwollen aufgrund moralischer Vorgaben immer zu diversen Dilemmata.

Das beginnt schon bei der Idee „Skolstrejk för Klimatet“. Da werden zwei inkommensurable Größen zusammengewürfelt, die in etwa die Berührungsfläche einer Tangente mit einem Vogelschiß oder eines Hölderlinverses mit Merkels Unterhose haben.

Apropos Merkel! Sie hat die Aktion öffentlich heiliggesprochen. In ihrer typisch klaren Diktion sagte sie: „Ich unterstütze sehr, daß Schülerinnen und Schüler für den Klimaschutz auf die Straße gehen und dafür kämpfen. Ich glaube, daß das eine sehr gute Initiative ist.“

Und warum ist es eine gute Initiative? Nicht etwa, weil Merkel nun all ihre Politik und die Tradition der Partei, die sie vertritt, komplett umwirft und dem Umweltschutz und der Menschlichkeit  unterwirft – das hat sie ja schon längst getan –, sondern weil das ein Zeichen einer lebendigen Demokratie sei. Übrigens[1] konkurrieren die beiden Gutmenschen nun, wenn man dem Klatsch glauben darf, um den Friedensnobelpreis.

Unter diesem Vorbehalt darf Greta auf den ganz großen Bühnen wie dem EU-Parlament oder der UN-Klimakonferenz ihre Publikumsbeschimpfung aufführen und die Politprofis wie kleine Schulbuben behandeln – und bekommt dafür rauschenden Applaus. Ihr seid alles Idioten und Verbrecher, auf gut Deutsch, Versager und Lügner – sie lebe hoch, hoch, hoch! Danach stellen sie sich der Reihe nach an und herzen das kleine kontaktscheue Mädchen so sehr, daß man fast schon „Mißbrauch!“ rufen möchte.

Kurz, die Lage ist diese: Diejenigen, gegen die Greta protestiert, denen sie Widerstand leistet, jubeln ihr zu, in den Löwenhöhlen darf sie ihre Botschaft verbreiten, dort wird sie bejubelt und bald vielleicht sogar unsterblich gemacht. (Der Preis wird – übrigens – ihr Leben gänzlich zerstören, denn wie soll man danach weiterleben?)

Bundespräsident Steinmeier schließt sich Merkel ebenso an wie die Bundesumweltministerin, deren Namen ich mir leider nicht merken kann[2]. Zuletzt hat Dauergrinser Thomas Oppermann in seiner Funktion als Bundestagsvize das Kunststück formvollendet vollbracht.

Er zeigt sich beeindruckt, positiv beeindruckt, nachdem zehntausend Schüler vor dem Bundestag gegen ihn und seinesgleichen demonstriert hatten, oder, um es positiv zu wenden, für die Umwelt. Diese freilich schweigt bisher verdächtig.

Nebenbei: Wie hätte Oppermann reagiert, wenn zehntausend Pedigisten ganz demokratisch „mit einer fröhlichen Grundhaltung“ gegen ihn und seinesgleichen protestiert hätten?

Oppermanns vergiftetes Lob, schlimmer noch die unbewußt diffamierenden Glückwünsche, führen die Demonstrationen der Greta-Jünger nun vollends ins Absurde. Demokratische Politik offenbart sich hier als das, was sie ist, als politisches Komplementärstück zum Kapital, dessen innere Logik sie in die administrative Welt hebt. Wir wissen alle, zumindest nach hundert Jahren Revolutionserfahrung, daß das Kapital bislang alle seine Gegner (und die Revolution alle ihre Kinder) auffraß und verwurstete und letztlich, in perfekter Kapitallogik, zu Mehrwert verarbeitete.

Nun ist also auch diese letzte schmelzende schwedische Gletscherzunge der grünen Ideologie im Meer des Leviathans aufgegangen und kann verarbeitet werden. Das wird die kleine Greta, wenn sie mal erwachsen ist, sicherlich erkennen und dann begreifen, daß das Gesamtfalsche viel zu groß ist, daß es auch in ihr wirkt, daß sie Teil des Gesamtfalschen ist. Dann dürfte sie irgendwann zu dem Schluß kommen, daß Weltrettung immer nur Innenweltrettung sein kann.

[1] … Und ich sage bewußt „Übrigens“, weil das, wie unsere geliebte Bednarz, Liane feststellte, ein beliebter Topos der Rechten ist und stets pejorativ genutzt wird! „Übrigens“ ist Nazi!
[2] Doppelnamen merken sich besser, die Damen!

2 Gedanken zu “Demokratie frißt Widerstand

  1. Absalon von Lund schreibt:

    „Gesamtfalschheit“ trifft es sehr präzise. Man sagt ja auch, jemand sei falsch. Falsch ist sicher der Leviathian, der in jedem wirkt und also auch in Greta. Aber es gibt auch den Richtigen, den Guten und er beherrscht den Leviathan. Wenn man zu ihm umkehrt, ereignen sich die größten Wunder und die Rettung der Innenwelt kann gelingen. Frühere Generationen nannten ihn Vater, ewiger Vater. Manche Politiker kennen ihn auch heute noch. SIe heißen Orban, Kurz oder Salvini. Die Steinmeiers und Oppermanns scheinen weniger Kontakt zu haben, aber Deutschland war schon immer ein schwieriges Pflaster.

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