15. März in Ungarn

Sándor Petőfi und das Nationallied

Er war der erste, der in den einfachen Menschen das Bewußtsein weckte, was es eigentlich bedeute, ein Volk zu sein. Was das Wort „Heimat“ bedeute. Und damit verbunden, das Wort „Freiheit“. Denn er konnte beide nicht voneinander trennen.  László F. Földényi

Schon Tage zuvor tauchen sie auf, die Nationalkokarden in den ungarischen Landesfarben. Zuerst auf den Märkten, dann in den Auslagen und Schaufenstern und schließlich an den Revers, Schals und Kragen der Menschen. Bald ist der 15. März, der Nationalfeiertag.

Ungarn hat mehrere davon, doch die Erinnerung an die Revolution von 1848 sitzt am tiefsten, auch wenn sie von allen Regimes und Regierungen immer wieder instrumentalisiert und umgedeutet wurde. Eine Umfrage Ende der 90er Jahre sah den 15. März mit mehr als 50% Zustimmung weit in Front, immerhin wollten viele noch den 20. August, den Sankt-Stephans-Tag als bedeutsamstes Ereignis sehen, aber nur 4% werteten den 23. Oktober hoch, der Tag, an dem 1956 der Ungarische Aufstand losbrach[1].

Am 13. März 1848 schrieb Sándor Petőfi jene Verse, die er „Nationallied“ nannte und die genau das wurden: das Lied der Nation!

„Nemzeti Dal“ – das erste Druckblatt mit handschriftlichen Anmerkungen des Dichters 15.3.1848

Ihm möchte ich mich in drei Anläufen widmen. Im ersten Teil soll der Dichter und die Geschichte im Zentrum stehen. Im zweiten werde ich mich den Schwierigkeiten der Übersetzung widmen, im dritten soll dann meine eigene Übertragung  vorgestellt werden.

(Zur Geschichte der Ungarischen Revolution, bitte hier nachlesen oder: Das tausendjährige Reich)

Petőfi muß ein Naturereignis gewesen sein. Wohin man schaut, aus seinen Zeilen sprüht das Feuer, ganz gleich, ob er über Liebe oder Nation schreibt, ob er anrüchige Lieder singt oder pathetische Oden. Wahnwitz und Emotion, Irrationalität und scharfes Denken, ein untrügliches Gespür für Geschwindigkeit und Rhythmus machen seine Gedichte – allen voran das „Nationallied“, das „Nemzeti Dal“ – zu einem Erlebnis.

Er lebte, wie er schrieb: schnell, hektisch, voller Widersprüche und verglühte als 26-jähriger auf dem Schlachtfeld gegen Rußland. Dorthin trieb es ihn, als er spürte, daß die Revolution verloren sein wird. Im März 48 schrieb er noch an Arany: „Es ist Revolution, mein Freund, da kannst du dir vorstellen, wie sehr ich in meinem Element bin!“ und in sein Tagebuch: „Seit Jahren ist meine fast ausschließliche Lektüre, mein Morgen- und Abendgebet, mein tägliches Brot die Geschichte der Französischen Revolution, dieses neue Evangelium der Welt, in dem der zweite Erlöser der Menschheit, die Freiheit, ihre Botschaft verkündet.“[2]

Die Übersetzung von Martin Remanè gibt das – soweit es möglich ist – gut wieder, macht jedoch erhebliche inhaltliche Kompromisse:

Nationallied

Auf, die Heimat ruft, Magyaren!
Zeit ist’s, euch zum Kampf zu scharen!
Wollt ihr frei sein oder Knechte?
Wählt! Es geht um Ehr und Rechte
Schwören wir beim Gott der Ahnen:
Nimmermehr
beugen wir uns den Tyrannen!
Nimmermehr!

Sklaven waren wir, Verräter
an dem Geiste unsrer Väter,
die im Grab nicht Ruhe fanden,
seit die Freiheit ging zuschanden.
Schwören wir beim Gott der Ahnen:
Nimmermehr
beugen wir uns den Tyrannen!
Nimmermehr!

Fluch dem Wicht, der jetzt versagte,
feige nicht zu kämpfen wagte,
dem sein Leben teurer wäre
als des Vaterlandes Ehre!
Schwören wir beim Gott der Ahnen:
Nimmermehr
beugen wir uns den Tyrannen!
Nimmermehr!

Statt die Ketten zu zerschlagen,
haben wir sie stumm ertragen.
Rühmlicher und ehrenwerter
sind für Männerhände Schwerter!
Schwören wir beim Gott der Ahnen:
Nimmermehr
beugen wir uns den Tyrannen!
Nimmermehr!

Waschen wir mit Blut die Schande
weg von unsrem Vaterlande,
daß sein Schild in allen Breiten
strahle wie zu alten Zeiten!
Schwören wir beim Gott der Ahnen:
Nimmermehr
beugen wir uns den Tyrannen!
Nimmermehr!

Unsre Kinder sollen später
an den Gräbern ihrer Väter
stets in dankbarem Gedenken
ehrfurchtsvoll die Häupter senken!
Schwören wir beim Gott der Ahnen:
Nimmermehr
beugen wir uns den Tyrannen!
Nimmermehr!

Geschrieben wurden diese Zeilen am 13. März, berühmt und geschichtswirksam wurden sie zwei Tage später. Dazwischen lagen die Botschaften aus Wien und Preßburg, die von Revolution und Aufstand berichteten. Das war der zündende Funke auch in Budapest. Am 15. März löste er die Explosion aus.

An ihrer Spitze die „Jungungarn“, die bedeutenden und blutjungen Schriftsteller und Intellektuellen Mór Jókai, Petőfi und Pál Vasvári. In aller Eile setzen sie einen 12-Punkte-Plan auf, den sie dann auf mehreren Versammlungen unter frenetischem Beifall verlasen. Nur der Historiker schaut gelassener auf diese oft reproduzierte Szene und bemerkt lakonisch: „Typically, not even this radical program proposed to do anything for the landless or contractual peasants, nor anything for the workers and journeymen…“[3] und bemerkt, daß Kossuth die jungen stürmischen Revolutionäre nur soweit gehen ließ, wie es seinem leitenden Willen entsprach.

Petőfi skandiert das „Nationallied“ – so sah es Mihály Zichy

Der führte die Aufrührer zu einer Massenversammlung, wo Petőfi, einmal mehr vor 10 000 Menschen im strömenden Regen sein „Nationallied“ skandierte. Man darf sich die Szene durchaus so ergreifend vorstellen, wie die nationale Ikonographie sie darstellte. Petőfi hatte auch eine Schauspielerlaufbahn hinter sich und war sicher in der Lage, die Massen mitzureißen.

Danach zog man zur Druckerei „Landerer“, besetzte die Presse und druckte sowohl das Programm als auch das Lied in hoher Auflage und verteilte die Blätter. Schon wenige Stunden später kannte ganz Budapest das „Lied“, an allen Ecken und Enden wurde es skandiert und gesungen – seine mobilisierende Kraft muß enorm gewesen sein.

Und auch heute kennt es jedes kleine Kind. Es ist das mit Abstand bedeutendste Lied des Landes – der Fremde tut gut daran, sich ausgerechnet ihm zu widmen.

Die Übersetzung

„Dieses Gedicht eiferte am 15. März die Pester Jugend an. Ich deklamierte es zuerst im Kaffeehaus der Jugend, dann in der medizinischen Universität, dann auf dem Seminarplatz und schließlich vor der Druckerei, die wir mit Gewalt besetzten. Aus der befreiten Presse kam als erstes dieses Gedicht heraus.“ (Petöfi – handschriftliche Notiz auf dem Original)

„So aber war der Anfang des Nationalliedes, das der Dichter an diesem Morgen seiner Nation schenkte und das sich sogleich wie Feuer in die Ohren und Adern der großen Zuhörerschaft einfraß und die Herzen erschauern und schrecken ließ:

Auf, Ungar, auf! Jetzt oder nie!/Die Zeit ist reif! Das Schwert zur Hand!/Die Losung heißt: Wir oder sie!/Fegt sie aus unserem Vaterland!“

Derart  beschreibt Arnold Krieger die Szene in seinem ansonsten mehr am Liebesleben Petőfis interessierten Roman[4] und liefert uns immerhin gleich eine Alternativübersetzung der ersten Strophe, die allerdings sehr deutlich vom Sinngehalt des Originals abweicht. Die Szene freilich dürfte authentisch sein, sie ist es zumindest in der Erinnerung der Magyaren.

Aber auch innerhalb dieser Interpretationsblase gibt es einen großen Spielraum und ein Ringen um das wahre Verständnis. Wenn man die Tiefen des Youtube-Universum durchforscht, wird man auf dutzende Vorträge des Nationalliedes stoßen. Zahlreiche namhafte Schauspieler haben sich daran versucht, aber auch Laien und musikalische Interpretationen fehlen ebenso wenig. Vielleicht ist es Attila Kaszás, dessen Auftritt 2006 vor großer Menge die Quintessenz der Bedeutung am eindrücklichsten wiedergibt, umso mehr als sein Vortrag die umstehenden Menschen ganz offensichtlich tief berührte. Auch mir läuft es kalt den Rücken hinunter.

Am bekanntesten dürfte die Aufnahme Imre Sinkovits sein, die sich durch überlegene Ruhe auszeichnet. Sinkovits Sohn, Andrew Sinkovits-Vitay, versuchte sich ebenso daran, kann aber kaum neue Akzente setzen. Auch Ferenczy Csongor bewegt sich in diesen Spuren.

Sinkovits selbst versuchte sich in einer drängenderen Variante, László Tolcsvay setzte 2015 vor großer Versammlung noch einen drauf und verleiht den Zeilen eine fast qualvolle Dringlichkeit.

Daß man es auch übertreiben kann, beweist Enikö Eszenyi, die mit bewußter Gewalt gegen den Sinn anschreit – allerdings gelingt es ihr als einziger, das Gehetzte des Textes und seiner Entstehung einzufangen. Die Youtube-Gemeinde jedenfalls goutiert es nicht.

Besagter László Tolcsvay ist in Ungarn eine Legende, denn er spielte in zwei der drei legendären Rockbands der ungarischen Geschichte mit: Fonograf und Illés (Omega ist die dritte). Beide Bands interpretierten die populärste Vertonung des Gedichtes, hier in der reinen Variante:

Im Übrigen haben sich allerlei Laien daran versucht, von „Fekete Pákó“ also dem „Schwarzen Pákó“, einem aus Nigeria stammenden C-Promi, bis hin zu Vorschulkindern, die ihre Eltern stolz machen sollen:

Auch die Musiker fanden darin vielfältige Inspirationen. Herausstechend, auch durch eine hintergründige Animation, die Hardrockvariante der Heavy Metal Band „Zorall“.

Wunderschön auch die Komposition des bekannten Komponisten Zóltan Kodály für einen Männerchor oder das klassische Lied.

Desweiteren gibt es eine Liedermacherversion, Rockversion, Indie-Version, Folkversion und auch eine Rapversion soll nicht verschwiegen, aber auch nicht empfohlen werden.

Und wer es nun nicht mehr hören kann, für den gibt es auch eine Gehörlosenvariante

Übersetzungen aus Fremdsprachen sind ohne Sinnänderungen nicht möglich. In der Regel handelt es sich dabei um Verluste, in einigen glücklichen Fällen können die Texte aber auch wachsen. Das liegt nicht nur am Vermögen des Übersetzers, sondern ist auch von der jeweiligen Sprache abhängig.

Ungarisch – zusammen mit den Schwestersprachen Finnisch und Estnisch – dürfte nun die am schwersten zu übersetzende europäische Sprache sein. Als agglutinierende und nicht flektierende Sprache werden possessive, lokale, temporale und andere Verhältnisse in der Regel mit Suffixen und seltener mit Präfixen gebildet, von denen es bis zu sechs pro Wort geben kann. Es werden bis zu 85 verschiedene Suffixe gezählt, die wiederum mehrere Vokalformen kennen. Auch die Fälle, deren es 18 gibt, werden agglutiniert. Nur Nominativ, Dativ und Akkusativ haben deutsche Entsprechungen. Hinzu kommt eine Etymologie, die den germanischen, latinischen oder slawischen Sprachen fremd ist – Wortfelder bewegen sich mitunter um ganz andere Bedeutungen. Das allein schon macht das reine Memorieren der Vokabeln für Deutschsprachige oft zur Tortur. Die Grammatik ist insgesamt sehr umfänglich und kennt zudem eine Unzahl an Ausnahmen …

Beim „Nemzeti Dal“, dem „Nationallied Petőfis, kommt die alte Sprache hinzu. Mir wurde  versichert, daß die Schüler, die das Gedicht alle auswendig aufsagen können müssen, durchaus nicht alles verstehen.

Einige Beispiele:

Die emphatische Eingangszeile „Talpra Magyar, hí a haza!“ wird in der Regel mit „Erhebe dich, Ungar …“ übersetzt. „Talp“ jedoch ist die „Sohle“ und das Präfix „-ra“ oder „-re“ – in Abhängigkeit der Vokalharmonie – antwortet meist auf die Frage „Wohin“ und entspricht der deutschen Präposition „auf“ oder „an“. Die wörtliche Übersetzung lautete also: „Auf die Sohlen, Magyar …“

Das Agglutinieren bringt eine starke Beschleunigung mit sich. Was im Ungarischen in ein Wort gefaßt werden kann, muß im Deutschen mitunter in einen ganzen Satz ausgefaltet werden. Die Zeile „Sehonnai bitang ember“ kann das verdeutlichen. „ember“ ist der „Mensch“ und „bitang“ der „Schuft“ oder „Schurke“. Wir haben es also mit einem „schlechten Menschen“ zu tun. „Sehonn“ ist eine verkürzte und veraltete Form des Adverbs „nirgendwoher“, das sich aus „honnan“ (woher) und „Se“, einer Verkürzung von „Sem“ (nichts, gar nicht u.ä.) zusammensetzt. Das Suffix „-i“ entspricht in etwa dem deutschen Suffix „-er“, der Verben, Zahlen und Nomen zu Nomen ändern kann; er kann auch attributiv verwendet werden („A bajai halászlé“ – Die Bajaer Fischsuppe). Wollte man „Sehonnai bitang ember“ wortwörtlich übersetzen, mit allen Implikationen, die der Ungar hört, müßte man wohl eine Konstruktion wie diese bilden: „Ein aus nirgendwoher kommender schlechter Mensch“ oder: „Ein schuftiger Mensch, der keine Heimat hat, aber auch keine Heimat haben will“.

Kurz: Wer die Schwierigkeiten der Übersetzung im Allgemeinen und der des Ungarischen im Besonderen kennt, der wird das Vorhaben, ein sinn- und stimmungshaltiges Gedicht wie das „Nationallied“ Petőfis sowohl inhaltlich korrekt als auch poetisch ansprechend übertragen zu können, schnell als Illusion begreifen.

Präsentation

„Die Übersetzungen erreichen nie das Original, und es gab meines Wissens noch keinen Ausländer, der die ungarische Sprache bis zu dem Grade erlernt hätte, daß man ihn als solchen nicht bereits nach seinem ersten Satz identifizierte.“ Mario Szenessy

Im letzten Teil möchte ich nun meine Übertragungen vorstellen. Diese orientieren sich am angenommenen  Aussagevorhaben des Dichters und opfern poetische Schönheit der bestmöglichen Wiedergabe der Autorintention, ohne dabei kompromißlos vorzugehen. Sie erheben nicht den Anspruch, perfekt oder auch nur gelungen zu sein. Das nach vergleichsweise kurzer Bekanntschaft mit dem Ungarischen zu erwarten, wäre unsinnig. Ich sehe es selber als Übung und Einübung, sowohl in die Sprache als auch in das „Wesen“ des Ungarischen. Die Ungarn und Ungarischsprechenden – aber es gibt de facto keine aus anderen Ländern – mögen sowohl die Mängel als auch die Anmaßung verzeihen und es als freundschaftlich gesinnten Versuch der Annäherung begreifen.

Nationallied

Erheb’ dich Ungar, es ruft die Heimat!
Die Zeit ist reif, jetzt oder nie!
Gefang‘ne sind wir, oder Freie?
Das ist die Frage, wählen müßt ihr! –
Beim Gott der Ungarn
Schwören wir,
Schwören wir, Gefangene
wir nicht bleiben werden!

Talpra magyar, hí a haza!
Itt az idő, most vagy soha!
Rabok legyünk vagy szabadok?
Ez a kérdés, válasszatok! –

A magyarok istenére
Esküszünk,
Esküszünk, hogy rabok tovább
Nem leszünk!

Gefang’ne waren wir bis eben,
Nicht würdig unsrer Ahnen,
Die frei lebten und frei starben,
In geknechteter Erde keine Ruhe haben.
Beim Gott der Ungarn
Schwören wir,
Schwören wir, Gefangene
wir nicht bleiben werden!

Rabok voltunk mostanáig,
Kárhozottak[5] ősapáink,
Kik szabadon éltek-haltak,
Szolgaföldben[6] nem nyughatnak
.

A magyarok istenére
Esküszünk,
Esküszünk, hogy rabok tovább
Nem leszünk!

Schuft, nichtswürdiger,
der jetzt, wo’s gilt, nicht sterben mag,
dem sein lumpig Leben lieber,
als der Heimat Ehre.
Beim Gott der Ungarn
Schwören wir,
Schwören wir, Gefangene
wir nicht bleiben werden!

Sehonnai bitang ember,
Ki most, ha kell, halni nem mer,
Kinek drágább rongy[7] élete,
Mint a haza becsülete.

A magyarok istenére
Esküszünk,
Esküszünk, hogy rabok tovább
Nem leszünk!

Heller als die Kette blitzt das Schwert,
Besser zieret es den Arm,
Und dennoch trugen wir die Kette!
Her mit dir, unser altes Schwert!
Beim Gott der Ungarn
Schwören wir,
Schwören wir, Gefangene
wir nicht bleiben werden!

Fényesebb a láncnál a kard,
Jobban ékesíti a kart,
És mi mégis láncot hordtunk!
Ide veled, régi kardunk!

A magyarok istenére
Esküszünk,
Esküszünk, hogy rabok tovább
Nem leszünk!

Des Ungarn Ruf wird wieder klingen,
Würdig seines großen alten Klangs;
Den befleckt die vielen Jahre,
Tilgen werden wir die Schande!
Beim Gott der Ungarn
Schwören wir,
Schwören wir, Gefangene
wir nicht bleiben werden!

A magyar név megint szép lesz,
Méltó régi nagy hiréhez;
Mit rákentek a századok[8],
Lemossuk[9] a gyalázatot!

A magyarok istenére
Esküszünk,
Esküszünk, hogy rabok tovább
Nem leszünk!

Wo unsre Grabeshügel wölben,
Unsre Enkel sich verneigen,
Und beim segnenden Gebete,
Unsre heil‘gen Namen sagen.
Beim Gott der Ungarn
Schwören wir,
Schwören wir, Gefangene
wir nicht bleiben werden!

Hol sírjaink domborulnak,
Unokáink leborulnak,
És áldó imádság mellett
Mondják el szent neveinket.

A magyarok istenére
Esküszünk,
Esküszünk, hogy rabok tovább
Nem leszünk!

Wie nun müßte ein solches Gedicht deklamiert werden? Die zahlreichen Rezitationen zeigen, daß es hier großen Spielraum und ganz unterschiedliche Auffassungen gibt.

Ich glaube: Die finale Beschwörungsformel, dieser fast hypnotisierend klingende Bannspruch, diese Zauberformel „A magyarok istenére esküszünk, esküszünk“ sollte nicht nur das Fesselnde verdeutlichen, sondern wohl auch sich der jeweiligen Stimmung der Strophe anpassen und jede einzelne evoziert eine ganz andere Seelenlage.

Die erste Strophe, insbesondere die erste Zeile muß mitreißen, ein Aufstehen provozieren. Wer sie hört, muß gerade stehen, sich aufrichten, voller innerer Spannung. Danach wird der Hörer vor eine Frage, eine Wahl gestellt, die schließlich nur eine Antwort kennt: den Entschluß und die Tat!

Die zweite Strophe dürfte nachdenklich klingen, sich auf die Urväter besinnend und aus ihrem Erbe stille Kraft schöpfend.

Die dritte hingegen drückt Verachtung aus, die man bis in die Vokalfolgen nachspüren kann.

Die vierte Strophe beginnt nachdenklich, voller Abscheu werden die Ketten abgeworfen, und steigert sich dann zu einem Kampfaufruf!

Wieder beschwört Petőfi in der fünften Strophe seine Landsleute, indem er die große Zukunft aus der großen Vergangenheit evoziert. Ein besinnlicher Ton dürfte hier, bis auf die letzte Zeile, die Aufrufcharakter trägt, angemessen sein.

Die sechste Strophe ist vielleicht am schwersten zu verstehen. Man wird nicht fehlgehen, in ihr eine Todesahnung zu vernehmen, eine fromme, heilige, zugleich beschwörende Stimmung, die die Generationen gegenseitig verpflichtet. Nachdem Petőfi seine Zuhörer durch ein Wechselbad der Gefühle getrieben hat, kann er der gespannten Aufmerksamkeit gewiß sein. Die Stimme kann gesenkt, es könnte sogar geflüstert werden. Diese aufgestaute Spannung wird in einem letzten Schwur grandios und mit Paukenschlag zum Abschluß gebracht.

Ein anspruchsvolles, kaum umzusetzendes Programm für einen geübten Mimen, eine sich der Lächerlichkeit preisgebende Versuchung für den Amateur. Ohne Blatt natürlich – fiel deutlich schwerer als die Al Fatiha.

siehe auch: Voyeurismus

Für einige Ideen danke ich Frau Szilvia Körmendi. Mein besonderer Dank gilt Frau Tünde Lentner, ohne ihre Hilfe wären Übersetzung und Vortrag nicht möglich gewesen.
Literatur:
Istvan Deak: The lawful revolution. Louis Kossuth and the Hungarians 1848-1849. London 1979
László F. Földényi: Die Revolution „wittere ich, wie ein Hund das Erdbeben“ in: Pester Lloyd 1999
Arnold Krieger: So will es Petőfi. Dresden 1942
Sándor Kurtán u.a.: Ungarn. München 1999
Paul Lendvai: Die Ungarn. Eine tausendjährige Geschichte. München 2001
Sándor Petőfi: Doch währt nur einen Tag mein Leuchten. Ausgewählte Prosa. Leipzig 1977
Mario Szenessy: Für die Ungarn der Dichter schlechthin. in: „Zeit online“ 15.1.1971
[1] Sándor Kurtán u.a: Ungarn. München 1999, S. 134
[2] Sándor Petőfi: Doch währt nur einen Tag mein Leuchten. Ausgewählte Prosa. Leipzig 1977, S. 194f.
[3] Istvan Deak: The lawful revolution. Louis Kossuth and the Hungarians 1848-1849. London 2001, S. 71
[4] Arnold Krieger: So will es Petőfi. S. 249
[5] Drückt eigentlich den Gedanke des Verrates an den Vorvätern aus
[6] „szolga“=Knecht, „föld“=Erde, „-ben“=in
[7] „rongy“ ist ein Substantiv und steht für „Lumpen“, „Lappen“, „Fetzen“ etc.
[8] Wörtlich: „Womit die Jahrhunderte ihn beschmierten“
[9] Wörtlich: „Abwaschen“

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