Das älteste Programm

Vor dem Fenster plustert sich der Star auf.

Er sitzt auf dem Starenkasten und pfeift sein Lied. In der Sonne weitet er seine Flügel aus, damit er von oben besser gesehen wird, imposanter, männlicher wirkt. Dann hebt er den Kopf, tiriliert und klappert, so daß sich am Hals alle Federn aufstellen und rhythmisch mitschwingen.

Schließlich hat er ein Weibchen erreicht. Interessiert schaut sie sich den Brutkasten an, dann setzt sie sich neben ihn und gemeinsam singen sie. Den Kasten hatte an den Tagen zuvor das Männchen in akribischer Arbeit bereits von den letztjährigen Überresten bereinigt. Nun stopfen sie gemeinsam erste Moosbüchel in das Loch hinein.

Wie in jedem Jahr läuft das große, alte, ewige Programm der Natur ab, Jahr für Jahr, seit Millionen Jahren: sich finden, sich paaren, Nestbau, Nachwuchs aufziehen. Die nächste Runde im endlosen Karussell.

Dieses Programm läuft auch durch uns, uns Menschen hindurch. Wir meinen, Ziele zu haben, Ideen, Vorstellungen, wir zweifeln, wir geben unserem Sein eine menschliche Bedeutung – aber es gibt nur einen einzigen Sinn des Lebens und der ist, dieses Programm auszuführen – das je nach Art etwas anders abläuft, das auch natürliche Ausnahmen kennt.

Ob das gut ist oder schlecht, gerecht oder ungerecht, steht nicht zur Debatte. Es hat sich durchgesetzt und wird sich auch weiterhin durchsetzen.

Der innere „Sinn“ des Lebens, seine Entelechie, ist seine Erhaltung und Vermehrung. Der Sinn der Frau ist die Geburt und das frühe Nähren, der des Mannes die Zeugung. Dem entsprechen auch die natürlichen Triebe.

Erst wenn man solch basale Wahrheiten intuitiv erkennt – man muß dazu kein einziges Buch gelesen haben –, versteht man die Perversität modernen, speziell grünen Denkens.

Es ist ein sich Auflehnen gegen das älteste natürliche Programm und das Aufbegehren kann, wollte man es konsequent zu Ende führen, nur in der Selbstauslöschung enden.

 

 

 

4 Gedanken zu “Das älteste Programm

  1. JJA schreibt:

    Immer wieder interessant: Geht man von den klassischen Trennlinien zw. Links und Rechts weg, ergeben sich ganz neue Koalitionen. Obwohl ich die Wiederentdeckung der biologischen und ökologischen Grundlagen unseres Daseins für essentiell halte, käme ich nie auf den Gedanken, sie zum „Sinn“ oder zur „Entelechie“ zu überhöhen – wie das m.M.n. der Text und der Kommentar des sonst überaus kritischen lynx tun. „Evolution ist alles“ – ist nicht offensichtlich, dass diese Aussage sich selbst zersetzt? Die Kategorien „Wahrheit“, „Sinn“ etc existieren nicht in der physischen oder biologischen Natur. Wenn alles Evolution ist, dann ist auch alle Theorie bloßes Exkrement der Natur. Es gibt keinen Grund mehr, eine solche Theorie (einen weltanschaulichen Naturalismus, im Gegensatz zum methodischen) für wahr zu halten. Absolutismen zersetzen sich selbst – das Thema hatten Sie doch gerade erst beim Veganismus, oder?

    In diesem Punkt kollidieren aber wohl größere Weltanschauungen. Robert Spaemann hat m.E. überzeugend gezeigt, dass Gottesglaube und ein nicht-naturalistisches Selbstverständnis des Menschen einander bedingen („Das unsterbliche Gerücht“ oder „Der letzte Gottesbeweis“). Gleichzeitig war er es auch, der schon sehr früh aus konservativer Perspektive für die Wiederentdeckung der Natur als Bedingung unserer Existenz gestritten hat – nicht nur auf dem Gebiet der Medizinethik (das wäre ja zu erwarten), sondern gerade auch auf dem Gebiet der Ökologie. Leseempfehlung!

    Gefällt 1 Person

    • Man muß hier sehr genau unterscheiden: Wovon sprechen wir. Geht es um Aussagen, dann befinden wir uns auf dem Gebiet der Aussagenlogik – dort gilt der Satz: Absolutismen zersetzen sich selbst. Das gilt also vorerst nur im Bereich der Aussagen über Sein, nicht für das Sein selbst oder doch zumindest nicht aus der Logik herleitbar.

      Auch sind Evolution – im weitesten Sinne „Natur“ und Kultur zu unterscheiden.

      Ich habe durchaus nicht „biologische und ökologische Grundlagen unseres Daseins“ zur Entelechie erklärt, sondern die Erhaltung und Vermehrung zum inneren Sinn des Lebens – Lebens an sich. Das transzendiert das „unsere“ in Ihren Worten. Ich erkläre das auch nicht im Sinne einer Verfügung – Kraft meiner Wassersuppe -, sondern meine, daß diese Einsicht evident ist. Warum oder wozu das so ist, entzieht sich unserer Kenntnis. Zwar können wir hier und da das unmittelbare „Warum“ aufklären – durch die Genetik mehr denn je – aber warum z.B. genetische Prozesse ablaufen, die letztlich ja auf Chemie und Physik zu reduzieren sind, warum letztlich also physikalische Gesetze gelten, die zudem oft mathematische Entsprechungen haben, das bleibt ein Geheimnis. „Sinn“ des Lebens ist hier also weder als „Zweck“, noch als „Sinnstiftung“ zu verstehen, sondern als inneres Gesetz, als „inneres Werdeziel“, als „Wesens-Werdeziel“, wie Herbert Fritsche die Entelechie zu fassen versuchte.

      Dieses Gesetz wirkt und durchwirkt alles Leben, mag es sich so weit von seinem Ursprung entfernen, wie es will. Es durchwirkt auch den gesamten kulturellen Bereich. Natürlich kann der Mensch sich durch Kultur sehr weit von „der Natur“ emanzipieren, so wie sich der Kosmonaut von der Gravitation emanzipiert, aber ihren inneren Gesetzen kann er – sofern er leben will (remember: immer konditional) – nicht entkommen. Versucht er es dennoch, indem er systematisch Lebensformen favorisiert, die biologisch unfruchtbar sind, wird er als Spezies scheitern.

      Diese Aussage enthält keinerlei Kommentar über den ethischen Wert dieser Lebensformen (was nicht heißt, daß sie „richtig“ sind). In der Veggi-Diskussion hatte ich gerade ausführlich dargelegt, daß aus der Evolution oder den Naturgesetzen keine individuellen moralischen Werte erwachsen können. Das sind zwei getrennte Bereiche, die freilich nicht unabhängig voneinander sind – mit deutlichem Primat der Natur. Kultur ist nichts anderes, als das gemeinschaftliche und gesellschaftliche, mehr oder weniger gelingende Management der umgebenden und der eigenen Natur.

      Evolution ist nicht alles, aber alles ist Evolution. Es sind Arabesken und Ornamente zum großen evolutiven Thema. Solange sie diese nicht wesenhaft behindern, können sie gespielt werden.

      „Die Kategorien „Wahrheit“, „Sinn“ etc existieren nicht in der physischen oder biologischen Natur.“ – Das ist natürlich eine Binse. Kategorien brauchen immer einen Träger und das sind die Menschen. Ohne Menschen gäbe es auch das Wort „Gesetz“ nicht und auch nicht die Einsicht in selbige – dennoch würden sie wirken. Und so wirkt auch der „Sinn“ oder die „Wahrheit“ und die lautet: „Alles am Weibe ist ein Rätsel, und alles am Weibe hat eine Lösung: sie heißt Schwangerschaft.“ (Nietzsche)

      Liken

      • JJA schreibt:

        Nun, wovon Sie sprechen, weiß ich leider immer noch nicht ganz genau – aber das mag am Empfänger liegen. Wenn hier (cum grano salis) aristotelische Naturphilosophie referiert werden: Geschenkt, ja, einverstanden. „Ein Mensch zeugt einen Menschen“ und das Leben zielt von sich aus immer auf Erhaltung, auch über das Individuum hinaus.

        Aber folgende Sätze haben mich auf eine andere Fährte geführt: „Der Sinn der Frau ist die Geburt und das frühe Nähren, der des Mannes die Zeugung. Dem entsprechen auch die natürlichen Triebe.“ – Wenn ich das Verständnis zugrunde lege, dass Sie von basalen Gesetzlichkeiten des Lebens überhaupt reden, dann „entsprechen“ dem nicht die Triebe, sondern die Teleologie der Lebens besteht letztlich in den natürlichen Trieben. Das „entsprechen“ hatte mich dahin geführt, das Wort „Sinn“ im Sinne des „indiv. Lebenssinns“ zu verstehen, was ein biologistischer Fehlschluss wäre. Ich entschuldige mich, sollte das ein Missverständnis sein.

        Das Sein kann niemals widersprüchlich sein, nur unsere Theorie von ihm. Ein Beispiel wäre ein platter, weltanschaulicher Naturalismus, an den ich mich (auch in lynx‘ Kommentar) erinnert fühlte. Der ist, soweit ich sehe, auch recht verbreitet – wenn Sie also die Einsicht, dass Kategorien eines Trägers bedürfen, als Binse ansehen, sei Ihnen das unbenommen. Es ist aber das schlagende Argument gegen derlei Ansichten. Ich meine aber, dass die Menschen als Träger der Kategorie „Wahrheit“ gerade nicht herhalten können. Denn mit Wahrheit meine ich ja etwas, das ganz unabhängig von mir, meinem Bewusstsein, überhaupt jedem menschlichen Bewusstsein besteht – wie Sie ja bestätigen: Das Gesetz würde auch ohne Einsicht in es wirken. Ich denke, es ist klar, welchen Träger für die Kategorie der „Wahrheit“ ich da favorisiere. Oder um ebenfalls mit einem Nietzsche-Zitat zu enden: „Wir werden Gott nicht los, weil wir noch an die Grammatik glauben.“

        Liken

  2. lynx schreibt:

    Hätte ich jetzt nicht erwartet, dass Sie den Sinn des Lebens so ganz allein bei der Evolution und ihren Eigengesetzlichkeiten belassen. Ich dachte immer, für Sie müsste „mehr“ drin sein. Aber gut, denn eigentlich ist es ja so: Evolution ist alles. Der Mensch hat es allerdings geschafft, die biologische Evolution, die nachwievor stattfindet, um die kulturelle Evolution zu bereichern. Dieser Kniff hat das Anthropozän ausgelöst. Keine Tierart schafft es, erworbenes Wissen über Generationen zu vererben, im Extremfall können dabei sogar Generationen übersprungen werden. Für diese Kulturgeschichte hat von Beginn an die Auseinandersetzung mit Geschlechterrollen eine entscheidende Bedeutung gespielt. Die Erkenntnis, dass Geschlecht nicht nur biologisch sondern auch sozial ist – oder vor allem: sein kann. Dadurch entstanden schon immer Lebensmodelle, die das Tierreich nicht kennt. Und diese Lebensmodelle haben immer entscheidenden Einfluss auf den Lauf der Kulturgeschichte genommen. Oft, weil diese Menschen, die „anders“ lebten, von den Pflichten des Familienlebens entbunden waren. Man mag das gut oder schlecht finden, jedenfalls war es so und hat entscheidend dazu beigetragen, die Differenz des Menschen zum Tier herzustellen.
    Zugegeben, es nervt, dass erhebliche Teile der Gesellschaft nun meinen, das soziale Geschlecht käme vor dem biologischen und sei auch noch das determinierende. Das ist Quatsch, den leider viele Leute im Laufe ihrer Biographie erst mal durchkauen müssen und dann ablegen. Umgekehrt aber so zu tun, als müsse man nur den „natürlichen Trieben“ folgen und alles würde gut, als gäbe es keine soziale Konnotation von Geschlecht, die eben auch formbar ist, ist ein sehr dünnes Brett, als wäre die Erde eine Scheibe. Heißt natürlich wiederum nicht, dass man nicht zuzeiten einen Starenliedchen pfeifen darf.

    Liken

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.