Der lange Marsch in die Heimat

Als ich vier Wochen später bei Frau Schadt sitze, komme ich mir wie ein Medium vor, das die beiden Frauen, die beiden Schicksale (wieder) miteinander verbindet. Als Kinder wohnten sie nur ein paar Schritte voneinander entfernt, beide saßen im Herbst 47, bei der Vertreibung nach Deutschland, im selben Zug, im Viehwaggon und hatten anfangs vergleichbare Erfahrungen gemacht, aber die eine ist in Deutschland, der späteren DDR geblieben, ist auch nominell Deutsche geworden, die andere ist zurück nach Ungarn gelangt und hat eine Doppelexistenz geführt.

Sie erzählt vom Leben vor dem Krieg. In Waschkut, dem hauptsächlich deutsch-ungarischen Dorf, lebten drei Nationalitäten zusammen: die Schwabendeutschen als Mehrheit, Ungarn und die Bunjewatzen, ein serbokroatisches Volk, dessen Nachfahren heute noch immer eine stattliche Minderheit im Süden des Landes stellen.

Das Leben war friedlich. Der gemeinsame Katholizismus verband. Auf der Straße wurde Schwäbisch gesprochen, in den Familien die jeweiligen Muttersprachen, in den Schulen wurde Ungarisch gelehrt. Die Gottesdienste wurden dreisprachig durchgeführt. Unterschiede gab es trotzdem: vor allem sah man an den Häusern und Höfen, wer darin wohnte. Zumindest zeichneten sich die deutschen Häuser meist durch ihre Ordnung, die Höfe durch ihren guten Ertrag aus. Die Deutschen waren, sagt die alte Frau, arbeitsamer als die anderen.

Man tauschte die Kinder zum Sprachaustausch aus. So verbrachten die deutschen Sprößlinge die Ferien in den nahegelegenen Orten Szeremle und Bátmonostor, wo Ungarisch gesprochen und gelebt wurde, und von dort kamen die Kleinen zu den Deutschen, um Deutsch zu lernen. Die Männer, so erinnert sich Frau Schadt, sprachen in der Regel besser Ungarisch als die Frauen, und sie führt das auf die Militärzeit zurück. Schon an der Kleidung erkannte man die Nationalität und sogar das jeweilige Dorf. Die Frauen trugen ein Leben lang Kopftücher in der Öffentlichkeit, aber jeder Ort hatte seine eigene Art – Kunst, kann man sagen – es zu binden. Die Haare einer erwachsenen Frau bekam kein Mann – außer der Ehemann – je zu Gesicht.

Ungarndeutsche aus Nadvar um 1913 © Batschkaer Spuren

Probleme entstanden erst nach Hitlers Machtantritt – und das ist die große historische Lehre dieses Gesprächs: Solange Frieden und Wohlstand herrschen, können kulturelle, ethnische, materielle und nationale Differenzen, wenn sie nicht zu groß sind, abgefedert werden, aber sie brechen zwangsläufig hervor, wenn historische Umbruchzeiten dämmern, wenn vor allem Not und Elend einziehen – dann werden uralte, scheinbar längst verheilte Wunden aufgebrochen, dann drängen Neid, Mißgunst und Mißtrauen an die Oberfläche. Es müssen mitunter Jahrzehnte, Jahrhunderte oder gar Jahrtausende vergehen, bis diese Unterschiede im historischen Gedächtnis verschwunden sind – Multikulti kann funktionieren, entweder mit Gewalt (Jugoslawien, Sowjetunion) oder unter Ewigem Frieden.

Der Vertreibung aus der Heimat gingen bereits schwierige Jahre voraus. Hitler hatte auch die Ungarndeutschen gespalten und sie von den ethnischen Nachbarn entfremdet. Die Begeisterung für den Nationalsozialismus war unter den Ungarndeutschen überproportional groß, viele meldeten sich freiwillig bei der SS, der „Deutsche Volksbund“ wollte die politischen Interessen bündeln. Aber nicht alle Begeisterung war politisch motiviert. Man hatte vor allem den ärmeren Bauern Versprechungen gemacht, Land sollte verteilt werden und viele schlossen sich dem Bund auch nur aus Geselligkeitsgründen oder aus Opportunismus an.

1943 begannen die Plünderungen. Bisher wenig beachtet – bei Frau Schadt höre ich zum ersten Mal davon –, die serbischen Partisanen, die das Dorf als erste heimsuchten, viele Häuser plünderten, das Vieh stahlen. Ausgenommen wurden die slawischen Bunjewatzen. Bis heute hat sich das Bild der wilden, rohen, lauten und brutalen serbischen Männer bei Frau Schadt eingebrannt, eine gewisse Antipathie, die sie später bei diversen Besuchen in Serbien weiterhin empfand.

Im Oktober 44 standen die Russen im Dorf. Dabei handelte es sich um ethnische Ukrainer. Sie haben alles mitgenommen. Die jungen Frauen, die Mutter etwa, mußten sich teilweise wochenlang auf Heuböden verstecken. Jeder Haushalt wird gezwungen, Verwundete aufzunehmen und zu pflegen. Die Ärzte der Einheit bezogen die Villen des Ortes. Am Morgen mußten die verwundeten Soldaten, mit Krücken und Verbänden, antreten und exerzieren. Ein Bild, das sich damals tief eingebrannt hat, wie auch zahlreiche herumliegende Hühnerköpfe, die man dem gestohlenen Geflügel abgerissen und achtlos auf die Straße geworfen hatte. Andererseits erinnert sie die Russen als ausgesprochen kinderfreundlich.

Dann folgten, als nächste Prüfung, die Deportationen. Anders als Hajos etwa, kam Waschkut recht glimpflich davon. Es war lange ein Rätsel, weshalb. Vor ein paar Jahren erfuhr Frau Schadt den Grund, wenn es auch nur ein Gerücht sein mag. Ihr Großvater, Franz Marxer (1891-1965), der Bürgermeister, soll zum russischen Kommandanten gegangen sein und seinen gesamten Weinkeller, der offenbar gut bestückt war, gegen die 60 Frauen eingetauscht haben, die für die Malenkii Robot, also das Gulag bestimmt waren. Wenn diese Legende stimmt, dann hat er nie öffentlich darüber gesprochen.

1945 waren alle Volksbundmitglieder enteignet worden. Sie kamen meist bei Verwandten unter. Ein Jahr darauf begannen die systematischen Vertreibungen. Der zweite große Transport – der erste ging 1946 nach Aschaffenburg, also in die amerikanische Besatzungszone –, im August 1946, betraf auch die Waschkuter Ungarndeutschen. Es gab anfangs eine Liste. Diese wurde auch in Zusammenarbeit mit einigen Bunjewatzen erstellt, die den Besatzern Namen und Adressen gaben. Es ging um Volksbundleute und um jene, die sich bei der Volkszählung 1941 zum Deutschtum bekannt hatten – in Waschkut waren das 3200 Menschen von 4700. Wieder versuchte der Bürgermeister zu verhandeln und brachte die frohe Botschaft mit, daß seine Familie nicht auf der Liste stünde. Doch die Mutter traute dem nicht und versteckte die Wertsachen – Porzellan, Bestecke, Leinen – bei anderen Familien, vornehmlich befreundeten Raizern. Nicht alles habe man davon später zurück bekommen. Tatsächlich wurden am Nachmittag alle versammelt ausgenommen Kranke und Kinder. Für einen Moment drohte die Marxer-Familie, ihr Kind zu verlieren, aber schließlich durfte die Kleine doch mit.

Man wurde, wie bereits beschrieben, in Viehwaggons verladen – 300 Leute aus Waschkut kamen in diesen Transport – nach Pirna gebracht und von dort, nach einer Quarantäne und in der Regel nach Geschlecht getrennt, in Sachsen, im Vogtland und Erzgebirge verteilt. Die arbeitsfähigen Männer zwang man in den Bergbau, die Frauen und Kinder mußten sich in den Ortschaften eine Unterkunft suchen und eine Existenz aufbauen.

In der ungarischen Heimat wurde derweil der Besitz der Ungarndeutschen verteilt. Zuerst, so erinnert sich Frau Schadt, kamen die Székler, noch während die Familie in Waschkut lebte. Sie waren primitive, unkultivierte Leute. Sie brachten Läuse und Krankheiten mit. Sie erinnert, wie die Székler mitten im Sommer Schweine schlachteten, ohne recht zu wissen, wie. Das Fleisch hängten sie auf dem Dachboden auf, wo es sofort verdarb. Um Feuerholz zu machen, sägten sie Balken aus den Dachstühlen. Die Frauen aber seien leichtfertig gewesen, leicht zu haben und mancher junge Mann zeigte Interesse – und bald gab es gemischte Nachkommen.

Den Széklern folgten ungarische Siedler, „Agrarproletariat“, wie Frau Schadt sie nennt, Marx hätte sie wohl als „Lumpenproletariat“ bezeichnet, verarmte Landbevölkerung, Tagelöhner aus den ostungarischen Weiten. Ihnen wurde Land versprochen, es wurden Genossenschaften gegründet. Aber auch dieses Experiment scheiterte schnell. Sie waren die strenge Landarbeit nicht gewohnt, kannten den Weinbau nicht. Anfangs waren die Genossenschaften ethnisch organisiert und während die von den zurückgebliebenen oder zurückgekommenen Schwaben betriebenen schnell Gewinn abwarfen, mußte man die wirtschaftliche Sinnlosigkeit der anderen einsehen. Es wurde ideologiegerecht mit Nivellierung und Vermischung reagiert.

Schließlich kamen die „Slowaken“. Das waren ethnische Ungarn aus der Südslowakei, die ebenfalls in großem Umfang umgesiedelt wurden. Sie übernahmen die heruntergewirtschafteten und ausgeplünderten Güter – einige von ihnen blieben, andere zogen weiter oder zurück in die angestammte Heimat.

Als ein Teil der vertriebenen Schwabendeutschen illegal in die Heimat zurückkehrte, fanden sie ihre Häuser und Wirtschaften meist ruiniert und zerstört wieder. Einigen gelang es, sich ihr Eigentum, das ihnen ersatzlos gestohlen worden und nun zerstört war, zurückzukaufen. Man begann von vorn.

Die nach Deutschland Vertriebenen hatten derweil andere Sorgen. Die Männer wurden in den Uranbergbau geschickt. Im beginnenden Kalten Krieg hatte die Sowjetunion ein vitales Interesse an dem Metall. Sie wiederum waren Bauern und Handwerker, waren die Bergbauarbeit nicht gewohnt. Der Großvater von Frau Schadt litt bald an Lungenbluten.

Die Familien mußten sich Unterkünfte suchen, meist Einliegerwohnungen bei einheimischen Familien. Oft waren sie nicht willkommen. Die Mutter hatte ein Kleinkind dabei, Frau Schadts Schwester, aber Entbehrung und Not machten ein Stillen unmöglich. Es wurde Kaffeesahne eingehandelt, „Bärenmarke“ – das wurde für das Kind prägend, der Name der Marke erhielt einen Zauberklang und tauchte immer wieder im Gespräch auf.

Gut erinnert sie sich an eine Frau, die zur Mutter gesagt hatte: „Was will sie denn mit dem kleinen Würmel. Das stirbt doch.“ Tatsächlich tat man alles, um die Neuankömmlinge loszuwerden, also zog die Familie weiter. Schließlich landete man in Rebesgrün, heute ein Teil Auerbachs, bei der Familie Dressel, einer Bäckersfamilie. Das Geschäft gibt es heute noch. 100 Meter weiter befindet sich nun das Büro des „Bund der Vertriebenen“ nebst Traditionsstube – dort saßen wir und sprachen mit Frau Reitzenstein. Danach wollten wir beim Bäcker einen Kaffee trinken – doch leider war wegen Urlaubs geschlossen.

in diesem Haus in Rebesgrün lebte die Familie mehr als ein Jahr

Oben im Dachgeschoß des Bäckerhauses kam die Familie unter. Das war nun das neue Heim für das nächste anderthalb Jahr. Der Familie ging es verhältnismäßig gut. Sie war sehr wohlhabend für Waschkuter Verhältnisse, hatte im größten Haus gewohnt. Die Mutter war klug und fürsorglich. 50 kg Gepäck durften pro Person mitgenommen werden. Sie rettete darin einen Geldbetrag, Forint, den man nach und nach auf dem Schwarzmarkt umtauschte. Auch qualitativ hochwertige Seidenstrümpfe waren dabei, die auf dem Schwarzmarkt geschätzt waren.

Noch vor der Vertreibung stieß der Vater zur Familie. Er kam aus der Kriegsgefangenschaft zurück. Das Mädchen ging in die Schule. Es profitierte von seinen Deutschkenntnissen, mußte sich allerdings mühsam an den schweren Dialekt gewöhnen. Zu Hause lehrte der Großvater weiter Ungarisch. Trotz ihrer deutschen Abstammung waren beide Eltern schon sehr magyarisiert, liebten Land, Kultur und Sprache. In Auerbach gab es in der Katholischen Kirche jedes Wochenende eine ungarische Messe – längst war das Ungarische für viele Schwaben zur Muttersprache geworden.

Das Kind lebte sich schnell ein, schloß Freundschaften, besuchte zum ersten Mal ein Kino – „Hase und Igel“, unvergessen –, aber die Eltern zog es zurück. Immer öfter hörte man Geschichten von Rückkehrern. Der Großvater hatte Kontakt zu Schleusern aufgenommen und die Route erkundet, viel Geld ausgegeben und wurde dann betrogen. Dennoch wagte man es im November 48 über die Zonengrenze bei Hof zu fliehen. Noch einmal taten die Seidenstrümpfe ihr Wunder. Von Füssen aus ging es nach Österreich. In Wien hielt man sich in einem Kloster auf, in dem ein Pfarrer aus Waschkut weilte. Und als man bei Nacht und Nebel die ungarische Grenze überquert hatte, empfingen die Familie Lichter eines Pfarrhauses. Dort war man auf die Flüchtlinge vorbereitet und erwartete sie mit einer warmen Kartoffelsuppe.

Fortsetzung von: Ein Flüchtling kreuzt seine Spur

siehe auch: Ungarndeutsche Tragödien

Erinnerungskultur

Ein Gedanke zu “Der lange Marsch in die Heimat

  1. photocreatio schreibt:

    …sehr schöne Schilderung des Lebens von Auslandsdeutschen während der Kriegs- u. Nachkriegswirren. Leben als Minoritäten, durch halb Europa hin- und hergeschubst. So ging’s meinen Großmüttern – von Memel und Rumänien ansässig, und am nächsten Tag fragt niemand mehr danach, Männer und Söhne auf dem Schlachtfeld geblieben, die Mütter, vier Kinder am Rockzipfel mitschleppend, hatten keine Zeit, „Schneeflöckchen“ zu spielen… Sehr schöne Seite übrigens, würde mich freuen, hier öfter mal zu kommentieren; weiter so.

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