Vegetarismus – Pro und Contra II

Antwort auf die Kritiken zu „Warum ich kein Vegetarier bin

StefanieJe mehr man gesättigt ist, desto mehr drängt sich die Ethik ins Bild“ – so ist es: „Erst das Fressen, dann die Moral“; aber ist das ein Argument gegen die Ethik? Sollte es den Menschen nicht auszeichnen, an seiner Vervollkommnung zu arbeiten, gerade dann, wenn er gesättigt ist?

Aber ist der Verzicht wirklich freiwillig, wenn Appelle, Umerziehung und Gesetze ihn erzwingen wollen“. Wir sprechen hier über die Ideologisierung des vegetarischen Denkens. Das ist problematisch. Allerdings darf man auch nicht den Fehler machen – und in der Rechten ist dieses Triggerdenken mittlerweile stark verbreitet – gelassene Reflexion, Argumentation und Sichtbarmachen von Zusammenhängen oder Zuständen schon als „Propaganda“ mißzuverstehen – was nicht bedeutet, daß es diese lästige und manchmal sogar kriminelle missionarisch getriebene Agitation obendrein gibt. Aber auch darin verbirgt sich ein interessantes moralisches Problem: Wie weit darf Agitation und Propaganda gehen, ab wann darf man verbieten und dieses Verbot vielleicht sogar gewaltsam durchsetzen, wenn das Verbotene objektiv das Falsche oder sogar Lebensbedrohliche ist. Der Verlust der Ordnung in der postmodernen Welt manifestiert sich auch im Verlust des Tabus, des Verbotes. Ein anderes Thema.

Jemand, der alles Leid der Welt auf sich nimmt, wird verrückt. Erst recht, wenn er denkt, dieses Leiden würde wegen ihm in der Welt sein.“ Das ist ein Pappkamerad, denn Leidbewußtsein heißt nicht, alles Leid der Welt auf sich zu nehmen, und die Erkenntnis, daß Menschen und die Menschheit sich nicht nur gegenseitig und sich selbst Leid zufügt, sondern auch und vielleicht noch viel mehr dem anderen Leben, kann nur ein derangiertes Wesen unmittelbar sich selbst aufladen. Daß es insbesondere im linken Spektrum immer mehr solche Menschen gibt, bleibt unbestritten.

Alles Leid der Welt (und sei es das einer Fliege) auf seine Schultern nehmen zu wollen oder es irgendwie zu verhindern zu trachten, ist weltfremd.“ – und wird dennoch gemacht, etwa im Jainismus, ohne daß Jains apriorisch unglücklich sein müßten. Im Gegenteil, sie machen einen recht zufriedenen Eindruck. (siehe: Das Christophorus-Syndrom)

Tiere fressen und werden gefressen. Die, die gefressen werden, werden meist nicht schnell per Stromschlag oder Kopfschuß umgebracht, sondern von Raubtieren zu Tode gehetzt und zerfetzt. Andere kommen vor Hunger um, werden von Parasiten gepeinigt, erfrieren, verdursten oder verschmachten verletzt in der Sonne oder verkriechen sich zuletzt in einer dunklen Ecke. Leid gehört zum tierischen, wie zum menschlichen Leben.” Auch das ist richtig, aber daraus läßt sich schwerlich ableiten, daß Zufügen von Leid zu rechtfertigen ist, sofern es vermeidbar wäre und die unmittelbaren Lebensinteressen dessen, der das Leid zufügt, nicht berühren. Es unterscheidet den Menschen eben gerade vom Tier, erstens das Leid abwägen zu können, das er zufügt, es „mitleiden“ zu können, es aus freiem Entschluß und nicht aus „Trieb“, „Instinkt“ etc. zuzufügen und die Option zu haben, es nicht zuzufügen – zumindest jenes Leid, von dem wir hier sprechen. Er wird trotzdem weiterhin auf Ameisen treten. Ein moralisch empfindsamer Mensch wird aber einen Schritt über die Ameisenstraße machen, wenn er sie denn sieht. Reflexsituationen etwa zeigen uns eine Art vorreflexiver Tötungsscheu. Gerade eben habe ich hier von einem schweren Verkehrsunfall gehört, der durch das reflexhafte Ausweichenwollen vor einem Hasen – der dem Auto keinen Schaden zugefügt hätte (Selbstschutz fällt also aus) zustande kam.

Vom Evolutionären Standpunkt aus gesehen, war es ein Sechser im Lotto für eine Art domestiziert zu werden, denn solange der Mensch Herr der Welt ist, wird es auch die assoziierten Arten in großer Mengen geben. – Es sei denn wir werden alle Vegetarier.“ – oder wir verschwinden: dann wird sich die Anpassung an den Menschen als dramatischer Durchläufer (Tele Lotto) der Evolution erwiesen haben. Überhaupt ist natürliche Evolution schlecht moralisch zu verwursten, weil wir hier von immensen Zeiträumen und von Prozessen sprechen, die weit jenseits unserer Einflußsphäre vor sich gehen. Wenn man hingegen Evolution durch künstliche Zuchtwahl oder gar durch Genmanipulation betreibt und damit Tiere schafft, die es natürlicherweise gar nicht geben dürfte und die in der freien Natur meist keine langfristige Überlebens- und Fortpflanzungschance hätten, dann wirft das die Frage auf, ob ein derart künstlich geschaffenes Leben nicht an sich schon leidend ist – und also verhindert werden sollte. Ein Bekannter, der in der Schweinemast arbeitete, erzählte mir, daß man im Stall leise sein müssen, denn jede Aufregung könne bei den überfetteten und durch enge Koben – und Rosthaltung gestreßten Schweinen zum Herzinfarkt führen.

Auch die Hindus haben ihre heiligen Kühe für die Milch. Will man Milch und Eier weiter verzehren, wird man weiter Tiere züchten müssen.“ – Halten, nicht züchten. Leben die Tiere entsprechend ihrer Natur, so ist dagegen weit weniger einzuwenden. Die Kuh gibt auch Milch, wenn das Kalb bei ihr bleibt – deutlich weniger und nicht so lang. Das Huhn legt auch freiwillig Eier. Milch und Eier wären dann relative Luxusgüter – das waren sie viele Jahrtausende lang für die Mehrzahl der Menschen.

Milch – darauf weisen immer mehr Studien hin – erweist sich mehr und mehr als Trojanisches Pferd und wird zunehmend mitverantwortlich für Krebs und andere Krankheiten erklärt. Tatsächlich verhält sich der Mensch – obwohl er die Evolution zu überschauen vermeint  – hier gänzlich unevolutionär. Er trinkt und verarbeitet die Muttermilch anderer Spezies. Ein Einzelfall, soweit man weiß.

Die Hälfte der Nachkommen ist männlich: was soll aus denen werden?“ – Das ist eine Frage der Menge. Ohne die komplett aus dem Ruder gelaufene Massentierhaltung, würde dieses Problem gar nicht existieren. Es dürfte viel leichter zu rechtfertigen sein, einen widerspenstigen Hahn zu töten, als Millionen von Küken. Allein der Gedanke, millionenfaches Leben industriell auszulöschen, sollte jeden empfindsamen Menschen zumindest anfangs, vor der Gewöhnung und der Rationalisierung, abschrecken. Im Übrigen agiert dieses Argument wie jener Einödi, der sein friedliches Leben ohne Strom aufgab, weil ihm jemand eine Schallplatte geschenkt hat. Umgekehrt könnte man sich fragen, ob diese Form der Haltung überhaupt zu rechtfertigen ist, wenn man dafür die Hälfte aller Lebewesen töten muß.

Wie steht es mit Hund und Katze?“ – Ich selbst liebe Katzen. Wir haben hier eine und in Deutschland sogar zwei. Es gibt mittlerweile bewährte Futter, die beide Tierarten vegetarisch gesund halten können – aber so weit würde ich nicht gehen. Andererseits ist das handelsübliche Tierfutter meist, gelinde gesagt, Dreck. Es besteht zu Großteilen aus Abfallprodukten der Fleischindustrie, sowie undurchsichtigen Zusatzstoffen, oft inkl. Zucker(!) und macht die Tiere langfristig krank – siehe das lesenswerte Buch „Katzen würden Mäuse kaufen“. Die Katze tötet, keine Frage. Solange sie Mäuse bringt, sehe ich darin kein größeres Problem, denn die Maus steht vielfältig am Beginn des Nahrungskreises und hat durch ihre hohe Reproduktionsrate auch kein Bestandsproblem. Problematischer sind Vögel. Mein Garten etwa wurde in langjährigem Konzeptaufbau zum Vogelparadies gemacht. Es brüten bei uns Amsel, Drossel, Fink und Star, aber auch Sperling, Mönchsgrasmücke, Bluthänfling und Neuntöter. Wenn die Katze einen erwischt, blutet mir das Herz. Wenn die Vögel flügge werden, sperre ich die Katzen ein. Das eigentliche Problem ist aber auch hier die Menge. Im Viertel gibt es vielleicht ein Dutzend Katzen und das ist deutlich zu viel. Ich weiß das, kann mir das erschließen und trotzdem den Eigennutz höher werten, egoistisch handeln.

Aus all den unter „nahrungsphysiologisch“ erwähnten Beispielen läßt sich aber weder der Vegetarismus widerlegen und noch weniger der Fleischverzehr begründen. Tatsächlich scheint mir das ernährungsphysiologische Argument das einzig halb-valide in der Verteidigung des Fleischessens zu sein. Wenn man mit mehr als Genuß argumentieren will, muß man eine Notwendigkeit nachweisen können, aus der sich dann eine „Pflicht“ zum Fleischessen ergäbe. Das scheint mir nicht möglich – es sei denn man verabsolutiert das B12-Argument oder die alte Eiweiß-Frage. Aber auch da haben Geschichte und Wissenschaft bewiesen, daß es nicht valide ist. Und selbst wenn es valide wäre, dann wäre es viel einfacher und auch ethisch besser vertretbar, seinen tierischen Bedarf an Larven, Würmern, Maden zu stillen, deren Zucht weit weniger invasiv und im Übrigen viel leichter wäre. Selbst geschmacklich würden sie in ihrer Vielfalt und in der Menge der Zubereitungsformen mindestens den gleichen Spielraum eröffnen.

Dieses Argument fügt sich in die allgemeine ökonomische Wachstumslogik ein: Wenn wir Menschen mit Pflanzenkost ernähren könnten, dann wäre das viel ökonomischer – wir könnten noch viel mehr Menschen (Konsumenten) noch effizienter erzeugen und damit würde die Wirtschaft noch viel mehr wachsen.“ Das widerspricht aller Empirie, die uns lehrt, daß hohe Geburtenraten direkt mit Armut zusammenhängen. Gelänge es, alle Menschen ausreichend zu ernähren, dann würden nicht mehr, sondern weniger Kinder pro Frau geboren werden. „Ökonomisch“ meint bei mir in diesem Zusammenhang natürlich nicht die Kapitallogik, sondern das Sparsamkeitsargument. Wer ökonomisch handelt, setzt Ressourcen sparsam ein. Das ist der ursprüngliche Sinn des Wortes „Ökonomie, in dem οἶκος (Haus) und νόμος  (Gesetz) steckt.

Natürlich müßte das von Ihnen kritisierte „Effizienzdenken“ verlangsamt oder gestoppt werden, aber das wird man doch kaum durch mehr Konsum und durch irrsinnige energetische Umwandlungen und Verluste durch Massentierhaltung und massenhaften Fleischverbrauch schaffen. Die Fleischindustrie ist ein wesentlicher Faktor der Effizienz.

„Wer ‚Menschheit‘ sagt …“ – Das entsetzt mich! So etwas löst bei mir unstillbare Reflexe aus“, egal ob „Menschheit“, „Zigeuner“ oder „Flüchtling“: Menschheit, Menschheit, Menschheit. Die Menschheit darf, die Menschheit kann, die Menschheit soll, die Menschheit muß!

„Nennen wir den Geschmack bei seinem Oberbegriff: Genuß. Gibt es außer dem Genuß, irgendeine Rechtfertigung für das Leben?“ Nein, „Geschmack“ ist der bessere Begriff. Ich bezweifle, daß habituelle Fleischesser das Fleischessen stetig genießen. Genuß setzt Entbehrung oder doch – wie Hartmut Rosa es gerade nannte – Unverfügbarkeit/Halbverfügbarkeit voraus. Das permanent Vorhandene kann man nicht genießen, sondern nur verbrauchen. Wer Fleisch genießen will, muß darauf verzichten. Das ist übrigens ein weiteres Beispiel, wie die Begriffe sich grundlegend gewandelt haben. Der antike Hedonismus war gerade keine Philosophie der Völlerei, sondern eine der Enthaltung. Je stärker die Enthaltung, umso größer der Genuß – das weiß jeder, der schon mal gefastet hat. Zu diesem Komplex empfehle ich die frühen Arbeiten Michel Onfrays: „Der Bauch der Philosophen“, „Der sinnliche Philosoph“ und „Philosophie der Ekstase“, vor allem aber die grundlegenden Werke Pierre Hadots: „Philosophie als Lebensform“ und „Wege zur Weisheit – was lehrt uns die antike Philosophie“.

„Ehrlich gesagt sind mir die Vegetarier am sympathischsten, die sagen: Fleisch schmeckt mir nicht.“ – dazu noch immer: Kafka: Der Hungerkünstler. Interessanter Nebeneffekt: Viele Vegetarier berichten, daß ihnen Fleisch nach sehr langem Verzicht tatsächlich nicht mehr schmeckt. Mitunter entwickelt sich sogar ein Ekelgefühl. Geschmack ist wandelbar und stark kulturell determiniert.

„Schwäche“ erscheint hier als Synonym zur „Sünde“„Was ist Sünde? Man tut etwas wider besserer Einsicht. Warum? Weil es noch andere treibende Kräfte außer Einsicht und Vernunft gibt.“ – Auch das stimmt nicht. Sünde ist die Schwäche vor einer höheren Instanz, Schwäche ist der enttäuschende Vergleich mit meinen inneren Möglichkeiten oder mit dem anderen. Sünde ist auch nicht das Fehlverhalten vor der Einsicht und der Vernunft, sondern vor dem Dogma. Sünde wird das Fleischessen erst dann, wenn man den Vegetarismus zur Glaubensfrage erklärt – was ohne Zweifel viele grüne Apologeten tun. Wenn Sie mich damit verwechseln, dann haben entweder Sie eine Lese- oder ich eine Schreibschwäche.

Pérégrinateur: Wieviele Hindus leben wirklich vollvegetarisch, das heißt auch ohne Milchprodukte und ohne Eier?“

Vegetarismus definiert sich durch den Verzicht von Fleisch von dafür getöteten Tieren. Produkte vom lebenden Tier sind nicht inbegriffen.

Die Frage, wie viele Hindus nun vegetarisch oder vegan leben, hat mit der Entscheidung, ob dies richtig ist, nichts zu tun. Ich verstehe daher Ihre Anmerkung als Reaktion auf den Erfahrungswert Vegetarismus, den ich angebracht habe, um aufzuzeigen, daß eine fleischlose Nahrung relativ problemlos möglich ist. Es gibt momentan eine Milliarde Hindus und 500 Millionen Buddhisten. Darunter sind ganz gewiß viele Fleischesser, auch wenn es in den jeweiligen Gründungsdokumenten anders empfohlen wurde. Die Zahl nimmt prozentual mit dem Siegeszug des modernen Lebens auch zu. Fleischessen ist eine Statusfrage geworden – man kann das in China sehr gut beobachten. Zudem ist Vegetarismus auch in der modernen Welt als Möglichkeit bewiesen, selbst in extrem physisch oder psychisch fordernden Bereichen wie dem Leistungssport. Er reicht historisch von Zarathustra und Pythagoras bis zu Ultraman-Athleten (10 km Schwimmen, 421 km Radfahren und 84 km Laufen).

Die Anfänge des Hinduismus reichen 3500 Jahre, die des Buddhismus 2500 Jahre zurück, die Zahl der praktizierenden Anhänger dürfte also erheblich gewesen sein. Ich denke, wir können ruhigen Gewissens davon ausgehen, daß mehrere Milliarden Menschen ihr Leben ohne Fleischnahrung gelebt haben oder leben und viele davon sicherlich gesund und lang. Das ändert nichts daran, daß Tiere auf dem indischen Subkontinent oft in erbarmungswürdigen Umständen leben.

Auch der wohl klügste Mensch aller Zeiten – Buddha – hatte den Verzicht auf Fleisch empfohlen, ohne ihn kategorisch zu verbieten. So solle etwa der Mönch, wenn ihm Fleisch als Almosen angeboten werde, dieses nehmen und nicht verschmähen. Allerdings nur dann, wenn das Tier nicht wegen ihm geschlachtet wurde. Als klügsten Menschen bezeichne ich Buddha, weil er das einzige Beispiel eines vollkommen autarken, in sich schlüssigen, komplett rationalen, bewiesen lebbaren Denk- und Lebenssystem von gigantischem Ausmaß und bis in die Kapillargefäße ausdifferenziert geschaffen hat. Dabei spielen Ratio und Meditation wunderbarerweise zusammen. Der Grundgedanke allen Tuns und Lassens ist dabei die Frage der Heilswirksamkeit, des „rechten Handelns“. Dabei steht mehr noch das Subjekt als das Objekt im Fokus: Was also macht das nicht heilswirksame Handeln mit mir. Das Tier ist zudem durch die Reinkarnationslehre geschützt. Grundlegend dazu die 46. Rede der Mittleren Sammlung.

Übrigens lehrten viele der großen Menschheitslehrer den Vegetarismus: Laotse, Konfuzius, Zarathustra, Mahavira, Buddha, evtl. Jesus. Das sollte immerhin Anlaß sein, sich sehr intensiv damit zu beschäftigen.

In diesem Zusammenhang kann man vielleicht auch das Standardargument: „Aber wenn alle so täten“ erwähnen. Wenn alle Mönche wären, wer würde dann noch arbeiten? Wenn alle Vegetarier wären, woher käme dann die Gülle auf den Feldern (siehe Anmerkung J. Schüler)? Die Frage ist akademisch, denn es werden nie alle Mönche werden und auch nie alle Vegetarier. Die „ethische Forderung“ (Løgstrup) richtet sich immer nur an den je einzelnen – weshalb mein Artikel auch lautete: „Warum ich kein Vegetarier bin“ und nicht etwa: „Warum wir alle Vegetarier zu sein haben“. Würden tatsächlich alle Menschen Mönche oder Veganer werden, dann hätten wir ein Problem. An dieser Unterstellung krankt auch die interessante Argumentation Klaus Alfs‘.

 

3 Gedanken zu “Vegetarismus – Pro und Contra II

  1. Michael B. schreibt:

    > In diesem Falle aber fällt es mir schwer, zu verstehen, wie sehr kluge Menschen sich gegen Evidenzen wehren, sobald sie ihre Wurst auf dem Abendbrotteller in Frage stellt.

    Mir gehts da andersherum: Ich wundere mich darueber, warum kluge Menschen einen solchen Terz um Essen machen. Ethik und was auch immer fuer grosse Raeder. Sie sind da gar nicht so unverbindlich betreffs Forderungen wie Sie das darstellen wollen, seidwalk. Sehen Sie sich Ihre eigenen Formulierungen an:

    > Der Mensch ist schwach

    Fehlt noch ‚fehlbar‘ – wer hat mit solcher Diktion Jahrhunderte argumentiert und regiert, das muss Ihnen doch bei Ihrem Gefuehl fuer Sprache eigentlich wie ein Balken auf den Kopf fallen? Warum sollte der Fleisch- oder Gemischtwarenesser ’schwach‘ sein? Oder auch der Veganer ’stark‘ oder meinetwegen auch ’schwach‘ – das sind einfach keine Attribute, die fuer eine Menge Leute in irgendeiner Form relevant sind. Wofuer dann auch noch geaendert? Denn gleich gehts weiter:

    > […] aber jeder kann besser werden

    In wessen Sinn? Ganz nah im Missionarischen. Und das loeckt aus ganz konkreten Erfahrungen – persoenlich und historisch – gegen den Stachel, kein schlechtes Gewissen, wie Sie wohl annehmen (?).

    > Wie man allerdings an der Ethikfrage vorbei kommen soll, ist mir schleierhaft.

    S.o. – grosses Rad – aber nicht fuer jederman ueberhaupt relevant. Ich habe es woanders geschrieben

    > in welcher Kette Sie stehen

    Es ging mir dabei nicht um Evolution. Es ging um unethische Wesen, die ethische fressen und auch andere unethische und um ethische die unethische fressen (und manchmal – meist von anderer oder der eigenen Ethik verpoent – andere ethische). Das hat m.E. alles nicht zwingend einen Platz in diesem Gebiet. Wer das braucht, soll sich daran abarbeiten, von anderen hat er es aber nicht zu verlangen. Sie schrieben – sogar mehrfach, wenn ich es noch richtig im Kopf habe – dass Sie nicht verstehen, dass sich Vegetarier verteidigen muessten. Das entspricht ueberhaupt nicht meiner Erfahrung – im Gegenteil, andersherum kommt das viel oefter vor. Wie auch irgendwie in diesem Wust der beiden Beitraege.

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  2. Stefanie schreibt:

    „Die Hälfte der Nachkommen ist männlich: was soll aus denen werden?“ – Das ist eine Frage der Menge. “ – Nein, es ist eine Frage des Anteils.
    Zu diesem Punkt noch ein kleines, nicht gar soweit hergeholtes Gedankenexperiment: Bei diesem Argument habe ich aus heutiger gängiger Praxis heraus argumentiert. Es ist allerdings technisch durchaus möglich, daß in Zukunft bei Legehennen das Geschlecht der Küken bereits vor dem Schlüpfen festgestellt werden kann und die kleinen Hähne eben gar nicht erst fertig ausgebrütet werden. Gleiches gilt bei den Milchkühen, wo sicher bald in einem frühen Stadium der Trächtigkeit festgestellt werden kann, ob es sich um ein Kuhkalb oder einen Bullen handelt. In dem Falle könnte man dann die Abtreibung einleiten. Vielleicht läßt sich sogar schon das Sperma in die XX und XY-Träger fraktionieren und damit schon vor bei der Befruchtung ungewollte Maskulinität verhindern. Moralisch besser – Ja oder Nein?

    „Aber wenn alle so täten“ erwähnen. Wenn alle Mönche wären, wer würde dann noch arbeiten? Wenn alle Vegetarier wären, ..“
    Ganz so einfach können Sie dieses Argument nicht beiseite wischen: Wenn Sie die Reduzierung des Fleischkonsum, besser noch den Verzicht, noch besser die Reduzierung oder den Verzicht auf alle tierischen Produkte zum Ideal erklären, dann impliziert das, daß möglichst viele diese Lebensweise annehmen sollten. Jetzt mal angenommen der ökologisch optimale Fleischverzehr liegt irgendwo zwischen 0 und der heutigen Menge, so kann diese hypothetische Menge ab einem bestimmten Anteil von Vegetariern unterschritten werden. Ab diesem Punkt – wo auch immer er liegen mag – wäre weiterer Fleischverzicht ökologisch nachteilig. (Übrigens haben Sie ihr ökologisches Argument einfach als gegeben vorrausgesetzt – es fehlt die Begründung in welchen Bereichen und in welcher Hinsicht). Ab diesem Punkt müßten Sie aus ökologischer Sicht für eine Zunahme des der Tierhaltung (und damit auch der Tötung vonTieren zwecks Bestandeskontrolle) plädieren, womit dieser Punkt mit dem ethischen Argument („so wenig Leid und Tod wie möglich“) kollidieren würde.
    In diese Hinsicht trifft auf das Plädoyer zum Fleischverzicht dasselbe zu, wie auf die Forderung den Armen zu helfen oder Verfolgte aufzunehmen: ab einer bestimmten Größenordnung oder einer bestimmten Art von Zuwendung verkehrt sich der zunächst positive Effekt ins Gegenteil oder hat unbeabsichtigte Neben-oder Wechselwirkungen.

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    • Sehr geehrte Stefanie, ich schätze Ihre Beiträge sehr! In diesem Falle aber fällt es mir schwer, zu verstehen, wie sehr kluge Menschen sich gegen Evidenzen wehren, sobald sie ihre Wurst auf dem Abendbrotteller in Frage stellt. Man kann all diese Fragen diskutieren, man kann sich beim Thema Fleisch endlos ins Dickicht hineinmanövrieren und erbitterte Grabenkämpfe um Details führen – das Thema gibt diese Komplexität her und ganz sicher läßt sich vieles bezweifeln.

      Aber daß der exorbitante Fleischverbrauch ein wesentlicher Bestandteil der ökologischen Belastung ist, die der Mensch für „die Natur“, die Flora und Fauna, die ökologischen Gleichgewichte darstellt, das scheint mir jenseits des Diskussionswürdigen zu stehen. Desweiteren fällt es mir schwer zu verstehen, wie man die ethische Fragwürdigkeit des massenhaften Haltens, Quälens, Tötens und Verzehrens von Tieren ethisch rechtfertigen kann. Und daß Töten auch im individuellen Fall ein ethisches Problem darstellt, zeigen schon die unendlich vielen Gebote und Tabus zum Thema in allen Kulturen!

      Daß sich Absolutismen in Selbstwidersprüche verstricken, habe ich auf diesem Blog in dutzenden Beiträgen an dutzenden Themen dargelegt. Warum dann immer wieder dieser Popanz aufgebaut wird, entzieht sich meinem Verständnis.

      Ich habe, was die Ethik betrifft, nichts gefordert oder verlangt, sondern lediglich argumentativ zu vertreten versucht, daß die „ethische Forderung“, die sich aus unserer kulturellen, historischen, geistigen Situation ergibt, den je Einzelnen – wenn er alle Argumente gelassen abwägt – zu dem Schluß führen sollte, daß Fleischverzehr und Töten von Leben problematisch und in Form der Massentierhaltung der Verzicht ökologisch geboten ist. Deswegen habe ich das auch nicht zum Ideal erklärt, wie Sie behaupten, sondern als Notwendigkeit erkannt – dieses Erkennen ist individuell und muß nicht von jedermann geteilt werden und wird hier zur Debatte gestellt. Vor allem aber ist dieses Erkennen konditional: wie fast immer bei meinen Argumentationen steht am Anfang ein „Wenn“ – Wenn die Menschheit langfristig überleben will, dann wird sie – neben vielen anderen Dingen – weitflächig ihren Fleischverzehr stark reduzieren müssen. (Wenn es hilft, sage ich auch gern „die Gesamtheit der Menschen“) Dort, wo das möglich ist, wird es weitflächigen Vegetarismus geben, so wie es ihn seit dreieinhalb tausend Jahren in Indien gibt, ohne daß es der Kulturentwicklung des Subkontinents geschadet hätte.

      Also nochmal: Meine Überlegungen führen mich dazu, daß der Verzicht auf Haltung und Töten ethisch geboten ist. Nicht ich gebiete das, sondern die Ethik. Ökologisch ist eine dramatische Reduzierung notwendig. Das alles eingedenk der anthropologischen Gewißheit, daß Menschen schwach – mich eingeschlossen – sind und daß es durch die individuelle Vielfalt auch nie dazu kommen wird, das alle eines sind – was auch immer. Die Frage „Wenn alle so täten“ ist rein akademisch und hat mit der Realität nichts zu tun. Momentan ist ja eher die Situation: Was passiert, wenn fast alle große Mengen (statistisch) an Fleisch essen? Die Folgen sind gut sichtbar und wurden in meinem Ausgangsartikel aus fünf, sechs verschiedenen Perspektiven dargestellt. Wollte man alles bis ins kleinste Detail verfolgen, müßten viele Bücher geschrieben werden.

      Wieso – das ist für mich die Metafrage – wird auch in konservativen Kreisen – wenn man diese Verallgemeinerung gestattet – der urkonserative Gedanke, der doch eigentlich die Basis unseres Verständnisses sein sollte, daß weniger des Falschen gut, nein: besser ist, nicht akzeptiert, wenn es an den Suppentopf geht. Da werden einfachste Evidenzen geleugnet und relativiert, da werden Zusammenhänge, Probleme konstruiert, die so weit weg von der Realität – etwa Massentierhaltung – entfernt sind. Da werden Konservative plötzlich zu Verteidigern der Quantitätsideologie.

      Ich versuche die Versöhnung: Wir können uns in Ihrer letzten Aussage treffen: Es ist eine Frage der Menge. Und es ist – da stimmen Sie mir hoffentlich zu – im Moment deutlich zu viel.

      Konkret zu Ihren drei Fragen:

      „Die Hälfte der Nachkommen ist männlich: was soll aus denen werden?“ – Das ist eine Frage der Menge. “ – Nein, es ist eine Frage des Anteils.“ – Natürlich – aber der Anteil ist eben ein Teil der Menge und wenn ich die reduziere, wird auch die anteilige Menge geringer, auch wenn der Anteil gleich bleibt. Es gibt kein gut oder schlecht, nur besser oder schlechter und hundert Millionen Küken zu schreddern ist schlechter als eine Million.

      „Moralisch besser – Ja oder Nein?“ – Kann man diskutieren. Vermutlich besser angesichts der jetzigen Situation, in der 2018 allein Deutschland 37,69 Millionen Schweine, 2,23 Millionen Rinder geschlachtet, 41 Mio Legehennen gehalten und 600 Mio Hühner geschlachtet wurden. Besser heißt aber nicht gut. Gut wäre, solche Situationen, in den derartige Entscheidungen zu fällen wären, zu vermeiden, wenn es geht.

      Auch Ihre zweite Konstruktion kommt recht kopflastig daher. Es wäre schon zu begrüßen, wenn wir so weit reduzieren könnten, bis Ihr Dilemma in realistische Nähe käme – dann kann man das diskutieren. Sollte es tatsächlich eine ökologische Notwendigkeit geben, Tiere in größerer Zahl zu halten, dann sollte man das vermutlich tun. Aber darüber zerbreche ich mir jetzt keinen Kopf, so wie ich auch nicht darüber nachdenke, was wir tun sollten, wenn die erste Marskommune unter dem Marskoller leidet.

      All diese Debatten haben aber mit dem eigentlichen Argument nichts zu tun. Da werden vollkommen unrealistische Szenarien entworfen, verabsolutiert, daraus logische Paradoxa gefiltert, die den eigentlichen Gegenstand kurzschließen sollen. Oder?

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