Klassiker des Vegetarismus

Der Artikel „Warum ich kein Vegetarier bin“ wurde für eine Zeitschrift geschrieben. Dort wurde mir mitgeteilt, daß momentan „der Impuls fehle“, das ins Heft zu bringen. Das schien mir einleuchtend, bin ich mir doch der Unzulänglichkeit des Artikels bewußt. Es ist ein denkerischer Weg – ich bin noch nicht am Ende.

Die Zeitschrift unterlegt ihre Artikel mit signifikanten Randzitaten. Hiermit präsentiere ich in willkürlicher Reihenfolge die von mir vorgeschlagenen Zitate.

Wie bereits beschrieben, ist der einfachste Weg zur Autarkie, sowohl in den gemäßigten als auch in den tropischen Zonen, die Ernährung auf Lebensmittel umzustellen, die direkt vom Acker kommen und nicht erst den Umweg über das Tier nehmen. Entwicklungsländer hätten eine sicherere Basis, wenn sie die Möglichkeit hätten, vorrangig und in ausreichender Menge die traditionellen Subsistenz-Feldfrüchte anzubauen, anstatt jener Arten, die auf dem internationalen Markt Geld einbringen. Daß durch die Wirtschaft gute internationale Beziehungen geknüpft werden können, ist ein netter Gedanke, aber die Geschichte zeigt, daß er nicht der Realität entspricht. Würden alle Nationen in ihrer Ernährung Autarkie anstreben, wäre dies eine solide Grundlage für dauerhaften Weltfrieden. Das ist das ultimative Ziel des Veganismus. (Kath Clements)

Wir täuschten uns nicht, als wir den „Fortschritt“ leerer Machtgelüste verdächtig fanden, und wir sehen, daß Methode im Wahnwitz der Zerstörung steckt. Unter den Vorwänden von „Nutzen“, „wirtschaftlicher Entwicklung“, „Kultur“ geht er in Wahrheit auf Vernichtung des Lebens aus. Er trifft es in allen seinen Erscheinungsformen, rodet Wälder, streicht die Tiergeschlechter, löscht die ursprünglichen Völker aus, überklebt und verunstaltet mit dem Firnis der Gewerblichkeit die Landschaft und entwürdigt, was er von Lebewesen noch überläßt, gleich dem „Schlachtvieh“ zur bloßen Ware, zum vogelfreien Gegenstande eines schrankenlosen Beutehungers. In seinem Dienste aber steht die gesamte Technik und in deren Dienste wieder die weitaus größte Domäne der Wissenschaft. (Ludwig Klages)

In Wirklichkeit hat die unmittelbarste Tatsache des Bewußtseins einen Inhalt. Denken heißt etwas denken. Die unmittelbarste Tatsache des Bewußtseins des Menschen lautet: „Ich bin Leben, das leben will, inmitten von Leben, das leben will.“ Als Wille zum Leben inmitten von Willen zum Leben erfaßt sich der Mensch in jedem Augenblick, in dem er über sich selbst und über die Welt um ihn herum nachdenkt. Wie in meinem Willen zum Leben Sehnsucht ist nach dem Weiterleben und nach der geheimnisvollen Gehobenheit des Willens zum Leben, die man Lust nennt, und Angst vor der Vernichtung und der geheimnisvollen Beeinträchtigung des Willens zum Leben, die man Schmerz nennt: also auch in dem Willen zum Leben um mich herum, ob er sich mir gegenüber äußern kann oder stumm bleibt. (Albert Schweitzer)

Nur selten bedenken wir, daß der Mensch dasjenige Tier ist, das aus dem geringsten Grund tötet. Löwen und Wölfe stellen wir uns wild vor, weil sie töten; doch sie müssen töten, oder sie verhungern. Menschen betreiben das Töten anderer Tiere als Sport, sie töten, um ihre Neugier zu befriedigen, ihren Körper zu verschönern und zur Gaumenfreude. (Peter Singer)

Letztes Ziel allen Philosophierens über den Vegetarismus muß es sein, dazu beizutragen, daß in Zukunft jedes Philosophieren über den Vegetarismus überflüssig ist, weil erkannt wird, daß die Richtigkeit des Vegetarismus in Wahrheit ebensowenig einer Begründung bedarf, wie die Falschheit der Folter oder des Kannibalismus. (Helmut Kaplan)

Als ich das Wort „Ehrfurcht vor dem Leben“ prägte, und als ich es zu einem Schlagwort der radikal-ethischen Bewegung machte, da wollte ich mit ihm besonders die heilige Scheu vor der Vernichtung irgendeines Lebewesens benennen: die Scheu davor, etwas zu zerstören, was wir nicht schaffen können, einem Wesen etwas zu nehmen, was wir ihm nicht wiedergeben und nicht ersetzen können, ein Leid zu erzeugen, für das wir das leidende Wesen nicht entschädigen können und eine Tat auszuführen, von deren Folgen wir Menschen nur sehr wenig erkennen können.“ (Magnus Schwantje)

In dem christlichen Altarsakrament sind Hunger und Liebe verklärt zu dem einen Geheimnis: der erlösenden Wandlung, der mystischen Einung. Das Mahl ist ja hier Weizenbrot und der Saft der Traube und insofern bietet dieser unausdenkbar tiefe und schöne Gottesdienst – man nehme es recht auf – eine Philosophie des Vegetarismus im höchsten lebendigen Sinn, im religiösen Symbol veranschaulicht. (Friedrich Jaskowski)

Den Appetit und Eßtrieb zu verstehen, sogar besser, als er sich selbst versteht – das ist die Grundaufgabe jeder wahren Ernährungslehre, die deshalb im tiefsten Sinne des Wortes philosophisch sein muß. (Friedrich Jaskowski)

“Vegetarismus und Vegetarier kommen von dem lateinischen Worte vegetus, d.h. frisch. Der Vegetarier vermeidet also in seiner Ernährung möglichst alles Alte, Tote, Faule, Gegorene, besonders aber alles, was vom toten Tier kommt. Er genießt auch keine berauschenden Getränke. Er lehnt auch alles Scharfe, Heiße, stark Gewürzte ab, mag alles Künstliche ‚industriell Veredelte‘, Raffinierte (z.B. Weißmehl, weißen Zucker usw.) nicht leiden, beschränkt in seiner Küche das Erhitzen, also das Braten, Backen, Kochen auf das notwendigste, liebt offene Fenster, reine Luft, leichte, poröse Kleidung, natürliche Reize, wie Wasser, Sonne und Luft, und einen natürlichen Wechsel von Arbeit und Feier, Wachen und Schlafen. (Otto Buchinger)

One could not stand and watch very long without becoming philosophical, without beginning to deal in symbols and similes, and to hear the hog squeal of the universe. Was it permitted to believe that there was nowhere upon the earth, or above the earth, a heaven for hogs, where they were requited for all this suffering? Each one of these hogs was a separate creature. Some were white hogs, some were black; some were brown, some were spotted; some were old, some young; some were long and lean, some were monstrous. And each of them had an individuality of his own, a will of his own, a hope and a heart’s desire; each was full of self- confidence, of self-importance, and a sense of dignity. And trusting and strong in faith he had gone about his business, the while a black shadow hung over him and a horrid Fate waited in his pathway. Now suddenly it had swooped upon him, and had seized him by the leg. Relentless, remorseless, it was; all his protests, his screams, were nothing to it– it did its cruel will with him, as if his wishes, his feelings, had simply no existence at all; it cut his throat and watched him gasp out his life. And now was one to believe that there was nowhere a god of hogs, to whom this hog personality was precious, to whom these hog squeals and agonies had a meaning? Who would take this hog into his arms and comfort him, reward him for his work well done, and show him the meaning of his sacrifice? (Upton Sinclair)

I find myself driven by my love of animals to favour eating them. Most of the animals which graze in our fields are there because we eat them. Sheep and beef cattle are, in the conditions we prevail in English pastures, well-fed, comfortable and protected, cared for when disease afflicts them and, after a quiet life among their natural companions, despatched in ways which human beings, if they are rational, must surely envy. There is nothing immoral in this. On the contrary, it is one of the most vivid triumphs of comfort over suffering in the entire animal world. It seems to me, therefore, that it is not just permissible, but positively right, to eat these animals whose comforts depend upon our doing so. (Roger Scruton)

Literatur:
Buchinger, Otto: Das Heilfasten und seine Hilfsmethoden als biologischer Weg
Clements, Kath: Vegan. Über Ethik in der Ernährung & die Notwendigkeit eines Wandels. Göttingen 2001
Jaskowski, Friedrich: Philosophie des Vegetarismus. Eine philosophische Grundlegung und eine philosophische Betrachtung des Vegetarismus und seiner Probleme in Natur, Ethik, Religion und Kunst. Berlin 1912
Kaplan, Helmut: Philosophie des Vegetarismus. Frankfurt 1988
Klages, Ludwig: Mensch und Erde. 1913
Schwantje, Magnus: Gesammelte Werke Band 1: Vegetarismus. Schriften und Notizen zur ethischen Begründung der vegetarischen Lehre. München 1976
Albert Schweitzer: Aus meinem Leben und Denken.
Scruton, Roger: Animal Rights and Wrongs. London 1996
Sinclair, Upton: The Jungle. New York 2004 (1906)
Singer, Peter: Animal Liberation. Die Befreiung der Tiere. Rowohlt. Hamburg 1996
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Ein Gedanke zu “Klassiker des Vegetarismus

  1. Jochen Schüler schreibt:

    Faktensatte Erörterung des Themas in einem Klassiker von morgen:

    Udo Polmer,Klaus Alfs „Dont Go Veggie“ Hirzel Verlag

    Klaus Alfs ist auch der einzige Autor,der sich im deutschsprachigen Raum umfassend an
    den ethischen und philosophischen Fragen zu diesem Komplex abgearbeitet hat.
    Diese Texte waren bisher auf seinem Blog nachzulesen.

    Leider hat er den kompl. geschlossen.Ich denke auch er hat wohl genug Morddrohungen erhalten.

    Auf Nachfrage habe ich erfahren,dass die meisten dieser klugen Texte ein neues Buch werden sollen.

    https://www.berliner-zeitung.de/gesundheit/veganer-in-berlin-warum-veganes-leben-unsinn-ist-22396672

    Seidwalk: sehr guter Text! Weniger Polemik und Häme hätte ihn noch besser gemacht. Danke!

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