Warum ich kein Vegetarier bin

Seit Marx‘ Zeiten hat vielleicht kein philosophisches Werk unser tatsächliches Leben derart geformt wie Peter Singers „Animal Liberation“ und kaum ein literarisches Werk dürfte die Gesellschaft bis in die Gesetzgebung hinein praktisch so geprägt haben wie Upton Sinclairs „The Jungle“. Beide Bücher wurden zur „materiellen Gewalt“ und beide behandeln unseren Umgang mit den Tieren. Das ist kein Zufall!

Was für Singer schon Prämisse, war für Sinclair 70 Jahre zuvor noch Konklusion. Er läßt am Ende seines rasanten Romans, in dem er die Massentierhaltung und Fleischverarbeitung im Chicago-Kapitalismus darstellt, einen Mediziner sagen: „And then place beside this fact of an unlimited food supply, the newest discovery of physiologists, the most of the ills of the human system are due to overfeeding! And then again, it has been proven that meat is unnecessary as a food; and meat is obviously more difficult to produce than vegetable food, less pleasant to prepare and handle, and more likely to be unclean. But what of that, so long as it tickles the palate more strongly?

Mit seinem Erfolgsroman bot der sozialkritische Schriftsteller in Grundzügen bereits einige der Hauptargumente für eine vegetarische Lebensweise, die seither in einer schier unübersichtlich komplexen Diskussion ausgefaltet, ergänzt und kritisiert wurden. An dieser Stelle kann nur kursorisch darauf eingegangen werden. Fleisch essen heißt bis auf weiteres, Tiere töten.

Bereits das menschliche Mitgefühl des „Animal rationale“, des „menschlichen Tiers“ (Singer), sofern es nicht abgestumpft ist, empfindet das Leid eines anderen lebendigen Leibes mit mehr oder weniger Verstand als Problem. Es ist nicht zuletzt die menschliche Fähigkeit, sich in das Leid des anderen hinein zu versetzen (Spiegelneuronen), die es seelisch ausgereiften Menschen zum Problem werden läßt – zumindest in Situationen der Reflexion –, lebende Wesen leiden zu sehen oder ihnen das Leben zu nehmen.

Ein empfindender Mensch kann nicht emotionslos zusehen, wenn tausenden Haien im Akkord die Flossen abgeschnitten werden, wenn Millionen Fische in einem einzigen Treibnetz an Bord riesiger Tanker gespült und industriell in Windeseile verarbeitet werden, wenn ganze Schwärme an Singvögeln sich in Netzen verfangen oder auf Leimruten verenden, wenn Rinder, Schweine oder Schafe mit aller Gewalt in Schlachthäuser getrieben, wenn männliche Kücken nach der Geburt vergast werden, wenn hunderttausende Hühner eng an eng unter einem einzigen Dach dahinvegetieren und vielleicht noch nicht mal wenn ein einzelner Fisch „verzweifelt“ am Haken zappelt …, diese Liste ist lang!

Auch das Töten ist den meisten Menschen nicht gegenwärtig. Der Schlacht- und Verarbeitungsprozeß wird nur von wenigen Menschen aktiv begleitet, er findet zwar im großen Stil, aber dennoch fast geheim statt. Kein Wunder, daß viele Menschen Ekel und Abscheu empfinden, wenn sie ihm dennoch einmal beiwohnen. Auch Kinder scheinen eine natürliche Abneigung zu spüren.

Kurz: Wir fühlen bereits, daß etwas nicht stimmen kann. Und denkend kommen wir zu weiteren Einsichten.

Selbst wenn man Peter Singers präferenzutilitaristische Herangehensweise nicht teilt, seine Widerlegung des Speziesismus nicht nachvollziehen kann und sein Gleichheitsprinzip als zu fundamentalegalitaristisch empfindet, dürfte es schwer fallen, den Verzehr von Fleisch und das Töten ethisch rechtfertigen zu können.

Ganz sicher jedenfalls nicht in der Form der Massentierhaltung, der industriellen Tötung und Verarbeitung. Verteidiger dieses Rechts, wie etwa Roger Scruton (beim Jagen und artgerechten Halten), müssen einigen argumentativen Aufwand aufbringen, um „aus Liebe zu Tieren ihren Verzehr zu favorisieren“. Vermutlich läßt sich die schmerzlose und überraschende Tötung eines Tieres, das ein artgerechtes und ausgefülltes Leben genossen hat, eher rechtfertigen, als die oft grausamen Methoden der Industrie. Sofern es nicht zur notwendigen und alternativlosen unmittelbaren Ernährung dient, ist allerdings auch dieses Töten problematisch. Es ist in der Realität freilich seltene Ausnahme.

Wirklichkeit ist stattdessen das leidvolle Halten und Töten von Tieren. Dabei scheint die Leidempfindlichkeit zwischen den Tierarten zu variieren; der Begriff „Tier“ differenziert zu wenig, um der Vielfalt des nichtpflanzlichen Lebens gerecht zu werden.

Schweine zum Beispiel, die als sehr intelligent und sensibel gelten, als sozial zudem, dürften mehr leiden als etwa Hühner oder Fische.

Man kann voraussetzen, daß das Leidempfinden mit der höheren biologischen Organisation zunimmt.

Zumindest ist der Schrei einer Kuh, die man vom Kalb getrennt hat, jedermann verständlich, während das Grunzen eines Fisches für das menschliche Ohr unhörbar bleibt.

Man meint, daß eine größere biologische Fremdheit das Töten erleichtern sollte, wer jedoch etwa die mimetischen Leistungen einiger Octopusarten, die ein „sich-hinein-versetzen“ in andere Arten vorauszusetzen scheinen, gesehen hat, dem müssen daran prinzipielle Zweifel kommen.

Es ist fast unmöglich, jemals zu erfahren, ob und wie biologisch sehr fremde Arten leiden. Am ehesten, wenn man mit dem Leid argumentiert, dürfte das Verzehren tierischen Eiweißes von niedrig organisierten Lebewesen, wie Würmern, Maden, Heuschrecken u.ä., vertretbar sein. Sofern tierische Nahrung aber nicht tatsächlich zur unmittelbaren Lebenserhaltung notwendig ist, nimmt ethisches Handeln davon Abstand.

Oft wird der Fleischverzehr nahrungsphysiologisch gerechtfertigt. Allein die Tatsache, daß hunderte Millionen Menschen im hinduistischen und buddhistischen Kulturraum seit vielen Jahrhunderten fleischlos leben, sollte genügen, dieses Argument zu widerlegen. Die moderne Wissenschaft komplementiert die Empirie auf überzeugende Art und Weise. Es ist dem Menschen nicht nur möglich, sondern in fast allen Fällen auch bekömmlich, auf tierische Nahrungsquellen zu verzichten.

Das im Westen besonders beliebte rote Fleisch von Schwein und Rind gilt sogar als gesundheitlich bedenklich, wenn es regelmäßig genossen wird. Da Fleisch in der Regel erhitzt werden muß, unterliegt es zudem chemischen Veränderungen, die zunehmend als gesundheitsabträglich erkannt werden.

Auch die Wissenschaft empfiehlt mittlerweile eine vornehmlich vegetabilische, gemüseorientierte und oft rohe Kost, um etwa Zivilisationskrankheiten wie Diabetes, viele Krebsarten, Adipositas, Hypertonie etc. zu verhindern. Selbst vegane Ernährung stellt für den menschlichen Körper kein Risiko dar, wenn man auf die leicht zu garantierende Zufuhr des Vitamins B12 achtet.

Umgekehrt infiltriert uns Fleisch aus der Massentierhaltung mit Antibiotika, Hormonen, Medikamenten, Umweltgiften, die sich im Gewebe der Tiere in geringen Mengen ansammeln, sich bei langjährigem Verzehr auch im Menschen summieren. Die drohende Gefahr der Antibiotikaresistenz, deren Folgen noch unabsehbar sind und die schon heute zahlreiche Todesopfer fordert, dürfte auch durch den Fleischverzehr mitverursacht sein.

Biologisch scheint vieles darauf hinzudeuten – wenngleich die Frage noch immer diskutiert wird –, daß der Mensch aus seiner evolutionären Geschichte vornehmlich Frugivore ist. Darauf weisen etwa sein Gebiß als auch der lange Verdauungstrakt hin. Selbst wenn er Omnivore sein sollte, wie einige Stimmen behaupten, so dürfte historisch gesehen der Anteil tierischer Nahrung verglichen mit dem heutigen Verbrauch nur geringfügig gewesen sein und sich zudem mehr auf Maden, Würmer, Insekten und Kleinlebewesen beschränkt haben. Es fehlt dem Mensch, bevor ihm Werkzeug zur Verfügung stand, schlicht und einfach die natürliche Ausstattung, ein größeres Lebewesen zu reißen. Aber selbst wenn der Mensch von seiner natürlichen Ausstattung ein Fleischesser wäre, so kann Natürlichkeit Sittlichkeit doch nicht begründen, es ist denkbar, „daß es eine sittliche Pflicht sein kann, auch natürliche Triebe zu unterdrücken.“ (Schwantje)

Ökonomisch ist die massenhafte Aufzucht von Schlachtvieh an Absurdität kaum zu überbieten, sofern man das schnell zu widerlegende Arbeitskräfte-Argument ausläßt. Um ein Kilogramm Fleisch zu erhalten, wird ein Vielfaches an Energie, Futter, Wasser und Logistik benötigt, die man für die gleiche Menge vegetabiler Nahrung aufwenden muß. Nicht nur werden enorme Mengen an Getreide und Soja überhaupt erst zur Tiernahrung angebaut, auch die Abholzung tropischer Wälder dient direkt (Weide) oder indirekt (Soja) der Tierproduktion. Konzernriesen wie Heinz, Nestlé oder Unilever sind global players und integraler Bestandteil des auf Globalisierung ausgerichteten kapitalistischen Systems.

Auch psychologisch kommt man schnell ins Schleudern. Schon der Akt des Tötens – wie greift er die menschliche Psyche an? Daß wir das Schlachten in der Regel delegieren, spricht für sich. Aber jemand muß es tun und sofern diese Menschen gesunden Verstandes sind, dürfte die dauerhafte Konfrontation mit Tod und Leid nicht spurlos an ihnen vorübergehen. Tatsächlich zeigen Untersuchungen immer wieder einen hohen Grad an Desensibilisierung unter diesen Arbeitern auf, die – meist im Akkord – an einer schnellen Prozedur interessiert sein müssen, so daß sich das widerspenstige Tier schnell zum Feindbild entwickelt und Frust generiert. Graduell vielleicht, aber prinzipiell hat sich seit Sinclairs Zeiten nicht viel geändert. Nur so sind Szenen von mit lebendem Geflügel Fußballspielenden, von knochenbrechenden, schlagenden und anderen scheinbar sadistischen Handlungen erklärbar. Wir fügen mit der Massentierhaltung also nicht nur Milliarden Tieren Leid zu, sondern auch tausenden Menschen.

Das vielleicht schlagendste Argument gegen eine zumindest massenhafte Haltung von Tieren, dürfte das Umweltargument sein. Nicht nur ökonomisch, sondern auch ökologisch ist die Tierhaltung und Ernährung vom Tier eine Ressourcenfraßmaschine von nahezu apokalyptischem Ausmaß.

Neben dem enormen Verbrauch an Energie, Wasser, Fläche, Futter etc. unterhält sie ganze Armadas von Verkehrsmitteln auf Straße, Schiene, auf dem Wasser und in der Luft, produziert sie Ozeane an Gülle, Kot, Abfall, ist sie verantwortlich für die Nitrat- und Phosphatbelastung unserer Böden, die Verschmutzung der Gewässer, das Absinken des Grundwasserspiegels, die Abholzung riesiger Wälder, hält sie wesentliche Teile der chemischen Industrie am Laufen, benötigt Pestizide und Herbizide usw. Tankerflotten fischen ganze Meere leer, Fischfarmen, deren Tiere oft mit Fischmehl gefüttert werden, verbrauchen Unmengen an Antibiotika und Energie, viele Tiere entfliehen und bedrohen den genetischen Bestand des Lachses …

Die Menschheit muß, will sie überleben, wohl weitflächig auf Pflanzennahrung umstellen.

Ich unterbreche an dieser Stelle und verzichte auf die in der Regel einfach zu leistende Wiederlegung der Verteidigungsargumente (auch Tiere töten; wir schenken den Nutztieren erst das Leben; wir können nicht wissen, ob Tiere leiden; auch Pflanzen können vielleicht leiden; dann dürften wir auch keine „Schädlinge“ beseitigen; wir töten auch ohne Fleischverzehr Tiere; was nützt mein kleiner Verzicht, wenn alles anderen weitermachen und dergleichen mehr):

Man kann es drehen und wenden, wie man will, ob aus ökonomischer oder ökologischer, physiologischer oder psychologischer, biologischer oder ethischer Sicht … der Verzehr von Fleisch ist nicht zu rechtfertigen und wenn, dann nur mit einem einzigen Argument und das ist das mit Abstand schwächste: dem Geschmack. „Beim Menschen wird durch das Fleischessen ein einziges Interesse tangiert: sein Wunsch, angenehme Geschmackserlebnisse zu haben. Beim Tier werden durch das Fleischessen praktisch alle Interessen, die es hat, tangiert.“ (Kaplan, 98)

Man kann den Geschmack selbstverständlich analytisch ausfächern und hinter seiner Oberfläche affirmative Argumente ausmachen. Tradition etwa, Kultur, Rituale … alles positive Güter, aber doch in Bewegung und Veränderung und daher keine argumentativen Konstanten, wie es etwas die Nahrungsphysiologie darstellt. Der Ochs am Spieß – um ein banales Beispiel zu geben – ist für das Volksfest nicht konstitutiv und sollte ersetzbar sein. Und Geschmack ist wesentlich Ergebnis edukativer Prozesse, basiert auf Gewohnheit, ist also änderbar.

Und weltanschaulich steht der Vegetarismus, wenn man ihn unvoreingenommen betrachtet, auf der konservativen Seite, sofern konservativ sein erhalten des Erhaltenswerten und ewig Gültigen bedeutet und nichts fällt stärker darunter als das Leben. „Ehrfurcht vor dem Leben“, die Formel Schwantjes, die Albert Schweitzer berühmt gemacht hat, ist sein Fanal und vielleicht hat Ludwig Klages mit seinem „Der Mensch und das Leben“ sein frühestes Manifest geschrieben.

Die gesamte Ökologiebewegung steht aus ihrem Urimpuls heraus rechts, ist per definitionem konservativ, sie ist ein natürlicher Verbündeter des Vegetarismus. Beide entstammen den urphilosophischen und später auch christlichen Grundgedanken und Tugenden der Enthaltsamkeit und des Maßhaltens.

All diese Argumente sind einsichtig, sie strahlen eine überwältigende „Gesamtplausibilität“ (Kaplan) aus – und dennoch esse ich (gelegentlich) Fleisch!

Manchmal aus Vergeßlichkeit, manchmal aus Oberflächlichkeit, aus Opportunismus, aus Neugier oder Gruppenzwang, manchmal um des gemeinschaftlichen Friedens willen oder um eine Tradition zu ehren, eine andere Person nicht zu verletzen, mitunter sogar aus Rebellion gegen moralistische Vorgaben …, immer aber, weil es mir schmeckt, weil ich Appetit darauf habe. Dem dienen allerlei Rationalisierungen.

Warum aber handelt ein rationaler Mensch mitunter entgegen seinen Erkenntnissen oder sogar Überzeugungen? Wozu soll Ethik taugen, wenn sie nicht handlungsweisend wird?

Wir wissen von der Schädlichkeit des Rauchens, des Alkohols, von den Auswirkungen der Autoabgase, durchschauen die sozialen Folgeprobleme der neuen Medien oder der modernen Technik, ja wir appellieren vielleicht sogar an andere, an unsere Kinder etwa, davon Abstand zu nehmen … und doch sind die meisten von uns selber darin gefangen.

Sloterdijk hatte dieses „aufgeklärte falsche Bewußtsein“, die „reflexiv abgefederte Falschheit“ als „zynische Vernunft“ treffend, vielleicht aber nicht umfassend genug beschrieben, denn im bewußten Handeln gegen die eingesehene Norm spricht sich auch ein wesenhaftes Element des Allzu-Menschlichen aus: die Schwäche.

Es tut sich ein schlimmer Verdacht auf: Ethik wirkt – aber nur dann, wenn sie uns nutzt! Oder wenn sie nicht fundamental gegen unsere Bedürfnisse, Begierden, Wünsche und Triebe verstößt. Der Verdacht läßt sich auch umkehren: ethische Einsichten haben nur dann eine Chance verbindlich zu werden wenn sie diesen Neigungen, Gelüsten und Anliegen entsprechen und das dürfte die „Einsicht“ als solche wesentlich mitbestimmen. Möglicherweise sind Menschen noch gar nicht zum eigentlichen ethischen Denken vorgedrungen?

An dieser Stelle hat der Konservative einen wesentlichen Erkenntnisvorsprung vor dem Progressisten, der seinen Fortschritt meist in einer Utopie, in einem Ideal legitimieren muß. Der progressistische Mensch hat zu sein, wie es Moral und Ideal diktieren – daraus entsteht der Moralismus ebenso wie der ewige Kampf gegen das Gegebene, das Seiende. Der Konservative hingegen weiß um die Schwäche des Menschen und nimmt sie als gegeben in sein Gesellschaftsbild mit auf.

Das darf freilich keine billige Ausrede werden, weiterhin das Falsche oder Schlechte zu tun. Es gilt, das Ringen mit sich selbst, die „Sorge um sich selbst“, die Arbeit an sich selbst, anzunehmen und weiter an der moralischen Vervollkommnung, aufgrund realistischer Einschätzung, zu wirken.

In der Frage des Vegetarismus kann es nur eine Antwort geben, zumindest so lange Fleisch von einst lebendigen individuellen Tieren stammt. Sollte in-vitro-Fleisch in guter Qualität und bei geringem Ressourcenverbrauch jemals markttauglich sein, dann werden die Karten neu gemischt.

Literatur:
Clements, Kath: Vegan. Über Ethik in der Ernährung & die Notwendigkeit eines Wandels. Göttingen 2001
Jaskowski, Friedrich: Philosophie des Vegetarismus. Eine philosophische Grundlegung und eine philosophische Betrachtung des Vegetarismus und seiner Probleme in Natur, Ethik, Religion und Kunst. Berlin 1912
Kaplan, Helmut: Philosophie des Vegetarismus. Frankfurt 1988
Klages, Ludwig: Mensch und Erde. 1913
Schwantje, Magnus: Gesammelte Werke Band 1: Vegetarismus. Schriften und Notizen zur ethischen Begründung der vegetarischen Lehre. München 1976
Scruton, Roger: Animal Rights and Wrongs. London 1996
Sinclair, Upton: The Jungle. New York 2004 (1906)
Singer, Peter: Animal Liberation. Die Befreiung der Tiere. Rowohlt. Hamburg 1996

4 Gedanken zu “Warum ich kein Vegetarier bin

  1. Pérégrinateur schreibt:

    Wieviele Hindus leben wirklich vollvegetarisch, das heißt auch ohne Milchprodukte und ohne Eier? Die indischen Dorfkühe mit ihren Hungerleidergestalten streunen übrigens und nähren sich von Ruderalvegetation, weil man sie nicht füttern mag.

    Die Hauptnoxe für das Tierleben ist die Ausbreitung des Menschen. Von der Menschen-Monokultur kehrt sich aber nie eine größere Zahl ab, weil sie anthropologisch angelegt ist und ebenso die zugehörigen Wertungen. Hegt man diese nicht mehr, dominieren bald ausbreitungsfreudigere Teilpopulationen und das Spiel geht weiter wie gehabt.

    Der gesetzliche Tierschutz ist nicht um der Tiere willen da, sondern um der Gefühle der mit ihnen leidenden Menschen, denn Tiere haben im Staat keine Stimme, sondern allenfalls Fürsprecher. Das „Andere Länder, andere Sitten“ ist hier übrigens besonders auffällig, was einen vor durch eigene hehre Prinzipien geleiteten allgemeinen ethischen Verfügungen Abstand nehmen lassen sollte.

    Fordern SIe einmal von einer tier- oder umweltschutzhysterischen Heranwachsenden, jenem Agar-Agar der Hypermoral, dieserhalb den Verzicht auf kosmetische Produkte, die ihre Attraktivität auf dem sexuellen Markt wirklich oder vermeintlich erhöhen! – Sie wird schneller einen Grund finden, wieso gerade das doch nun aber auch völlig nebensächlich sei, als eine Lerche auf einem zum Betrieb einer Biogasanlage eingerichteten Maisfeld einen Nistplatz.

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  2. Stefanie schreibt:

    Ich habe mich einfach mal durch Ihren Text gehangelt und mir die Gedanken dazu notiert:

    „Massentierhaltung und Fleischverarbeitung im Chicago-Kapitalismus (…) most of the ills of the human system are due to overfeeding!“
    -Man kann sich auch an vegetarischer Kost mästen. Hier ginge es eher um Askese und deren Wirkung auf Leib und Seele. Hochgerechntet auf die Massengessellschaft ist „Wenn nur alle etwas weniger … essen würden“ aber keine Antwort. – Gleich was es wäre: Fleisch oder Südfrüchte oder Alkohol. Die Zustände in den Fleischfabriken (wie auch in allen anderen ) waren am schlimmsten, als die Menschen vergleichsweise wenig konsumierten. Je mehr man gesättigt ist, desto mehr drängt sich die Ethik ins Bild. Askese wäre „freiwilliger Verzicht“. Aber ist der Verzicht wirklich freiwillig, wenn Appelle, Umerziehung und Gesetze ihn erzwingen wollen (siehe Prohibition)?

    „Es ist nicht zuletzt die menschliche Fähigkeit, sich in das Leid des anderen hinein zu versetzen (Spiegelneuronen), die es seelisch ausgereiften Menschen zum Problem werden läßt – zumindest in Situationen der Reflexion –, lebende Wesen leiden zu sehen oder ihnen das Leben zu nehmen.“
    “ Vermutlich läßt sich die schmerzlose und überraschende Tötung eines Tieres, das ein artgerechtes und ausgefülltes Leben genossen hat, eher rechtfertigen, als die oft grausamen Methoden der Industrie. Sofern es nicht zur notwendigen und alternativlosen unmittelbaren Ernährung dient, ist allerdings auch dieses Töten problematisch. Es ist in der Realität freilich seltene Ausnahme.“
    -Wann empfinden wir Mitleid? Wenn wir uns das Leid anderer vergegenwärtigen (durch die Spiegelneuronen oder was auch immer). Leid, von dem wir nichts wissen, kümmert uns nichts. Wir schotten uns vom Leid anderer ab. Jemand, der alles Leid der Welt auf sich nimmt, wird verrückt. Erst recht, wenn er denkt, dieses Leiden würde wegen ihm in der Welt sein. Er lebt dann im Zustand der Erbsünde: „Weil ich, der Mensch, auf der Welt bin, gibt es Leiden. Ich bin schuld.“ Die Gegenpostion dazu wäre: „Ich bin nur zum Glück auf der Welt. Ich verfolge meine Interessen, wie alle anderen ihre Interessen verfolgen. Wenn jeder nur an sich denkt, ist ja an alle gedacht.“ Beides sind Extrempositionen, die keiner konsequent durchziehen kann oder sollte. Alles Leid der Welt (und sei es das einer Fliege) auf seine Schuldern nehmen zu wollen oder es irgendwie zu verhindern zu trachten, ist weltfremd. Da sich doch lieber einen Sündenbock suchen, der es einem abnimmt.
    Tiere fressen und werden gefressen. Die, die gefressen werden, werden meist nicht schnell per Stromschlag oder Kopfschuss umgebracht, sondern von Raubtieren zu Tode gehetzt und zerfetzt. Andere kommen vor Hunger um, werden von Parasiten gepeinigt, erfrieren, verdursten oder verschmachten verletzt in der Sonne oder verkriechen sich zuletzt in einer dunklen Ecke. Leid gehört zum tierischen, wie zum menschlichen Leben. Haustiere erleben weniger solches Leid – vielleicht dafür wieder anderes. Vom Evolutionären Standpunkt aus gesehen, war es ein Sechser im Lotto für eine Art domestiziert zu werden, denn solange der Mensch Herr der Welt ist, wird es auch die assoziierten Arten in großer Mengen geben. – Es sei denn wir werden alle Vegetarier.

    nahrungsphysiologisch
    -Auch die Hindus haben ihre heiligen Kühe für die Milch. Will man Milch und Eier weiter verzehren, wird man weiter Tiere züchten müssen. Die Hälfte der Nachkommen ist männlich: was soll aus denen werden? Ohne billige fossile Energie war man auch auf die Muskelkraft von Rind und Pferd angewiesen. Wie steht es mit Hund und Katze? Dürfen wir die noch halten, wenn wir ihnen ethisch gesehen keine Nahrung mehr zur Verfügung stellen dürfen. (Sind wir auch Schuld am Leid, das wir für andere verüben? Gilt unsere Ethik für Raubtiere? Ist unsere Sichtweise nicht sehr Homozentristisch? Sind Haustiere der Ethik der Menschen unterworfen? Was, wenn eine Katze ihre Beute zu Tode „spielt?“)
    Sicher könnten die für Futter angebauten Pflanzen auch der menschlischen Ernährung direkt dienen. Doch wir können nur ein geringeres Spektrum ihrer Nährstoffe nutzen, als es Tiere können. Wiederkäuer können Pflanzenzellulose verwerten, Schweine hielt man früher als Müllschlucker (Küchenabfälle). Noch früher ließ man sie im Wald an Eicheln mästen und Geflügel suchte sich einen Teil seiner Nahrung im Boden oder Teichschlamm (gründelnde Ente). Landwirtschaft brachte bis vor 100/150/200 Jahren ihre eigenen Lebensräume hervor: Wiese, Feldrain, Teiche, Misthaufen (Insekten->Schwalben).
    Wuchs die Bevölkerung, war das Ertragspotential der Böden irgendwann erschöpft, gab es Hungersnöte, Seuchen, Kriege, worauf die Bevölkerungszahl wieder fiel. Wir substituieren zur Zeit mit fossilen Energieträgern. Vielleicht sind die irgendwann alle und es pegelt sich wieder ein Gleichgewicht ein. Vielleicht entdecken wir wieder neue Enrgiequellen, vielleicht schöpfen wir vorhandene immer besser aus und es zieht sich noch ein paar Jahrhunderte so hin (es sei den wir löschen uns auf technischem Wege aus).

    Biologisch
    – Die Biologie, bzw. Evolution hat in historischen Zeiten nicht aufgehört zu wirken. Wir haben immer wieder neue Nahrungsquellen ausprobiert (Aas, selbsterbeutetes Wild, Gekochtes, Getreide, Milch) und unsere Verdauung passte sich an die neuer Nahrung an. Besser gesagt: diejenigen, deren Verdauung der neuen Nahrung nicht gewachsen war, hatten weniger Nachkommen. Dito beim Immunsystem, das mit neuen Seuchen fertig werden mußte oder einem Verstand, der sich den neuen Lebensumständen anpassen mußte (Vorratshaltung, Werkzeuge herstellen, in anderen Gesellschaftsordnungen zurechtkommen). Wir sind nicht mehr diesselben wie vor 1 Million oder auch nur 10.000 Jahren (siehe The 10000-year explotion, Gregory Cochran and Henry Harpending). Die Haustiere sind Teil unserer Selbst geworden, wie auch die Nutzpflanzen und die Werkzeuge (genauso wie unsere Darmflora sich mit uns weiter entwickelt hat – auch wenn wir sie als physisch getrennt von uns empfinden)

    „Um ein Kilogramm Fleisch zu erhalten, wird ein Vielfaches an Energie, Futter, Wasser und Logistik benötigt, die man für die gleiche Menge vegetabiler Nahrung aufwenden muß.“
    – Dieses Argument fügt sich in die allgemeine ökonomische Wachstumslogik ein: Wenn wir Menschen mit Pflanzenkost ernähren könnten, dann wäre das viel ökonomischer – wir könnten noch viel mehr Menschen (Konsumenten) noch effizienter erzeugen und damit würde die Wirtschaft noch viel mehr wachsen.

    „Wir fügen mit der Massentierhaltung also nicht nur Milliarden Tieren Leid zu, sondern auch tausenden Menschen.“
    -Es ist schön, daß Sie die Sichtweise derer einnehmen, die mit diesem Geschäft ihr Geld verdienen (müssen). Aber steckt hinter deren Ausbeutung nicht eben dieses Effizienzdenken, daß den ganzen Wachstumsteufelskreis am Laufen hält?

    „Die Menschheit muß, will sie überleben, wohl weitflächig auf Pflanzennahrung umstellen.“

    Wer „Menschheit“ sagt, ……
    Die „Menschheit“, besser: die Menschen haben den inneren Drang zu wachsen und sich zu vermehren. Wenn ihnen nichts dazwischenkommt, werden es immer mehr. Sie werden auch ohne fleischlische Genüsse sich weiter vermehren und noch mehr Ressourcen verbrauchen. Je asketischer sie leben, desto mehr kann man auf diesem Planeten erhalten. Utilitaristisch betrachtet, kann auch wenn das Glück des Einzelnen dabei sinkt, die größere, dadurch sich erhaltenkönnende Zahl den Individuellen Glücksverlust mehr als wettmachen. Doch möchten Sie in so einer Gesellschaft leben, deren kollektives Glück darin liegt, ihr Kollektiv immer stärker zu vermehren?

    „Man kann es drehen und wenden, wie man will, ob aus ökonomischer oder ökologischer, physiologischer oder psychologischer, biologischer oder ethischer Sicht … der Verzehr von Fleisch ist nicht zu rechtfertigen und wenn, dann nur mit einem einzigen Argument und das ist das mit Abstand schwächste: dem Geschmack.“
    – Nennen wir den Geschmack bei seinem Oberbegriff: Genuss. Gibt es außer dem Genuss, irgendeine Rechtfertgung für das Leben?

    „Und weltanschaulich steht der Vegetarismus, wenn man ihn unvoreingenommen betrachtet, auf der konservativen Seite, …“
    – Vegetarismus als eine Form des Maßhaltens, der Selbsbeschränkung und der Selbstüberwindung – ist in gewissen Sinne eine Form des Fastens. Aus dieser inneren Haltung heraus, hat Vegetarismus etwas Konservatives. Doch das sind sicher nicht die einzigen Motive dafür. Zum einen gäbe es da den Konformismus (wenn es in bestimmten Kreisen Schick ist Vegetarier, besser Veganer oder gar Fructarier zu sein) und dann gibt es noch diese ökonomische Argumentationsschiene, bei der ich mir selber wie ein Haustier vorkomme, daß auf fleischlose Kost umgestellt werden soll, weil es gesamtökonomisch sinnvoller wäre – natürlich im Interesse der Menschheit und des Planeten. Ehrlich gesagt sind mir die Vegetarier am symphatischsten, die sagen : „Fleisch schmeckt mir nicht.“

    „Wozu soll Ethik taugen, wenn sie nicht handlungsweisend wird?“
    „… , denn im bewußten Handeln gegen die eingesehene Norm spricht sich auch ein wesenhaftes Element des Allzu-Menschlichen aus: die Schwäche.“
    „An dieser Stelle hat der Konservative einen wesentlichen Erkenntnisvorsprung vor dem Progressisten, der seinen Fortschritt meist in einer Utopie, in einem Ideal legitimieren muß. Der progressistische Mensch hat zu sein, wie es Moral und Ideal diktieren – daraus entsteht der Moralismus ebenso wie der ewige Kampf gegen das Gegebene, das Seiende. Der Konservative hingegen weiß um die Schwäche des Menschen und nimmt sie als gegeben in sein Gesellschaftsbild mit auf.“
    -„Schwäche“ erscheint hier als Synonym zur „Sünde“.
    Was ist Sünde? Man tut etwas wider besserer Einsicht. Warum? Weil es noch andere treibende Kräfte außer Einsicht und Vernunft gibt. Wir sind nicht 100%ig Herren unserer Selbst – ob man das nun aus theologischer Sicht, aus psychoanalytischer oder von den Produktivkräften ausgehend betrachtet. Doch wenn wir uns nicht selbst beherrschen können, wie sollen wir da verantwortlich sein für unser Tun – gar schuldig werden können? Schuldig sind wir, weil wir diese Einssicht haben (bzw. die Erkenntnis) Unterschwellig schwingt im ganzen Text ein Schuldgefühl mit: Wieso müssen andere Wesen leiden und sterben, damit ich leben kann? Leben=Leiden. Warum? Wenn Sie im Vegetarismus eine zufriedenstellende Antwort auf diese Frage finden können, sind Sie zu beneiden

    Pérégrinateur: Hätte ich Ihre Antwort zuvor gelesen, hätte es mich nicht zu einer eigenen getrieben.

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  3. Jochen Schüler schreibt:

    Komplexes Thema,welches gerade von der sich aus der brutalen Realität weglügenden Generation
    Schneeflöckchen gern total unterkomplex dargestellt wird.

    Nur als Einstieg:Pflanzenkost gibt es nicht ohne tote Tiere.Beispiel aus Australischer Studie.
    Für den Ernährungsgegenwert eines toten Rindes in GetreideEinheiten sterben ca.100 Kleinsäuger wie
    Mäuse Ratten usw.Die Lebensvernichtung aus der Urbarmachung der Agrarfläche nicht eingerechnet.Vögel,Insekten,Reptilien,Großtiere(Mähdrescher) nicht eingerechnet.

    Zum Fleisch:
    ca.42-56% der weltweit nutzbaren Agrarfläche(je nachdem wen sie fragen) sind nur für
    Weidewirtschaft nutzbar.

    Für Mast oder Milchtierfutter werden fast nur die Reste aus der Pflanzenverarbeitung nach
    Nutzung für andere Zwecke eingesetzt.Beispiel:Soja ist zu wertvoll um es an Tiere zu verfüttern.
    Aus dem Öl,dem Eiweiß+anderen Fraktionen werden Medikamente,Nahrungsbestandteile+wertvolle
    Öl,zum Teil für die Industrie,hergestellt,Viel Tiere würden durch die giftigen Substanzen im Voll-Soja auch eingehen.
    Dazu kommen noch grosse Mengen an Agrarprodukten die für den direkten Verzehr nicht mehr gehen.
    z.B Bruchgetreide,zu hohe Werte an Pilzgiften nach nassen Sommern usw.

    Würde ohne Nutzung im Tierfutter auf den Müll wandern.

    Diese Dinge +Weidepflanzen werden von Tieren im Verhältnis von ca 2,3(Fische,Geflügel)bis 6,5
    zu 1(Rinder) in nutzbare Körpermasse umgesetzt.Da kann man „Verschwendung „schreien,

    Die wahre Verschwendung sind aber die gigantischen Flächen die für den Anbau von
    Luxusfressen,wie Spargel,Salat,Gurken,Tomaten,Erdbeeren usw in Beschlag genommen
    werden, die nichts weiter sind als verpacktes Wasser.

    + Abermillionen Hektar für den Anbau von Genussmitteln aller Art wie Tabak,Wein,Kaffee,Tee usw.

    Leben ohne töten ist in diesem Universum nicht vorgesehen.

    Während ich dies schreibe werde ich selber angefressen von Micro+Macro Parasiten aller Art.
    Am Ende werden die siegen.

    Unschuld gibt es für keinen.

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  4. Michael B. schreibt:

    > Es fehlt dem Mensch, bevor ihm Werkzeug zur Verfügung stand, schlicht und einfach die natürliche Ausstattung, ein größeres Lebewesen zu reißen.

    Nur ein paar fixe Googeleien:

    https://www.daserste.de/information/wissen-kultur/w-wie-wissen/rindfleisch-102.html (Henne-Ei Problem Hirnvergroesserung)

    https://www.deutschlandfunkkultur.de/biologe-der-mensch-braucht-fleisch.954.de.html?dram:article_id=145967 (Schimpansenbeispiel)

    Es ist also nicht so simpel.

    Was die Ethik betrifft: Die rein reaktive Variante – auf Hunger oder Bedrohung – rechtfertigt selbst bei hierzulande verbreiteter Auffassung Toeten (von Mensch und Tier), weitergehende Zugaenge ganz aussen vor.

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